Der Spuk im Corbitt-Haus

Eine Cthulhu-Rollenspiel-Geschichte (Spoiler für das Abenteuer: Spuk im Corbitt-Haus)

Montag, 20. Juni 1921

Paul Sinclair betrat das ihm vertraute Café in der Richmond-Road von Boston. Eigentlich ein Pub, verdiente es den Namen kaum noch, bekam man doch hier – wie überall in den Staaten – seit etwa einem Jahr keinen Tropfen Alkohol mehr. Zumindest offiziell. Über Gebühr nahm der kleine Freundeskreis, mit dem sich Paul Sinclair hier regelmäßig traf, daran jedoch keinen Anstoß.
„Ah, Paul!“, rief ein großer, gut trainierter Mann von einem Tisch und winkte ihm zu. Der Mann nahm seinen Hut ab und setzte sich neben Robert Rock, einem Profi-Golfer, der tatsächlich von Geburt an so hieß. Am Tisch saß noch Larry Wayne, ein Jazz-Musiker. Sie alle waren um die dreißig und kannten sich recht gut. Larry und Paul entstammten demselben, eher kleinen Städtchen, das sich Hyannis nannte, und hatten sich hier in Boston wiedergetroffen. Mit Robert verband Paul zunächst eine geschäftliche Beziehung – der Golfer interessierte sich, vielleicht zu sehr für seinen derzeitigen Geldbeutel, für Antiquitäten. Und ebenjene hatte der Händler reichlich im Angebot.
„Wann kommt Lucy?“, fragte er und zündete sich wie die anderen beiden eine Zigarette an.
„Ihre Schicht müsste zu Ende sein“, antwortete Larry. „Als du gestern Abend schon gegangen warst, sagte sie, sie bringt jemanden mit. Ein gewisser Steven Knott, der gerne mit uns sprechen würde.“
„So? Was kann er von uns wollen?“
„Vielleicht ein Autogramm“, scherzte Robert … und wünschte sich vielleicht insgeheim, dass es so war.


Doch weiter mussten die drei gar nicht rätseln. Die Tür schwang auf und Lucy Quinn, eine hübsche junge Frau, trat zusammen mit einem etwas farblosen Mann ein, der leicht älter als das Trio zu sein schien. Lucy, etwa zehn Jahre jünger als Paul, Robert und Larry, gehörte selbstverständlich zu dem Quartett. Den Golfer hatte sie, ihre Berufung war Krankenschwester, bereits medizinisch betreut und bei seiner eigenen Faszination für die Medizin unterstützt, Larry und Paul kannte sie von den Abenden im Café, wenn der Musiker mal aufgetreten war. Entwickelt hatte sich eine lockere, aber gute Freundschaft.
„Hallo“, begrüßte sie die Runde und setzte sich dazu. „Das hier ist Steven Knott, ein Bekannter von mir.“
„Guten Tag, die Herren“, grüßte auch er und nahm den Hut ab, ehe er Platz nahm.
„Paul Sinclair, Antiquitätenhändler.“
„Robert Rock.“
„Larry Wayne.“
„Lucy hat sehr von Ihnen geschwärmt. Sie meinte ihre Fertigkeiten im Umgang mit Menschen, sportlichen Herausforderungen oder auch der Bibliothek seien derart bunt gemischt und gut sortiert, dass Ihre Runde durchaus eine kleine Aufgabe übernehmen könnte …“
„Eine Aufgabe?“, hakte Paul ein und hob die Braue. „Das klingt nach einer Sache für Privatdetektive.“
„Es ist dem nicht unähnlich, aber die Aufgabe hat keinen Ruch an sich, da müssen Sie nichts befürchten. Nein, es geht vielmehr darum, dass mein Großvater jüngst verstorben ist. Seine Hinterlassenschaften umfassen auch den Besitz eines alten Hauses, das ich nun gerne verkaufen würde.“
„Brauchen Sie Käufer oder Schätzer?“, warf Robert ein.
„Zunächst einmal weder noch. Denn es könnte sich als schwierig erweisen, das Gebäude zu veräußern. Diejenigen, die sich darüber informieren, stoßen, nun … recht rasch auf abergläubiges Geschwätz, will ich meinen. Es haben sich einige betrübliche Ereignisse in dem Haus abgespielt und das wirft natürlich ein übles Licht auf die Immobilie.“
„Welcher Art waren die betrüblichen Ereignisse?“, fragte Paul nach.
„Als er noch lebte, erzählte mir mein Großvater die jüngste Geschichte. Vor etwa drei Jahren lebte eine Familie dort zur Miete. Sie sind alle bei einem tragischen Unfall ums Leben gekommen, sagte er.“
„Wie groß war die Familie?“
„Wenn ich mich recht erinnere … Eltern und ein Kind. Oder so. Es ist schon lange her, dass er mir davon erzählte. Aber an den Namen kann ich mich erinnern: Macario.“
„Was genau wäre denn jetzt unsere Aufgabe?“, fragte Larry dazwischen, um das Gespräch wieder etwas in seine Bahn zu lenken.
„Ich würde Sie vier bitten, dieses Haus und seine Geschichte einmal näher unter die Lupe zu nehmen. Vielleicht finden Sie in den Archiven des Boston Globe oder der Stadt Berichte oder Unterlagen, die den schlechten Ruf untermauern – oder widerlegen. Ich hätte gerne etwas in der Hand, um einen künftigen Käufer beruhigen zu können. Vielleicht ist auch die Stadtbibliothek ein geeigneter Ort, um irgendetwas herauszukriegen.“
„Sie sagten, es sei ein altes Haus?“, griff Paul wieder etwas auf, das ihn besonders interessierte.
„Ja, ziemlich alt.“
„Beinhaltet es vielleicht einige Raritäten? Ich wäre sehr interessiert, Ihnen womöglich einen guten Preis dafür zu machen.“
„Das … können wir gerne in Angriff nehmen. Aber vielleicht sollten wir das Pferd nicht von hinten aufzäumen. Daher zurück zu meinem Angebot: Natürlich will ich Ihre Zeit nicht einfach so vereinnahmen.“
Und mit diesen Worten legte Mr. Knott einen Umschlag auf den Tisch, aus dem sichtbar fünfundzwanzig Dollar herauslugten. Eine stattliche Summe.
„Das ist meine Anzahlung an Sie. Ich werde es gerne noch aufstocken, wenn Sie mir bald mit Hinweisen dienlich sein können.“
„Ich denke, Steven, das klingt nach einem guten Vorschlag“, erklärte Paul Sinclair und die anderen drei nickten ebenfalls.
„Werden Sie uns bei den Recherchen begleiten?“, fragte Robert nach.
„Wenn Sie nichts dagegen einzuwenden haben, würde ich das gerne tun. Es wird vielleicht nicht uninteressant!“
Damit war es ausgemacht – zu fünft verbrachten sie den Abend im Café und verabredeten sich für den nächsten Morgen gleich für ein Treffen beim Boston Globe, der wohl angesehensten Zeitung der Stadt. Lucy Quinn würde später dazu stoßen, denn im Gegensatz zu dem Bohème-Leben der Herren hatte sie geregelten Arbeitszeiten Folge zu leisten.

