Eine Studie der Wirkung uneingeschränkter Schwerkraft auf spezifische anatomische Merkmale der menschlichen Natur in ihren femininen Ausprägungen

„Dann werde ich mich auf neutralem Boden mit diesem Krolok treffen“, erklärte Usharia Ashanti nachdem wir ihr den Friedensvorschlag unterbreitet hatten.
„Bezüglich eines Ortes hat er bereits einen Vorschlag gemacht: nachts unter freiem Himmel vor den Ruinen“, erläuterte ich.
„Das ist annehmbar. Ich werde noch eine meiner Kriegerinnen mitnehmen und vertraue darauf, dass ihr mich ebenfalls beschützen werdet.“
„Wir werden unser Möglichstes tun und bei der Verhandlung keine Aggression dulden“, bestätigte ich die Hohepriesterin der Amazonen.
„Habt ihr eigentlich Silberwaffen?“, fragte Mara.
Usharia schüttelte den Kopf. „Leider nicht.“
„Magische Waffen?“
Ein weiteres Kopfschütteln. Mara zuckte mit den Achseln und ich dachte mir wohl dasselbe wie sie: Quasi unbewaffnet könnten wir auch eine Armee mitbringen, es würde Nichts nützen. Aber ich vertraute Krolok und seiner Familie, dass sie den Frieden wirklich wollten.

Wir zögerten also nicht mehr lange und brachen am nächsten Tag mit der Kutsche auf. Die bekannte Route glitten wir rasant entlang, als vergehe kaum eine Stunde. Dann sahen wir wieder die Ruinen vor uns.
„Mara und ich bleiben bei den Amazonen“, flüsterte uns Dario dann zu. „Wir müssen prüfen, dass auch sie nicht etwas aushecken.“
Ich nickte und Suena sagte: „Dann gehen Karim und ich zu Krolok und setzen ihn in Kenntnis über unsere Ankunft.“

Diesmal konnten wir den uns bekannten „Hintereingang“ nutzen – kein Blut musste vergossen werden und vor allem gelangten wir schnell in den Bereich, der gemauert und so gut bearbeitet war, dass er auch noch nach Jahrhunderten einen Resthauch seiner einstigen Pracht ausstrahlte. Von den Vampiren fand sich kaum eine Spur und erst im Alchemielabor trafen wir auf Krolok höchstselbst, der gerade in den letzten Zügen eines kleinen Experiments zu sein schien.
„Seid gegrüßt, Krolok. Wir sind zurückgekehrt“, machte ich auf uns aufmerksam.
„Ah! Sehr schön“, sagte der Vampir und drehte sich zu uns um. „Was haben die Amazonen zu unserem Vorschlag gesagt?“
„Sie sind einverstanden und wollen den Kontrakt heute Nacht auf freiem Feld besiegeln.“
„Ausgezeichnet! Und gleich habe ich dann auch noch meinen Trank fertig …“
„Was für ein Trank?“
„Ein Liebestrank! Ich denke doch, es ist eine sichere Variante, um den Frieden zu sichern!“
Suena und ich wechselten kurz irritierte Blicke, dann meinte die Lidralierin: „Ich glaube, das erweckt keinen besonders guten Eindruck. Lassen wir den Trank doch lieber weg.“
„Meint ihr? Hm, dann eben nicht.“

Lange mussten wir sodann nicht mehr warten und kehrten mit Krolok und einer seiner Schwestern zurück zu den Amazonen. Die Sterne schienen auf die trockene Ebene herab. Dario, Mara, Usharia und ihre Begleiterin erwarteten uns. Wir vier Unparteiischen zogen uns rasch zur Seite zurück, während die Hohepriesterin der Amazonen und der Sprecher der Krolok-Familie aufeinander zugingen.
Langsam, zögerlich. Usharia sah die beiden Vampire mit einem durchdringenden Blick an. Sie achtete auf die kleinste Bewegung. Doch weder Krolok noch seine Schwester machten irgendwelche Anstalten.

Dann standen sie voreinander und blickten sich unverwandt an. Die Stille hielt an.
Ich räusperte mich. „Krolok hat Euch, Usharia Ashanti, folgenden Vorschlag zu machen: Die Vampire werden die alten Grabstätten des Amazonenvolkes auf ewig heilig und unversehrt halten. Im Gegensatz dazu erbeten sie sich die gnädige Unterstützung der großen Kriegerinnen, ihren besonderen Lebenswandel zu unterstützen: eine Existenz ohne Menschenblut. Das bedeutet, dass sie Tiere brauchen, deren Jagd die Amazonen meisterhaft beherrschen. Als Zeichen ihrer Hoffnung auf Frieden und eine künftige Koexistenz überreichen sie euch das Artefakt der Fruchtbarkeit.“
Und mit diesen Worten trat ich zu Usharia und überreichte ihr das massiv-goldene Kleeblatt. Die Hohepriesterin nickte mir zu und nahm das Artefakt in die Hand.
„Wir nehmen Euren Vorschlag mit Freuden an“, erklärte Usharia an Krolok gewandt.
„Es ist mir eine gewaltige Freude!“, rief der Vampir aus. „Lasst uns einen Vertrag niederschreiben, der unsere Freundschaft festhält.“

Gesagt – getan. Binnen weniger Minuten stand ein Schriftstück, das erstaunlich karg und seelenlos wirkte, bedachte man doch die einzigartige Symbiose, die damit begründet wurde. Was Ormut und Alaman zu diesem Kontrakt wohl sagen würden?
„Und nun … unterschreiben wir mit Blut“, erklärte Krolok.
„Bitte was?“, fragte ich, während Usharia erblasste. Aus dem Augenwinkel sah ich Suena, die zu Krolok blickte und ihm mit einer Hand, die sich mehrfach über den Hals fuhr, gestisch bedeutete, einen Rückzieher zu machen.
„Ähm … ein kleiner Scherz“, lachte Krolok. „Kein Blut.“
Und so unterschrieben wir ganz gewöhnlich – auch wir Unparteiischen, denn wir trugen durchaus eine gewisse Bürde darin, diesen Vertrag ermöglicht zu haben.

Krolok und seine Schwester verneigten sich zum Abschied und kehrten zurück in ihr Zuhause, während die Amazonen und wir in die Kutsche einstiegen und diesen Schauplatz hinter uns ließen.

Wenig später verabschiedeten wir uns von den Amazonen bei ihrem kleinen Refugium irgendwo im Nirgendwo. Sie übergaben uns freudig eine kleine Belohnung für den erfolgreichen Vertragsschluss, auch wenn ich noch immer den leisen Eindruck hatte, Usharia Ashanti wäre auch nicht gering daran gelegen, wäre das „Problem“ ein für alle Mal beseitigt gewesen. Grobe Schlächter musste sie sich jedoch andernorts suchen.
Für uns hieß das Ziel vorerst wieder: Dairaba.

