Der Kinderdieb

Am nächsten Morgen wankten wir, noch angeschlagen von den Prüfungen, aus den Zelten – nur Suena blieb zurück, noch am meisten angeschlagen von uns allen.
Nun galt es, sich dem Hauptgrund unseres Hierseins zu widmen: den verschwundenen Kindern der Nyusoeto. Dafür trafen wir uns zunächst mit der Schamanin und baten sie, uns zu einer betroffenen Mutter zu führen und dann zu übersetzen.
Zu vier gingen wir in eine der Stelzenhütten, während draußen das rege Treiben des Stammes kaum ahnen ließ, welch schreckliches Los diese Menschen getroffen hat. In der Hütte lag eine schwangere Frau auf einem einfachen „Bett“ oder vielmehr einer dickeren Matte. Sie blickte auf und begrüßte die Schamanin mit einer Geste und belegter Stimme.
„Sei uns gegrüßt“, begann ich. „Wir haben von deinem Leid gehört und wollen unser Bestes geben, das Schicksal deines Kindes und all der anderen aufzuklären.“
Die Schamanin übersetzte und die Frau setzte sich etwas auf.
„Was ist in der Nacht geschehen, als dein Kind verschwunden ist?“, fuhr ich fort.
„Sie sagt, dass sie ungewöhnlich müde wurde. Erschöpft traumlos geschlafen, dann erwacht und gesehen, dass Kind weg“, fasste die geistige Führerin des Stammes die Antwort zusammen.
„Ungewöhnlich müde?“
„Sie spricht von Hexenspruch. Ich glaube auch, dass sie wäre wach geworden ohne Magie.“
„Was könnte das gewesen sein?“
„Geist, sagt sie. Möglich, zorniger Geist der Toten oder des Waldes.“
„Kannst du uns noch mehr sagen?“
Die Frau schüttelte den Kopf, nachdem ihr die letzte Frage mitgeteilt wurde. Sie wirkte sehr erschöpft und so beließen wir es dabei. Vor der Hütte setzten wir dann das Gespräch mit der Schamanin fort.


„Habt Ihr eine Idee, wie wir gegen den Kinderdieb vorgehen könnten?“, fragte Mara.
„Was wäre mit Falle? Wir dachten daran, doch Nyusoeto keine starken Kämpfer … zumindest gegen Geist. Keine Waffen dafür.“
„Eine Falle? Mit einem Kind als Köder?“, fragte ich skeptisch nach.
„Braucht auch jemanden, der sehen kann in Dunkelheit von Nacht“, setzte die Schamanin hinzu.
„Das wäre nicht das Problem“, meinte ich und blickte zu Mara hinüber. Daneben besaß auch Dario eine Waffe, die geeignet wäre, einem magischen Wesen entgegenzutreten. Doch überzeugt war ich nicht von der Idee und meine Begleiter ebenso wenig.
„Wir wissen auch nicht, wann genau dieses Wesen zuschlagen wird!“, warf Dario ein. „Der grobe ‚Rhythmus‘ bisheriger Attacken lässt kaum eine Schätzung zu.“
„Zudem könnten auch wir verhext werden“, mahnte Mara an. „Wie die bisherigen Eltern.“
Die Schamanin nickte. „Dann ihr solltet suchen in Umgebung. Irgendwo müssen Kinder sein und irgendwo dort müssen auch Geist sein.“
„Gibt es Höhlen? Oder andere, mögliche Verstecke? Schwer zugängliche Orte?“, fragte ich.
„Geben ja. Männer bereits gesucht … außer im Norden.“
„Warum nicht im Norden?“
„Wald ist am dichtesten. Dauern lange und brauchen viele Männer. Doch Krieger können Dorf nicht zurücklassen schutzlos. Nyusoeto jeden Tag müssen fürchten Angriff anderen Stammes.“
„Wie lange würde es dauern, den ‚Norden‘ abzusuchen?“
„Zwei, drei Tage mit eurer Zahl.“
Wir sahen einander an. Dario zuckte mit den Achseln, Mara nickte.
„Aber es wäre besser, wenn jemand mitkommt. Der unsere Sprache spricht und den Wald kennt“, schlug ich vor.
„Das sein nur Uragoth. Sonst niemand sprechen Sprache von außen.“
„Dann werden wir den Häuptling wohl überzeugen müssen.“

Während Dario Suena in Kenntnis setzen wollte, suchten Mara und ich, nachdem wir diesen groben Plan festgelegt hatten, gemeinsam mit der Schamanin den großen Krieger auf. Der saß wie immer in der Mitte des Dorfes und hatte alles im Überblick.
„Häuptling“, redete ich ihn an. „Wir wollen nach Norden, um nach dem Kinderdieb zu suchen und ihn zur Strecke zu bringen. Deine Stärke und deine Erfahrung in diesem Wald wäre uns dabei eine große Hilfe.“
Der Mann atmete tief ein und aus, musterte uns und sagte schließlich: „Ich werde kommen mit euch. Wir werden finden und töten, was rauben unsere Kinder. Wann wir gehen los?“
„Sobald wir uns erholt haben, würde ich sagen. Wir sind noch alle etwas angeschlagen von unserer Aufnahmeprobe“, erklärte ich.
„Noch einmal heilen, kann ich euch“, wandte die Schamanin da ein.
„Gut, dann brauchen wir nur noch genug Proviant“, meinte ich.
„Wir haben noch genug im Zelt für diese Erkundung“, wies mich Mara auf unsere mitgebrachten Vorräte hin.
„Dann ich holen mir nun Proviant aus Nyusoeto-Vorrat“, erklärte Uragoth und erhob sich.