Dienstag, 21. Juni 1921

Mit Kutschen fand das Quartett am nächsten Morgen seinen Weg zum Bürogebäude des Boston Globe. Dem Namen entsprechend hatte man eine stilisierte Weltkugel auf dem Dach platziert – ein Name, der zudem in goldenen Lettern über dem Eingang des Gebäudes prangte.
Sie traten ein und landeten direkt in einem geschäftigen Großraumbüro. Das Klicken und Klacken dutzender Schreibmaschinen hallte ihnen entgegen, während vorne an einem Schreibtisch eine etwas ältere Dame saß und die Neuankömmlinge beäugte.
„Guten Tag, wie kann ich Ihnen helfen?“
„Wir würden gerne das Boston Globe Archiv einsehen“, erklärte Larry.
„Und warum sollten wir Ihnen Zutritt gewähren? Wir sind ja keine öffentliche Bibliothek.“
„Sehen Sie, es geht um eine kleine Nachforschung, die wir derzeit verfolgen. Wir würden gerne einige alte Artikel ihrer Zeitung zu einem gewissen Haus in Augenschein nehmen“, erklärte der Musiker.
„Genauer gesagt, das Corbitt-Haus“, ergänzte Steven Knott.
„Hm, davon weiß ich nichts. Es ist wohl das Beste, wenn Sie mit Mr. Wilmot sprechen. Wenn Sie mir folgen würden“, erklärte die Frau und stand auf. Sie führte die Herren durch das große Büro, an dessen Seiten mehrere abgeteilte Räume für höheres Personal Arbeitsfläche bot. Fast am Ende hielt sie inne, klopfte an eine Tür und öffnete sie nach entsprechender Aufforderung von innen.
„Mr. Wilmot, hier sind vier Herren, die gerne das Archiv durchsuchen würden. Es gehe um ein gewisses Corbitt-Haus“, stellte die Sekretärin das Anliegen vor.
„Aha“, machte Mr. Wilmot und sah die vier an, die nun eintraten. „Danke, Ruth.“
Damit war sie entschuldigt und ließ die vier Hobby-Ermittler mit dem etwa vierzig Jahre alten Mr. Wilmot allein.
„Ich fürchte, ich muss Sie enttäuschen, aber ich habe noch nie von diesem Haus gehört. Ich bin sicher, es würde mir etwas sagen, wenn diese Zeitung bereits einmal darüber berichtet hätte. Warum hätte es überhaupt Berichte geben sollen?“, zeigte der Mann sich zunächst etwas verwundert.
„Es gab einen Trauerfall vor einigen Jahren. Ein Unfall mit tödlichem Ausgang“, begann Paul. „Und das ist wohl nur die Spitze des Eisbergs. Es gibt einige Gerüchte über das Corbitt-Haus.“
„Nun, sehen Sie, der Boston Globe beschäftigt sich mit ernsthaften Nachrichten. Nicht mit irgendwelchem Klatsch. Und Unfälle gibt es, leider, leider, allzu oft in dieser Stadt.“
„Und Tote?“
„Ja, auch die“, beharrte Mr. Wilmot.
„Ich hätte eine Idee“, schlug plötzlich Robert vor. „Wir liefern ihnen eine Story. Lassen Sie uns nur kurz im Archiv nachsehen, wenn wir nichts finden, haben nur wir etwas Zeit verloren. Aber falls wir etwas finden, erhalten sie frei Haus eine Geschichte über das Corbitt-Haus und seine fragwürdige Vergangenheit!“
„Eine Story also? Über was? Eine staubige Hütte?“
„In der es einen oder vielleicht schon mehrere Unfälle gab. Wer weiß, vielleicht wurde beim Bau gepfuscht? Vielleicht hat die Stadt ihre Aufsichtspflicht vernachlässigt und das Haus ist schon lange baufällig … das wäre doch eine Nachricht, die dem Boston Globe würdig wäre“, sprang Paul Sinclair seinem Freund zur Seite.
„Hm“, machte Mr. Wilmot und überlegte einen Moment, den Steven nutzte, um Paul zuzuzischen: „Was soll das? Ich will das Haus noch verkaufen, da brauche ich keine Schlagzeilen!“
„Ganz ruhig“, erwiderte Paul flüsternd. „Wir sollen doch herausfinden, was es mit dem Haus auf sich hat. Da wird schon nichts Schlimmes bei rauskommen, also gibt es auch keine Schlagzeilen.“
„Aber warten Sie einen Moment“, sagte Mr. Wilmot plötzlich. „Kenne ich Sie nicht?“
Robert Rock sah nach links und rechts als würde nicht gerade der Zeigefinger des Redaktionschefs auf ihn gerichtet sein. „Was? Mich?“
„Ja, Sie! Sie sind doch Robert Rock, dieser Profi-Golfer, über den wir bei den letzten U.S. Open berichtet haben! Sie waren betrunken gewesen!“
„Und? Ich habe trotzdem einen sehr ordentlichen Platz belegt!“
„Eine Schande sind Sie für den Golfsport! Ich bin selbst passionierter Golfer, aber unseren Sport wird niemand mehr ernst nehmen, wenn solche Trunkenbolde wie Sie daran teilhaben!“
„Eine Schande? Sie habe ich noch nie auf einem großen Turnier gesehen!“, protestierte Robert lautstark – und ungeschickt.
Da ging Paul dazwischen: „Beruhigen wir uns doch etwas. Wir hatten doch gerade einen Deal ausgemacht, was kümmern uns da die alten Jugendsünden? Mr. Wilmot, Sie waren doch bestimmt auch einmal so jung und, ähm, übereifrig, wie unser Robert hier. Geben Sie ihm noch etwas Zeit, sich die Hörner abzustoßen.“
„Ach, meinetwegen“, fluchte der Mann vom Boston Globe. „Gehen Sie zu Ruth, sie soll Sie ins Archiv bringen. Aber Robert, eines will ich Ihnen sagen: Noch einmal so ein Exzess auf dem Golfplatz und ich nehm’ Sie persönlich ins Visier!“
Dem erhobenen Zeigefinger entflohen die vier rasch durch die Tür und ließen sich von Ruth, der Sekretärin, in den Keller des Hauses bringen. Dort reihten sich dutzende deckenhohe Schränke aneinander, angefüllt mit abertausenden alter Rechercheakten und veröffentlichter wie unveröffentlichter Artikel.
„Du meine Güte“, machte Paul. „Wie ist das denn sortiert?“
„Nun, nach Straßen möchte ich meinen“, erklärte sie knapp.
„Na dann, Steven, weise uns den Weg.“
Der frischgebackene Hausbesitzer tat wie ihm geheißen, dann konnte der Antiquitätenhändler sein Werk beginnen. Tatsächlich hatte er eine Zeit lang Geschichte studiert und war ohnehin des Berufs wegen mit Recherchen vertraut. Larry unterstützte ihn tatkräftig, während Robert und Steven eher des Zeitvertreibs wegen und auch etwas lustlos in den Akten blätterten.

Nach etwa einer Stunde entdeckte Paul Sinclair schließlich einen unveröffentlichten Artikel des Globes über das Corbitt-Haus. Er studierte das, was mehr eine Sammlung von Stichpunkten war, und wandte sich an seine Freunde.
„Hier, ein unveröffentlichter Artikel von 1918. Darin wird von mehreren Vorkommnissen berichtet. Zunächst soll 1880 eine französische Einwandererfamilie in das Haus gezogen sein. Es folgte eine Serie brutaler Unfälle, die den Eltern das Leben kostete während drei Kinder verkrüppelt wurden. Daraufhin blieb das Corbitt-Haus eine Weile leer, ehe sich 1909 eine neue Familie einmietete. Schnell erkrankten mehrere von ihnen und 1914 beging dann der älteste Bruder, nachdem er den Verstand verloren hatte, mit einem Küchenmesser Selbstmord. Seine Angehörigen zogen unvermittelt aus. 1918 folgten dann die Macarios, die aber … Steven sagtest du nicht, sie hatten einen Unfall?“
„Das war, was mein Großvater erzählt hatte. Vielleicht hatte er sich geirrt, oder ich erinnere mich falsch …“, der frischgebackene Hausbesitzer zuckte mit den Achseln.
„Warum ist der Artikel unveröffentlicht? Das klingt doch eigentlich nach einer soliden Gruselgeschichte“, meinte Robert.
„Weswegen der Globe es nicht in seiner Zeitung haben wollte“, mutmaßte Larry. „Den hiesigen Ansprüchen war das wohl nicht seriös genug.“
„Aber über betrunkene Sportler berichten“, raunte Robert.
„Steht denn da, wer den Artikel geschrieben hat? Vielleicht weiß er noch mehr“, fragte Larry Paul.
„Hier ist ein Jeremy Murray vermerkt. Vielleicht weiß Ruth mehr.“
Die vier gingen also wieder hoch zur Sekretärin und fragten nach dem Redakteur.
„Oh, Mr. Murray arbeitet nicht mehr hier. Er wurde vor einem Jahr entlassen.“
„Weswegen?“
Ruth sah nach links und rechts und beugte sich dann verschwörerisch zu den vier hinüber. „Er war … ‚geistig‘ nicht mehr ganz richtig. Untragbar.“
„Oh je. Könnten Sie uns aber vielleicht dennoch die zuletzt hinterlegte Adresse raussuchen? Wir würden gerne mit ihm sprechen“, fragte Paul nach.
„Natürlich. Wollen die Herren währenddessen Kaffee trinken?“
„In etwa einer Stunde gerne“, antwortete Larry und wandte sich an seinen Freund aus Hyannis. „Wir können ja noch nach diesem „Corbitt“ selbst im Archiv suchen.“
„Gute Idee“, erwiderte der und gemeinsam stiegen sie wieder die Stufen zum Keller hinab. Robert und Steven begaben sich indes etwas früher zu einer Tasse Kaffee.

Die beiden im Archiv hatten jedoch wenig mehr als den Namen an der Hand und so wunderten sie sich kaum, dass sie nichts fanden. Allerdings machte Larry dabei eine sehr interessante Beobachtung.
„Der älteste Artikel hier ist gerade einmal von 1878. Die Zeitung gibt es doch schon viel länger!“
„Wahrscheinlich werden sie die älteren Sachen ausgelagert haben. Sonst quillt hier ja irgendwann alles über mit alten Zeitungen“, überlegte Paul. Larry blieb aber neugierig und als sie wieder nach oben gingen, fragte er bei Ruth nach.
„Oh, das ist Ihnen aufgefallen? Hm, nun, es gab hier vor etwa vierzig Jahren einen Brand, bei dem alle älteren Unterlagen zerstört wurden.“
„Ein Unfall?“, schaltete sich Paul neugierig ein.
„So heißt es. Ich hatte damals noch nicht hier gearbeitet, kann Ihnen also nicht mehr sagen. Ach, ich habe übrigens auch die Adresse von Jeremy Murray rausgesucht. Er wohnte zuletzt in der 20th Street 36. Und wie hätten Sie nun gerne Ihren Kaffee?“
Für Paul schwarz, für Larry mit Milch und Zucker und Robert nahm noch einen – ebenfalls schwarz.

Wie sie so dasaßen, ging Paul wieder der Artikel durch den Kopf beziehungsweise die Stichpunkte für einen Artikel.
„So viele Unfälle. Das ist schon etwas unheimlich.“
„Wirst du jetzt doch abergläubig, Paul?“, neckte ihn Robert.
„Ach, Quatsch. Aber ich finde, es sollte eine gewisse Vorsicht geboten sein. Ich würde überrascht werden und sei es nur von einem baufälligen Gebäude.“
„Mein Großvater wird es schon nicht dem Verfall überlassen haben“, setzte Steven dem Verdacht entgegen. Was, aus Pauls Sicht, nicht gerade beruhigte. Denn damit schien die naheliegende und gewöhnliche Erklärung schon einmal ausgeschlossen.

Nachdem sie ausgetrunken hatten, nahmen sie eine Kutsche und fuhren zum Stadtarchiv. Es hatten sich einige Fragen zwecks des Hauses und auch seines Besitzers angehäuft. Zudem erschien es nicht unwahrscheinlich, dass der Todesfall von 1914 polizeiliche Untersuchungen nach sich gezogen hatte.
Die vier stiegen mit gemischten Gefühlen die lang gezogenen Stufen zu dem altehrwürdigen Gebäude auf, dessen Front mit Säulen versehen war.
Hier war es freilich leichter, genau genommen unbegrenzt, möglich, die verschiedenen Informationen einzuholen. Larry und Paul durchsuchten zunächst die Chronik der Gerichtsurteile aus dem Jahr 1914, während Robert und Steven nach einer Weile ein Telefon suchten. Der Profigolfer versuchte Lucy zu erreichen, deren Schicht bald enden müsste, konnte aber lediglich eine Nachricht hinterlassen. Er bat sie schon einmal darum, sich nach Möglichkeit die Krankenakten der Toten anzusehen – oder Ausgezogenen. Bei den Macarios schien die Sachlage da nicht sicher. Dazu meldete er sich an, sie im Krankenhaus abzuholen.
Larry und Paul fanden indes keine Akte zu dem Selbstmord und wandten sich daher bald den Grundbüchern zu, wo sie einen Vermerk zum Corbitt-Haus ausfindig machen konnten. Diesen Angaben zufolge wurde es 1835 von einem nicht näher genannten, aber scheinbar begütertem Kaufmann errichtet. Es folgte jedoch rasch eine Krankheit und er verkaufte das Haus dann an den wohlgeborenen Mr. Walter Corbitt. Dieser habe das Gebäude dann selbst bewohnt, bis zu seinem Tod im Jahr 1866. Nebenbei fand Paul noch heraus, dass der Mann 1790 geboren worden war. Über eine Ehe, Kinder oder andere familiäre Bindungen ließ sich indes nichts entdecken.