Wieder in der Stadt nutzten wir die Möglichkeiten, die uns nur die Zivilisation bieten konnte: einkaufen. Ich begleitete Mara durch die Gassen, um ihr bei etwaigen Sprach- und Kulturbarrieren helfend zur Seite zu stehen, indes wählten Dario und Suena einen anderen Weg. Ich glaube, sie suchten zunächst ein Badehaus auf und wollten sich umhören, was Dairaba derzeit zu bieten hatte.

Maras erste Kaufimpulse galten ihrer Bekleidung. Sie hatte tatsächlich keine Ruhe, bis ich ihr nicht meine Einschätzung zu einem orangenen oder alternativ einem gelben Kleid gegeben hatte, wonach sie noch eine Stunde darüber nachdachte und schließlich das … Gelbe bestellte. Glaube ich. Meine Präferenz hatte ich in der Zwischenzeit etwas vergessen. Nach diesem Einkauf ging es, wie es sich für eine Dame von Stand gehörte, zum Schmied und die Elfe kaufte einen wunderschönen Bihänder.

Wir trafen Dario und Suena im „Goldenen Wüstenschiff“ wieder, wo sich gerade eine Menschentraube um eine auffallende Gestalt bildete: Er schien nicht sehr viel älter als ich zu sein, aber er strahlte eine Aura des Wissens aus. Beinah zwei Meter groß war er bereits körperlich eine beeindruckende Erscheinung. Das fügte sich mit einem sehr gepflegten Äußeren und geschmackvoll gewählter Kleidung zusammen. Sie wirkte gleichermaßen kunstvoll gemacht wie gefärbt und dennoch praktisch. Sie lag nicht zu eng an und wirkte widerstandsfähig. Besonders auffällig war dazu noch sein Turban, der ihn noch einmal größer erscheinen ließ als er ohnehin war.
„Wisst ihr, wer das ist?“, fragte ich Dario und Suena, die ja bereits länger hier saßen.
„Ein Namensvetter von dir: Karim Kuku“, erklärte die Lidralierin. „Man sagt, dass er ein berühmter Abenteurer sei, der bereits die Hälfte der bekannten Welt bereist hat.“

Kaum hatte Suena diese Worte gesprochen, wurde dem großen Mann ein eigener Tisch und Stuhl gebracht, sodass er sich niederlassen konnte. Die umherstehenden Gäste zogen sich zu ihren Plätzen zurück und Karim Kuku begann zu sprechen:
„Ich danke euch allen für euer Kommen! Es freut mich, dass Dairaba den Namen ‚Karim Kuku‘ so sehr zu schätzen weiß und es sich keiner nehmen ließ, persönlich meinen neuesten Bericht zu hören! Und ich werde euch nicht enttäuschen: Großes habe ich gesehen und Unglaubhaftes bezeugt! Lange hat es mich fern des süßen, goldenen Sandes meiner Heimat ferngehalten – ausgerechnet im kalten Schnee des Nordens. Ach, was sage ich! Schnee ist kein Ausdruck. Das feine Pulver bezeugt nicht den Frost, den ich kennen gelernt habe! Waeland kennt nicht Eis, Waeland kennt das EIS! Ein Ort, der in ewige Kälte gehüllt ist und nichts kennt als unendliche Nacht. Die Sterne scheinen nicht, dort droben im Norden, denn er ist fern allem, das hell ist und bar allem, das warm ist.
Dorthin habe ich mich aufgemacht, um den ungekannten Schrecknissen entgegenzutreten, die nur wenige, menschliche Augen zu sehen vermochten – ohne den Verstand zu verlieren! Mit einem Drachenschiff der Waelinger brach ich von Usegorm auf, die Issee zu durchschiffen. Dort trieben Blöcke in der Größe von Bergen im Wasser. Doch mit meinem scharfen Auge machte ich sie bereits in so großer Entfernung aus, das der Steuermann keine Probleme hatte, sie zu umschiffen.
Dann landeten wir in einem Fjord an, so weit im Norden, das keine Karte seinen Namen kannte. Ich beschloss ihn zu Ehren dieser wunderbaren Stadt ‚Dairaba-Fjord‘ zu nennen.“
Karim hielt einen Moment inne, um ersten Applaus zuzulassen. Der folgte pflichtgemäß, immerhin huldigten die Dairaber einem persönlichen Helden! Zweifelsohne würde dieser Abenteurer den Namen des Fjordes jeweils an den Ort seines Auftritts anpassen, aber das kümmerte brauchte gerade niemanden zu verstören.

„Sodann brachen wir vom Dairaba-Fjord auf, um im ewigen EIS Kreaturen der finstersten und übelsten Sorte aufzuspüren. Noch steht die Sonne Ormuts am Himmel, so will ich nicht die Namen der Wesen nennen, deren Existenz unserem göttlichen Herrn ein Dorn im Auge sein muss. Kreaturen, die dem Abgrund der Finsternis entsprungen sind – einzig von Alaman dazu ersonnen, den Menschen Übel zu tun. Doch zaudert nicht, meine Freunde! Durch meine Klinge kamen viele dieser Unholde zu Schaden. Lasst euch von einem Wesen exemplarisch berichten: eine Bestie, die einem Menschen gleichen könnte, wäre dieser in der Finsternis einer Höhle aufgewachsen. Aschfahle Haut, bedeckt von nicht minder weißem, verfilzten Haar. Mit gebeugtem und gedrungenem Körper schleppt er sich vorwärts, denn seine unförmigen Muskeln drücken ihn nieder. Seine Stärke ist übermenschlich und seine Natur abnorm: der Streich einer gewöhnlichen Waffe verheilt binnen weniger Sekunden. Ich spreche vom ‚Eistroll‘. Mehrere dieser Unholde stellten meiner Gruppe eine hinterlistige Falle, doch ich erkannte ihre Spuren früh genug, sodass wir den Spieß herumzudrehen vermochten. Mit Öl auf unseren Klingen, die wir in der ewigen Nacht flammend entzündeten, marschierten wir ihnen entgegen und vergossen ihr unheiliges Blut auf den Frost. Von den fünfen, die uns auflauerten, erschlug ich drei, meine elf Begleiter übernahmen die restlichen beiden. Doch die Details gehören nicht in den Tag eines Gasthauses, denn der Wirt will euch noch wohl sättigen und nicht übel aufstoßen sehen!“

Lachen mischte sich mit Beifall, während an manchen Tischen verstohlen getuschelt und gemutmaßt wurde. Einige führten ihren Freunden gar kindische Schauspiele vor, wie sie sich den großen Karim Kuku im Kampf gegen die Eistrolle vorstellten.

