Der Ursprung

Wir hatten gerade zu Abend gegessen, wofür man uns diesmal erstaunlich penetrant und mit Nachdruck eine Bezahlung abverlangt hatte, da kam ein Novize zu uns.
„Feanor ist von seinen Besorgungen in Candranor zurückgekehrt und wünscht euch zu sehen“, erklärte der junge Mann und verschwand sogleich wieder. Wir zögerten indes keinen Moment, standen auf und machten uns auf den Weg zum Arbeitszimmer des alten Magiers, das wir umgehend betraten.

Feanors Raum wirkte so wie immer, angefüllt mit Wissen, das aber nicht steril in den Regalen alterte, sondern wild aufgeschlagen und verteilt auf dem großen Schreibtisch herumlag. Die Gedanken des Zauberers ruhten wohl nie und ebenso wenig schien seine Arbeit einen Halt zu finden. Dutzende Bücher waren offen und das obwohl unsere Reise sich ihrem Ende näherte – oder?

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Der Eispalast (oder: “Hol den Cirdor raus!”)

Miyako holte noch drei Eispickel, um uns mögliche Kletterpartien zu vereinfachen, ehe wir aufbrachen. Auch die Mannschaft verließ das Boot – vor allem, um zum Eiswall hinüberzumarschieren. Die festgefahrenen und teilweise wie Nussschalen aufgebrochenen Schiffe hingen dort zwischen den frostigen Zinnen, in den Augen der Waelingern gleich reifen Früchten, die sie nur ernten mussten. Zweifelsohne lagen dort noch einige Reichtümer in den Händen lange erfrorener oder verhungerter Menschen.

Aber unser Weg führte uns zum gewaltigen, in die Höhe ragenden Turm aus Eis. Umrankt wurde er von wilden zyklopischen Eiszacken, welche ohne feste Anordnung in jegliche Richtung wiesen und damit die gestrenge Bauform aufbrach. Es verlieh dem Gebilde eine fremdartige Form, die durch sein unnormales Material noch unterstrichen wurde.

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Frosthauch

Als ich mich am Morgen ankleidete fiel mein Blick auf ein Amulett, das ich bereits einige Zeit nicht mehr eingehend betrachtet hatte. Es war aus Alchemistenmetall angefertigt worden und umfasste einen kleinen Smaragd. Als ich es an diesem Morgen des Elfttages in der ersten Trideade des Draugrmonds in die Hand nahm, spürte ich, dass es sich erwärmt hatte. Vage meinte ich mich erinnern zu können, dass sich dieses Gefühl in den letzten Tagen verstärkt hatte… wünschte nun tatsächlich Feanor wieder uns zu sehen?
Zunächst kamen wir zu viert beim Frühstück im Gasthaus „Zum Goldenen Käfig“ zusammen. Gerade hatten wir das Essen zu uns genommen, übernahm erst einmal Mara das Wort: „Es war mir eine Freude, mit euch gereist zu sein! Es war einige interessante Erfahrungen dabei – allerdings muss ich nun zunächst wieder eigene Pfade gehen. Ich möchte mich noch etwas in Candranor umschauen und dann sehen, wohin es mich verschlägt.“
Herzlich verabschiedeten wir uns von der Elfe, die uns dann verließ. Zu dritt blieben wir zurück und ich brachte zur Sprache, was mir am Morgen aufgefallen war: „Miyako? Hast du ebenfalls eine Veränderung am Amulett gespürt?“
„Ja, es hat sich erwärmt“, bestätigte die KanThai. „Wir sollten uns wohl auf den Weg zu Feanor machen.“
Bei diesen Worten zeigte ich auch einmal Ricardo mein Amulett, das uns der Magier des Elementarsterns überreicht hatte, ehe wir den Küstenstaatler kennengelernt hatten. Auch Groam hatte eines besessen, aber dieses lag nun am Grund des Meeresbodens unweit von Oktrea…

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Zum Goldenen Käfig

Wir besorgten uns am nächsten Morgen Trockenfleisch und Brot für die weitere Reise nach Boras und kehrten schließlich zur Wogenwolf zurück, wo die Mannschaft begierig darauf wartete, endlich den Heimathafen ansteuern zu können.
Rasch waren wir abgelegt und fuhren den Fjord hinaus in die Waelingsee. Allerdings blieben wir die nächsten Tage stets in der Nähe des Festlands. Der Winter verstärkte seinen Griff um den Norden Midgards. Immer häufiger sahen wir Eisschollen auf dem Wasser treiben, wenngleich sie noch nicht ausreichten, um das Vorankommen der Wogenwolf effektiv zu beeinträchtigen. Dazu fiel immer wieder Schnee und die von uns erkennbare Küstenlinie kleidete sich Tag für Tag mehr in ein helles Weiß. Waeland zeigte sich hier in einer beinah poetischen Pracht: Schnee an Land, Eis auf dem Wasser und die gesamte Ordnung geprägt von den harschen Fjorden, die sich widerstandsfähig gegen das Meer empordrängten.