Mara und ich führten die Schamanin dann zu unseren Zelten, wo uns bereits Dario mit einem seltsamen, etwas versteckten Lächeln erwartete. Neben ihm auf dem Boden stand ein Eimer und als wir einen Blick ins Zelt warfen … sahen wir, dass Suena komplett durchnässt war. Der Araner hatte sie wohl auf seine Weise auf die Beine bringen wollen. Wir überließen es jetzt allerdings der fachkundigen weisen Frau der Nyusoeto, die unsere kleine Hexe mit etwas Magie wieder auf die Beine brachte. Anschließend ließen auch Dario und ich uns noch einmal von der Schamanin versorgen. Wir beschlossen aber dennoch einen weiteren Tag im Dorf zu bleiben. Auch Uragoth brauchte noch etwas Zeit, den Aufbruch vorzubereiten und einen Vertreter für seine Abwesenheit zu bestimmen.
Die Zeit konnten Suena und ich aber nutzen, um von dem Häuptling noch etwas mehr über seinen Stamm zu erfahren. Wieder übernahm sie die Gesprächsführung, während ich knapp die Informationen für unseren Reisebericht festhielt. Die Zauberin fand zunächst heraus, dass Uragoth einer Familie von Häuptlingen entstammte – sein Sohn würde ihm entsprechend eines Tages nachfolgen. Ich war etwas ernüchtert von der Tatsache, dass dieses Volk so fremd für uns war und doch denselben Machtstrukturen anhing. Im Urwald hätte ich mehr … Freiheit erwartet.
Da die Nyusoeto, wie viele Stämme des Ikenga-Beckens, ein Stamm mit mehreren Dörfern war, gab es regelmäßige Treffen der einzelnen Häuptlinge. Dieser Stammesrat konnte Entscheidungen wie den Überfall auf einen Nachbarn fällen. Damit hatten wir nun auch noch etwas politische Informationen gesammelt und ich verstaute das Papier wieder in der schützenden Lederrolle, damit es die Witterung des Dschungels überlebte.

Am nächsten Morgen wurde es dann Zeit. Wir bauten unsere Zelte ab und verschnürten unsere Rucksäcke. Uragoth erwartete uns in der Dorfmitte und einige der Nyusoeto winkten uns zu, als wir in den Teil des Urwalds aufbrachen, der nördlich von hier lag.
Und in der Tat erwies sich dieser Bereich des Dschungels als noch widerspenstiger. Nur indem wir immer wieder darin wechselten, wer mit der Machete einen Weg bahnte, war es überhaupt möglich, länger als eine Stunde am Stück unterwegs zu sein.
Es war kaum Mittag, da schrie Suena vor mir – ich war der letzte in unserem Entenmarsch – auf. Verdutzt suchte ich nach dem Grund ihrer Angst oder Schmerzen, da brüllte sie nur noch: „Schlange!“
Im selben Moment kippte sie zur Seite weg. Nun konnte ich erkennen, wie sich von ihrem Bein eine grünrot gestreifte Schlange löste. Die Haut um eine Bisswunde direkt am Knöchel verfärbte sich bereits bläulich. Eine Giftschlange!

Fluchend packte ich meinen Dolch und stach auf das Biest ein, das nun zähnebleckend zu mir hinaufstarrte. Ich verfehlte und das Biest biss zu – doch wenig mehr als ein kleiner Kratzer kam nicht durch den Stoff an meinem Arm durch.
Dann war Dario heran, der gerade noch an der Spitze gewesen war. Höchst konzentriert holte er mit der Machete aus … und verfing sich in einer Liane. Unbeabsichtigt spannte sich diese durch seine Kraft und katapultierte ihm sodann die Waffe aus der Hand. Die Machete flog davon und krachte mit der Spitze zuerst in einen der massiven Urwaldbäume. Das Eisen hatte keine Chance und verbog sich rettungslos.
Nun war es an Mara, die nur seufzend und widerwillig ihr Schwert für diese „Kleinigkeit“ zog. Eine Sekunde später lag ihr die Schlange zerteilt zu Füßen.

Wir halfen Suena auf den Beinen, die sich allmählich von dem Schock und dem Gift erholte. Sie war aber ziemlich angeschlagen, sodass wir fast überlegten, zurück ins Dorf zu gehen.
„Es wird schon gehen“, meinte die Lidralierin und biss die Zähne zusammen. Also stützen wir sie abwechselnd für den Rest des Tages, sodass sie ihr Bein etwas schonen konnte. Dario drückte ich indes unsere zweite Machete in die Hand und hoffte, er würde nicht auch noch diese unbrauchbar machen.

Bald wurde es Abend und Uragoth suchte uns einen geeigneten Schlafplatz. Wir schlugen Zelte auf, während er sich nach der Art seines Volkes eine Art Hängematte zurechtmachte, sodass er beim Schlafen Abstand vom Boden hatte. Mit ihm zusammen wechselten wir uns bei der Nachtwache ab, während Suena die Nacht durchschlief.
Am nächsten Tag konnte sie wieder auf eigenen Beinen laufen und so kamen wir wieder etwas schneller durch den Urwald – wobei ich Schnelligkeit noch niemals derart langsam empfunden hatte. Es war ein unwirkliches Gefühl nach einem Leben in den endlosen Weiten der Wüste für jeden Schritt hart kämpfen zu müssen. Die umherschwirrenden Insekten, das Geschrei der Tiere und ein eigentümlicher Geruch sowie die drückende Feuchtigkeit machte das alles nicht gerade erträglicher.

Doch das Ikenga-Becken hielt auch ganz spezielle Wunder für uns bereit. Am Mittag erreichten wir eine kleine Hügelkuppe, von der aus wir in der Ferne einen gewaltigen Baum ausmachen konnten. Er war größer als alles andere in Sicht und konnte es mit Sicherheit mit den größten heiligen Tempeln für Ormut in den Städten aufnehmen.
„Was ist das für ein Baum, Uragoth?“, fragte ich den Häuptling beinah sprachlos.
„Mammutbaum. Größter Baum der Wälder. Geben noch mehr davon.“
„Noch mehr?“
„Ja, aber weiter weg. Ganzer Wald von Mammutbaum.“

Nach diesem kurzen Moment des Innehaltens setzten wir unsere Expedition fort – nur um etwas später einen Höhleneingang zu entdecken, der sich zwischen Bäumen und Farnen fast versteckt gehalten hatte.
„Was könnte dort drin leben?“, fragte Mara unseren ortskundigen Führer.
Uragoth ging vor der Höhle in die Knie und betrachtete den Boden, der für mich keinerlei sichtbare Spuren bot – aber ich war es auch nicht gerade gewohnt, in dieser Umgebung welche auszumachen.
„Kleines Getier. Nichts Großes. Sollten aber trotzdem nachsehen.“
„Ein kurzer Blick rein, dann können wir wieder weiter“,  stimmte Dario zu.