„Doch Freunde! Ich bin nicht allein der alten Geschichten wegen hier! Ich werde bald wieder aufbrechen … und diesmal werde ich in den Süden gehen.“
Ein Raunen ging durch die versammelte Zuhörerschaft.
„Ich habe Kunde aus dem Ikenga-Becken vernommen. Die Menschen dort leben in Frieden und Eintracht. Die Natur ist ihr Freund, nicht ihr Feind. Sie kennen die Wege des Waldes, die Rufe der Tiere und den Klang des Lebens. Doch ein Unheil hat den Stamm der Nyusoeto getroffen. In der Nacht, wenn sie auf friedlichen Traumpfaden wandeln, werden ihre Kinder gestohlen. Ich weiß nicht, wie viele bereits diesem Fluch zum Opfer gefallen sind, doch ich bin entschlossen, in den Dschungel zu reisen und jedes einzelne Kind aus den Fängen des Unholds zu befreien. Niemand kann sagen, wer dafür verantwortlich ist, doch ich werde es herausfinden und ich werde es beenden!“
Jubel brandete im „Goldenen Wüstenschiff“ auf.
„Doch nicht nur das – ich werde euch Kunde aus dem Süden bringen. Vom Leben der einfachen Menschen im Urwald und von den Tieren, die sie täglich umgeben. Darunter befindet sich eines, das ebenso majestätisch wie furchteinflößend ist: der Gorilla! Dieser Affe verfügt er über das Doppelte der Stärke eines gestandenen Mannes. So mir das Jagdglück hold ist, werde ich eine Trophäe dieser Kreatur heimbringen, um euch von dem glorreichen Kampf berichten zu können!“

Damit kam Karim Kuku zu einem Ende und die Gäste des Gasthauses wendeten sich ihren eigenen Gesprächen zu. Wir waren indes zwiegespalten: die Geschichte wirkte deutlich ausgeschmückt, doch mochte darin ein – spannender – Kern liegen. Und sollte dieser Abenteurer tatsächlich eine Expedition ins Ikenga-Becken anstreben … nun, ich wäre nicht uninteressiert. Zumindest Suena sah das ähnlich und ging hinüber zu dem Erzähler, um ihm einige Fragen zu stellen.
Der stand bereits auf, sie folgte ihm nach draußen … und ich folgte ihr. Vor dem Gasthaus wartete bereits eine Kutsche auf Karim Kuku, der sich gerade mit charmanten Lächeln an Suena wandte.
„… gerne begleiten“, war das letzte, was ich hörte. Dann wandte sich die Lidralierin an mich.
„Karim, Karim schlägt vor, dass wir mit ihm zu einem kleinen Gasthaus fahren, wo wir mit ihm über das Ikenga-Becken sprechen.“
Ich blickte meinen Namensvetter an und nickte ihm zu. „Ich sage Mara und Dario Bescheid.“
Gesagt, getan und schon saßen wir vier in unserer Kutsche und folgten der des Abenteurers zum Hafen Dairabas. Dort stellten wir unsere Gefährte vorerst ab und gingen mit Karim an Bord eines kleinen Seglers im Besitz eines gewissen Dario Anvaris.

Unsere Begleitung hielt sich vorerst noch mit Erklärungen zurück, scheinbar schien es ihm sehr wichtig, dass die Spannung erhalten blieb. Schließlich, es vergingen durchaus zwei Stunden, erblickten wir unser Ziel: eine künstliche Insel aus aneinandergebundenen Baumstämmen, auf der ein Gasthaus stand, die das Aussehen eines halbierten Fasses hatte. An Ort und Stelle wurde diese Konstruktion mit vier langen Ketten, die jeweils von einer Ecke der „Insel“ zu einem Anker oder dergleichen führen mussten.
„Das, meine begeisterten Bewunderer, ist das Gasthaus ‚Zum Fass‘!“, verkündete Karim stolz. Ob des unerwarteten Namens mussten wir ein wenig hüsteln.
„Nehmt eure Waffen ruhig mit, das ist ein raues Pflaster!“, erklärte der Mann weiterhin, während wir die restlichen Schiffe betrachten, die hier anlagen.
„Das sind Segler, wie sie in diesen Gewässern nur Piraten benutzen“, meinte Mara leise.
„Ach ja, ich mache hier des Öfteren Geschäfte der exotischeren Art“, wiegelte Karim die Bedenken ab. Skeptisch folgten wir ihm in das Gasthaus … „Zum Fass“.

Trotz der angelegten Schiffe war die Kneipe recht leer. Gerade einmal sechs junge Leute saßen an einem langen Tisch und tranken wahrscheinlich verdünnten Rum aus Krügen. Neugierig musterte ich den Rest des Raumes, der fast das gesamte Gasthaus einnahm. Über den Stühlen, Tischen und Bänken hingen im Gebälk die Kojen. Ein Netz verhinderte, dass jemand von dieser prekären Schlafmöglichkeit aus direkt in den Gastraum stürzte.
„Das hing da nicht immer … hässliche Geschichte“, erklärte Karim, der meinem Blick gefolgt war und grinste. Dann ging er hinüber zu einem freien Tisch und wir setzten uns mit ihm hin. Wir wurden bewirtet, wobei wir mit unseren größtenteils alkoholarmen Wünschen scheinbar schwer enttäuschten, ehe das Gespräch beginnen konnte.

„Karim … wir hätten da zunächst einige Artefakte, die du dir mal anschauen könntest“, erklärte Suena und legte dem Abenteurer eines der Amulette hin, die wir in der Schatzkammer der Vampire gefunden hatten.
„Oh, das ist ja interessant“, sagte er und beäugte das Amulett aus allen Blickwinkeln. „Ja, ja, wirklich sehr interessant. Ich bin leider kein Fachmann für diese Art Artefakte, aber ich kenne da jemanden …“
„In Dairaba?“, hakte Mara nach.
„Nein, in den Küstenstaaten, ähm, in Estoleo.“
„Wen?“
„Na, da ist diese Magiergilde. Der Konvent. Gebt mir einfach etwas Gold und ich versende die Artefakte für euch.“
„Und warum können wir das nicht selbst machen?“
„Ähm, also …“, machte Karim und geriet immer stärker ins Stottern.
„Wir hätten da auch noch ein paar Schriftrollen“, erklärte Suena und legte eine testweise vor.
„Oh ja, wirklich sehr interessant! Also ich kenne da jemanden …“
„Nein, danke“, wiegelte Mara ab und Suena packte Amulett und Pergament wieder ein.
„Ja, ich gebe zu, Artefakte sind nicht meine Stärke. Aber lasst uns doch über das Ikenga-Becken reden! Meine nächste, große Expedition braucht noch … he! Wo geht ihr denn hin?“

