Die Seeperle

Wir beschlossen, die nächsten Monde in Corrinis zu verbringen, um dort zu lernen und Wege zu finden, unseren jüngst erlangten Reichtum sinnvoll umzusetzen. Doch zunächst hatte ich noch ein eigenes Vorhaben und verabschiedete mich für einige Tage von meinen Gefährten. Mit dem Pferd, das die letzten Tage außerhalb der Stadtmauern auf einer Koppel untergebracht worden war, setzte ich wieder ans Festland über und begann die Reise nordwärts in Richtung Tidford. Es war ein seltsames Gefühl, wieder alleine zu reisen und wenn es nur für wenige Tage und auf einer großen Handelsstraße war. Nicht einmal Maglos hatte ich mitgenommen. Er schien mir bei Caileass gut aufgehoben und der ehemalige Abenteurer selbst schien dem Hütehund ebenfalls einiges abgewinnen zu können.
Drei ruhige Tage vergingen, bis ich Tidford erreichte und dort konnte ich bei einem gewöhnlichen Schmied schnell in Erfahrung bringen, wo ein gewisser Gnomenschmied namens Artur Cuinn wohnte. Es handelte sich um ein eher kleines Haus im Stadtkern. Sofern man von einem Stadtkern sprechen kann, da die Stadt – gelegen am großen Fluss Tuarisc – auch auf fünf kleinen Inseln erbaut wurde, die in dem schnellen Gewässer lagen. Das Haus des Gnoms verfügte über einige Türen in halber Größe, doch ich klopfte verständlicherweise an jener Pforte an, die mir für unerwartete Kunden gemäß erschien. Anschließend öffnete ich und trat herein.

Die Schmiede wirkte, gemessen an den üblichen Maßstäben, ungewöhnlich. Weder stand gerade jemand schwitzend an einem Amboss, noch hätte man eigentlich einige Regale voller Bücher erwartet, die ich entfernt mit magischen Ritualen und Formeln in Verbindung bringen würde. Auf einem Sessel saß ein älterer Gnom, der für seine Größe aber durchaus kräftig wirkte.
„Seid gegrüßt. Seid Ihr Artur Cuinn, der Gnomenmeisterschmied?“, fragte ich.
„Grüße. Ja, der bin ich. Mit wem habe ich das Vergnügen?“
„Ilfarin Tinuhên. Ich bin zu Euch gekommen, weil ich einen Auftrag für Euch habe.“
„Wer schickt Euch?“, fragte der kleine Mann zunächst und kniff etwas die Augen zusammen.
„Heimdan, der Schmied aus Corrinis“, erklärte ich.
„Ah, Heimdan. Ein guter Freund und ein noch besserer Schmied. Wie geht es ihm?“
„Sehr gut. Als ich ihn getroffen habe, hat er meiner Begleiterin ein wunderschönes Schwert im Stile KanThaiPans verkauft. Sie war und ist sehr begeistert von seiner Arbeit.“
„Sehr schön“, sagte der Gnom nachdenklich. „Nun, wenn Heimdan Euch schickt, dann will ich mir anhören, was Ihr begehrt.“
„Ich wünsche mir eine Waffe, die dem Schutze der Wälder, der Natur und des Lebens angemessen ist. Eine, die man im Broceliande ‚Hüterspieß‘ nennt.“
„Oh, ein machtvolles Instrument habt Ihr im Sinne. Einen Thaumagral, ja? Ein Gefäß der Wunder, wie man es ausdrücken könnte“, sagte Artur und horchte merklich auf.
„Könnt Ihr eine solche Waffe herstellen?“, fragte ich, meinerseits erfreut, dass hier tatsächlich ein Kundiger vor mir saß.
„Natürlich. Übermannshoch, ein hölzerner Schaft, versehen mit magischen Symbolen, eine Parierstange aus Hirschgeweih sowie eine Spitze aus Kaltem Eisen. Das wird eine prächtige Waffe werden – und eine kostspielige.“
„Macht Euch darüber keine Gedanken“, sagte ich und holte den Beutel hervor, in dem Edelsteine im Wert von mehreren Tausend Goldstücken waren.
„Die Hälfte jetzt, die andere Hälfte vor dem Ritual“, so ist mein übliches Vorgehen.
„Das erscheint mir annehmbar“, sagte ich und gab dem Meisterschmied seine zweieinhalbtausend Goldstücke, die eine stattliche Anzahlung darstellten.
„Es wird vier Monde dauern, bis ich die Materialien aufbereitet habe und wir das Ritual durchführen können, das die Waffe an Euch binden wird. Kommt am 1. Draugrmond wieder nach Tidford und alles wird bereit sein.“
„Ich danke Euch“, beschloss ich das Gespräch und verabschiedete mich von Artur Cuinn. Lediglich eine Nacht verblieb ich noch in Tidford, dann reiste ich wieder zurück nach Corrinis und schloss mich dort wieder meinen Gefährten an.

Wir verbrachten die Zeit mit den verschiedensten Aktivitäten – unter anderem fasste ich mir schließlich ein Herz und lernte die Grundzüge der albischen Sprache. Mittlerweile als Ehrenbürger einer größtenteils albischen Stadt und Ehrenmitglied einer angesehenen, albischen Magiergilde erschien es mir angemessen, die Landessprache zu lernen. Wenngleich mich ihr misstönender Klang, schlechte Erinnerungen und grobe Form immer noch störten.
Eine eher verrückte Unternehmung nahm ihren Lauf, als Ricardo uns überzeugte, die Grundzüge der Schifffahrt zu lernen. Dabei ging es nicht nur ums Rudern, sondern auch ums Segel setzen, Taue rollen, Anker werfen und so weiter. In den Docks von Corrinis fanden wir ohne größere Probleme fähige Lehrmeister, die für entsprechende Bezahlung auch einige „Landratten“ wie uns unterwiesen. Und so nahm, Abend für Abend im Goldenen Löwen, die Idee immer mehr Gestalt an, den gesamten Reichtum der einstigen Verschwörer gegen die corrinische Baronie in ein Schiff umzusetzen …