Wir verließen den dichtbewachsenen Boden und sahen uns in der kargen Höhle um – die sich rasch als weitläufiger erwies als es zunächst den Anschein hatte. Dem ersten, kleineren Raum schloss sich ein natürlicher Gang an, der uns weiter in diese kleine Welt unter Tage führte. Nach fünf Metern folgte dann eine Weggabelung. Bereits leidgeprüft, was solche Erkundungen anging, hielten wir uns fest an eine Strategie: immer rechts entlang. So konnte man sich fast nicht verlaufen.
Weiter und immer weiter liefen wir dieses natürliche Labyrinth entlang. Ich war fasziniert davon, in einer kargen, leblosen Umgebung zu sein – und dabei zu wissen, dass nur wenige Meter über unserem Kopf gewaltige Bäume wurzelten und die Luft nur so erfüllt war vom Leben. Schließlich fanden wir eine kleine Nebenhöhle, in der einige verrottete Schlafmatten lagen. Es hatte hier also auch Bewohner gegeben … dem Zustand dieses Interieurs nach jedoch vor längerer Zeit.
Kurz darauf kamen wir in eine größere Höhle, fast schon eine Halle epischen Ausmaßes. Das Licht unserer Fackel reichte nicht ansatzweise aus, sie komplett zu erleuchten – doch wir hielten uns sicher rechts an der Wand. Und bald stießen wir bei diesem Vorgehen auf eine erste, große Besonderheit. Ein zehn Meter hoher Hügel war aus kleinen Steinen, fast schon eher Kies, aufgeschüttet worden. Obenauf fand das Fackellicht eine Spiegelung … im Eisen einer Waffe?
Dies war der Zeitpunkt für Suenas Geheimwaffe: ihre Katze. Unbemerkt hatte sie die gesamten Torturen des Dschungels über sich ergehen lassen und strich der Hexe nun vertraut um die Beine. Die beugte sich zu ihr hinab, flüsterte ein paar Worte und sogleich kletterte das Tier geschickt den Hang aus kleinen Steinen empor. Einige von ihnen wurden losgetreten und rutschten herunter, stießen dabei andere an. Doch die große Kettenreaktion, wenn sich ein Mensch an diesen Versuch gewagt hätte, blieb aus. Oben angekommen tat die Katze das, was diese kleinen Tiere am besten konnten: sie stupste gegen den Gegenstand. Einmal, zweimal. Er schob sich ganz langsam über die oberste Kante … und schlidderte dann in einer kleinen Kieslawine bis vor unsere Füße hinab. Die Katze hüpfte geschwind hinterher.
„Ein Kurzschwert“, rief Dario aus und wollte es bereits aufheben, da hielt ihn Mara an der Schulter fest und deutete auf den Griff der Waffe. Der war mit der Darstellung eines menschlichen Skeletts verziert.
„Ich nehme das besser in sichere Verwahrung“, meinte Suena und warf ein Tuch auf die Waffe, in das sie die Klinge sogleich einrollte. Als die womöglich verfluchte Klinge sicher im Rucksack verstaut war, gingen wir rechts an der Höhlenwand weiter. Wir fanden einen weiteren Hügel, der genau gleich beschaffen war. Also wiederholte Suena das Spiel und ihre vertraute Katze wiederholte das Spiel. Diesmal war es jedoch keine unheilig verzierte Klinge, sondern ein kleiner Schild, verziert mit einem Löwenkopf. Diesen riss ich sogleich an mich, was mir einen vorwurfsvollen Blick Darios einhandelte. Ich ignorierte das aber und wir gingen weiter die Felswand entlang … bis wir noch einen Hügel fanden. Das Prozedere wiederholte sich und diesmal war es eine Streitaxt, die dort oben versteckt worden war. Deren Griff war jedoch ebenfalls mit einem Skelett verziert. Mara hüllte die Waffe entsprechend ein und verstaute sie sicher, zur späteren Untersuchung durch fachkundige Hände. Und einen letzten Hügel entdeckten wir, wobei wir feststellten, dass wir uns wieder dem Ausgang der Höhle näherten. Von dieserm herunter glitt ein Bogen – mit einem eingeschnitzten Skelettkörper. Mara nahm ihn mit, als einzige hatte sie überhaupt Pfeile dabei.

Dann waren wir wieder am Anfang der großen Höhle angekommen, die sicher irgendetwas zwischen dreihundert und vierhundert Metern durchmaß. Eine Sackgasse war sie gewesen, aber versehen mit vier Schätzen … oder verfluchten Gegenständen.
Nach weiteren natürlichen Gängen kamen wir dann in eine Halle. Eine tatsächliche Halle, deren Form durch das Handwerk von Menschen nachgebessert worden war. Beherrscht wurde sie von einem großen Tisch, eher schon eine lange Tafel zu nennen. Die dabeistehenden Stühle hatten schon lange keinem Hintern mehr eine Sitzgelegenheit geboten, das war sicher. Von der Halle gab es mehrere Abzweigungen, die diesmal und zum ersten Mal in diesem gesamten Höhlensystem, durch Türen abgeteilt waren.
Der erste Seitenraum offenbarte sich als eine riesige Kleiderkammer – mit sogar einer Steinstatue, die als Anprobemodell dienen konnte. Neugierig nahm ich eine der Roben aus einem Regalschrank … und dutzende kleine Spinnen kamen hervor. Hastig warf ich das Kleidungsstück von mir, doch glücklicherweise kamen daraus keine weiteren Achtbeiner mehr hervor. Und die bisherigen suchten sich rasch ein neues Versteck. Dario probierte es an anderer Stelle mit demselben Ergebnis. Dieser „Kleiderschrank“ war spinnenverseucht. Doch es musste uns nicht weiter kümmern und so kehrten wir in die Haupthalle zurück. Uragoth wirkte von diesem gesamten Szenario sehr beeindruckt. Es dauerte einen Moment, um das Ausmaß seiner Verwunderung zu verstehen, aber dann wurde mir klar, dass dieser Mann nie etwas Derartiges gesehen hatte. Das Leben im Ikenga-Becken erforderte keine Hallen, keine langen Tafeln und schon gar keine Kleiderkammer.