Mit diesen Informationen trafen sich die vier wieder in der Vorhalle.
„Ich denke, ich fahre dann zu Lucy, um sie abzuholen“, schloss Robert. „Dann können wir überlegen, wie wir weiter verfahren.“
„Steven, weißt du, wann dein Großvater das Haus erstanden hat?“
„Ich bin mir nicht ganz sicher, aber im Büro habe ich alle Unterlagen. Da werden wir das schnell finden.“
„Sehr gut, dann würde ich dich begleiten. Vier Augen gehen die alten Verträge schneller durch als zwei.“
Dem schloss sich noch Larry an, während Robert mit einer Kutsche zum Massachusetts General Hospital – wo er allerdings noch eine Weile warten musste, bis Lucy zu ihm herauskam.

Die junge Krankenschwester hatte indes seine Nachricht erhalten und suchte in den Krankenakten des Jahres 1918 den Namen Macario. Es dauerte eine Weile, aber schließlich fand sie eine braune Mappe, die den Aufenthalt des Ehepaares dokumentierte. Gabriela und Vito Macario, 40 und 42 Jahre – beide psychisch labil und schließlich ins Roxburry-Sanatorium überwiesen. Mit dieser Information an der Hand, traf sie Robert vor dem Hospiz.
„Dann lass uns doch gleich dorthin fahren und sehen, was wir herausfinden können. Die anderen sehen sich noch ein paar Akten in Stevens Büro an“, schlug Robert vor.
„Zumindest haben wir zwei auch ein paar Grundkenntnisse“, ergänzte Lucy. Damit war es beschlossen und ausgemacht, die zwei nahmen eine weitere Kutsche und fuhren zum Roxburry-Sanatorium.

Das farblose Gebäude warb mit keiner großen Aufschrift für sich, nur ein kleines Schild neben der Eingangspforte gab dem verwunderten Besucher Auskunft. Doch wer an der Seite vorbei in den Innenhof spähte, sah einige, wenige Menschen in Rollstühlen in der Sonne sitzen, beaufsichtigt von zwei kräftigen Männern in weißen Hemden. Die Seitenfassade hatte indes einige Fenster – am weitesten weg von der Straße waren jene mit Gittern davor.
Lucy und Robert traten durch die Eingangstür ein und wurden von einer von zwei Sekretärinnen am Empfang begrüßt.
„Wie kann ich Ihnen helfen?“
„Guten Tag, ich würde gerne Verwandte besuchen“, behauptete die junge Krankenschwester. „Die Macarios.“
„Ach, die Macarios also“, entgegnete die Frau etwas schmallippig. „Wissen Sie denn wenigstens deren Vornamen, so als Verwandte?“
„Natürlich“, entgegnete Lucy und glücklicherweise fiel ihr der Name, den sie auf der Akte gelesen hatte, wieder ein. „Gabriela und Vito Macario!“
„In Ordnung. Verzeihen Sie meine Nachfrage, aber wir müssen natürlich sehr auf die Privatsphäre unserer Patienten achten. Wen der beiden würden Sie denn gerne besuchen?“
„Sind sie nicht im selben Zimmer?“, wunderte sich Robert.
„Nein, sie sind getrennt untergebracht. Ihm … geht es nicht gut.“
„Dann würden wir gerne erst zu ihr, zu Gabriela.“
„Folgen Sie mir, bitte“, sagte die Frau und stand auf. Sie führte Lucy und Robert durch einen großen Saal, in dem mehrere Betten für die scheinbar „leichteren“ Fälle standen. Einige lasen einfach nur, manche wirkten ganz apathisch. Zwei waren sogar fixiert, wirkten aber auch gerade nicht so, als würden sie dies bemerken. Sie stierten ins Leere. Überwacht wurde die Szenerie von mehreren muskulösen Männern, die ihre Schäfchen ganz genau im Auge hatten.
Gabriela Macario war in einem Zweibettzimmer untergebracht, ihre Zimmergenossin war aber gerade nicht da. So konnten sie ungestört mit ihr reden, nachdem die Sekretärin sie allein gelassen hatte.

Die Frau stand am Fenster und blickte hinaus. Sie war eigentlich nicht sehr alt, wirkte aber ungewöhnlich blass und das Haar wies etliche graue Strähnen auf, während es ihr wirr vom Kopf hing.
„Gabriela?“, fragte Lucy.
„Ja?“, kam die leise Antwort zwischen kaum geöffneten Lippen empor. Langsam drehte sich Gabriela zu ihrem Besuch um.
„Wir sind … Freunde. Wir hätten einige Fragen.“
„Wo ist Vito?“, fragte die Patientin stattdessen. Ihre Stimme war seltsam schwach und die Frau schien sich kaum darauf zu konzentrieren. Es war, als wäre ihr Geist gerade bei etwas ganz anderem.
„Er ist in einem anderen Zimmer“, antwortete Lucy.
„Geht es ihm denn gut? Geht es meinem Vito gut?“
„Äh …“, die Krankenschwester sah kurz verunsichert zu Robert, der die Achseln zuckte. Nichts davon fiel Gabriela auf, also sagte Lucy einfach: „Ja, es geht ihm gut.“
„Oh, das ist schön. Sind unsere Söhne bei ihm? Er liebt seine Söhne so sehr!“
„Wie alt sind denn eure Kinder?“
„Der eine ist vierzehn, unser Ältester ist fünfzehn. Sind sie bei ihm?“
„Ja, ja, sie sind bei ihm. Warum seid ihr denn eigentlich ausgezogen aus eurem Haus?“
„Oh“, machte Gabriela wieder und setzte sich auf ihr Bett; eine schlichte, weiße Matratze auf einem eisernen Gestell.  „Das war nicht so schön. Muss ich darüber reden?“
„Nur ein bisschen, soweit du kannst“, versuchte Lucy behutsam zu bleiben. „Was ist passiert?“
„Das Haus …“, sagte die Frau und senkte ihre Stimme dann noch weiter, sodass ihre Besucher ganz nah herankommen mussten. „Das Haus ist böse gewesen!“
„Böse?“, fragte Robert. „Was hat es getan?“
„Es kam … in der Nacht. ES hat sich über mich gebeugt … es war so schlimm!“, stammelte die Frau und begann zu zittern. Der Golfer legte ihr einen Arm um die Schulter und langsam beruhigte sie sich.
„Was war es?“, fragte er dann nach.
„Ein Wesen. Es war so zornig. Das Haus war so zornig!“
„Aber was …“
„Ich weiß es nicht, bitte … ich habe Durst. So viel Durst.“
„Ich hole dir etwas zu trinken“, sagte Robert und stand auf.

Außerhalb des Zimmers sah der Golfer einen Krankenpfleger und fragte ihn nach einem Glas Wasser. Der sah ihn skeptisch an und meinte: „Aber doch nicht für einen Patienten? Ein Glas in ihren Händen schon gefährlich sein.“
„Nein, nein“, wiegelte der Mann ab. Wie er so dastand, mit seinem ausgewählten Anzug und der geraden Statur schien er den Pfleger überzeugen zu können und der überließ ihm ein Glas. Robert kehrte damit zurück und gab Gabriela langsam daraus zu trinken … sie nahm ein paar gierige Schlucke, dann schien sie sich wieder etwas gesammelt zu haben.

„Gabriela, wohnen deine Kinder auch hier?“, fragte Lucy nun weiter nach
„Hier? Nein. Sie kommen uns nur besuchen.“
„Wo wohnen sie denn?“
„Nicht hier!“, stellte die Frau fest. „Bei meiner Tante! Da geht es ihnen sehr gut.“
„Kommen sie oft hierher?“
„Ja … nein … sie waren eine Weile nicht hier. Sind sie bei Vito?“
„Äh, klar. Natürlich sind sie bei Vito. Sie kommen bestimmt auch wieder zu dir.“
„Das ist schön.“
„Ich denke, das wäre alles“, meinte Lucy dann sowohl zu Gabriela als auch zu Robert. Der wandte sich noch ein letztes Mal an die Patientin des Roxburry-Sanatoriums: „Hast du hier alles, was du brauchst?“
„Ja, es geht mir gut hier“, sagte sie leise.
„Gebe es nicht noch etwas Kleines, das dich freuen würde?“
„Hm …“, machte die Frau während sie überlegte. Dann erhellte sich ihr Gesicht ein wenig. „Blumen wären schön. Solche, wie wir sie im Garten haben. Rosen.“
„Ich werde dir welche schicken“, sagte der Golfer und drückte die Frau an der Schulter. Dann verließ er mit Lucy zusammen das Zimmer und gemeinsam gingen sie zur Rezeption.