Es war der 3. Tag der 1. Trideade des Trollmondes, als wir befanden, dass wir nicht noch länger in der Stadt verbleiben müssten. Die Ehrenbürgerschaft war zwar angenehm, ebenso wie die kostenlose Unterbringung in dem gehobenen Gasthaus: aber es führte nicht weit. Meine Aufgabe war es nicht, am Tresen fett zu werden und glücklicherweise sahen es meine Gefährten genauso. Nun ja, zunächst nicht alle:
„Wie wäre es, wenn wir den gesamten Reichtum in eine Bibliothek umsetzen?“, fragte Nicola.
„Hatten wir uns nicht mittlerweile auf ein Schiff geeinigt?“, setzte Miyako dagegen.
„Was sollen wir denn damit? Eine Bibliothek wäre doch wunderschön. Hunderte Bücher und unendlich viel Zeit zum Lesen und Studieren.“
Allein bei dem Gedanken, tage- oder gar wochenlang zwischen staubigen Regalreihen zu leben, wurde mir unwohl. Ein Schiff würde zwar durchaus ungewöhnliche Lebenserfahrungen mit sich bringen – aber man wäre doch zumindest an der frischen Luft.
„Nicola, willst du dich etwa zur Ruhe setzen?“, setzte ich eine weitere Frage an.
„Warum nicht? Wir sind so reich, was sollen wir denn noch erreichen? Eine schöne Bibliothek und gutes Essen bis zum Ende unserer Tage.“
„Das könnte teuer werden, wenn ich mir das konkret für mich vorstelle“, erwiderte ich schmunzelnd.
„Ja, nun, für Elfen ist das anders. Aber du bist ja auch jung geblieben. Ich bin ein gesetzter, alter Mann und habe mir etwas Ruhe verdient.“
„Das glaubst du doch selbst nicht“, sagte ich lachend. „Du bist rüstiger als du tust und bedenke vor allem eines: wenn wir gemeinsam reisen, wirst du Dinge sehen, von denen du sonst nur lesen kannst.“
„Aber was sollen wir denn tun? Noch mehr Reichtum anhäufen? Wir brauchen doch ein Ziel!“
„Für mich klingt es zunächst vielversprechend, mobil zu sein und durch die Welt zu reisen. Ich befürchte, dass das Böse sich allerorts manifestiert und wir schneller eine Aufgabe haben, als es uns lieb ist“, brachte ich meine Sicht zum Ausdruck.
„Hm … vielleicht könnte ich mir eine Bibliothek auf dem Schiff einrichten“, überlegte Nicola und ließ damit von seinem Widerstand ab.
„Ich glaube, Seeluft verträgt sich schlecht mit Papier“, warf Miyako ein.
„Ach papperlapapp. Visionärer Geist ist gefragt! Ich werde eine Möglichkeit finden, meine schwimmende Bibliothek zu verwirklichen – ob mit Magie oder anderen Hilfsmitteln wird sich erweisen!“

Und damit hatte der alte Magier ein Ziel und war vorerst glücklich. Und wir konnten tatsächlich daran gehen, unseren Plan in die Tat umzusetzen!
Die Docks von Corrinis lagen am Festland und besaßen neben Kontoren für die größeren Handelsgesellschaft auch einige Schiffsbauer, die sich in der multikulturellen Stadt einen guten Namen gemacht hatten. Wir machten dort ein Treffen mit einem Fachmann namens Tiric MacBeorn aus. Es gab derzeit tatsächlich einige Schiffe, die derzeit keinen Besitzer hatten. Die meisten hatten schon mehr als ihre Jungfernfahrt hinter sich, aber ihre bisherigen Nutzer hatten sie immer nur geliehen oder waren „wirtschaftlich gescheitert“, wie es die Albai üblicherweise nannten.

Bevor weitere Ereignisse sich Bahn brachen, beschloss ich allerdings zunächst etwas zu klären. Während Miyako nach längerer Zeit wieder nach einen Brief nach Hause schickte, Ricardo mit diversen Kapitänen in den Spelunken diskutierte und Nicola darüber sinnierte, wie er Bücher trockenhalten konnte, ging ich zu Caileass. Ich klopfte und die Tür wurde geöffnet: von einem recht klugen Hund. Maglos ließ sich zur Begrüßung freundlich streicheln, danach lief er in die Wohnung und legte sich wieder zu den Füßen des Albais hin. Der grüßte mich freundlich und ich nahm Platz. Zunächst sprachen wir wieder einmal über die Verschwörung gegen den Kanzler, die immer noch ein spektakuläres Thema in der Stadt war. Natürlich hatte es nur wenig offizielle Verlautbarungen gegeben, aber die Gerüchteküche hielt Nichts auf. Schließlich kamen wir auf das eigentliche Anliegen, als Caileass fragte: „Was gibt es Neues? Wenn du mich besuchen kommst, wird das doch seinen Grund haben.“
Den Seitenhieb nahm ich kommentarlos hin und antwortete: „Es steht der Plan im Raum, dass Miyako, Ricardo, Nicola und ich ein Schiff kaufen.“
„Ein Schiff? Ist denn einer von euch großer Seefahrer?“
„Noch nicht“, erwiderte ich grinsend. „Aber unsere Reisen haben uns schon das eine ums andere Mal über die See geführt und sie werden es wohl wieder tun.“
„Nun, das wird ein ganz schönes Abenteuer“, überlegte Caileass.
„Willst du mit uns kommen?“
„Nein, das nicht. Meine Zeit des Herumreisens ist vorbei. Mir geht es gut hier in Corrinis.“
Ich nickte, etwas anderes hatte ich auch kaum erwartet. Nach einem Moment nahm ich dann den Faden des Gesprächs wieder auf: „Maglos und du, ihr versteht euch ziemlich gut, nicht wahr?“
„Ja, durchaus. Er hat eine solide Erziehung genossen“, stimmte Caileass mir lächelnd zu.
„Dann würde ich dich um eines bitten wollen: willst du auf ihn aufpassen? Nicht nur für ein paar Wochen, sondern wahrscheinlich für die nächsten Jahre. Das Leben an Bord eines Schiffes wird ihm kaum behagen und ohnehin befürchte ich, dass das Abenteuerleben allmählich Nichts mehr für ihn ist.“
Der ehemalige Söldner überlegte einen Moment, ehe er zu dem albischen Hütehund hinabsah, der gerade aufhorchte, als wüsste er, worum es ging. Dann sagte er: „Sehr gerne, Ilfarin. Maglos ist ein Guter und ich werde mein Bestes tun, dass es ihm gut geht.“
„Danke, Caileass. Es ist gut zu wissen, dass er jetzt in guten und sicheren Händen ist“, erklärte ich erleichtert. „Ich werde mich noch einmal bei dir melden, wenn unsere Pläne etwas ausgereifter sind.“
„Viel Erfolg bei euren Reisen“, wünschte mir Caileass und ich stand auf.
„Danke. Bis dann“, und ich kraulte Maglos noch einmal hinter den Ohren, ehe ich das Haus verließ.