Am Kopfende der Haupthalle war eine weitere Abzweigung. Die Tür dort hinaus war jedoch verschlossen … und Mara trat sie kurzerhand auf. Das Holz knirschte und kippte dann, den Jahren ohne Pflege geschuldet, nach hinten weg, wobei die Angeln unter einem Schrei des Materials nachgaben. Und die Tür fand ein Opfer. Ein wandelndes Skelett hatte gleich im nächsten Raum gewartet und hätte uns einen stummen Schrei entgegengeschleudert – doch Maras ungewollter Angriff traf es mitten auf die Brust. Das untote Geschöpf kippte nach hinten um, schlug auf den Boden … und der Kopf brach ab und rollte davon. Das unheilige Glimmen in den leeren Augenhöhlen verlosch auf der Stelle.
Mara schenkte uns ein schiefes Lächeln, während wir erkennen mussten, dass es hier tatsächlich eine finstere Macht gab. Womöglich jene, die verantwortlich für unser Hiersein war.

Dann gingen wir durch die letzte Tür, die von der Haupthalle abging. Dahinter offenbarte sich eine Art Ritualraum. Bei einem kleinen Altar wurden sicherlich einst unheilige Mächte angerufen und in den Regalen standen neben dunkel eingebundenen Büchern Gläser mit konserviertem Inhalt. Der reichte von schlichten Kräutern bis zu tierischen Dingen … und Sachen, die ich nicht genau benennen konnte und wollte.
Fasziniert und angeekelt gleichermaßen schlug ich eines der schwarzen Bücher auf und fand es voll mit bildlichen Darstellungen. Sie zeigten Menschen, die … geschlachtet wurden. Es ließ sich kaum beschönigen, so detailliert und eindeutig hatte man dereinst Szenen ausgeweideter Körper festgehalten. Hastig schlug ich das Buch wieder zu, verstaute es aber in meinem Rucksack anstatt wieder im Regal. Es würde sich gut als Anschauungsmaterial für Karim Kuku machen.

Damit schien unsere Erkundung beinah an einem Ende. Erst auf den zweiten Blick bemerkten wir, dass eine schmale Rampe neben dem Altar nicht nur für Abfall gedacht war. Dario warf eine Fackel hinein und wir erkannten, dass man durchaus hier entlang gehen könnte. Es war nicht einmal besonders steil.

Wir blieben aber noch etwas skeptisch – mochte sich doch vielleicht eine Falle an dieser unschuldig wirkenden Stelle verbergen. Zunächst kehrten wir also um und suchten noch einmal genauer sämtliche Räume dieses bewohnten Teils der Höhle ab. Doch es offenbarten sich weder Fallen noch Geheimverstecke oder gar Geheimgänge. Es bliebe also nichts weiter: Wir glitten vorsichtig die Rampe in den weiteren Teil dieses Höhlensystems, das sich mittlerweile als riesig erwiesen hatte. Um jegliches Risiko zu vermeiden befestigten wir sogar ein Seil an einem Regal und rollten es die Rampe entlang. Ein späteres Zurückklettern wäre also ohne jedes Problem möglich.
Die kleine Höhlenkammer, in der wir jetzt landeten, bestand zur Hälfte aus einem gekippten Tümpel. Das Wasser wirkte pechschwarz und es war schwer zu sagen, ob es nur eine Handbreit stand oder fünf Fuß tief war. Und keiner von uns war geneigt, es herauszufinden. Wir gingen lieber den einzigen, natürlichen Gang entlang.

Das einzige Geräusch, das uns bei dem jetzigen Marsch noch begleitete, war das Tappen unserer Füße auf dem steinernen Untergrund – vermischt mit dem fernen Fallen von Wassertropfen in dieser feuchten Umgebung. Tipp – Tapp. Und immer weiter, bis Mara zischend Luft einzog und auch wir schließlich erkannten, was sich im Licht der Fackel aus der Dunkelheit schälte. Fahl, klein und zerbrochen lagen sie auf dem Boden verteilt. Knochen. Von Armen, von Beinen … und Schädel. Kleine Knochen. Einige ließen sich schwer zuordnen, doch es blieb kein Zweifel.
Uragoth ging auf die Knie und nahm einen der Kinderschädel in die Hand und strich beinah zärtlich über die letzten Überreste. Dann verengten sich seine Augen und er blickte weiter den Gang entlang. Ein tiefes Knurren entglitt seiner Kehle und er stand wieder auf.
„Lasst uns diesen Mörder finden“, sagte Mara und zog ihren Bihänder. Dario und ich zückten ebenfalls unsere Waffen, ebenso Uragoth. Suena verzog sich an das Ende unserer Kette, ihre Katze war wieder einmal ungesehen verschwunden.

Schließlich endete der Gang und wir traten in eine große Halle – und hier waren wir nicht mehr allein.

In der Mitte des Raumes stand ein Mann, der mit einer dunklen Kutte bekleidet war. Er hatte helle Haut, langes braunes Haar und einen Vollbart. Seine Heimat lag sicherlich weit entfernt von hier … doch die Details brauchten uns kaum zu kümmern. Zur Rechten des Mannes stand das Skelett eines erwachsenen Mannes, aufrecht und mit einem unheiligen Glimmen in den Höhlen. Als es unser gewahr wurde reckte es zwei Kurzschwerter – in jeder Hand eines.
Zur Linken des Mannes befand sich indes die Silhouette eines Menschen. Doch blass, farblos, geradezu durchsichtig und nur durch einen bläulichen Schimmer erkennbar. Ein Geist.