„Welche Diagnose hat man bei Gabriela festgestellt?“, forschte die Krankenschwester bei der Empfangsdame weiter nach. Die schlug daraufhin kurz die Akte auf und sagte dann: „Eine Psychose. Sie hat Angstzustände, zuweilen sogar Panikattacken. Aber das ist noch harmlos … verglichen mit ihrem Mann.“
„Ist es so schlimm bei, ähm … Vito?“
„Ohne Medikamente wäre er nur am Schreien. Den ganzen Tag, die ganze Nacht. Und unglaublich aggressiv.“
„Oder wegen den Medikamenten?“, meinte Robert, während er die Brauen etwas hob und leicht zu näseln begann. „Ich habe ja jüngst von einer Studie gelesen, dass eine Dauermedikation mit gewissen …“
„Ich verbitte mir doch sehr, dass Sie die Kompetenz unserer Ärzte infrage stellen!“, brauste die Frau auf. „Wir im Roxburry-Sanatorium haben nur das Beste für unsere Patienten im Sinn. Und Vito Macario hätte sich oder anderen ohne etwas Beruhigung bereits etwas angetan.“
„Können wir ihn sehen? Oder ist es zu gefährlich?“, klinkte sich Lucy wieder ein, bevor Robert weiter mit seinem laienhaften Wissen über Reformmedizin Unruhe verbreitete.
„Sie können ihn natürlich besuchen. Er ist gerade sehr … ruhig. Folgen Sie mir.“

Und wieder gingen die beiden der Dame nach, die sie zu einem Seitenflügel des Gebäudes führte. Ohne Zweifel waren hier die schweren Fälle untergebracht. In einem großen Saal waren einzelne Abteile durch weiße Vorhänge abgetrennt, sodass man keinen Gesamtüberblick gewinnen konnte – doch Fixierungen und stiere Blicke ließen sich immer wieder durch einen Spalt erhaschen. Als eine Krankenschwester aus einem Abteil herauskam, las Robert auf dem Patientenklemmbrett von einem angesetzten Lobotomie-Termin. Es lief ihm eiskalt den Rücken herunter.
In einem solchen „Zimmer“ fanden Lucy und er dann auch Vito, der auf einem Rollstuhl saß. Er war mit dem Gesicht zu einem vergitterten Fenster geschoben, sodass er hinaussehen konnte, auf die Fassade des Nachbargebäudes.
„Hallo, Vito?“, begrüßte Lucy ganz vorsichtig den Mann. Dabei fiel ihr auf, dass er mit beiden Händen ein Buch umklammert hatte, das ihm auf dem Schoß lag. Es war eine Bibel.
Langsam drehte der Mann seinen Kopf zu dieser Frau, die ihn da ansprach. „H-h-hallo“, kam es stockend mit rauer Stimme.
„Wie geht es dir?“
„Morgen gut, heute schlecht“, war die Antwort und der Mann kicherte leicht. Die Krankenschwester, die diesmal hiergeblieben war, schüttelte nur den Kopf, als Lucy sie fragend anblickte.
„Vito … wir sind hier, wegen dem, ähm – dem Haus. Woran kannst du dich erinnern?“
Der Mann warf sich gegen die Rückenlehne seines Rollstuhls und schrie auf. Seine Augen weiteten sich, während sich sein ungewöhnlich faltiges Gesicht verzerrte sich. Und bevor noch jemand einschreiten konnte, sprang der Mann auf und schlug die Bibel auf. Auf der Seite, auf die Vito nun deutete stand geschrieben: „In diesem Augenblick brach in den Städten Tarsus und Mallus ein Aufstand aus, weil sie Antiochis, der Nebenfrau des Königs, als Geschenk vermacht worden waren.“

Und noch ehe sich jemand über die Auswahl jenes Verses wundern konnte, sagte der Patient des Roxburry-Sanatoriums etwas gänzlich Unabhängiges davon: „Durch seine eigene Waffe wird der Teufel sterben!“
Dann sackte er zurück in den Stuhl und schien ohnmächtig geworden.
„Ich muss Sie jetzt leider bitten, zu gehen“, sagte die anwesende Krankenschwester des Sanatoriums. „Sie sehen ja, wie es um Mr. Macario bestellt ist.“

Fast am anderen Ende der Stadt wühlten sich indes die Herren Knott, Sinclair und Wayne durch die Unterlagen des verstorbenen Großvaters Knott. Sie stießen auf den Kaufvertrag, der 1870 zwischen Hermann Knott und der Stadt Boston infolge einer Auktion geschlossen worden war. Daraus wiederum ließ sich ableiten, dass nach dem Tod Walter Corbitts im Jahr 1866 scheinbar niemand ein testamentarisches Anrecht in Anspruch genommen und das Gebäude in der Folge in den Besitz der Stadt übergegangen war.
Da die drei mutmaßten, dass diese kurze Nachforschung nicht so lange dauern dürfte, wie der Besuch im Roxburry-Sanatorium, gingen sie zurück zum Stadtarchiv. Entschlossen, die Zeit effektiv zu nutzen suchten sie nun nach einem Testament von Walter Corbitt. Dass er keine Verwandte oder nahe Freunde hatte, die sein Haus hätten übernehmen können, schloss anderweitige Wünsche ja nicht aus.

Und sie wurden fündig: als besonderer Wunsch war im Testament Walter Corbitts festgehalten worden, dass er im Keller seines eigenen Hauses beerdigt werden wolle. Diese Forderung war doch sehr sonderbar – so verwunderte es kaum, dass sich auch eine Klage fand, die eine Vollstreckung dieses letzten Wunsches verhindern wollte. Über ein Ergebnis der Gerichtsverhandlung war jedoch nichts zu lesen.
„Ob er tatsächlich in diesem Haus beerdigt wurde? Und noch immer im Keller liegt?“, überlegte Larry Wayne, während sich Steven Knott schüttelte.
„Ich hoffe nicht! Das wäre besorgniserregend …“
„Es gab übrigens noch eine Klage gegen den Mann“, stellte Paul Sinclair fest. „Sie ist schon etwas älter und forderte, dass Corbitt das Haus verlässt. Er sei durch unzüchtiges und angsterweckendes Treiben in den Nächten aufgefallen.“
„Nichtsdestotrotz lebte er bis 1866 dort“, merkte Larry an.
„Ja, er scheint Glück vor dem Gericht gehabt zu haben. Oder die Menschen wenig handfeste Beweise. Mit Angst allein lässt sich kein Schuldspruch begründen“, überlegte Paul weiter. „Aber auf jeden Fall scheint etwas mit diesem Corbitt ganz entschieden nicht in Ordnung gewesen zu sein.“
„Hier steht noch, dass der Testamentsvollstrecker ein gewisser Reverend Michael Thomas gewesen sei“, wies der Jazz-Musiker seinen Jugendfreund aus Hyannis auf einen weiteren losen Faden hin. Sogleich begannen die beiden Informationen über diesen Mann einzuholen, der, wie sich bald herausstellte, nicht zu einer der großen Konfessionen gehörte, sondern zu einer kleineren Sekte. Sie hatte sich einen äußerst seltsamen Namen gegeben: das „Gotteshaus der Einkehr und Kirche unseres Herrn, des Offenbarers der Geheimnisse“. Die zugehörige Kapelle war 1912 geschlossen worden.

Das machte die Ermittelnden misstrauisch und sie forschten weiter nach. Schließlich entdeckten sie eine Reihe verschiedener Gerichtsunterlagen, die jedoch nur ein ungenaues Gesamtbild ergaben. Entscheidende Teile schienen … zu fehlen. Andere Berichte waren seltsam knapp und ließen wichtige Details außen vor. Mühsam schlüsselte Paul mithilfe Larry das Geschehen auf und gemeinsam rekonstruierten sie einigermaßen, was 1912 geschehen war.
Es war einige Monate lang immer wieder zum Verschwinden von Kindern aus dem Viertel, in dem auch die Kapelle lag, gekommen. Keines war wieder aufgetaucht und in einer sich verschärfenden Stimmung hatten eidesstattliche Aussagen stattgefunden, die ebenjenes „Gotteshaus der Einkehr und Kirche unseres Herrn, des Offenbarers der Geheimnisse“ mit den Vermisstenfällen in Verbindung brachten. Die Polizei hatte nicht lange gezögert und eine geheimen Einsatz geplant. Bei der Razzia kam es jedoch zum Feuergefecht mit Toten auf beiden Seiten: drei Polizisten und insgesamt siebzehn Kultmitglieder. Die zur Verfügung stehenden Berichte verschwiegen jedoch entscheidende Details der Autopsie, es wurden nicht einmal Schusswunden erwähnt. Daneben gab es keine einzige Information, ob und was in der Kapelle gefunden wurde.
Den Abschluss der unmittelbaren Ereignisse stellte die Verhaftung von 54 Kultmitgliedern dar – bis auf acht kamen alle kurze Zeit später wieder auf freien Fuß.
„Und es gab niemals einen Bericht in der Zeitung“, erinnerte sich Paul. „Dabei war das doch die wohl größte Polizeiaktion in Boston der jüngeren Zeit.“
„Dann noch die vielen Begnadigungen trotz offensichtlich massiven Widerstands“, spann Larry weiter. „Ich würde darauf wetten, dass es jemanden in einer einflussreichen Position gibt, der einen Deckel auf die ganze Angelegenheit gesetzt hat.“
Als letztes Detail stellten sie noch fest, dass Reverend Michael Thomas ebenfalls verhaftet und sogar wegen fünffachen Mordes verurteilt worden war. Wer all diese Toten gewesen sein sollte, für die er verantwortlich war, ließ sich nicht rekonstruieren – wieder fehlten die entscheidenden Informationen. Doch eines war klar und deutlich vermerkt: der Mann, der bereits 1866 ein Testament verlesen und verteidigt hatte,  wurde 1912 zu vierzig Jahren Haft verurteilt. Also war er sicherlich schon alt gewesen – und floh nichtsdestotrotz 1917 aus dem Gefängnis und schließlich sogar aus dem Staat Massachusetts; kaum fünf Jahre hatte er verbüßt.

Als letzte Information und nächsten Anhaltspunkt nahmen die drei Männer noch einen Namen aus den Unterlagen mit: Bryan Bold, der leitende Polizeibeamte der Razzia von 1912. Er würde womöglich, sollte man ihn ausreichend motivieren können, die Lücken schließen können, die die Berichte ließen.