Am 4. Tag des Trollmondes trafen wir dann den stämmigen Albai, der sich durchaus gekonnt zu kleiden wusste – Ricardo war nicht dabei, da er derzeit an einer kleineren Reise den Tuarisc entlang und zurück teilnahm, um sich zunächst als Hilfskapitän anlernen zu lassen. Vorausgesetzt, die bunten Muster entsprachen irgendeinem Modeideal, was ich kaum zu beurteilen wage. Freundlich und professionell begrüßte uns der Mann und führte uns zu den hinteren Kais, wo derzeit vier Schiffe vor Anker lagen.
„Das erste hier ist eine Galeere. Ein schönes, schnelles Schiff …“
„Für das man eine Menge Ruderer braucht“, merkte Miyako an. „So viele Leute anzustellen, wäre ziemlich teuer auf die Dauer.“
„Nun, das ist wohl richtig. Wenn ihr keine Räuber fürchtet, dann wird es wohl ein Handelsschiff tun. Dieses hier ist recht klein aber sehr schnell“, sprach Tiric weiter und zeigte auf eine kleinere Kogge.
„Kann man damit auch die Hohe See befahren?“, fragte ich nach.
„Ein guter Kapitän kann das natürlich mit zwei Brettern unter dem A… Hintern“, meinte der Albai verschmitzt. „Aber diese Kogge wäre nicht die erste Wahl, um damit nach Candranor zu segeln, das stimmt.“
Er merkte bereits, dass so etwas nicht ganz unseren Ansprüchen genügte und führte uns weiter.
„Dieser Schatz hier ist schon etwas Besonderes. Drei Masten, fünfzehn Meter lang. Eine wirkliche Perle.“
Nun war unsere Aufmerksamkeit geweckt. Das Schiff machte in der Tat einen sehr guten Eindruck, soweit man das von außen erkennen konnte.
„Wie viele Matrosen bräuchte dieses Schiff?“
„Zehn wäre die Mindestzahl. Wenn man sicher gehen will, dann sollten es schon fünfzehn sein. Wer weiß, was auf hoher See passiert.“
„Und der Preis?“
„In etwa dreizehntausend Goldstücke.“
Wir waren … nicht abgeneigt. Das klang nach einem Preis, der uns durchaus noch Luft ließ. Aber wir hörten uns noch die anderen Angebote Tiric MacBeorns an. Es gab noch eines, das etwas größer war, als das eben genannte, aber derzeit nicht im Hafen lag. Und aufgrund eines Bildes wollten wir kaum eine Kaufentscheidung treffen. Das letzte Angebot war ein Handelsschiff in Ausmaßen, wie wir es niemals brauchen würden. Zumal es längere Zeit nicht genutzt worden war und womöglich ordentlich aufgebessert werden müsste.
„Das dritte Angebot trifft unsere Interessen am ehesten“, brachte es Miyako auf den Punkt.
„Die ‚Seeperle‘ also. Ein wirklich schönes Schiff“, kommentierte Tiric und wir begingen nun gemeinsam den Handelssegler unserer Wahl. Er besaß die üblichen Räumlichkeiten, die zum Teil allerdings neu eingerichtet werden mussten. Die größte Frage kaum auf die Verwendung des Lagerraums, der uns auf einem primär für die Reisen genutztem Schiff eher wenig Mehrwert einbrachte.
„Es gibt natürlich viele Möglichkeiten, das Schiff einzurichten oder umzugestalten. Ich kenne einen herausragenden Schiffszimmermeister: Oric MacNahar. Wendet euch an ihn, er kann euch gut beraten und auch unerfahrenen Schiffskapitänen einige Hinweise geben. Normalerweise kommt er im Goldenen Löwen unter, dort treiben sich häufiger Seefahrer herum, die seine Hilfe benötigen – und bezahlen können.“
Wir bedankten uns und kehrten mit den neuen Informationen zurück auf die Stadtinsel.

Mit dem Goldenen Löwen hatten wir natürlich eine glückliche Ausgangsposition und trafen tatsächlich schnell den Experten an, den Tiric MacBeorn uns empfohlen hatte. Oric MacNahar saß beim Essen, ließ sich davon aber nicht abhalten, ein Geschäftsgespräch mit uns zu führen. Schnell hatten wir ihm geschildert, was unser Plan war. Wenngleich auch er skeptisch schien, dass sich ein paar Landraten direkt ein eigenes Schiff kauften, versprach er uns, sich die Seeperle anzusehen und am Abend mit uns zu beratschlagen, was es zu bearbeiten galt.
Damit waren die Pläne betreffs des Schiffs erledigt, doch wir brauchten noch eine Mannschaft. Tatsächlich tummelten sich in unserem Stammgasthaus der letzten Monde zahlreiche Seefahrer, die sich mehr leisten konnten, als die übliche, heruntergekommene Hafenspelunke. Miyako machte unter ihnen einen aus, der vertrauenswürdig schien. Immerhin entstammte die KanThai einer wohlhabenden Handelsfamilie und wusste durchaus das eine oder andere von der Seefahrt und den dazugehörigen Gemütern.
Wir setzten uns zu dem Mann, gleich mit einem Humpen Bier für ihn, und aufmerksam blickte er uns an.
„Seid gegrüßt. Ihr macht den Eindruck eines erfahrenen Seemanns“, eröffnete Miyako.
„Grüße, danke für das Bier. Freder MacBeorn mein Name – und ja, ich bin schon viel über die Meere gesegelt“, erwiderte der etwa mittelalte Mann und nahm einen großen Zug von dem spendierten Getränk. „Wieso fragt ihr?“
„Nun, mein Name ist Miyako Kinjo, das sind Ilfarin Tinuhên und Nicola Santoro. Gemeinsam mit einem derzeit nicht anwesenden Begleiter planen wir die Seeperle zu kaufen.“
„Die Seeperle? Kenne ich nicht, aber ein Schiff wird’s sein, nicht wahr?“
„In der Tat. Ein kleinerer Handelssegler – und er braucht eine Mannschaft.“
„Ah“, machte Freder. „Das klingt spannend. Seid ihr selbst erfahrene Seeleute?“
„Bisher nur Mitreisende. Aber wir haben dabei durchaus einiges gesehen und in letzter Zeit einiges gelernt“, antwortete ich.
„Dann braucht ihr wohl einen Kapitän sowie die gesamte Crew?“
„Nun … ein Freund von uns, Ricardo O’Mere wird der Kapitän sein. Allerdings besitzt er noch wenig Erfahrung.“
„… und braucht jemanden, der ihm da helfend zur Seite steht? Nun, ich kenne da ein paar Jungs. Wie wäre es, wenn wir uns heute Abend wieder treffen und ich stelle euch jemanden vor?“
„Das klingt ausgezeichnet“, beschloss Miyako und wir verabschiedeten uns zunächst von Freder MacBeorn, der schnell sein Getränk leerte und anschließend aufbrach, um eine Mannschaft zusammenzustellen.