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Der Fjorde Ruf, der Familie Trauer?

Der Winter näherte sich mit raschen Schritten und wir beschlossen, uns für die unsere nächste Reise auszustatten. Wir ließen unsere Rüstungen ausbessern, ich frischte meine Vorräte an Salben und Arzneien auf, Miyako und ich sicherten uns auch bei einem Alchemisten des Elementarsterns einige magische Heiltränke. Dabei drängte ich die KanThai durchaus dazu, etwas mehr als nötig einzukaufen – von einem großen Goldvorrat konnten wir uns in der Not wenig leisten.
Schließlich suchten Ricardo, Miyako und ich uns auf Drängen der Frau dicke, warme Kleidung für winterliche Gefilde. Ich war etwas verwundert, war es doch selbst in der kalten Jahreszeit in Candranor recht warm und das nächste Ziel der Reise stand noch nicht fest. Oder?

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In den Tiefen des Nichts

Wir standen in den Tiefen einer riesigen Höhle, die – ob nun magisch oder natürlich geschaffen – vor beinah eintausend Jahren das Versteck der letzten Dunklen Meister dargestellt hatte. Nachdem wir uns durch die derzeit zerstörten Globen gekämpft hatten, waren wir nun hier, an diesem seltsamen Ort. Ein dreieckiger Torbogen war zu durchqueren, um an den Rand eines großen in den Fels eingelassenen Rings zu treten. Während die Wände von einer Schlange, welche sich selbst in den Schwanz biss, gezeichnet waren, wies der Boden ein riesiges Hexagramm auf. An jeder Spitze stand, kurz außerhalb des Rings, ein riesiger Obelisk, der sich trotz der Jahrhunderte noch unbeschadet in die Luft reckte.
Zentrum dieses bizarren Konstrukts war eine vulkangläserne Pyramide, mehr als doppelt so hoch wie ein Mensch. Mitten im Hexagramm angebracht stellte sie wohl eine Art Fokus dar – aber nur unvollständig. Auf der abgeflachten Spitze hatte wohl einst jene Kugel gelegen, die nun scheinbar wahllos vor Jahrhunderten heruntergerollt und schließlich zum Liegen gekommen war. Größer als ein Mensch und von kristallgläserner Struktur, wies sie silberne Fäden auf, die sich in ihrem Inneren zu einem unerkenntlichen Chaos oder einer wahnsinnigen Ordnung zusammenfügten.

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Im Herz der Finsternis

Miyako und ich sahen uns mit einem Rätsel konfrontiert. Der Kreis ließ sich nicht von jeder Stelle aus betreten, es war als würde man gegen eine Wand aus konzentrierter Luft laufen. Lediglich aus der Richtung des hinführenden Ganges und auf der direkt gegenüberliegenden Seite war es möglich einzutreten. Ich versuchte zunächst mein Glück alleine – und prompt erschienen auf jedem Meter in diesem Kreis weiße Lichtsäulen. Nur auf der Falltür in der Mitte war sie gelb eingefärbt.
Ich trat in die erste weiße Säule vor mir und musste feststellen, dass dadurch ein Zauber ausgelöst wurde. Aus zwei der Dämonenfratzen, scheinbar willkürlich unter den über uns dräuenden ausgewählt, schossen grünliche Flammen und hüllten den Bereich unter sich in tödliche Hitze. So trat ich dann auf das nächste Feld und an zwei anderen Stellen wurde grüner Nebel freigesetzt – ein Todeshauch, der jedoch auf diesem Flecken verharrte.
Zwei Felder weiter und ich stand zwischen den bedrohlich aufragenden, übermenschlich großen Statuen der Dunklen Meister. Zwischendurch hatte ich noch weiteres Dämonenfeuer und auch eisigkalten Nebel an anderen Stellen des Kreises hervorgerufen. Auffallend war jedoch, dass sich die Fratzen über dem Kernbereich des Rings nicht dazu herabließen, düstere Magie auszuspucken und tatsächlich stellte ich fest, dass ich auch bei weiteren Schritten im Innenkreis keine Gefahr zu fürchten brauchte. Außerdem ließ die verheerende Hexerei, nachdem sie ausgelöst wurde, nach einigen Schritten wieder nach. So konnte ich durch es Miyako häufiges Hin und Herlaufen ermöglichen, einen freien Pfad in die Mitte des Kreises zu nehmen.