Zunächst aber fuhren Steven, Paul und Larry mit einer Kutsche zurück in die Richmond-Road und machten es sich im Stammcafé der angeheuerten Ermittler bequem. Wenig später trafen auch Lucy und Robert ein und die fünf konnten fürs Erste ihr an diesem Tag gesammelten Informationen austauschen. Sie tranken einige Tassen Kaffee und rauchten nicht wenige Zigaretten, bis sie sich schließlich auf den aktuellen Stand gebracht und Pläne für den nächsten Tag geschmiedet hatten. Zufrieden mit ihren bisherigen Ergebnissen, beschloss Steven Knott, sie zunächst nicht weiter zu begleiten, bis sich die vier entschließen würden, das Corbitt-Haus selbst zu betreten.

Mittwoch, 22. Juni 1921

Am nächsten Tag suchten Larry und Paul wieder die Archive der Stadt und des Boston Globe auf. Sie beabsichtigten, noch mehr Informationen zu Reverend Michael Thomas – zum Beispiel etwas derart schnödes wie dessen Geburtsdatum – und auch zum Polizeibeamten Bryan Bold zu sammeln. Fündig wurden sie indes, trotz einiger, mühevoller Stunden nicht. Vom Kultpriester tauchte lediglich ein Foto auf, auf dem er bereits recht alt wirkte. Von Bryan Bold ließ sich nur lesen, dass sich seine Karriere prächtig entwickelte. Das legte zwei Dinge nahe: es hatte ihm gut getan, bei den offensichtlichen Vertuschungen rund um die Razzia mitzuspielen. Und es würde ihm nicht gefallen, wenn er erführe, dass jemand in dieser alten Geschichte herumstocherte.

Robert konnte es indes nicht abwarten, endlich einen Blick auf das eigentliche Gebäude zu werfen, das die vier seit Beginn der Woche auf Trab hielt: das Corbitt-Haus.
Es handelte sich um einstöckiges Backsteinhaus mit kleinem Seitenhof, das inmitten neuerer Bürogebäude seltsam, gar aus der Zeit gefallen wirkte. Von den einstigen Anwohnern, die sich dereinst über das seltsame Gebaren des namensgebenden Bewohners erregt hatten, schien kaum jemand noch hier zu sein. Und auch das Haus selbst offenbarte unverhohlen, dass es seit dem Auszug der Macarios vor etwa drei Jahren keine Pflege mehr gesehen hatte. Im Garten wucherten das Unkraut und die Hecke um die Wette und hatten die einstige Laube für sich eingenommen.
Das Gelände ließ sich ohne Probleme betreten und der Golfer schlich an den Fenstern des Erdgeschosses vorbei. Deren Läden waren zwar geschlossen, doch durch einen Spalt hie und da erhaschte Robert einen kleinen Einblick in ein Ess- und ein Kaminzimmer sowie in die Küche. Doch abgesehen von einer dicken Staubschicht konnte er nichts Verdächtiges ausmachen.

Lucy Quinn nutzte währenddessen ihre Pause auf der Arbeit, um nach alten Akten zu suchen – genauer: nach den Autopsieberichten der Razzia von 1912. Doch sie fehlten. Nicht ein zugehöriger Name tauchte auf. Verwundert wandte sich Miss Quinn an eine etwas ältere Krankenschwester und erfuhr, dass in Zusammenhang mit Kriminalfällen immer mal wieder Akten in das Polizeipräsidium verlegt wurden. Dass sie in der Folge manchmal nie wieder auftauchten, schien im Krankenhaus kaum noch jemanden zu wundern.
Vorerst fuhr Lucy am Ende ihrer Schicht zum Corbitt-Haus und traf sich dort mit Robert, der ihr seine bisherigen, spärlichen Beobachtungen mitteilte. Gemeinsam machten sie sich in der Nachbarschaft auf die Suche nach jemandem, der etwas Gesprächsbereitschaft zeigte. Sie fanden diese in einem kleinen Laden, kaum mehr als ein Kiosk. Der Besitzer war ein schon etwas ältlicher Herr, der die Ohren spitzte, als Lucy nach den Macarios fragte.
„Eine nette Familie!“, tat er kund. „Mit zwei aufgeweckten Kindern.“
„Wie alt waren sie?“
„Die Kinder? Hm, so etwa 10, damals als sie ausziehen müssten. Jetzt vielleicht so dreizehn, vierzehn?“
Dann hat Gabriela Macario zumindest kein Problem, die vergangene Zeit einschätzen zu können, stellte Lucy für sich fest. Dann fragte sie weiter: „Wo sind die Kinder jetzt?“
„Bei einer Verwandten in Baltimore. Traurige Sache das mit ihren Eltern.“
„Können Sie sich noch erinnern, wie die beiden … ähm, abgeholt wurden?“
„Ja, das werde ich nicht vergessen“, bekräftige der Verkäufer. „Der Mann hat geschrien und gekämpft. Es hat zwei der Pfleger vom Sanatorium gebraucht, um ihn in das Automobil zu kriegen. War überhaupt nicht bei Sinnen, der arme. Seiner Frau ging es da wohl besser, sie hat sich schließlich selbst eingewiesen, nachdem ihre Kinder in Sicherheit waren.“
„In Sicherheit?“
„Naja … irgendwas kann mit diesem elenden Haus doch nicht in Ordnung sein“, brummte der Mann. „Da ist es definitiv besser, wenn die Kinder in Baltimore sind, ein schönes Stück weg von hier.“

Daraufhin verabschiedeten sich Lucy und Robert, wobei der Golfer aus Freundlichkeit noch wahllos eine Broschüre kaufte.                 Die zwei gingen dann zurück zum Corbitt-Haus – wo sie bereits von Larry und Paul erwartet wurden. Es folgte wieder ein kurzer Informationsaustausch, dann fragte Robert: „Wollen wir nun ins Haus gehen?“
„Ich würde sagen … lasst uns doch vorher wenigstens einen Versuch bei Bryan Bold wagen. Wegschicken kann er uns immer noch“, schlug Paul vor und die anderen nickten. Mit einer weiteren Kutsche ging es also zum Polizeipräsidium.

Vor dem Gebäude wurde Lucy von einem Polizisten namens Chase Summers angesprochen, den sie scheinbar einmal verarztet hatte. Nach der Begrüßung folgte peinliches Schweigen, dann machte sich der Mann weiter auf den Weg.
Im Präsidium wandte sich Paul Sinclair mit dem freundlichsten Lächeln, zu dem er imstande war, an einen Beamten im Empfang: „Wir würden gerne mit Mr. Bryan Bold sprechen.“
„Mit Mr. Bold? In welcher Angelegenheit?“
„Wir untersuchen gerade im Auftrag von Steven Knott und auch für den Boston Globe einige Umstände rund um das Corbitt-Haus. Dabei haben sich Verwicklungen mit einigen, etwas älteren Polizeiaktionen ergeben, zu denen wir Mr. Bold gerne die Chance geben würden, sich zu äußern.“
„Ich, ähm, ich werde mal nachfragen“, erklärte der Mann stirnrunzelnd und ging davon. Wenig später kam er kopfschüttelnd wieder: „Es tut mir leid, aber Mr. Bold hat heute einen sehr vollen Terminkalender und kann sie daher nicht empfangen.“
„Vielleicht wäre es wichtig“, beschloss Paul nun ins Volle zu gehen. „Dass er weiß, dass es sich bei unseren Recherchen auch um die Razzia in der Kapelle des ‚Gotteshaus der Einkehr und Kirche unseres Herrn, des Offenbarers der Geheimnisse‘ dreht. Mr. Bold hatte damals eine leitende Position inne und verfügt sicherlich über glänzendes Wissen, das wir gerne in unseren Artikel mit aufnehmen würden.“
„Ah … ja“, machte der Beamte. Er schien sich nicht ganz wohl in seiner Haut und ging noch einmal zurück. Aber wieder kam er ohne gute Nachricht zurück: „Mr. Bold wünscht nicht, mit Ihnen zu sprechen. Ich muss Sie nun bitten …“
„Schon gut“, winkte Paul ab und ging mit seinen Freunden nach draußen.

„Die verbergen aber eine ganze Menge“, grummelte der Antiquitätenhändler vor der Tür.
„Ich würde sagen, dann ist es jetzt an der Zeit, das Corbitt-Haus zu betreten“, schlug Robert vor.
„Nicht so hastig“, meinte Paul wieder. „Eine Verbindung von Walter Corbitt zu dieser Kapelle ist unbestreitbar. Es könnte sich für uns lohnen, uns einmal vor Ort umzusehen. Vielleicht finden wir einen Hinweis, der uns bei was-auch-immer weiterhelfen könnte, das wir schließlich im Haus antreffen.“
„Na gut …“, und wieder machten sich die vier auf eine kleine Fahrt durch Boston. Ziel war dasselbe Viertel wie des besagten Hauses, aber ein entlegenerer Teil. Die Straße wirkte hier seltsam schräg und verloren und führte zu dem alten Kirchengebäude in einer Sackgasse. Zu allen Seiten hin gab es ungewöhnlich viel Platz, was dem verfallenden Gotteshaus inmitten eines wilden Gartens eine Aura zu entfalten verhalf, die es allen vier kalt den Rücken herunterlaufen ließ.
Sie näherten sich dem Weg zum Eingang der Kapelle, beides schien frei zugänglich. Doch an der Außenwand des Gebäudes war ein seltsames Symbol in weißer Farbe aufgetragen. Es war wie drei Y, die zueinanderwiesen und in der Mitte des angedeuteten Dreiecks prangte ein gezeichnetes Auge. Seltsam lebendig starrte es  die vier an und plötzlich verspürten sie allesamt ein Kribbeln hinter der Stirn.
„Was zum …“, machte Paul.
„Ich habe es auch gespürt“, sagte Lucy.
„Ich glaube, wir sollten doch erst einmal zum Haus. Da können wir ja von außen reinblicken“, schlug der Antiquitätenhändler unvermittelt vor.
„Was? Das habe ich doch schon gemacht und euch erzählt, dass es da nicht viel zu sehen gibt“, brummte Robert.
„Aber wer weiß, vielleicht sehen acht Augen mehr – natürlich erstmal von außen, um sicher zu sein …“
„Was ein Quatsch“, mahnte Lucy den Mann ab. „Wir gehen jetzt da rein.“
„Nun denn“, sagte der mit zittriger Stimme und legte seine Hand an die Innentasche seines Mantels: dort ruhte ein kleiner Revolver, der ihm ein Gefühl von Sicherheit gab.