„Brauchen wir sonst noch etwas? Ein Schiff, eine Mannschaft sind in Arbeit“, überlegte ich.
„Wir sollten ein Fernrohr erstehen. An Bord habe ich keines gesehen“, warf Nicola ein.
„Und einen Kompass brauchen wir“, ergänzte Miyako.
„Einen Kompass?“, fragte ich verdutzt nach.
„Ja, ein fortschrittliches Hilfsmittel für die Seefahrt. Er besitzt eine Nadel, die immer nach Norden zeigt.“
„Ah, in Candranor habe ich davon gehört“, erinnerte ich mich. „Ich glaube, in Alba werden wir keinen finden.“
„Ich halte es ohnehin für eine gute Idee, als erstes Ziel meine Heimat anzulaufen“, schlug Nicola vor. „In Tura gibt es eine gut sortierte Bibliothek, sowie meine gute Freundin Wikki Pedeia und auch so fortschrittliche Händler, dass sie einen Kompass besitzen.“
„Dann ist das ausgemacht. Da fällt mir noch eine Sache ein, die für deine Bibliothek nützlich sein könnte“, entsann ich mich. „Du solltest mit Ogamstäben arbeiten. Sie sind aus Holz und deutlich widerstandsfähiger als Papier.“
„Mit was?!“
„Ogamstäben – es ist die druidische Art und Weise Dinge festzuhalten. In der alten Schrift werden Ritzungen auf Eichenholz gemacht, die ein Eingeweihter lesen kann.“
Zugegeben, mein Vorschlag war nicht gänzlich ernst gemeint – schließlich war es ausgeschlossen, dass Nicola die Zeichen lesen konnte. Aber sein pikierter Blick, als ich ihn von dieser für seine Augen archaischen Schrift berichtete, war es mir wert.

Nach dem Mittagessen besuchten wir Caileass in seinem Laden für Reisegegenstände, in der Hoffnung, dort ein Fernrohr zu finden. Tatsächlich konnte unser Freund uns eine entsprechende Sichthilfe zeigen.
„Ihr seid wahrscheinlich hier für den Freundschaftspreis?“, merkte er dann schmallippig an. Bestürzt blickte ich von dem feingearbeiteten Werkzeug zu ihm auf.
„Wir sind eigentlich deswegen hier, weil wir dich gut kennen und gehofft hatten, du hast etwas Entsprechendes im Angebot. Du musst uns keinen ‚Freundschaftspreis‘ machen“, erwiderte ich etwas verstört darüber, dass der Albai glaubte, wir würden nur zu ihm kommen, wenn wir etwas bräuchten. So nahm er dann auch die vollen achthundert Goldstücke entgegen und wir verabschiedeten uns.

Am Abend im Goldenen Löwen trafen wir zunächst Freder MacBeorn wieder. Er war in Begleitung eines etwas älteren Mannes, dessen wettergegerbtes Gesicht ihm zweifellos ein langes Leben auf See bescheinigte. Nachdem wir uns zusammen an einen Tisch gesetzt und Essen bestellt hatten, wurden wir vorgestellt: „Das ist Eldur MacNahar. Er war der erste Maat auf der letzten Fahrt, die ich unternommen habe. Zweifelsohne einer der besten Seefahrer, der mir je untergekommen ist. Er könnte die Rolle des Kapitäns übernehmen.“
„Des Hilfskapitäns“, merkte ich an. „Es geht darum, Ricardo anzulernen.“
„Natürlich“, erklärte nun Eldur einsichtig. „Ich denke, ich werde ihm alles beibringen können, was er braucht.“
„Für mich würde ich dann die Rolle als zweiten Maat beanspruchen“, hängte Freder an.
„Erster und zweiter Maat, das klingt gut“, erwiderte Miyako, während Nicola und ich zustimmend nickten. „Wie sieht es mit der restlichen Mannschaft aus?“
„Wir haben genug für ein kleineres Handelsschiff zusammen“, erklärte Freder.
„Auch für Navigation, Ausguck und so weiter?“
„Natürlich, ich stelle doch nicht einfach einen Trupp von Matrosen ohne jegliche Expertise zusammen. Die Navigation wird Eldur übernehmen, schließlich ist er der erste Maat. Ich kann auch sehr gut kochen, wenn ich das sagen darf, und werde diese Aufgabe übernehmen. Es wäre dann durchaus sinnvoll, wenn ich soweit auf das Gold zugreifen kann, das ich die notwendige Verpflegung vor den Reisen kaufen kann.“
„Einverstanden“, nickte Miyako ab.
„Sehr schön. Was die weiteren Mannschaftsmitglieder angeht, sind wir gut ausgestattet. Ich denke, wir kriegen sogar einen Schiffszimmermann, der Notreparaturen vornehmen kann.“
Erleichtert lehnten wir uns zurück. Wir schienen tatsächlich an ein paar Seefahrer geraten zu sein, die auch mit unerfahrenen Schiffsbesitzern zurechtkamen.
„Welche Reisen habt ihr schon unternommen?“, fragte Miyako nun den erfahrenen Eldur.
„Viele, viele. Eine brachte mich sogar schon ans andere Ende der Welt, nach Medjis.“
„Medjis?“, fragte ich neugierig.
„Ein wildes Land nördlich von KanThaiPan. Nicht gerade dicht besiedelt, das größte Gebiet wird von einem riesigen Wald bedeckt.“
„Unzivilisiert“, merkte Miyako nur an und verzog die Miene.
„Es gibt nicht gerade viel, das sich anzufahren lohnt“, stimmte Eldur zu.