„Ich bin Theodor Rippe! Warum stört ihr meine Kreise?“, blaffte uns der Mann auf Vallinga entgegen und umklammerte dabei seine Waffe: einen Kampfstab mit Eisenverstärkungen an den Enden.
„Angriff“, zischte Mara und wir stürmten los – die Elfe direkt auf den Totenbeschwörer, Dario auf den Geist (denn er besaß die einzige Waffe, ihn zu schädigen) und ich übernahm es, das Skelett aufzuhalten. Uragoth stellte sich indes schützend vor Suena, die sich zum Zaubern bereitmachte.

Angesichts unserer vorigen Begegnung mit dem Skelett, die fast schon komödiantisch verlaufen war, unterschätzte ich meinen Angreifer bereits beim ersten Kontakt. Das Skelett sprang mir entgegen und wirbelte mit den Kurzschwertern in abnormen Bewegungen herum. Die Gelenke schienen kaum noch ein Hindernis für dieses Wesen zu sein, das allein durch boshafte Zauberei auf den Beinen stand.
Mit dem Löwenschild wehrte ich die ersten Angriffe ab, dann schlug ich zurück. Mit dem Nimcha zerschlug ich zwei Rippen des Skeletts, was es jedoch kaum tangierte. Stattdessen griff es an, ohne vorher eine Deckung aufzubauen oder anderweitig Rücksicht auf seine eigene Existenz zu nehmen. Ich stolperte nach hinten weg, blockte zwei wuchtige Hiebe mit dem Schild. Die Treffer waren so heftig, dass ich unmittelbar das Gefühl in meinem rechten Arm verlor. Ein weiterer Angriff fegte die Deckung dann mühelos zur Seite und es blieb mir nichts mehr als mit aufgerissenen Augen dem vierten Schlag in der Folge entgegenzusehen, der mich am Schädel traf.

Blut klebte heiß in meinem gesamten Gesicht und mein Kopf schien in zwei Teile zersprungen zu sein. Merkwürdig verschwommen und unklar sah ich Uragoth vor mir stehen, der das Skelett etwas zurückdrängte, aber bereits eine Wunde eingesteckt hatte. Aber ich schien nicht lange bewusstlos gewesen zu sein. Mühsam wuchtete ich mich sogleich hoch. Mein Schild war mir vom Arm geglitten und mit dem freien rechten Arm fuhr ich mir über das blutüberströmte Gesicht … und spürte etwas aus meiner rechten Augenhöhle hängen, das da so nicht hingehörte. Und eine wässrig-klebrige Flüssigkeit war darum verteilt, die kein Blut war.
Ich stockte, hustete – erbrach mich fast umgehend. Dann fixierte ich mit meinem noch intakten, linken Auge das Skelett, das kurz davor stand auch noch Uragoth aus dem Kampf zu nehmen.

„Bei Ormuts Licht“, entwand sich ein tiefer, verbitterter Schrei meinem wunden Hals und ich umfasste meinen Säbel mit zwei Händen und attackierte mit aller Wucht die untote Ausgeburt. Zum Schutz ihres Schädels hob diese tatsächlich eine Waffe zur Parade – beim Aufeinandertreffen der Klingen barst das Schultergelenk des Skeletts und der Arm fiel mitsamt Kurzschwert auf den Boden. Gerade setzte ich zur zweiten Attacke an, da sank das Wesen in sich zusammen.
Hastig blickte ich mich um, musste den Kopf weiterdrehen als gewohnt, um einen Überblick zu bekommen. Schwindel erfasste mich und ich wäre umgehend gestürzt, hätte Uragoth nicht meinen Arm gegriffen. Erst mühsam wurde die Szene in der Halle vor meinem verbliebenen Auge scharf: Mara zerrte ihren Bihänder aus dem toten Körper des Nekromanten. Etwas weiter stand Dario, der ebenfalls vom Tod des Beschwörers profitiert hatte: Der Geist war verschwunden.

„Dich hat es übel erwischt“, brummte der Araner, als er nun zu mir kam und sich meine rechte Gesichtshälfte besah. „Ich glaube das Auge ist hin.“
„Zum Glück wollte ich nie Bogenschütze werden“, versuchte ich es mit einem Scherz, doch er blieb hohl, so mechanisch funktionierte ich noch – unter Schock.
„Sieh es so“, meinte Suena, die nun auch dazu kam. „Augenklappen sind teuflisch attraktiv.“
Ich hätte fast gelacht, wenn es nicht so schmerzhaft gewesen wäre, wie Dario notwendigerweise entfernte, was nicht mehr zu retten war und sich nur entzünden würde. Schließlich legte mir der Araner einen Verband an und es konnte – musste – weitergehen.

„Ich habe die hier gefunden“, meinte Mara, die in der Zwischenzeit den Leichnam dieses Theodor Rippe untersucht hatte. Sie hielt ein paar Fläschchen in der Hand, deren Inhalt sich ohne weitere Untersuchung nicht erschließen ließ. Also landeten sie auf Weiteres im Rucksack. Dann war da noch ein Dolch, den der Nekromant sein eigen genannt hatte. Sein bloßer Anblick ließ einen erschaudern … selbst ohne genaue arkane Kenntnisse ließ sich die schwarze Aura spüren. So etwas hier liegen zu lassen, in der Gefahr, es würde einst von Unschuldigen gefunden werden, kam nicht in Frage. Also verhüllte Suena auch diesen Gegenstand und nahm ihn mit. Sobald wir eine anständige Magiergilde an der Hand hätten, würden sie diese Artefakte vernichten können.

In der Halle fand sich des Weiteren nur noch ein letztes Schrecknis. Ein großes Glas beherbergte eine eingelegte Kinderleiche. Doch auf die Frage an Uragoth, ob man diesem kleinen Wesen noch eine bestimmte Bestattung zukommen lassen könnte, schüttelte der Häuptling nur noch matt den Kopf. Wir verließen also dieses Schreckensszenario – immerhin in dem Gewissen, den Tod weiterer Kinder für unheilige Zwecke verhindert zu haben.