Wir waren schon bei der Tür und ließen den Schwätzer sitzen. Das war jetzt etwas viel Zeit für das Lehrgeld gewesen, dass dieser Karim mehr heiße Luft produzierte als alles andere, aber einen Versuch schien es mir doch immer noch wert gewesen zu sein.
Der große Mann lief uns nach und gab sich geschlagen. Dario Anvari wies er an,  die Segel zu setzen, dann wandte er sich noch einmal an uns.
„Nun gut, ich denke, ihr habt eure Schlüsse gezogen … es stimmt“, sagte er nun und der effektheischende Klang seiner Stimme war verschwunden und er wirkte nicht mehr als würde er die ganze Zeit nach links und rechts Ausschau nach Applaus halten.
„Ich bin kein großer Abenteurer – aber ich bezahle gut! Euch, wenn ihr wollt. Bisher hat jede Gruppe, die eine Expedition für mich unternahm, gutes Gold erhalten.“
„Du kreierst Ruhm für dich aus den Taten anderer?“, fragte ich fassungslos nach.
„Ja … aber dabei gewinnen alle! Ich kann die guten Geschichten erzählen und werde dafür gefeiert. Die Abenteurer erhalten Gold! Und die Zuhörer in den Städten, die einfachen Menschen, sie erhalten ordentliche Unterhaltung!“
„Die eine Lüge ist“, brummte Dario.
„Lüge hin, Lüge her. Wen interessiert das denn wirklich bei einer Geschichte?“
„Nun, wie hoch wäre denn die Bezahlung genau?“, fragte Mara nach …

Wenig später kamen wir wieder in Dairaba an und verabschiedeten uns vorerst von Karim. Er hatte uns ein stattliches Angebot gemacht, dafür, dass er lediglich ein paar Informationen und vielleicht ein, zwei Fundstücke aus dem Dschungel haben wollte. Ansonsten hatten wir absolute Freiheit, im Ikenga-Becken zu tun und zu lassen, was wir wollten. Ein Angebot, dessen Reiz uns schließlich lockte … ob man nicht hinterher hie und da eine die Information streute, das dieser Karim Kuku nur ein Schaumschläger war, das würde sich dann ergeben.

Zu dem Stamm der Nyusoeto hatten wir von ihm lediglich erfahren, dass der Name in ihrem Stammesdialekt wohl so etwas wie „Viele Gesichter“ bedeutete. Das führte uns indirekt zum ersten, großen Problem unserer Expedition: uns erwartete eine gewaltige Sprachbarriere im dichten Dschungel des Ikenga-Beckens.
„Ach, so schwer kann das doch gar nicht sein“, murmelte Dario. „Ich denke, ein paar Brocken ihrer Ongana-Sprache beherrsche ich schon. Hört mal her. Unga-wunga-tunga-malunga!“
„Dongo Opongo Malongo!“, entgegnete Mara.
Suena und ich schüttelten nur den Kopf und ließen die beiden erst einmal stehen. Sie suchte nach einem Übersetzer, ich brachte in Erfahrung, welches Klima uns erwartete und wie wir uns darauf vorzubereiten hatten. Nachdem ich einige Karawansereien abgegangen war, entdeckte ich in einer einen älteren Mann, der bereits einige Male in den Dschungel gereist war. Er betonte, dass man bei der Hitze kaum mehr als die leichteste Kleidung tragen konnte, während man bei Nacht ein feines Netz vor das Zelt zu hängen hatte, um den Moskitos keine Angriffsfläche zu bieten. Zuletzt oder vor allem brauchte es Macheten – und davon am besten mehr als eine. Der Dschungel des Ikenga-Beckens sei so dicht, dass es ohne dieses Handwerkszeug unmöglich sei voranzukommen.
Ich kannte mein Leben lang nur offenes Land, sodass es mir schwerfiel, mir die grüne Hölle vorzustellen, die der Mann mir beschrieb. Doch er beschrieb sie eindrücklich und so trug ich seinen Rat mit zum Treffen mit den anderen. Suena konnte dort von ihrem Bemühen berichten, einen Übersetzer ausfindig zu machen: „Ich hatte jemanden gefunden, der einen der Stammesdialekte beherrscht. Aber er hat zugegeben, dass die sprachliche Vielfalt im Becken so groß ist, dass er womöglich mit den Nyusoeto kein einziges Wort würde wechseln können.“
„Odunga?“, machte Dario.
Ich verdrehte die Augen. „Also sind wir auf uns allein gestellt?“
„Es scheint so. Aber andere haben es auch vor uns geschafft, Kontakt aufzunehmen.“

Ich nickte und zu viert wandten wir uns den Besorgungen zu, die es noch zu machen galt. Vor allem drei Macheten standen, ganz der Empfehlung folgend, oben auf der Liste. Kaum hatten wir uns mit dem Händler gesprochen, warf Suena schon eine große Zahl Münzen auf den Tresen.
„Ach das passt schon! Ich übernehm‘ das!“
Nun … gut. Wir nahmen mit, was die Lidralierin so gönnerhaft ausgegeben hatte, uns trafen uns am nächsten Morgen wieder mit Karim Kuku.
„Seid ihr bereit?“
„Sicher“, erklärte ich entschlossen – und so brachte uns der „große Abenteurer“ zu einem Handelsschiff, mit dessen Kapitän er bereits einen Vertrag geschlossen hatte.
„Dieser gute Mann wird euch vor die Küste bringen. Mit einem Boot könnt ihr anlanden und all die großen Entdeckungen machen … meine großen Entdeckungen!“
„Wie kommen wir zurück?“, hakte Mara nach.
„Ausgewählte Kapitäne auf der Route wissen Bescheid, dass sie die Augen nach einem großen Feuer offenhalten sollen. Sie werden euch auf jeden Fall holen, wenn ihr ein solches am Ufer entfacht. Aber ohnehin werden die meisten Seefahrer euch nicht dort zurücklassen, wenn sie ein solch eindeutiges Zeichen bemerken!“
„So ist es also ausgemacht … bis bald“, verabschiedete ich mich. Die anderen nickten knapp während der Mann noch große Gesten machte, die ihm nichts verhallten.

Zwei Tage fuhren wir mit dem Handelsschiff nach Süden. Während sich im Westen endlose das Meer erstreckte, verwandelte sich im Osten der Kontinent immer mehr. Die goldene Wüste wurde zu Stein und Fels und schließlich schlugen immer mehr Pflanzen ihre Wurzeln. Und dann, schließlich, begannen riesige Bäume in den Himmel zu ragen – und zwischen ihnen Lianen, Farne, Sträucher, Blumen und vieles mehr. Es war noch einmal etwas anderes, so mitten hinein in das grüne Chaos zu blicken wie die Fahrt beim größten Rennen der Dekade. Damals hatte man uns mit großer Anstrengung eine Schneise in den Urwald geschlagen, um ihn mit der Kutsche durchfahren zu können. Den Teil des Dschungels, der jetzt vor uns lag, würde man gerade so und mit größter Mühe zu Fuß begehen können.
Man setzte uns mit einem knappen Abschied in einem Ruderboot aus und wir näherten uns dem Ufer. Ein Flussarm erstreckte sich weiter ins Landesinnere. Wir wussten, dass wir diesem eine Zeit lang folgen konnten. Nach einiger Zeit machten wir das Gefährt dann mit doppelter Sicherung fest und wandten uns gen Norden, grob die Richtung einschlagend, in der irgendwo das Stammesdorf der Nyusoeto liegen sollte.