Wir sprachen nicht mehr lange weiter, da unsere Köpfe derzeit noch voll auf den Kauf des Schiffes fokussiert waren. Eines war aber klar: an langweiligen Tagen auf See würde unser künftiger erster Maat immer eine Geschichte parat haben.
Wenig später betrat Oric MacNahar den Goldenen Löwen und wir setzten uns nun mit ihm zusammen.
„Eine schnieke Perle habt ihr da ins Auge gefasst“, eröffnete der Zimmermann.
„Benötigt sie viel Nacharbeit?“, fragte Miyako sogleich.
„Es hält sich in Grenzen. Einige Zimmer würde ich neu ausstatten lassen, die Segel und Taue ersetzen. Ansonsten eigentlich eine runde Angelegenheit.“
„Dann kommen wir wohl zu den Veränderungen, die wir vornehmen lassen wollen“, kam die KanThai auf das dringendste Anliegen. „Wir brauchen mehr Räume, immerhin sollen unsere beiden Maate und wir drei jeweils ein eigenes Zimmer bekommen. Dazu wären noch Aufenthaltsmöglichkeiten für mögliche Gäste sinnvoll.“
„Und ein Raum für meine Bibliothek!“, ergänzte Nicola.
„Nun gut, das Schiff erscheint mir groß genug für diese Änderungen“, begann Oric. Aber dann legte er erst richtig los: „Allerdings müssen wir verschiedene Faktoren bedenken: der unterste Bereich des Schiffes wird immer eine besondere Feuchtigkeit aufweisen, weswegen ich hier weder Bücher noch Gäste mit Anspruch unterbringen wöllte. Bisher besitzt das Schiff auch eine Ladeluke für den großen Unterraum, die wir dann dicht machen sollten. Wichtig ist dann bei der weiteren Raumaufteilung, dass wir das Gleichgewicht wahren, schließlich soll die Seeperle ja weiterhin gut im Wasser liegen. Außerdem verläuft im vorderen Teil ja noch die Ankerleine und da müssen noch weitere Dinge gelagert werden. Schließlich ist noch zu bedenken …“

Irgendwann kam Oric MacNahar zu einem Schluss und sagte: „Aber das ließe sich alles machen. Die Frage ist nur, wie viele Mann soll ich einsetzen und wann wollt ihr aufbrechen?“
„Wie lange braucht Ihr für diese Arbeiten?“, hakte ich nach – und bereute es gleich.
„Nun, es ist schon so, dass ich mehr als ein paar Hände brauche. Und ansonsten sind einige Dinge schwer abzuschätzen und ja, die Lieferzeiten und je nachdem, wie viele Mannstunden wir pro Tag aufwenden sollen und dann kommt noch hinzu …“
„Reichen zweitausend Goldstücke, um die Seeperle bis zum Ende des Trollmonds in den gewünschten Zustand zu bringen?“, fragte ich schließlich, als ich glaubte, dass die Fachsimpelei von Oric endlich ein Ende hatte.
„Wenn das so ist – ja, das reicht“, erklärte der Fachmann endlich. „Ich werde gleich morgen meine Männer zusammentrommeln.“
„Ausgezeichnet“, sagte Miyako und schien sich nur mit Mühe ein Ächzen verkneifen zu können.

Und so kam die große Planungsphase zu ihrem Ende. Noch am Abend traf Ricardo ein, den wir rasch ins Bild setzten. Dann begaben wir uns zu Bett.
Am nächsten Morgen war es endlich so weit. Zu viert nahmen wir eine Fähre zu den Docks und trafen uns dort mit Tiric MacBeorn.
„Wir wollen die Seeperle kaufen“, verkündete Miyako nach einer kurzen Begrüßung.
„Ausgezeichnet“, freute sich der Händler. „Ich hole gerade den Vertrag, dann könnt ihr unterzeichnen … wenn ihr das Gold bereit habt?“
Binnen der nächsten Minuten erledigten wir die entsprechenden Formalitäten und übergaben vor allem die Edelsteine im Wert des Schiffes an den Mann, der uns daraufhin den Kaufvertrag vorlegte. Ein eigens dafür zuständiger Notar las uns den albischen Text vor und wir setzten daraufhin unsere Unterschriften darunter: in kanthanischen Zeichen, den Runen der Ogam-Schrift sowie den Lettern des valianischen Alphabets. Damit war es ausgemacht: Tiric überreichte uns ein Schriftstück, das uns als Besitzer der Seeperle auswies, und legte den Kaufvertrag sicher ab. Wir waren nun die Besitzer eines Schiffes!

Noch am selben Tag trafen wir Oric und seine Leute bei der Arbeit am Schiff, wenig später auch noch unsere Mannschaft. Neben Freder und Eldur waren das acht erfahrene Matrosen und fünf Schiffsjungen. Als wir gemeinsam das Schiff abgingen, mutmaßte unser zweiter Maat, dass es etwas wenig Arbeit für fünfzehn Mann geben würde – allerdings nahmen wir dieses Luxusproblem gerne hin.

Wir verbrachten die nächsten Tage damit, unsere Mannschaft etwas kennenzulernen. Aber dann, gen Ende der zweiten Trideade des Trollmondes war es soweit: die Seeperle war bereit zum Ablegen. Freder MacBeorn hatte die Verpflegung an Bord bringen lassen und wir waren bereit abzulegen. Das erste Ziel: Tidford, es wurde Zeit, meinen Hüterspieß entgegenzunehmen.

Am Steuer stand er nun, Ricardo, der Kapitän der Seeperle. Und rechts neben ihm Eldur MacNahar, stets bereits, hilfreiche Ratschläge zu geben.
„Männer! Leinen los, setzt die Segel! Dies wird eine zweite Jungfernfahrt dieses Schiffes! Ab nach Tidford zunächst und dann: hinaus in die Welt! Die Meere gehören uns!“, brüllte der Küstenstaatler aus dem tiefsten Inneren seiner Kehle heraus und die Mannschaft antwortete mit zustimmenden Rufen.
Und so ließen wir Corrinis hinter uns – auch wenn ein Teil der Stadt mit uns fuhr: Nicola hatte bereits die ersten Bücher gekauft und damit den Grundstock für seine Bibliothek geschaffen.