Wir verbrachten eine Nacht unweit des Höhleneingangs und es war faszinierend, wie sehr man sich plötzlich wieder über den Dschungel und sein doch sehr eigenwilliges Klima freuen konnte. Am nächsten Tag kämpften wir uns wieder durch den Urwald zurück und erblickten während des Sonnenuntergangs, früher als beim Aufbruch noch gedacht, wieder das Dorf der Nyusoeto.

Kaum, dass uns die ersten erspäht hatten, bildete sich ein großer Trubel und Häuptling Uragoth verkündete laut in der Sprache des Stammes, was geschehen war – nahm ich zumindest an. Es folgte großer Jubel, sichtliche Erleichterung und alle fielen uns um den Hals, klopften uns auf die Schultern und sprachen Worte in hörbarer Dankbarkeit.
Zwischen dem ganzen Trubel hindurch schob sich die Schamanin des Stammes und nahm uns für einen Moment zur Seite. Wieder einmal waren wir allesamt schwer angeschlagen – mir fehlte ein Auge – und sie zögerte nicht, uns wieder mit allem, was ihr zur Verfügung stand, zu heilen. Den Verlust meines rechten Auges konnte sie jedoch nicht mehr retten. Es war über den Grad einer rettbaren Verletzung hinaus zerstört.

Doch nun galt es nicht, den Narben und Verletzungen oder den Toten nachzutrauern. Die Nyusoeto bereiteten unvermittelt ein Fest vor und die Schamanin bot uns, die Farben der Krieger zu tragen. „Ihr seid Helden für uns. Ich biete euch das Weiß für euer Gesicht.“
„Mit größtem Vergnügen“, erklärte ich und ließ mich, ebenso wie Dario und Suena, im Gesicht bemalen, wie wir es bei unseren ersten Beobachtungen hier im Dschungel gesehen hatten. Dann wandte sich die Schamanin an Mara: „Du nicht sein Nyusoeto. Aber du gut gekämpft. Daher ich auch dir bieten das Weiß unserer Krieger.“
„Nein, danke“, winkte die Elfe knapp ab und zog sich dann auch für den Rest des Abends aus dem Fokus der Feierlichkeiten heraus.

Dario, Suena und ich hingegen stürzten uns mitten in den Trubel. Ein ganzes Fass wurde herangerollt – Alkohol nach der Art des Ikenga-Beckens. Er brannte höllisch und schmeckte seltsam säuerlich, aber er betäubte bereits beim ersten Schluck das dumpfe Pochen unter meinem Kopfverband und so langte ich reichlich zu. Auch die anderen ließen sich nicht lumpen und es dauerte nicht lang, bis um ein großes Lagerfeuer herum ein wilder Tanz begann. Die Nyusoeto spielten wieder ihre treibende Musik und Pfeifen mit dem starken Kraut machten die Runde. Bald schon verschwamm die sichere Trennlinie zwischen dem, was wirklich geschah und dem, was mein Verstand hinzuillusionierte. Oder – wie es die Schamanin ausdrücken würde – was aus der Welt der Geister zu uns gesandt wurde.
Und so glaubte ich auch zuerst nicht, dass ich richtig hinsah: Dario und eine junge Frau des Stammes standen eng verschlungen mitten im wilden Tanz … sehr eng verschlungen.
Doch bald schlossen sich andere Nyusoeto an, wälzten sich auf dem Boden, rangen miteinander – ineinander. Und die Schamanin führte eine junge Frau zu mir, mit der auch ich mich davonstahl. Aber, beinah schon romantisch, in einem eigenen Zelt, abseits vom Trubel.

Als das erste, was ich nach einer wilden und kurzen Nacht hörte, nach dem Schreien von wildgewordenen Tieren klang, vermutete ich, dass mich die Drogen der Nyusoeto gemeinsam mit den erschöpfenden letzten Tagen in den Wahnsinn getrieben hatten. Dann mischten sich jedoch alarmierte Schreie darunter und außerdem hörte ich, wie mehrere Menschen unweit des Zelts entlang rannten. Einen letzten Blick warf ich noch auf die neben mir ruhenden Mandelaugen, dann stand ich fluchend auf, kleidete mich rasch an und schritt mit Löwenschild und Nimcha bewaffnet aus dem Zelt.
Das Dorf war in der Tat auf den Beinen. Die Frauen versammelten die Kinder und packten knappe Vorräte zusammen während die Männer nach Osten liefen und sich knapp vor dem Dorf zu einer schützenden Linie aufstellten. Ich ging ihnen nach, denn aus dieser Richtung drangen auch die animalischen Schreie. Meine Freunde trudelten ebenfalls aus den verschiedensten Richtungen ein und zumindest Darios mickrige Augen wiesen auf eine ähnlich unruhige Nacht hin, wie ich sie hinter mir hatte.

Als wir bei der Kampflinie ankamen, denn zu nichts anderem schienen sich die Männer aufzustellen, sahen wir die Ursache des Lärms und des Alarms: Auf der gegenüberliegenden Seite einer größeren Lichtung, hatten sich etwas mehr als ein Dutzend Mann aufgereiht. Sie hatten ihre Gesichter blau angemalt und Tierfelle über die Rücken geworfen. Diesem Auftreten entsprechend ahmten sie mit ihren Schreien verschiedenste Bestien des Urwalds nach, schlugen sich martialisch auf die Brust und bleckten die Zähne.
„Uragoth, was geht hier vor?“, wandte ich mich an den Häuptling.
„Die Yanomami! Feindlicher Stamm, wollen töten uns Männer, wollen rauben Frauen!“
„Na dann … verteidigen wir das Dorf“, schloss ich und reihte mich zwischen die Krieger ein. Dario ging auf die andere Flanke und nahm seinen Speer in die Hand – eine Waffe, die sicheren Abstand bot, denn die meisten Angreifer der Yanomami schienen nur Knüppel oder primitive Äxte zu haben. In diesem Moment trat aus ihrer Reihe ein Mann empor, der jeden anderen auf dieser Lichtung mit Leichtigkeit überragte. In jeder Hand hielt er eine große Streitaxt und führte sie nun langsam nach oben, ehe er sie uns entgegenreckte. Die Geste unterstrich er mit lautem Gebrüll, dass von seinen Anhängern als Echo wiedergeworfen wurde.
„Den nehme ich, hier und jetzt“, verkündete Mara und drängte sich in die erste Reihe.
„Jetzt wissen wir, was ihr Blut kochen lässt“, murmelte Suena knapp hinter mir und ein breites Grinsen grub sich in mein Gesicht.