Die vier schoben die ohnehin nur angelehnten Flügeltüren der Kapelle auf und blickten in den verwüsteten Innenbereich. Das Gebäude schien nie besonders viel Zierrat besessen zu haben, doch nun waren die Scheiben eingeworfen, ehemalige Bänke zertrümmert und überall Dreck und Erde verteilt. Die darunter liegenden Dielen ließen sich nur ausmachen, wenn man etwas von dem Unrat zur Seite schaufelte.
Robert ging zielstrebig voran und legte eine Stelle frei, um sie sich genauer anzusehen – da gab der Boden mit einem dumpfen Krachen nach. Der Sportler japste auf, schaffte es aber rechtzeitig nach hinten zu springen. Da war etwas unter der Kapelle …

Vorsichtig hielt Larry seine Lampe in das Loch. Es schien ein kleiner Kellerraum zu sein, zu dem wir im restlichen Gebäude keinen Zugang mehr fanden. Vielleicht war er verschüttet oder es war ein Geheimgang. Viel ließ sich jedoch nicht von hier oben erkennen.
„Ich gehe runter“, erklärte Robert. Paul, mittlerweile recht blass, nickte nur und half dem Golfer gemeinsam mit Larry, nach unten zu kommen, indem sie ihm unter den Armen packten und herabließen.

Mit der Lampe in der Hand sah sich Robert um und entdeckte zunächst nur zwei Schränke mit zerfallenen Büchern in dem kleinen Raum. Dann leuchtete er jedoch das Kopfende aus und sah einen kleinen Altar oder Schrein … und davor die Skelette zweier Menschen. Von ihren einstigen Roben waren nur noch seidene Fetzen übrig. Kurz stockte dem Mann der Atem, doch er fing sich.
„Hier unten sind zwei Tote, nur noch Skelette“, rief er seinen Begleitern hoch.
„Wahrscheinlich Kultmitglieder, die sich bei der Razzia versteckt haben“, mutmaßte Lucy, während Paul seinen Revolver hervornahm.
„Pack das Ding weg“, meinte Larry. „Holen wir Robert wieder hoch.“
Zu zweit gelang ihnen das ohne Probleme – und die vier verließen diese Kapelle wieder. Über die Leichen wollten sie erst einige Tage später der Pietät halber eine anonyme Nachricht versenden, damit sie geborgen und beerdigt werden konnten.

„Jetzt können wir aber ins Corbitt-Haus!“, schlug Robert bereits im triumphalen Tonfall vor.
„Ähm, ich würde leider sagen nein, mein Freund“, widersprach Paul mit wedelndem Finger. „Da war doch dieses Zeichen! Ich werde besser in der Stadtbibliothek nachsehen, dort gibt es einige Bücher, die sich auch mit okkultem Aberglauben beschäftigen. Vielleicht hat das Auge ja eine besondere Bedeutung!“
„Ich glaube, du hast einfach Angst“, brummte der Golfer genervt.
„Besser vorbereitet als – nun. Als tot!“
„Dann gehen wir nochmal in die Stadtbibliothek“, gab Lucy stellvertretend für die anderen nach und so ging wieder etwas Zeit ins Land. Alles was der Antiquitätenhändler jedoch herausfinden konnte, war die grobe Ähnlichkeit des Symbols auf der Kirche mit einem Bauunternehmen namens Huck&Hucker. Einer ganz groben Ähnlichkeit.

„Ich sage euch, es wäre besser da noch einmal vorbeizuschauen!“, lamentierte Paul immer noch, nachdem er von seinen Begleitern in eine Kutsche bugsiert worden war. „Wir wissen ja, dass es eine einflussreiche Persönlichkeit in Boston gibt, die über einige dieser seltsamen Vorkommnisse ihre Hand hält!“
„Huck&Hucker sind zwei Cousins, die nicht mal eine Dachlatte richtig anbringen können“, entgegnete Larry.
„Der perfekte Deckmantel! Glaubt mir doch, wir rennen hier ohne umfassendes Hintergrundwissen ins Verderben!“

Doch es hörte niemand auf Paul Sinclair. Stattdessen holten sie Steven Knott ab, der mit ihnen zum Corbitt-Haus fuhr und dort, nach einem etwas abschätzigen Blick auf seinen Besitz, die Tür aufschloss. Es wurde Zeit für die vier Ermittler, das Haus zu betreten. Der Besitzer blieb draußen und erwartete das Ergebnis der Untersuchung.
Die vier kamen zunächst in einen langen Flur. Kleiderhaken und Schirmständer waren verständlicherweise verwaist, sodass der erste Blick ins Anwesen, das einst Walter Corbitt – und danach viele weitere, unglückliche Seelen – beherbergt hatte, sehr karg ausfiel. Linkerhand zweigten drei, rechterhand zwei Türen ab. Am Ende des Gangs führte eine Treppe nach oben.
„Paul … willst du mir nicht deine Revolver geben?“, fragte Robert, der wieder die Führung übernommen hatte.
„Meinen Revolver? Nein!“, widersprach der Mann vehement.
„Aber ich gehe doch voran. Und du kannst auch nicht besser schießen als ich!“
„Es ist meine Waffe! Die benutze ich zu meiner Verteidigung!“
„Ach, was soll’s“, brummte der Golfer und öffnete die erste Tür auf der linken Seite. Er war indes nicht völlig unbewaffnet: er hatte seine Tasche mit Schlägern mitgenommen, die im Notfall durchaus auch als passable Waffe dienen konnten.

Das erste Zimmer des Corbitt-Hauses erwies sich als eine Art Rumpelkammer. Alte Fahrräder, kaputte Lampen, ausrangierte Möbel ließen kaum Bewegungsfreiheit. Nichtsdestotrotz kämpften sich die vier durch den scheinbaren Müll und fanden dabei ein besonders altes Stück: ein Büffetschrank. Und in dessen Inneren: drei dicke Bücher in dunklem Ledereinband. Die Lettern „W. C.“ waren vorne aufgeprägt. Bereits der erste Blick hinein bestätigte den Verdacht: dies waren die Notizen oder eher Tagebücher des Walter Corbitt.
„Das sind ja richtige Folianten“, ächzte Larry.
„Wirkt etwas belanglos“, meinte Robert, als er willkürlich eine Seite aufschlug und drüberlas. „Allerlei Alltäglichkeiten.“
„Womöglich ist es codiert. Niemand schreibt drei dicke Bücher über sein Leben über ‚Belangloses‘ auf“, stellte Paul fest. „Wir sollten sie mitnehmen und durchgehen.“
„Ach, du schon …“, wollte Robert sagen, da zischte Lucy und hielt sich einen Finger an die Lippen.
„Habt ihr das gehört?“, fragte sie.
„Was?“, fragte Larry. Dann hörten es auch die Männer: ein Tippeln. Füße, vielleicht kleine Füße. Jemand war im 1. Stock.
„Steven?“, rief Robert.
„Ja?“, kam es zurück – aus dem Garten.

Und von oben wieder: Tipp-tapp.

„So, Schluss mit lustig!“, sagte der Golfer. „Paul, gib mir deine Waffe!“
„Jetzt? Du schießt doch damit nur blindwütig um dich!“
„Ach, verdammt“, machte Robert und nahm einen seiner Schläger aus der Tasche. Es war ein Putter mit dickem Kopf und ordentlicher Trefferfläche. Bewaffnet wie mit einer Keule ging er voran und die anderen drei folgten ihm – Paul mit gezogenem Revolver. Die Schritte verstummten, doch sie waren eindeutig von oben gekommen. Also stiegen die vier die Treppe hinauf und standen im Flur des ersten Stocks: Rechts waren Fenster, links gab es drei Türen. Und hinter der ersten hörten sie es wieder: Tipp-tapp.

Doch ehe Robert als erster einen Schritt weitermachen konnte, hielt ihn Larry an der Schulter fest und Lucy wies auf den Fußboden vor uns. Dort lag eine dicke Staubschicht – absolut unberührt. Hier war niemand entlanggegangen.
„Und wenn er durchs Fenster gekommen ist, ich werde den Scharlatan kriegen!“, polterte der Sportler los, drückte die Tür auf und sprang in das Zimmer. Er schwang wild seinen Golfschläger herum, beinah als würde er unsichtbare Feinde bekämpfen. Dann beruhigte er sich etwas und blieb wild atmend in der Mitte des Raumes stehen.
Die anderen rückten nach und sahen, dass in diesem Zimmer nichts mehr stand außer einem alten Bettgestell. Und nichts war da, das die Schritte gemacht haben könnte. Aber … das Fenster stand einen Spalt breit offen. Robert zögerte nicht lange und schritt dorthin – da erhob sich mit einem Mal das Bettgestell und flog mit unglaublicher Geschwindigkeit auf ihn zu. Dem Golfer blieb nur noch erschrocken dem plötzlichen Angriff entgegen zu sehen, dann traf das Möbelstück ihn mit voller Wucht und zerbarst. Splitter schnitten Robert die Haut auf und der Treffer trieb ihn nach hinten – dem offenen Fenster entgegen. Mit einem Schrei auf den Lippen stürzte er nach unten.