Die Fahrt den Tuarisc hinauf gestaltete sich ruhig – vor allem dank unseres erfahrenen ersten Maats. Die Flussschifffahrt brachte ganz eigene Probleme mit sich und da erwiesen sich die Kenntnisse Eldurs als wertvolle Ressource. Dank ihm gelang es uns, ohne Zusammenstöße oder unfreiwillige Anlandungen bis zum Hafen von Tidford zu kommen, wo wir prompt vor Anker gingen. Die dreitägige Reise hatte auch nicht gerade viel von den Matrosen abverlangt, von denen sogar einige Instrumente mitgenommen und gespielt hatten. Nun hieß es bereits wieder Landgang, zumindest für einen Tag.
Ich ging ebenfalls an Land, um direkt Artur Cuinn über meine Anwesenheit zu informieren. Nicola blieb mit Ricardo bei dem Schiff, während Miyako sich mir, doch etwas neugierig geworden, anschloss.

Die Zauberschmiede des Gnoms fand ich schnell wieder und kaum war ich durch die Tür getreten, hörte ich bereits seine Stimme: „Ah, Herr Ilfarin!“
Der kleine Mann kam herbeigelaufen und blickte freudig zu mir auf: „Eure Waffe ist bereits fertig, ich hatte schon gehofft, dass Ihr früher kämt.“
„Das ist wunderbar. Ist für das Ritual alles bereit?“
„Ja, wir müssen nur alles in den Wald schaffen. Hier in der Stadt ist die Lebensenergie nicht stark genug, um das Band zu knüpfen.“
„Kann ich dem beiwohnen?“, fragte Miyako.
Der Gnom sah zur KanThai und musterte sie ein wenig, ehe er sagte: „Ich fürchte nein. Bei dem Ritual werden nur Ilfarin, ich und der Thaumagral gebraucht.“
„Dann warte ich hier“, erklärte sie und ich nickte. Artur Cuinn gab indes Anweisungen an seine Gelehrten, die allerlei Dinge zusammensuchten, die Teil des kommenden Rituals werden würden. Dann war alles bereit und wir konnten aufbrechen. Unaufgefordert überreichte ich dem Meisterschmied den zweiten Teil seines Lohns, der die Edelsteine erfreut in einem kleinen Tresor verstaute, der zweifelsohne nicht nur handwerklich gesichert war.

Ich folgte Artur Cuinn und seinen Helfern durch Tidford, bis wir schließlich die Stadtgrenzen verließen und bald zwischen die Bäume des Walds von Ogresse traten. Ich wusste nicht, was an anderen Materialien gebraucht wurde, blickte aber bereits gebannt auf den langen Gegenstand, der derzeit noch von einem dicken, grauen Tuch verhüllt war. Es brauchte zwei der gnomischen Helfer, um die Waffe tragen zu können – Menschen nahm der Meisterschmied wohl kaum als Lehrlinge an: es brauchte Jahrzehnte, vielleicht auch ein Jahrhundert des Studiums, um zu lernen, was Artur Cuinn beherrschte. Woher sollte ein Mensch diese Zeit nehmen?

Dann war es soweit und wir hatten eine wirklich kleine Lichtung erreicht. Gerade einmal durch einen kleinen Spalt im Blätterdach fielen die Strahlen der Sonne. Doch so unscheinbar diese Stelle für einen Laien erscheinen mochte: ich spürte die Macht, die hier entlang liefen. Die Adern der lebendigen Welt trafen sich und gemahnten den Kundigen daran, dass die Natur nicht kraftlos war.
Die Gehilfen des Meisterschmieds stellten verschiedene Rauchschalen auf und legten magisch behandelte Kräuter hinein. Unablässig wurden dabei Sprüche geflüstert, zumeist im Gnomenom, doch manche Formeln bedienten sich des Eldalyn. Dann wurden kleine Feuer entzündet und die Pflanzen begannen einen ätherischen Duft auszusondern, der die gesamte Lichtung einhüllte. Ein ganz leichter Nebel legte sich über die Sicht, während die Lehrlinge Artur Cuinns den Rückzug antraten. Nun waren es nur noch der Gnom und ich – und ich ging ehrfürchtig auf die Knie und erwartete das Ritual.

Dann begann der Meisterschmied in einer tiefen, sonoren Stimme alte Formeln zu sprechen, während der Rauch aus den kleinen Schalen immer kräftiger wurde und schließlich beinah greifbar wurde. Allmählich schienen sich Figuren abzuzeichnen, ein Kaninchen, ein Wolf, ein Bär … dann ganze Szenerien: ein Hirsch, wie er über eine freie Lichtung sprang.
Artur Cuinn nahm sodann das graue Tuch von der Waffe und offenbarte sie in ihrer ganzen Pracht: der übermannslange, hölzerne Schaft war mit Symbolen der Ogam-Schrift versehen und kündeten sowohl von großer Macht, als auch von der Verantwortung für das allumfassende Leben. Am Ende der Waffe befand sich die Spitze aus kalt gehämmerten und nun magisch verstärkten Kaltem Eisen. Zum ersten Mal seit langer Zeit erblickte ich eine Waffe aus diesem seltenen Material und konnte mein Staunen nicht in Grenzen halten. Die Parierstange unterhalb der Spitze war aus einem mächtigen Hirschgeweih geschaffen worden.
Der Schmied hob das Meisterwerk hoch und ich legte auf sein Geheiß meine Hände darauf. Es folgten die letzten, entscheidenden Sprüche und das Band zwischen dieser Waffe und mir wurde geknüpft. Und nicht nur das – die Gegenwart einer Linienkreuzung, eines so mächtigen Horts der natürlichen Lebenskräfte, gab ihren Teil zu dieser Verbindung hinzu. Einen Moment lang meinte ich sämtliche Tiere, ja sogar die Pflanzen in dutzenden Meilen Umkreis spüren zu können.
Dann fuhr ich wieder in die Wirklichkeit und Artur Cuinn ließ seine Schöpfung los. Einen Moment glaubte ich, der Thaumagral würde schweben, ehe ich gewahrte, dass er in meinen Händen Nichts zu wiegen schien. Er war … ein Teil von mir.
Fassungslos und in einer Explosion der Freude blickte ich zu dem Gnom auf, der mich nur freundlich anlächelte. „Danke“, stammelte ich dann und erhob mich.
„Es ist und wird mir immer eine Ehre sein“, erwiderte Artur und verneigte sich.