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Ein Übel vergangener Tage

Es schien nur noch einen Weg zu geben: die spitz zulaufende, doppelflügelige Tür am Ende dieses kurzen Flurs. Sie war bereits einen Spalt breit geöffnet. Jemand anderes musste hier entlang gekommen sein und die Vermutung lag nahe, dass dies die Gesandten gewesen waren.
Miyako huschte hin und untersuchte die Tür vorsichtig auf etwaige Fallen, die sich die sinistren Schöpfer dieses Ortes ausgedacht haben mochten. Indes nutzte ich die Zeit, um Ricardo mit der magischen Macht der Natur auszustatten. Verblüfft betrachtete der Küstenstaatler seine zu Rinde gewandelte Haut und nickte mir anerkennend zu. Nach einiger Zeit gab Miyako uns mit einem knappen Nicken zu verstehen, dass sie Nichts gefunden hatte und schob daraufhin den rechten Torflügel auf… oder versuchte es viel mehr. Die Tür erwies sich als massiv und schwer, noch dazu klemmte sie etwas. Doch als sich Groam schwungvoll dagegen warf, glitt sie mit einem schabenden Geräusch über den Boden.

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Durch das Tote über den Abgrund

Der Hausdiener von Lukah Senenna pries mit wohl gewählten Worten einen in Essig eingelegten Kürbis mit Pinienkernen gewürzt mit Koriander und grünem Pfeffer an. So gab es nicht nur wieder einmal ausgefallenes Essen, sondern auch zahlreiches, denn nahezu sämtliche Persönlichkeiten, die etwas in Oktrea auf sich zu halten schienen, waren zu Gast. Und natürlich wir Söldner.
Ich nutzte die Gelegenheit beim Essen und in der zwanglosen Gesellschaft danach, um einige Gespräche zu führen. Zunächst sprach ich den twyneddischen Schamanen Had y Rhydd an. Ich sprach ihn auf seine ferne Heimat Fuardain an und überraschenderweise erwiderte der Mann, dass er ein Kuriositätenhändler sei, der zurzeit hier in Oktrea verweile. Sein Wohnort sei ein äußerst buntes Zelt etwas abseits und prompt lud er mich ein, mir am nächsten Tag seine Angebote anzusehen. Unter anderem vertrieb er wohl Teile von seltenen Tieren. Auf die Frage hin, ob er denn nicht ein Schamane sei, wie es mir erzählt worden war, murmelte er halb bestätigend, dass er sich der Natur sehr verbunden fühle. Das machte es nicht weniger seltsam, dass er als Kuriositätenhändler bis nach Chryseia reiste. Zudem schien er sich – rein freundschaftlich, wie er betonte, nicht geschäftlich – mit Lukah Senenna verbunden zu haben, weswegen er auch zu den abendlichen Gesellschaften eingeladen wurde.

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(Schein) Heilig?

Es war der 12. Tag der ersten Trideade des Nixenmondes im Frühsommer, da hatten wir uns zu fünft in der Mensa des Ordenshauses versammelt und berieten darüber, wie es weitergehen sollte. Es stand fest, dass Ricardo und Leif weiter mit uns reisen würden – Groam jedoch wollte sich vorerst von uns trennen und nach Haelgarde reisen.
„Du möchtest das dortige Zwergenviertel aufsuchen, oder?“, fragte ich nach.
„Ich komme von dort“, brummte Groam Bärentod. Es war traurig genug, dass keiner von uns nach all der Zeit wusste, woher der Zwerg ursprünglich kam, sodass sich eine peinlich berührte Stille ausbreitete.

Als Feanor zu uns herantrat und uns verheißungsvoll mitteilte, dass wir ihm folgen sollten. Der Zwerg kam vorerst mit uns mit, vielleicht roch er ja Gold. So gingen wir fünf mit Feanor in dessen Büro, wo bereits ein älterer Mann auf uns wartete. Er trug feine Kleidung und hatte einen gebräunten Teint. Sogleich erhob er sich, als wir eintraten und stellte sich vor.
„Seid gegrüßt. Mein Name ist Rothilus Balmatrema. Ich bin der Vorsteher der kroisischen Handelsgilde. Ihr müsst die Gruppe sein, welche mir Feanor empfohlen hatte.“
Nacheinander reichten wir dem Chryseier unsere Hand, während Feanor es sich hinter seinem Schreibtisch gemütlich machte und beobachtete, was geschah, ohne sich weiter einzumischen. Sein Teil der Vermittlung war nun wohl erledigt.

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