Dann hob rechts von mir ein Mann ein schmales, hölzernes Rohr an die Lippen. Ich fragte mich einen Moment, was er denn mit der groben Flöte wolle … dann pustete er hinein und aus der Öffnung am Ende flog ein kleiner Pfeil. Für mein gestörtes Sichtfeld schien es, als würde das Geschoss kaum Strecke zurücklegen müssen, dann steckte es schon im Hals eines Yanomami-Kriegers. Der zuckte nur noch kurz und dann verrichtete die offensichtlich in Gift getränkte Spitze ihr Werk: er kippte vornüber.
Anerkennend nickte ich dem Schützen an meiner Seite zu, der ließ in diesem Moment jedoch schon das Blasrohr fallen und griff nach seiner Keule – und der Anführer des feindlichen Stammes stürmte auf uns zu. Und Mara ihm direkt entgegen.
Ich setzte der Elfe nach und stellte mich an ihre rechte Seite, um zu verhindern, dass sie direkt eingekreist wurde. Ein stämmiger Kämpfer der Yanomami hetzte einem Panther gleich auf mich zu und hieb dann grob mit der Keule nach meinem aus vielen Gründen pochenden Schädel. Ich blockte den Schlag weg und setzte gleich mit dem Nimcha nach. Das Eisen meiner Waffe fraß sich tief in den Oberschenkel des Angreifers, der protestierend aufschrie. Eine derartig scharfe Klinge schien ihm noch nicht untergekommen zu sein. Wenig später zuckte er etwas und wirkte plötzlich seltsam benommen. Sein nächster Schlag prallte merklich schwächer an meinem Schild ab – Suena hatte offensichtlich wieder einmal ihre kleinen Zaubereien ins Spiel gebracht.

Linkerhand kochte das Zentrum der Schlacht. Mara und Uragoth fochten mit dem gewaltigen Krieger und Anführer der Yanomami. Der führte seine beiden Äxte durchweg in verheerenden Doppelangriffen – ein Treffer beider Waffen kurz hintereinander würde einen Baum fällen. Doch Mara sprang und tanzte mit dem Angreifer und setzte ihrerseits immer wieder eigene Treffer. Sie ließ sich nicht zu überhasteten Ausfällen verleiten, denn umherstehende Krieger würden jede Lücke sofort nutzen können.
Ohnehin verschwamm die Schlacht beider Stämme in eine gewaltige Blutorgie, in der aus Kampfschreien bald Schmerzens- und zuletzt Todesschreie wurden. Irgendwo im Trubel focht auch noch Dario gegen die Angreifer, doch ihn hatte ich bereits nach den ersten Sekunden aus dem Auge verloren.

Schließlich gelang es mir, einen weiteren Gegenschlag zu setzen und mein Gegenüber niederzustrecken. Doch prompt war der nächste Angreifer heran. Ein erster Schlag traf mich mitten vor die Brust. Ich wich etwas nach hinten, achtete nicht auf den Untergrund und rutschte aus. Es folgte sogleich der zweite Treffer, mitten auf die Brust und ich blieb halb besinnungslos liegen. Gerade in diesem Moment wirbelte Mara auf ihren hünenhaften Gegner zu und schlug ihm den Bihänder von der Leiste bis zur Körpermitte in den Leib. Blut und Eingeweide quollen aus der klaffenden Wunde und der Krieger war beinah sofort tot. Ohne zu zögern stellte sich die Elfe eine Sekunde später schützend über mich und bewahrte mich somit vor dem tödlichen, letzten Angriff meines Kontrahenten.
Am Boden liegend gewahrte ich etwas weiter Darios Gesicht, ebenfalls auf der Erde. Dreckbeschmiert, mit blutigen Lippen – aber noch am Leben. Ich grinste ihm noch verrückt zu, dann wurde ich bewusstlos.

Als ich wieder erwachte, einmal mehr von der Schamanin zusammengeflickt, war die Schlacht vorbei. Mara hatte gemeinsam mit den anderen Kriegern die restlichen Yanomami besiegt und die Nyusoeto bereiteten nun ihren eigenen Aufbruch vor: irgendwo lag schließlich ein nun wehrloses Dorf des feindlichen Stammes im Urwald.
Dario war ebenfalls wieder frisch und wir vier sammelten uns in der Dorfmitte.
„Ich denke, wir haben nun weitaus genug Gutes getan und genug Informationen für diesen Karim Kuku gesammelt“, meinte Dario.
„Mit Sicherheit“, meinte ich mit Blick auf die prall gefüllte Lederrolle, in der ich die Notizen über das Ikenga-Becken und seine Bewohner aufbewahrte. Zudem hatte ich noch das Buch über Menschenopfer, das grausiges Anschauungsmaterial genug sein sollte.
Uragoth und die Schamanin kamen in diesem Moment zu uns. Sie schienen die Zeichen der Zeit erkannt zu haben. „Ihr gehen?“, fragte der Häuptling. „Wir bald aufbrechen zu Dorf von Yanomami. Viele Frauen dort warten!“
„Ähm … danke … aber nein, Uragoth. Wir werden zurückgehen“, erklärte ich.
„Dann ich verabschiede euch drei große Krieger der Nyusoeto!“, sagte die Schamanin und legte noch einmal Dario, Suena und mir nacheinander die Hand auf die Stirn und sprach scheinbar eine Schutzformel. Mara wurde, all ihrer Leistungen ungeachtet, ignoriert. Zumindest schien es sie nicht zu kümmern und sie ging als erstes zu unseren Zelten. Wir drei verabschiedeten uns dann noch mit einem kräftigen Handschlag von Uragoth, dann gingen wir ihr nach.