Bereits nach einer Stunde im Dschungel wussten wir, dass harte Arbeit vor uns lag. Dario und ich schlugen mit Macheten den Weg frei. Die Luft war feucht und dick, sodass jeder Hieb doppelt so anstrengend schien. Schweiß durchtränkte die dünne Kleidung, die ich noch zum Schutz vor stachligem Gewächs und kleineren Tieren am Leibe hatte – doch noch war es auszuhalten.

Einen Tag lang kämpften wir uns so durch den Urwald des Ikenga-Beckens, bis wir bei nahender Dunkelheit einen Lagerplatz suchten. Gerade hatten wir Raum für unsere Zelte geschaffen und sie aufgebaut, da kam die Nacht schon … und in ihr sahen wir Licht. Keine dreihundert Meter entfernt, zwischen den gewaltigen Bäumen. Es schien von Fackeln oder anderem, menschengemachten und kontrollierten Feuer zu kommen.
Neugierig machten wir uns auf den Weg und entdeckten eine kleine Lichtung. Ein Teil des hiesigen Bodens war gänzlich vom Dschungelbewuchs befreit worden und diente zu einer groben Form von Ackerbau. Daneben standen sechs verschiedengroße Hütten auf Stelzen. Und keine Menschenseele war zu sehen. Allein das Licht einiger auf Stäben aufgesteckter Fackeln und der, merkwürdigerweise etwas ätherische, Geruch, den sie verströmten, kündete davon, dass hier vor Kurzem noch jemand gewesen sein musste.
„Hallo?“, rief ich – auf Scharidisch, dann auch auf Vallinga. Aber ohnehin blieb jegliche Reaktion aus. So näherten wir uns, vorsichtig, mit einem wechselnden Blick zwischen den umgebenden Bäumen und den dunklen Nischen der Häuser.
Doch bis wir inmitten des kleinen Dorfes standen, hatte sich noch immer nichts geregt. Draußen standen einige Sachen herum, darunter ein Tontopf über einer erloschenen Feuerstelle. Hier lebten also durchaus noch Menschen, das bewiesen die Essensreste in dem Gefäß, und auch die Innenräume der Häuser, in die wir flüchtige Blicke warfen.
„Niemand da“, konstatierte Dario.
„Ich hab hier was gefunden“, holte uns Suena herbei und wir blickten gemeinsam in eine Hütte, in der sich allerlei Krimskrams finden ließ – und eine großes Totem; ein Holzpfahl in den das Gesicht eines Tiers eingearbeitet war.
„Ein Affe“, erinnerte ich mich an diese Tiere, die wir bereits bei unserem letzten Ausflug in den Urwald flüchtig gesehen hatten.
„Ein großer Affe mit bulligen Gesichtszügen“, ergänzte Mara. „Könnte dieser ‚Gorilla‘ sein von dem Karim erzählt hat.“
„He!“, kam es dann von draußen. Dario hatte noch etwas entdeckt!
Wir kamen raus und er wies weiter Richtung Norden. Dort brannte noch mehr Licht. Und jetzt, da wir genau hinhörten, vernahmen wir auch das Schlagen von Trommeln.

Vorsichtig gingen wir durch den Urwald näher an das Geschehen heran. Es gab einen Trampelpfad, den wohl die Einheimischen benutzten, aber vorerst wollten wir unentdeckt bleiben und erste Beobachtungen aus der Deckung des dichten Dschungels heraus machen.
Und es gab einiges zu sehen. Bald waren wir nah genug heran, dass wir auch noch den Gesang der Einheimischen hörten, nebst ihren Trommeln und übergroßen Rasseln, mit denen sie eine seltsame Melodie erzeugten, die ich so noch nie gehört hatte. Es war auf jeden Fall ein treibender Takt, sodass es nicht wunderte, dass scheinbar alle Angehörigen des Stammes um ein großes Feuer herumtanzten und sich vollständig den ekstatischen Klängen hingaben.

Die Männer, gerade einmal mit einem Lendenschurz bekleidet, hatten weiß bemalte Gesichter, die ihre Köpfe beinah wie Totenschädel erscheinen ließ. Von den Frauen – ebenfalls nur mit Lendenschurz bekleidet – stach eine hervor, die am ganzen Körper mit roter Farbe bemalt war. Sie war alt und schien die zentrale Rolle in den Kulthandlungen einzunehmen. Immer wieder stimmte sie einen neuen Gesang an oder warf einen Ruf ein, den der restliche Stamm erwiderte. Mal klang es klagend, mal euphorisch. Die Emotionen verschwammen hier und man gewann allein beim Zuhören immer mehr Abstand zur bewussten Wahrnehmung.
Neben der alten Frau, die wohl die Rolle einer Schamanin einnahm, saß ein verhältnismäßig großer und breit gebauter Mann. Sein Kopf war an den Seiten kahl geschoren und die Haare zu einem dicken Zopf hochgebunden, sodass sein Knochenschmuck in Nase, Unterlippe und Ohren hervorstach. Hinzukam unter der weißen Farbe noch deutliche erkennbare Tätowierungen. Bilder von Tieren oder einfach nur abstrakte Formen. Vielleicht war es sogar eine Art Schrift, die ganz anders funktionierte als alles, was wir kannten.

Trotz der hypnotischen Wirkung dieses Fests zwang ich mich einige Notizen zu machen, um kein Detail zu vergessen, wenn wir später einen Reisebericht zusammenfassten. Bei dem im folgenden Beobachtungen fielen mir dann auch die Kinder auf, die etwas abseits standen und nicht an den ekstatischen Tänzen teilhatten, stattdessen lediglich für sich sangen.

Dann kamen zwei Männer des Stammes aus dem Wald zurück. Zwischen ihnen ging ein Junge, vielleicht zwölf Jahre alt, der am Ende seiner Kräfte schien. Seine Knie und Hände waren blutig, sein Gang schleppend. Doch er hielt sich aufrecht und die versammelte Gemeinschaft hielt abrupt inne und begann laut zu jubeln. Der Junge wurde zur Schamanin und dem eindrucksvollen Mann gebracht und die Feier nahm neuen Schwung während die alte Frau die Hände beschwörend zu seinem Gesicht führte. Er erhielt nun die weiße Gesichtsfarbe, die auch die anderen Männer schmückte. Es schien eine Art Aufnahmeritual zu sein … das bald in eine zweite Stufe überging. Die Schamanin verkündete eine Art Veränderung mit einem lauten Ruf und die Frauen hielten inne. Dann nahmen sie die Kinder bei der Hand und gingen den Trampelpfad zurück ins Dorf. Zuletzt folgte ihnen die Schamanin selbst, sodass die Männer mit dem Jüngling zurückblieben.