Paul und Larry rannten sofort ans Fenster, während Lucy geistesgegenwärtig den Weg über die Treppe wählte. Wenn etwas zu retten war, kam sie so schneller zu ihm als wenn sie vorher gaffen würde. Doch zumindest konnten sich die beiden Männer aus Hyannis beruhigen: Robert blutete zwar aus einigen Wunden, seine Kleidung war fürchterlich zerfleddert und sein Golfschläger verbogen – doch er wälzte sich fluchend hin und her. Nachdem sie das beobachtet hatten, folgten sie Lucy nach draußen, wo sich mittlerweile auch Steven eingefunden hatte.
„Was ist passiert?“, fragte der Hausbesitzer besorgt nach.
„Das Bett ist auf mich zu geflogen!“, rief Robert aus, während Lucy ihn notdürftig aus ihrer Erste-Hilfe-Tasche versorgte. „Hat mich aus dem Fenster gestoßen!“
„Was?! Wie kann das sein?“, fragte Steven Knott ohne wirklich die Antwort hören zu wollen. Stattdessen zog er sich zunächst haareraufend, dann fingerkauend an eine Hausecke zurück und dachte für sich allein nach.
„Hätte ich einen Revolver gehabt …“
„Hättest du das Bett erschossen?“, entgegnete Paul. „Oder wild im Zimmer umhergeschossen, so wie du da mit dem Golfschläger reingesprungen bist. Nein, da behalte ich die Waffe lieber selbst!“
„Ruhe jetzt“, zischte Lucy und zog einen weiteren Verband fest. „Quetschungen, Prellungen, eine Rippe fühlt sich nicht gut an. Aber nichts, was in ein paar Tagen nicht besser sein könnte.“
Robert ächzte und ließ sich aufhelfen. „Lasst uns erstmal sehen, was wir hier noch finden können.“

Und sie sahen nach: Zunächst kehrten sie in den Raum des Unglücks zurück. Die Einzelteile des Bettgestells lagen großzügig im Raum verteilt. Vergeblich suchten die vier nach einer natürlichen Erklärung für das Geschehene. Einen Mechanismus oder dergleichen … doch nichts. Stattdessen machte Paul eine weitere Beobachtung: „Seht … die Decke!“
Die anderen blickten auf die Stelle, auf die der Antiquitätenhändler wies. Von dort tropfte Blut herab, das auf dem Boden bereits eine kleine Pfütze gebildet hatte. Auch ein Teil der Decke schien bereits aufgeweicht.
„Was zum Teufel!“, rief Larry aus, indes nahm sich Paul einen von Robert Golfschlägern und stieß gegen die Dielen.
„Das wird schon nur ein Tier sein, das da irgendwie krepiert ist“, redete er sich ein, da durchbrach er mit dem Behelfsmittel die Decke und Blut schwappte heraus. Einige Spritzer trafen ihn, obwohl er direkt versucht hatte, wegzuhasten. Angewidert wischte er sie mehr schlecht als recht mit einem Taschentuch weg. Dann musste er feststellen, dass da nichts in der Decke verborgen war. Keine Quelle der Blutstropfen. Keine natürliche, zumindest.

Indes machte Larry ein andere Beobachtung, als er einen Finger in die Pfütze am Boden hielt: „Das Blut ist kalt.“
„Das kann nicht sein“, meinte Lucy. „Dann müsste es eigentlich schon geronnen sein!“
Doch so war es.

Unwohlsein überkam die vier Ermittler. Doch keiner gestand es ein und so untersuchten sie, zögerlich, aber sich doch auch gegenseitig wieder bestärkend, die restlichen Räume des Hauses. Im Obergeschoss waren das noch ein Bad, das Zimmer der Eltern und das ehemalige Kinderzimmer. Besonderes letztes wirkte durch zurückgebliebenes, spärliches Spielzeug besonders trostlos.
Im Erdgeschoss fanden sie ebenjene Küche, Esszimmer und Gesellschaftsraum mit Kamin und Sofa vor, die Robert bereits von außen ausgespäht hatte. Hier fand sich nicht Auffälliges außer der Tatsache, dass die Macarios als letzte Bewohner wohl einen ganz eigenen Versuch gestartet hatten, gegen das Unheil vorzugehen: auf jeder freien Fläche eines jeden Tisches oder Schranks stand ein Heiligenbild, während die Wände übersät vor aufgehängten Kreuzen waren. Dann waren da noch eine weitere Rumpelkammer sowie ein Bad im Erdgeschoss.
Es gab kein weiteres unheilvolles Ereignis. Doch in der Küche fanden die vier eine Tür, die der Eingang zum Keller sein musste.
„Dort unten soll er liegen“, sagte Paul leise.
„Eine Leiche mehr oder weniger“, brummte Robert.
„Gerade du solltest ruhig sein. Du hast den Sturz nicht so gut verkraftet wie du tust“, wies Lucy ihn etwas zurecht. „Mir ist nicht wohl, wenn du in deinem Zustand da runter gehst.“
„Und da sind noch die Tagebücher“, brachte Paul den ersten Fund im Haus wieder ins Gespräch. „Vielleicht findet sich dort noch ein Hinweis.“
„Wie lange würdest du brauchen, sie durchzugehen?“, fragte Lucy.
„Etwa … drei Tage, denke ich.“
„Dann lasst uns diese Tage nutzen. Robert kann genesen und du dir die Tagebücher anschauen.“

So zogen sich die vier Ermittler vorerst zurück, was ihren Auftraggeber noch ein Stück weiter verstörte.

Sonntag, 26. Juni 1921

Drei volle Tage verbrachte Paul Sinclair im Büro seines Antiquariats. Der Laden blieb geschlossen, Besuch fern und der verließ das Haus nicht einmal für die abendlichen Treffen in der Richmond-Road. Sich daraus ergebende Anrufe beantwortete er nur knapp, dann stürzte er sich wieder an den Schreibtisch, wo die drei Tagebücher wie Folianten vor ihm aufgeschlagen waren. Die ganze Wand hinter sich hatte er mit Notizzetteln übersät, die einzelne Details oder Besonderheiten auflisteten, die sich in diesem ganz speziellen Nachlass von Walter Corbitt finden ließen.
Zunächst schien es ihm, dass sich der Ersteindruck bestätigen würde. Die Bücher waren angefüllt mit Belanglosigkeiten: der Kauf des Hauses, der Einzug, die Nachbarn. Doch immer wieder tauchten Andeutungen auf. Corbitt hatte wenig klar ausgeschrieben, was diese speziellen Dinge anging, und bald war es Paul Sinclair, dass es gut so war. Doch so sollte es nicht bleiben.

Anfänglichen Kommentaren über den Keller des Hauses und bizarre Wunschvorstellungen eines langen Lebens, folgten Namen okkulter Werke von geächteten Autoren, die kein Mann der Wissenschaft mit Ernsthaftigkeit lesen würde. Corbitt schien sie jedoch nach und nach alle gelesen zu haben. Ganze Reisen hatte er durch das Land gemacht, um Originalversionen ausfindig zu machen, die sich zuweilen nur in staubigen Antiquariaten fanden, wie Paul Sinclair selbst eines betrieb. Doch hier las er von Werken und Dingen, die er trotz eines gewissen Grundwissens über Okkultismus nie gehört hatte. Zweifellos hatte sich jener Mann, der im Jahr 1866 gestorben und hoffentlich begraben worden war, in Tiefen vorgewagt, die für den Menschenverstand ungesund waren.

Dann folgte der finsterste Teil der Tagebücher. Corbitt berichtete von Experimenten, zunächst mit Tieren, dann mit jenen, die er nicht „näher nennen wolle“. Im anwachsenden Glauben an Mächte, die jenseits der Naturgesetze der modernen Gesellschaft stehen, formulierte er Rituale, die das Leben selbst manipulieren sollten.
Zuletzt schien Corbitt vollständig dem Wahnsinn verfallen und beschrieb einen Beschwörungszauber – durch Hexerei solle ein Mensch damit in der Lage sein, einen „Öffner der Wege“ in die irdische Welt zu bringen. Paul Sinclair dachte dabei auch an die mit Corbitt verbundene Sektenkapelle mit ihrem „Offenbarer der Geheimnisse“ und ein ungutes Gefühl überkam ihn.

Doch zum letzten Wunsch und einer geplanten Bestattung im Keller fand der Antiquitätenhändler nichts in den Büchern. Dennoch war er reichlich beunruhigt und bestellte seine Freunde für den Sonntagmorgen ins Café in der Richmond-Road, wo er vortrug, was er gefunden hatte. Er sparte sich kein Wort über die unheiligen Dinge, die Walter Corbitt getan hatte und hoffte, dass seine Freunde sich ihm anschließen und die Untersuchung des Kellers aufgeben würden.
Allen voran lachte Robert über die eigentümliche Furcht, die Paul mittlerweile unverhohlen präsentierte. „Ich habe mir jetzt eine Pistole zugelegt!“, sagte er. „Ich glaube, damit können wir es mit einer modrigen Leiche aufnehmen. Mach dich nicht so verrückt, dieser Corbitt war offensichtlich ein Spinner und hat an irgendwelchen Unsinn geglaubt. Wenn seine Leiche unten im Keller liegt, dann holen wir sie raus und begraben sie.“
„Und was ist mit dem Bett?“, flüsterte Paul.
„Das … nun, ein seltsamer Umstand. Aber deswegen glaube ich noch lange nicht an Zauberei!“
„Lasst uns Steven abholen und zum Haus fahren“, schlug Lucy also vor und Larry nickte. Damit war es ausgemacht. Paul Sinclair folgte seinen Freunden mit einem mulmigen Gefühl.

Das Corbitt-Haus lag unverändert vor den fünf. Mr. Knott schloss seinen angeheuerten Ermittlern auf, blieb dann aber wieder draußen. So gingen die vier für sich in die Küche … und über ihnen war es wieder: Tipp-Tapp. Kleine Schritte im ersten Stock.
„So ein Mist“, fluchte Robert. „Ich sehe da jetzt nicht nach. Wir gehen in den Keller und gut ist!“
Doch vorher galt es die Tür zu überwinden, die mit gleich drei Riegeln und Schlössern gesichert war – sie waren jedoch so alt, dass sie es nicht überstanden, als sich der Golfer mehrfach gegen das Holz warf. Mit einem Knirschen gab die Tür an den Angeln und an den Riegeln nach, im nächsten Anlauf konnte Robert sie ganz aufstoßen. Dann ging es für die vier eine schmale Steintreppe hinab, bis sie in dem recht hohen Keller standen.