Die Zelte waren bald abgebaut, der Weg durch den Dschungel gebahnt. Nach anderthalb Tagen, die wir mit den Resten unseres Proviants und bei einem großen Leuchtfeuer am Strand verbrachten, ließ ein Handelsschiff nah an der Küste Anker und wir ruderten mit unserem kleinen Boot zu ihm hinüber. Es handelte sich um die „Helena“, einem Tuchtransport, der glücklicherweise auch Dairaba sein eigen nannte. Der Kapitän war einer der Vertrauten Karims und verlangte weder Gold noch eine große Erklärung.
Bei der Fahrt nordwärts wandelte sich die Vegetation auf dem Kontinent alsbald von ihrem tiefen Grün mit den darin versteckten bunten Tönen in das karge Braungrau der felsigen Zwischenlandschaft und schließlich in das Gold der Wüste meiner Heimat.

In Dairaba trennten wir uns zwei Tage später dann von der „Helena“ und ihrer Besatzung. Karim Kuku war schnell im „Goldenen Wüstenschiff“ ausgemacht und bei unserem Anblick sprang er hastig auf. Keinen Moment verschwendete er mit unnötigen Grußformeln, sondern führte uns gleich in ein kleines, privates Nebenzimmer.
„Ihr seid wieder hier! Und, habt ihr mir eine große Geschichte mitgebracht?“, fragte er und die Neugier kroch aus all seinen Poren. Humorlos lächelnd wies ich auf den frisch gewechselten Verband, der mir vorerst als provisorische Augenbedeckung diente. Dann nahm ich aber auch unsere gesamten Mitschriften hervor, die ich in den zwei Tagen Schifffahrt noch mit den Details unseres eigentlichen Abenteuers ergänzt hatte.
„Das ist ja großartig!“, rief Karim aus, ehe er sich selbst zur Ruhe bemühte. Hastig, aber nicht ungenau, überflog er die Zeilen und redete dabei bereits vor sich her. Sätze wie „Und dann schwang ich meine Klinge gegen den Gorilla“ und „So gewann ich tiefe Liebe der Häuptlingstochter“ klangen nach wenigen Moment erschreckend glaubhaft – oder zumindest überzeugt. Binnen weniger Minuten wurde die Rolle Karim Kukus als Entdecker neu belebt.
„Und wir haben noch das hier“, setzte ich hinzu und reichte ihm das Buch. Als er die schrecklichen Szenen darin sah, weiteten sich seine Augen und fast wären Tränen geflossen. Nicht des Grauens, der Trauer oder der Anwiderung wegen. Nein, er freute sich einfach nur sehr über diese Requisite. Ich war in diesem Moment sehr froh, dass wir uns geeinigt hatten, ihm keine der gefundenen Waffen – schon gar nicht den Dolch – für seine Erzählungen zu geben. Damit hätten wir wohl den Preis in die Höhe treiben können, aber lieber blieb ich etwas ärmer als, dass ein verrückter Schauspieler mit einer verfluchten Waffe in der nächsten Hafenkneipe um sich schwang.
„Sodann, sodann! Ihr habt mir einen großen Dienst erwiesen. Nun will ich euch all diese Dinge und auch euer Schweigen abkaufen. Kein Wort über unseren Vertrag oder über euer Abenteuer bei den Nyusoeto zu irgendjemand! Dies ist nun das Abenteuer des Karim Kuku! Und dafür kriegt jeder von euch eintausend Goldstücke.“
„Tausendfünfhundert“, hielt ich sofort dagegen. „Ich habe ein Auge bei dieser Expedition verloren.“
„Sagen wir, ich gebe jedem von euch nochmal zweihundertfünfzig obendrauf. Das muss dann reichen.“
„Nun denn …“, machte ich, meine Gefährten nickten bereits. „Damit ist es ausgemacht.“

Und so verkauften wir unser Abenteuer an Karim Kuku. Der stürzte sofort aus dem Zimmer, um sich für seine Rolle vorzubereiten. Er war komplett irre, wenn man mich fragen würde. Aber zumindest nicht gefährlich.
„Und nun?“, fragte Suena.
„Wir sind ja wieder in Dairaba. Wir könnten hierbleiben und unsere Lehrmeister erneut aufsuchen“, schlug ich vor.
„Aber wir haben so viele Gegenstände. Die Schriftrollen aus dem Grab der Amazonen, die Waffen aus der alten Kultstätte im Ikenga-Becken, die Phiolen des Nekromanten. Das sollten wir alles von einer Magiergilde untersuchen lassen!“, merkte die Lidralierin an. „Und Dairaba hat keine.“
„Wo ist denn die nächste in Eschar?“, hakte Dario nach.
„Im Osten“, brummte ich. „Jenseits der Reg Taif. Da kommen wir nicht einfach oder zumindest nicht schnell hin.“
„Lasst uns doch nach Tura segeln! Raus aus der brütenden Hitze und direkt zum Konvent. Die dürften genug fähiges Personal haben, unser magisches Sammelsurium zu untersuchen. Und für meinen Geschmack sind wir vorerst lange genug in Eschar gewesen.“
„Die Küstenstaaten! Gar keine schlechte Idee“, fiel Dario mit ein. Langsam nickte auch ich. „Ich habe sie ebenfalls schon einmal bereist. Es könnte dort spannend werden.“
„Das denke ich auch“, meinte Suena – etwas zögerlich und mein Blick blieb an ihrer Gesichtstätowierung hängen. Das blieb ihr natürlich nicht verborgen und das würden wir noch alles klären. Doch zunächst griffen wir die Gunst der Stunde und organisierten uns eine Mitfahrgelegenheit auf dem nächsten Handelssegler nach Lidralien; auf in die Küstenstaaten!

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