Einer der Weißbemalten holte dann von der Seite einen Beutel heran und daraus Knochen hervor. Zunächst waren wir nicht ganz sicher, oder wollten vielmehr nicht sicher sein. Doch schließlich ließen sich unsere Augen nicht mehr verschleiern und wir erkannten, dass ein menschlicher Schädel herumgereicht wurde. Die Männer aßen daraus das Hirn. Dann wurden einige Knochen verteilt und sie brachen sie auf, um das Mark daraus zu lutschen.
Ekel mischte sich mit der Erkenntnis, dass nicht alles nur ein Vorurteil war, was man über das Ikenga-Becken gehört hatte. Für den Jungen indes schien dies die letzte Initiationsstufe zu sein.
Schließlich füllten die Männer das übrige Knochenmark in den Totenschädel und einer stand auf und ging mit diesem davon in den Dschungel. Noch eine halbe Stunde verging – die Runde der verbliebenen war in stille Gespräche vertieft, bei denen der Jüngling trotz seiner offensichtlichen Ermüdung aufmerksam zuhörte – dann kam der Mann wieder. Der Schädel indes war nicht mehr in seiner Hand. Möglicherweise eine Opfergabe, abgelegt an einem heidnischen Ort im Dschungel.

Damit endete die Nacht auch für die Männer des Dorfes und sie kehrten zurück zu ihren Stelzenhütten. Wir indes gingen schweigend zu unseren Zelten, jeder seinen eigenen Gedanken nachhängend, die irgendwo zwischen Faszination aber auch Ekel hin und herschwangen.

Am nächsten Morgen näherten wir uns einem Dorf, das keinerlei Spuren der ekstatischen Vorgänge der vergangenen Nacht zeigte. Die Frauen gingen verschiedenen Tätigkeiten nach, wie dem Bearbeiten von Fleisch oder dem Flechten von Körben. Die Kinder halfen ihnen dabei oder sahen zu. Von den Männern schienen die meisten bereits in den Wald aufgebrochen, doch der aufsehenerregende Anführer war noch da. Er sah uns bereits so früh wie wir ihn und er stand mit einer Keule in der Hand auf und näherte sich uns. Er rief etwas, das uns unverständlich war, und wir reagierten mit Begrüßungen in Vallinga und auf Scharidisch. Zugleich hoben wir die Hände, sodass er nicht befürchten musste, wir würden direkt zu unseren Waffen greifen.
Der Mann, vielleicht der Häuptling, blieb wenige Meter vor uns stehen und rief weiter in seinem Stammesdialekt. Mit der Keule fuchtelte er durch die Luft und machte seltsame Gebaren, die alles Mögliche bedeuten mochten – aber ich erwartete nichts Gutes. Dann kam jedoch die Schamanin hinzu und legte ihm eine Hand auf die Schulter.
„Wir kommen in Frieden“, rief Suena nun noch einmal auf Scharidisch.
„Frieden“, entgegnete die Schamanin und schien es für den Mann an ihrer Seite zu übersetzen. Zumindest senkte er seine Keule, blieb aber noch immer sichtlich angespannt.
„Wer seid ihr?“, fragte die Frau uns nun.
„Wanderer … Besucher aus der Fremde. Eschar?“
„Land von Wüste, ja. Ihr seien … Gäste“, erklärte die Schamanin und drückte noch einmal die Schulter des Häuptlings, der daraufhin eine seltsame Geste machte. Erst als ich mich umdrehte, verstand ich, was sie bedeutete: er hatte soeben den Jagdtrupp zurückgerufen, der sich lautlos hinter uns bereitgemacht und die Wurfspeere im Anschlag gehabt hatte.
Wir setzten uns nun mit der Schamanin an das Kochfeuer und Suena begann mit ihr zu reden. Das Scharidisch der alten Frau war zwar gebrochen aber gut genug, um Missverständnisse zu vermeiden.
„Wir sind wegen Gerüchten gekommen. Man sagt, eure Kinder werden gestohlen.“
„Das stimmt. Die Nächte sind Orte von Angst geworden. Eltern erwachen ohne Kinder, ohne Spur.“
Da mischte sich der Häuptling ein, der sich ebenfalls zu uns gesetzt hatte. Er schien sich nun allmählich an ein paar Brocken der scharidischen Sprache zu erinnern und sagte: „Gebt Waffe. Geschenk für Nyusoeto. Geschenk für Uragoth.“
„Aber Ihr habt bereits eine Waffe“, verwehrte sich Dario.
„Brauche Waffe von Eisen! Muss beschützen Volk.“
„Ich kann dir diesen Dolch geben“, erklärte der Araner und hielt dem Mann die kleine Waffe hin. Der nahm sie, ließ aber nicht locker: „Brauche große Waffe!“
„Ein weiser Krieger braucht keine große Waffe – Euer Geschick wird Euch reichen“, erklärte ich dem Häuptling. Der verstand nicht, gab sich dann aber doch mit dem Dolch zufrieden. Wir schoben unsere weiteren Fragen zunächst etwas auf. Dario und Suena genossen gemeinsam mit der Schamanin etwas Kraut, das die Nyusoeto rauchten, während ich auf meiner Laute ein Lied aus meiner Heimat spielte. Es war ein fröhliches Lied, aber freilich sehr ungewohnt für die Ohren dieser Menschen. Zumindest die Kinder schienen sich daran erfreuen zu können und bildeten ein kleines Grüppchen um uns merkwürdige Neuankömmlinge. Besonders Mara schien ihre Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, was wohl verständlich war, denn unter den scharidischen Besuchern, die wohl zumindest ab und an hier zu sein schienen, war mit Sicherheit kein Elf oder eine Elfe gewesen.