Der große Raum schien nie einen besonderen Zweck erfüllt zu haben, sondern war mehr eine Art Müllhalde. Kaputte Möbel und weiteres Unrat lagen herum – doch gegenüber der Kellertreppe war eine Holzwand, die einen großen Teil abzuschotten schien. Es gab keine Tür, keine Luke oder irgendetwas, das ermöglichte, dahinter zu blicken.
Rechterhand lag noch ein kleiner Raum, der einst als Kohlekeller genutzt wurde. Viel lag dort nicht, doch es gab eine Kohlerutsche, die nach außen führte. Vielmehr führen würde, denn sie war vernagelt worden.
„Irgendwer wollte nicht, dass hier etwas rauskommt. Dreifaches Schloss, vernagelte Kohlerutsche, dann diese Holzwand …“, zählte Paul mit zitternder Stimme auf.
„Lasst uns doch mal sehen, was sich dort findet“, schlug Robert indes mit heroischerem Tatendrang vor. Er nahm eine herumliegende Eisenstange und schob sie zwischen die einzelnen Bretter der Holzwand. Mit einem Kraftakt, bei dem sich noch Larry an ihn hängte, brachen sie ein großes Stück auf – und im Licht der Lampe ließ sich erkennen, dass dahinter eine zweite Holzwand lag. Es gab nur einen engen Zwischenraum, gerade groß genug, dass ein Mann darin stehen konnte.

Robert schob sich hinein und besah sich jenes zweite Hindernis. „Hier sind seltsame Symbole. Und hier steht irgendwas geschrieben …“
„Nicht vorlesen!“, japste Paul und schob sich zu seinem Freund in den Zwischenraum. Er befürchtete etwas zu entdecken, das bereits im Tagebuch Walter Corbitts benannt wurde – doch es handelte sich „lediglich“ um eine Art Widmung. Was auch immer hinter jener zweiten Bretterwand im Keller dieses Haus lag: es hatte den Segen des Gotteshaus der Einkehr und Kirche unseres Herrn, des Offenbarers der Geheimnisse.

Robert brach auch die zweite Wand auf, nachdem Paul Entwarnung (vor allem sich selbst) gegeben hatte, dass es sich nicht um okkulte Sprüche handelte, die einen Eindringling aufhalten würden – falls es so etwas überhaupt gab.
Nun konnten die vier in den letzten Raum des Corbitt-Hauses eintreten. Er war recht groß aber auch verwahrlost. Der Boden bestand aus festgetretener Erde, die Luft roch besonders streng und abgestanden: es gab keinen wirklichen Zugang zu frischer Luft. In einer Ecke stand ein kleiner Beistelltisch mit einigen alten, brüchig wirkenden Schriftrollen. Und in der Mitte des Raumes, auf einer hölzernen Bahre, lag er: der Körper von Walter Corbitt.

Der Leichnam hatte starre, dunkel verfärbte Haut, sodass er selbst fast wie Holz aussah. An den sichtbaren Stellen war sie eingefallen, insbesondere im Gesicht hatte sie sich zurückgezogen, sodass die – noch intakten – Augen beinah handtellergroß erschienen, während in einem lippenlosen, sogar zahnfleischlosen Mund die blanken Zähne offenbar wurden.
Doch gerade so ließ sich noch erahnen, dass dieses entstellte Gesicht einst dem Bewohner dieses Hauses gehörte, von dem die vier bei ihren Recherchen ein altes Foto gesehen hatten.

Robert holte seine Pistole heraus und zielte auf den Leichnam, während Lucy und Larry hinter ihm stehen blieben. Paul fühlte sich seltsam von den Schriftrollen angezogen und drückte sich an der linken Wand entlang, bis er bei dem kleinen Tisch ankam. Er nahm das erste Stück Papier in die Hand und es brach in seinen Händen auseinander. Er versuchte es nochmal, sanfter, wie er es gewohnt war, wenn er mit alten Sachen umging. Doch es half nichts: keine der Schriftrollen war noch in einem Zustand, der benutzbar genannt werden konnte.
Paul zog sich daraufhin wieder zum Eingang des Kellers zurück. „Was wollen wir jetzt tun?“
„Hier, halt mal“, sagte da Robert und drückte dem Antiquitätenhändler die Pistole in die Hand. Dann griff er in seine Sporttasche und holte einen Golfschläger raus.
„Was hast du vor?“, fragte Paul barsch.
„Ruhig, ich schau nur mal. Ziel auf die Leiche.“
Mit diesen Worten näherte sich Robert der Bahre, sein Freund schüttelte nur mit dem Kopf und zielte aber dennoch mit der Waffe auf den Schädel Walter Corbitts.
Dann stupste der Golfer mit seinem Schläger gegen den toten Körper.
„Nein!“, brüllte Paul noch – doch es war zu spät.

Im nächsten Moment zuckte die mumienhafte Leiche nach oben und tiefschwarze Augen starrten auf ihren Ruhestörer. Ein Schuss löste sich aus der Pistole in Paul Sinclairs Händen und die Kugel traf den Toten seitlich am Schädel. Der Knochen knackte und trockene Leichenmasse wurde weggesprengt – doch der Untote sprang vollends auf und schlug mit seinen Händen nach Robert Rock. Diese Hände hatten aber nicht mehr viel mit denen eines Menschen zu tun. Vormals auf der Brust ruhend war es den vieren nicht aufgefallen, aber die Knochen wirkten versteift und die Fingernägel unnatürlich lang und dick.
Die Klaue Corbitts traf den Ruhestörer an der Brust und schlitzte zuerst die Kleidung, dann das Fleisch bis auf die Knochen auf. Blut quoll hervor und der Sportler taumelte zurück. Dann schwang er mit einem lauten Schrei seinen Schläger und hieb der Leiche in die Magengegend, wo die hölzerne Haut aufriss und Staub herausfloss.

Paul Sinclair schoss ein weiteres Mal, verfehlte die Kämpfenden jedoch. Doch Corbitt blieb die mehrfache Bedrohung nicht unbemerkt und er winkte seltsam mit seiner rechten Klaue. Einem plötzlichen Pfeifen folgte ein Messer – ein fliegendes Messer aus dem Nebenraum.
Die drei am Eingang dachten zunächst an einen weiteren Angreifer … doch die Klinge schien ohne jedweden sichtbaren Antrieb zu fliegen. Und sie hatte sich ein Ziel gesucht: Lucy.
Die Krankenschwester tauchte unter dem plötzlich übernatürlichen Angriff ab, da machte der Dolch eine rasche Kehrtwende und attackierte sie erneut. Plötzlich erinnerte sich die Krankenschwester an einen Vers, den Vito Macario ihr entgegengeschleudert hatte: Durch seine eigene Waffe wird der Teufel sterben!
„Greif das Messer!“, rief sie Larry zu und versuchte selbst ebenfalls, den Dolch zu packen, doch er entglitt ihren Händen. Stattdessen fügte er ihr einen sauberen Schnitt den Unterarm entlang zu.

Der Kampf zwischen Corbitt und Robert trieb die beiden indes durch den Raum. Der Untote schlug noch einmal mit seiner Kralle zu und erwischte den Sportler an der Schulter. Blutige Fleischfetzen wurden herausgerissen und beinah verstümmelt schrie der Mann auf und hieb auf das Bein seines Gegners ein. Der Golfschläger traf das Knie und bog es sichtlich zur Seite ein. Doch die Leiche machte unaufhörlich weiter.
Paul versuchte seinem Freund zu helfen, doch seine Hände zitterten angesichts des unwirklichen Schauspiels so sehr, dass auch zwei weitere Schüsse vorbeigingen.

In diesem Moment gelang es Lucy ihre Hände um den Griff des verhexten Dolches zu schließen – da wurde die Waffe von einer unsichtbaren Macht von solcher Stärke nach oben gerissen, dass die junge Krankenschwester einen halben Meter vom Boden abhob, ehe sie mit einem Schrei losließ. Unvermittelt schoss der Dolch dann auf Larry zu und zischte nur knapp am Gesicht des Musikers vorbei.
Robert wankte, schlug aber noch einmal zu und traf diesmal den linken Arm Corbitts. Der riss seinen fleischlosen Mund auf, in dem sich der schwarze Rest einer Zunge wand. Etwas wie ein Schrei klang aus der Kehle des Untoten, doch war es so unnatürlich und so schrecklich, dass alle vier im Raum kurz wankten. Dem widerlichen Geruch, der dabei noch einmal aus dem Inneren der Leiche hervorgedrungen war, folgte ein weiterer Angriff mit der Klaue, den Robert gerade so unterlief, der Golfer schlug daraufhin mit aller Macht zu, begab sich in unmittelbare und gefährliche Nähe der Leiche …

Da krachte der Kopf des Golfschlägers mitten ins Gesicht des Untoten. Der Schädel knickte nach hinten weg, wobei hörbar die Wirbelknochen knirschten. Ein weiterer, widernatürlicher Schrei scholl aus dem verdrehten Maul – dann zerfiel Walter Corbitt zu Staub. Und drei Meter weiter tat es ihm der magische Dolch gleich.

Robert sackte zusammen und sofort war Lucy bei ihm, die seine beiden hässlichen Wunden versorgte. Da lächelte der Sportler bereits wieder.
„Er wird es überleben“, sagte die Krankenschwester zu Paul und Larry, die ihr besorgt über die Schulter sahen.
„Guter Schuss, Paul“, grinste Robert.
„Du Idiot“, brummte der Gelobte, konnte sich aber doch ein Grinsen nicht verkneifen. „Wir haben es geschafft! Das Grauen ist überstanden! Gute Schläge, übrigens.“

Damit fanden die Geistererscheinungen im Corbitt-Haus ein Ende und Robert Rock, Lucy Quinn, Larry Wayne sowie Paul Sinclair erhielten ihre Belohnung von Mr. Knott. Doch obwohl es letzten Endes eine glückliche Wendung genommen hatte – vergessen konnten die vier nicht, was sie Übernatürliches gesehen hatten. Und ebenso wenig nahmen die Abnormitäten ein Ende. Gewisse Dinge waren noch ungelöst und die vier waren sich unsicher, ob sie wirklich noch tiefer schürfen wollten …

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