Dann kehrten wir Seite an Seite zurück nach Tidford. Am Rande des Waldes erwarteten uns die Lehrlinge, in der Schmiede fanden wir Miyako vor. Sie blickte etwas skeptisch auf die neue Waffe in meinem Besitz, die für ihre Ansprüche an „Zivilisation“ sehr archaisch wirken musste. Das beseelte Lächeln von mir, schien diesem Umstand kaum abzuhelfen: es war wohl unmöglich, die Bindung an ein „Gefäß der Wunder“ zu erklären, wenn man nur gewöhnliche oder auch selbst wenn man magische Waffen kannte.
„Ich danke Euch für diese wundervolle Arbeit“, sagte ich zu Artur Cuinn und wieder nickte er freundlich. „Wenn der Tag kommt und es Ergänzungen gibt, die ich wünsche: dann werde ich zu Euch kommen“, setzte ich noch hinzu.
„Ich freue mich auf jenen Tag“, sagte Artur und wir verabschiedeten uns mit einer wechselseitigen Verneigung.

Nun wurde es Zeit, zur Seeperle zurückzukehren. Nicola und Ricardo hatten das Schiff in einem Stück behalten und wir verbrachten schließlich eine ruhige Nacht in unseren gut eingerichteten Zimmern. Der nächste Morgen brachte uns jedoch bereits neue Aufregung: als wir gerade ablegen wollten, stellte Freder fest, dass zwei Matrosen fehlten.
„Zweiter Maat, wo sind unsere Männer?“, fragte Ricardo bereits im befehlsgeübten Ton.
„Eine gute Frage. Vielleicht betrunken in irgendeiner Kaschemme …“, meinte der Mann achselzuckend.
„Wohlan, mir scheint, es hätte ohnehin des Müßiggangs zu viel gegeben! Dreizehn Matrosen werden für dieses prächtige Schiff wohl reichen … oder, Eldur?“
Der erste Maat nickte, so unauffällig er es vermochte.
„Also: Leinen los und Aufbruch. Auf in die Küstenstaaten, auf nach Tura!“

Und so brachen wir auf. Freder versicherte mir ebenfalls, dass es besser sei, den verloren gegangenen Matrosen nicht nachzulaufen: es würde ein zu weiches Bild von den Schiffsbesitzern zeichnen.
Diese erste wirklich große Reise führte uns zunächst südwärts, wieder an Corrinis vorbei. Dann segelten wir noch in einiger Entfernung neben der Westküste Chryseias entlang. In der sich zum Golf der Blauen Wellen öffnenden Bucht kam etwas Nebel auf, doch der stellte für unser Gespann aus erfahrenem und bemühtem Kapitän kein größeres Problem dar.
Und das sollte die größte „Herausforderung“ bleiben. Die Mannschaft funktionierte gut und nach sechzehn Tagen erreichten wir schließlich Tura. Seit unserem letzten Aufenthalt hier, bevor wir die Rosen der Macht zerstörten, schien sich wenig verändert zu haben. Ein buntes, für mich absolut unübersichtliches Treiben. Menschen und Nichtmenschen aus aller Herren Länder. Nicola war kaum zu halten, als wir an Land gingen und er seine geliebte Bibliothek erblickte. Die Mannschaft bekam zunächst einmal frei, sollte sich aber am nächsten Mittag wieder bei der Seeperle versammeln. Eldur und Freder übernahmen abwechselnd eine Schiffswache – und Ricardo blieb die gesamte Zeit auf seinem bereits so geliebten Schiff.

Ich folgte Miyako in das Gewimmel der Gassen, wo sich die KanThai daranmachte, einen Kompass zu finden. Es brauchte einige Zeit, doch schließlich standen wir in einem nobleren Geschäft Turas, wo ich mich bereits in meiner einfachen Kleidung unwohl fühlte.
„Ah, wie kann ich Ihnen helfen?“, begrüßte uns der Händler bereits auf Comentang.
„Wir suchen einen Kompass“, erklärte Miyako und hoffte, dass sie diesem Verkäufer nicht erklären musste, was das ist. Und diesmal wurde sie nicht enttäuscht.
„Oh, ein solches Meisterwerk haben wir natürlich im Angebot. Angehende Seefahrer, wie?“
„Durchaus“, nickte Miyako, während sie die kleine Schachtel beäugte, die der Händler unter der Theke hervorkramte. Nachdem der Deckel oben war, sah ich ein Blatt mit verschiedenen Linien und darauf eine Nadel, die trotz aller Drehungen des Verkäufers stets in die gleiche Richtung wies.
„Ein wunderschönes Stück, nicht wahr?“, lächelte der Mann.
„In der Tat. Wir sind interessiert … was kostet er?“, fragte Miyako.
„Nun, es ist ein sehr seltenes Stück, wie Ihr wohl sehr gut wisst. Dreitausend Goldstücke.“
Ich weitete ungläubig die Augen und auch Miyako schluckte. Wir konnten uns das theoretisch leisten, aber war es das wirklich wert?
„Ähm … wir werden das noch einmal mit dem Kapitän besprechen“, sagte Miyako schließlich und der der Verkäufer verabschiedete sich schmallippig von uns.

Zurück am Schiff trafen wir neben Ricardo glücklicherweise auch Eldur an und berichteten von unserem Plan und den Kosten eines Kompasses.
„Ein paar gute Seekarten werden es auch tun, wenn wir wissen, welche Regionen wir besuchen wollen.“
„Nun, vorerst wahrscheinlich die Küstenstaaten, Vesternesse und Valian“, überlegte ich.
„Dazu wird es hier sicherlich einige geben“, gab sich unser erster Maat zuversichtlich und brach zugleich mit uns auf. Bereits eine Stunde später waren wir stolze Besitzer der benötigten Seekarten, die die Navigation deutlich vereinfachen würden, und kehrten für ein gutes und ausgewogenes Abendessen in ein turanisches Gasthaus ein.

Am nächsten Morgen trafen wir vier Schiffsbesitzer uns mit Freder und Eldur an Deck. Nicola berichtete, dass er mithilfe von Wikki Pedeia einige Bücher gefunden und in seine Bibliothek aufgenommen hatte. Zwar war das Problem der Feuchtigkeit noch nicht vollständig gelöst, doch der ältere Magier kam zumindest immer wieder mit kuriosen Ideen um die Ecke. Irgendwann würde es ihm schon gelingen …
„Freder, fehlt es unserer Mannschaft oder dem Schiff noch an irgendetwas?“, wandte ich mich an den zweiten Maat.
„Nun, eigentlich … ach, es fehlt Alkohol. Ja, definitiv Alkohol.“
„Gut, den werdet Ihr wohl hier beschaffen können.“
„Es gibt sehr guten chryseiischen Wein. Argyra ist eine beliebte Stadt dafür.“
„Wir segeln doch nicht wegen ein paar Fleischen Wein nach Chryseia!“, fuhr ich auf.
„Naja, ich würde eher von Kisten sprechen …“, murmelte Freder und ich schlug mir nur die Hand vors Gesicht.
„Warum nicht?“, warf Miyako ein. „Ein Schiff braucht ein Ziel, wir haben gerade keines.“
„Und deswegen sollen wir nach Chryseia segeln? Wegen Alkohol?“, fragte ich nun sie bestürzt.
„Mir ist es eigentlich egal“, warf Nicola ein. „Es gibt bestimmt auch dort einige interessante Bücher.“
„Lasst uns wieder auf die See hinaus!“, rief Ricardo. „Der Wind peitscht uns nach vorn, die Gischt umspielt unsere Nasen und der sanfte Geruch des Meeres …“
„Ja … genau“, unterbrach Miyako und sah mich dann erwartungsvoll an. Ich zuckte nur noch die Achseln und ergab mich meinem Schicksal.