Dann kam die Schamanin zurück auf das Thema: „Woher wissen von Nyusoeto?“
„Wir hörten die Erzählung von eurer Trauer.“
„Ihr gekommen um zu helfen?“
„Ja.“
Die Schamanin nickte langsam. Sie wirkte durchaus erfreut, schien aber weise genug zu sein, nicht allzu viel Hoffnung in ein paar Fremde zu setzen.
„Was hat es mit dem Gorilla auf sich?“, fragte Suena, um zunächst mehr über den Stamm an sich zu erfahren. An diesem Punkt begann ich, die Notizen aus der vorherigen Nacht fortzuführen.
„Gorilla sein Geistvater von Stamm der Nyusoeto. Totem und Beschützer unseres Volkes. Wir machen Geschenke für seinen Schutz.“
„Wir hörten gestern bereits Gesang im Wald.“
„Großes Ritual. Aufnahme von Junge in Welt der Männer. Musste sich würdig erweisen. Dann wird gegessen ein Toter, damit Kraft übergeht in den jungen Körper. Rest ist Spende für den Gorilla.“
„Fordert der Gorilla oft Menschenopfer?“
„Gorilla will nur selten Fleisch der Menschen. Große Gabe für große Hilfe wenn in Zeit von Not. Brauchen Schutz wenn anderer Stamm angreifen.“
„Passiert das oft?“
„Stämme führen immer wieder Krieg. Kämpfe gehören zum Leben.“
„Hm“, machte Suena und hielt einen Moment inne, ehe sie weitersprach. „Glaubt ihr, ein anderer Stamm stiehlt eure Kinder?“
„Nein. Keine Spuren, keine Zeichen. Wir glauben es sein zorniger Geist, der Kinder mitnehme.“
„Wie viele sind denn bisher verschwunden?“
„Vier aus diesem Dorf – und zwölf aus allen Dörfern der Nyusoeto.“
„Wisst ihr, ob andere Stämme ebenfalls Kinder verloren haben?“
„Möglich, aber nicht sicher wissen.“
„Wann werden die Kinder gestohlen?“
„Nachts. Wir glauben, Geist lockt sie mit Zauber. Daher keine Spuren außer kleinen Kinderfüßen.“
„Was könnte so etwas sein?“, fragte ich nach.
Die Schamanin zuckte mit den Achseln während Suena vorsichtig mutmaßte: „Vielleicht eine böse Fee. Sie könnte das zumindest, aber warum sie es tun sollte und ob es hier überhaupt welche gibt …“

Diese Idee blieb zunächst so stehen und die Küstenstaatlerin sprach mit der Schamanin nun erstmal mehr über den Stamm der Nyusoeto und ihre Lebensgewohnheiten. So erfuhren wir, dass man hier bereits arbeitsteilig zu Werke ging und Männer und Frauen bereits feste Rollen besaßen. Dadurch hatten sie auch bereits die Anfänge des Ackerbaus gemeistert und ernteten ein dem Getreide nicht unähnliches Gewächs. Die Männer jagten indes alles Mögliche, mit Ausnahme natürlich des Gorillas und aller weiteren Affen. Haus- oder Nutztiere gab es aber keine im Stammesdorf.
Dann übernahm Uragoth noch einmal die Gesprächsführung. Er tippte sich auf die Brust und sagte: „Uragoth. Häuptling von Nyusoeto.“
„Suena“, stellte sich unsere Begleiterin vor. „Das sind Karim. Dario. Und Mara.“
Der Mann nickte. „Wenn ihr bleiben hier, ihr müssen machen Probe. Beweisen, dass ihr können helfen Nyusoeto.“
„Wie sehen diese Proben aus?“
„Ihr müssen Überleben und Jagen im Wald. Auf Art der Nyusoeto. Dann ihr werdet rauchen Pfeife und aufgenommen in Kreis des Stammes.“
„Was heißt, auf Art der Nyusoeto?“
„Ihr gehen frei.“
„Nackt?“
„Frei wie Nyusoeto!“, beharrte der Häuptling und machte eine eindeutige Geste zu den anderen Stammesangehörigen. Zur Bestätigung zupfte die Schamanin Suena andeutungsweise am Hemd.
„Das würde euch wohl so passen“, zischte Mara und stand auf.
„Du machst nicht mit?“, fragte Dario nach und die Enttäuschung in seiner Stimme war unmöglich zu verkennen. Nicht, dass ich nicht mindestens ebenso enttäuscht war – darüber, dass uns unsere Begleiterin nicht bei den Proben unterstützen wollte, natürlich!
„Nein“, beharrte die Elfe und es blieb dabei. Sie würde den anderen Frauen bei den ihnen zugewiesenen Aufgaben helfen, so die Schamanin. Das tat Mara dann auch, aber wie wir später merkten nur kurzweilig und schon bald zog sie sich zu den Zelten zurück, um den ihr lästigen Aufgaben zu entgehen.

Dario, ich … und auch Suena! Wir erklärten uns bereit, die Probe anzutreten, um anerkannte Gäste oder fast schon Teil des Stammes zu werden. Dahingehend war mir die Tragweite der Proben nicht ganz klar, aber in jedem Fall schien es ein essentieller Bestandteil zu sein, um das Leben im Dschungel des Ikenga-Beckens besser zu verstehen. Und das allein schien mir reizvoll genug. Wir erfuhren nun, dass unsere genaue Aufgabe darin bestand, dass wir ab dem nächsten Morgen für einen Tag und eine Nacht auf uns allein gestellt sein würden. In dieser Zeit sollten wir einen durchaus üppigen Berg an Nahrung – die Form war uns überlassen – anhäufen, der quasi unser Geschenk an den Stamm werden würde.

So warteten wir bis zum Morgen ab, dann entkleideten wir uns – auch Suena – bis auf den Lendenschurz. Die Lidralierin hatte sich, seit wir uns kennengelernt hatten, von den Strapazen, die sie vorher durchlitten hatte, etwas erholt und wirkte nicht mehr ganz so abgemagert. Aber entkleidet wie sie nun war zeigten sich ausgeblasste Narben auf ihrem Rücken. Wer auch immer einst ihr Herr gewesen war, schließlich wies sie ihre Tätowierung als (nun entlaufene) Sklavin aus, hatte nur ein kleines Herz sein eigen nennen können.
Wir gingen sodann ins Dorf und Häuptling Uragoth verkündete feierlich den Beginn unserer Probe. Vorher hatte uns aber noch Mara erzählt, dass sie an einem bestimmten Baum in der Nähe ein paar Rationen versteckt hatte – die Elfe unterstützte uns auf ihre Weise. Das war nicht unbedingt ehrlich, aber wir waren ja auch keine vollwertigen Nyusoeto.

Natürlich holten wir zunächst diesen kleinen Vorsprung ab, den uns Mara verschafft hatte. Dann kreierten wir uns grobe Hilfsmittel, Dario und ich jeweils einen improvisierten Speer und Suena machte aus etwas scharfkantigem Stein eine Art Dolch.
Anschließend teilten wir uns auf und jeder jagte oder sammelte auf seine eigene Weise. Ich für meinen Teil kannte zwar nicht die Lebewesen des Dschungels, doch wer in der kargen Wüste die Verstecke von Tieren ausfindig machen konnte, dem gelang das allemal im Trubel des Urwalds. Es wurde ein anstrengender, aber sehr erfolgreicher Tag und als ich am Abend mit den anderen zusammentraf steuerte ich einen nicht geringen Teil zu unserem gesammelten Essen bei. Wir hatten auf jeden Fall genug und verpackten es in einer improvisierten Trage aus großen Palmblättern, die wir mit einer Liane zusammenbanden und etwas über den Boden an einen Baum hängten. Es wurde nun dunkel, also machten wir uns auch selbst eine Lagerstätte bereit und erwarteten im monotonen Geschrei der Urwaldtiere die Nacht.

Es sollte keine ruhige Nacht werden. Dario stieß mich an und ich zuckte von der primitiven Lagerstätte hoch. Der Araner zeigte nach oben, während er nebenbei auch noch Suena weckte. Seinem Fingerzeig folgend blickte ich auf … und erkannte im Halbdunkel der Nacht vier große Körper, die sich von der Baumkrone absenkten. An haarigen Leibern hingen mehrere Beine und Erinnerungen an die Katakomben des Amazonengrabes stiegen auf: Riesenspinnen. Gleich vier davon.
Fluchend sprang ich auf und griff meinen behelfsmäßigen Speer, der traurigerweise meine einzige Bewaffnung darstellte. Meine Gefährten machten sich mit ihren ebenfalls improvisierten Waffen bereit und wir begrüßten die Spinnen – die all ihre zweiunddreißig Augen auf den Beutel mit unserer Jagdbeute gerichtet hatten – mit ersten schnellen Angriffen. Grünes Blut benetzte den Waldboden, dann waren die Spinnen, groß wie Kampfhunde, bereit und schlugen zurück.

Diese Biester waren verflucht schnell und wir nur erbärmlich ausgestattet. Den ersten Angriffen mit den übergroßen Beißzangen entgingen wir noch, dann traf eine Spinne Dario am Bein, der laut losbrüllte. Zur Antwort stieß er seinen Speer von oben mitten in den Körper der Spinne. Röchelnd und fiepend kippte das Monster zur Seite, doch der Treffer am Knie ließ Dario hinken. Wir wurden indes weiter und weiter zurückgezogen. Die Zahl der Angreifer und ihr plötzliches Erscheinen hatte jegliche Formation unmöglich gemacht, sodass Suena nicht einmal auf ihre magischen Fertigkeiten zurückgreifen konnte. Mehr schlecht als recht fuchtelte sie mit dem Dolch in der Luft herum und versuchte, die Spinne auf Abstand zu halten. Ich gab mein Bestes … doch mit einem Speer hatte ich nur selten gekämpft. Ich dachte daran, wie schnell Dario üblicherweise zustieß und zurückwich, und versuchte es nachzuahmen. Doch ich war zu langsam und für jeden Streiftreffer, den ich landete, rissen mir die Beißzangen die Haut auf. Schließlich erwischte mich das Biest vor mir am Knie und es fühlte sich an, als wäre es in Eiswasser getaucht worden. Mit einem Gefühl der Taubheit darin humpelte ich nur noch und gefühlt wuchs die Spinne vor mir immer weiter an, bis sie die Größe eines Berges angenommen hatte.
Blutstropfen für Blutstropfen verloren wir an Boden und Kraft … dann warf ich mich mit allem, was ich aufbieten konnte, in den Angriff und versenkte den Speer mitten im Maul der Spinne vor mir. Sie starb auf der Stelle … doch nur wenig später ging Dario zu Boden. Gleich zu Beginn von zwei Spinnen bedrängt, dann zeitweise verkrüppelt, hatte er zuletzt nur noch mit schierem Willen eines der Monstren abgelenkt.

Das Biest versuchte sich nun auf den Wehrlosen zu stürzen, was mir die Chance für einen Ausfall bot. Ich riss den Speer frei, den ich gerade versenkt hatte und attackierte die Spinne. Sie wich aus, doch ich erwischte sie gerade noch an einem Bein. Bereits von Dario zwei, drei Mal verwundet, quiekte das Monster auf und huschte in den Schatten des Waldes davon.
Suena ging nun hinter mir in Deckung als wir gemeinsam der letzten Riesenspinne gegenüberstanden. Die Hexe war ebenfalls übel zugerichtet und blutete aus mehreren Wunden. Vor meinen Augen begann zwar bereits die Sicht zu verschwimmen, doch noch konnte ich mich auf den Beinen halten, angreifen … ich stürzte an der Spinne vorbei. Sie biss nach mir – doch Suena war sofort zur Stelle und hackte mit dem Messer auf ein Bein der Kreatur ein. Mit einem hässlichen Knacken traf sie und ich stach noch ein letztes Mal mit dem Speer zu, ehe ich schwach atmend zur Seite kippte.

Nach einigen Momente, vielleicht auch Minuten, konnte ich mich wieder aufrichten. Mein Körper schien dem Gift der Spinnen widerstanden zu haben. Dario und Suena hatten ebenfalls Glück gehabt, doch wir waren am Ende unserer Kräfte. Erschöpft kauerten wir uns zusammen, behielten den Beutel mit Essen im Blick, würden ihn aber nicht mehr verteidigen können.
Die morgendlichen Sonnenstrahlen begrüßten uns und erleichtert humpelten wir mit unserer Beute zurück ins Lager der Nyusoeto. Zuerst sah uns ein Kind und rief laut etwas ins Dorf. Dann kamen die anderen herbei. Die Männer jubelten, als sie das ganze Essen annahmen, die Frauen hauchten uns Küsse auf die Wangen. Dann kam die Schamanin und führte uns in ihre Hütte. Mittels einiger Kräuter und vor allem etwas Magie heilte sie unsere schlimmsten Wunden.

Doch noch waren nicht alle Proben bestanden. Als wir nun wieder einigermaßen bei Kräften waren, führte uns die Schamanin aus dem Dorf heraus zu dem kleinen Ritualplatz des Stammes. Wir sahen dabei auch kurz Mara, die angesichts unserer Wunden nur die Braue hob.
Die weise Frau der Nyusoeto streute Kräuter und seltsame Gewürze in ein kleines Feuer, das daraufhin ungewöhnlich stark zu rauchen begann. Der ganze Platz war so binnen weniger Minuten in einen seltsamen Dunst gehüllt. Dann holte sie eine lange Pfeife hervor und stopfte sie mit einem besonderen Kraut, wie sie uns versicherte. Die Schamanin entzündete die Friedenspfeife am kleinen Feuer, nahm einen ersten, tiefen Zug und gab sie dann weiter. Dario nahm den scharfen Rauch tief ein, Suena ebenfalls und ich folgte. Wir husteten immer wieder, doch Runde für Runde ließ es nach. Erst allmählich merkten wir, wie die Sterne wieder aufgegangen waren. Und noch etwas später erst, dass Suena sich krümmte und voller Angst neben uns wandte. Doch die Schamanin beruhigte sie mit ein paar Worten und nachdem sie der Lidralierin einen seltsamen Trunk verabreicht hatte, schlief sie ruhig ein. Aber nichtsdestotrotz … wir drei waren jetzt vollwertige Mitglieder der Nyusoeto.

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