Am Mittag kehrten die letzten Reste der Mannschaft zur Seeperle zurück – diesmal vollständig. Rasch waren alle Positionen besetzt und wir waren bereit zur Abfahrt.
„Männer“, brüllte Ricardo. „Es geht nach Argyra – wir holen uns den besten Wein Chryseias!“
Schallender Beifall war die Antwort und mit ungeahnter Geschwindigkeit verließen wir den Hafen Turas und segelten wieder los.

Dank genauer Seekarten und günstiger Winde segelten wir nahezu in Rekordgeschwindigkeit die Nordküste Lamarans entlang, bis wir um den südlichen Zipfel Chryseias herum waren. Innerhalb von zehn Tagen waren wir dann auch an unserem nächsten Ziel angekommen: Argyra.
Die Mannschaft hatte schon unruhige Füße, kaum, dass wir den Ankerplatz gefunden hatten. Ihre Blicke huschten immer wieder zu Freder hinüber und als Miyako ihm schließlich die Zustimmung gab, einige Fässer Wein für das Schiff zu ordern, drängte ihn der versammelte Mob in die Straßen von Argyra. Eldur besah sich währenddessen Segel und Taue und fachsimpelte nebenher mit Ricardo, der zumindest dem Fachwissen nach eine erstaunliche Auffassungsgabe an den Tag legte.

Nicola, Miyako und ich gingen indes gemeinsam an Land. Ich beschloss schlicht ihnen zu folgen, da sie zumindest eine grobe Vorstellung zu haben schienen, wohin sie wollten. Zunächst folgten wir der größten Straße vom Hafen weg und erwarteten bald den Marktplatz zu erreichen, da erblickten wir bereits eine größere Menschentraube.
Neugierig beschleunigten wir unsere Schritte und erkannten, dass die Argyrer einen Kreis gebildet hatten – um die Leiche einer Frau. Sie war überfallen worden, sofern ich das auf einen Blick erhaschen konnte, man sah etwas Blut. Die Stadtwache war bereits zur Stelle und verhörte einige Bürger. Auch zu uns kam einer der Gerüsteten und fragte knapp auf Comentang, ob wir etwas wüssten.
„Wir sind gerade erst angekommen. Wer war die Frau?“, fragte Miyako. Doch der Mann reagierte nicht weiter auf sie und ging zu den nächsten Umstehenden.
Doch die KanThai machte einen Mann aus, der den Wachen etwas länger Rede und Antwort stand. Wir warteten ab, bis das Gespräch beendet war und gingen dann hinüber zu ihm. Indes wurde die Leiche in ein Tuch gewickelt und weggetragen.
„Wisst Ihr, wer die Frau war?“, fragte Miyako den Zeugen, der sich scheinbar in seiner Rolle als Wissender zu gefallen schien. Zumindest erklärte er sofort: „Oh ja, das war Miora Durad. Sie kommt von hier.“
„Und wer hat ihr das angetan?“
„Das habe ich leider nicht gesehen. Auf dem Platz hier ist immer ein großes Gedränge und das hat sich … jemand zu Nutze gemacht.“
Die KanThai überlegte einen Moment, dann fragte sie: „Kennt Ihr eine Gulwyn NiBeorn?“
„NiBeorn? Eine Albai? Nein, von ihr habe ich noch Nichts gehört. Aber einen Mildowan MacBeorn kenne ich. Oder besser gesagt, ich weiß, dass einer mit diesem Namen hier in der Stadt wohnt.“

Danach verabschiedeten wir uns bereits von dem Mann, da wir wenig darüber sagen konnten, ob wir bei diesem Todesfall eine Hilfe sein könnten. Oder ob das überhaupt erwünscht war.
Stattdessen suchten wir ein Gasthaus, um uns etwas von diesem unangenehmen Willkommen in der Stadt zu erholen. Während wir beim Wirt Getränke bestellten, fragte Miyako noch einmal nach dieser „Gulwyn NiBeorn“ nach, allerdings konnte dieser Chryseier ihr auch nicht mehr verraten. Dann setzten wir uns gemeinsam an einen Tisch in der Ecke des Raumes. Und Nicola hielt es nicht mehr aus.
„Miyako, was ist denn mit dieser Gulwyn?“
„Das ist für euch nicht von Belang“, wehrte Miyako ab. Und damit fuhr mir bereits das Eis durch die Adern. Wenn die KanThai einen Namen auf der Liste hatte, dann verhieß das nichts Gutes für diese Person.
„Aber warum?“
„Es ist eine private Angelegenheit“, blieb sie noch gegenüber Nicola sehr verschlossen.
„Wir haben gemeinsam ein Schiff gekauft! Und unter anderem wollten wir wohl wegen dieser Gulwyn NiBeorn nach Argyra! Also geht es uns durchaus etwas an“, argumentierte der ältere Magier nun etwas entschlossener.
„Eine Nachricht aus KanThaiPan hat mich angehalten, nach Gulwyn Ausschau zu halten“, formulierte es unsere Gefährtin nun etwas trocken.
„Und um was zu tun? Ich habe gehört, es gibt faszinierende Teezeromnien bei euch im Land …“
„Nein, deswegen nicht“, entgegnete sie stirnrunzelnd.
„Also was dann? Ist sie in Gefahr?“
Dazu schwieg die KanThai.
„Ist sie vor dir in Gefahr?“
Wieder schwieg sie.

Damit war es klar. Und während sich Nicolas Augen erschrocken weiteten, sah ich Schluchten zwischen uns dreien aufbrechen.

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