Die Rückkehr zum Fünfkampf und des Teufels Pulver

Während unserer Zeit in Argyre beschäftigte ich mich viel mit den Armen, die zwischen den marmornen Denkmälern der Dekadenz herumirrten und erkannte, dass Ischkurs geschwundenes Zutrauen zu mir in meinem bisherigen Geiz bestehen musste. Tausende Goldstücke hatte ich erworben, doch sie alle für mich behalten. Meine Ausbildung mochte wichtig sein, damit ich weiterhin den Menschen helfen konnte, doch es gab auch Grenzen. Diese hatte ich überschritten und begann einen Großteil von dem, was mir übrig geblieben war, an die Armen zu verteilen. Mit jeder Münze, die ich vergab, spürte ich, dass Ischkur mir ein Stück weiter vergab. Schließlich war sein Vertrauen in mich wiederhergestellt und laut pries ich seinen Namen, erfüllt von einer Mischung aus Erleichterung und Ergriffenheit.

Nun war ich bereit für unsere eigentlichen Ziele: der Fünfkampf von Uchano fand wieder statt und der stellvertretende Veranstalter hatte verlauten lassen, dass unsere Teilnahme große Freude auslösen würde. Daher nahmen wir auch die hohen Überfahrtskosten von fünfzig Goldstücken pro Person hin. Das Schiff war zumindest dementsprechend mächtig in seiner äußeren Erscheinung. Es verfügte über drei Masten, an die fünfzig Mann Besatzung und diente sowohl dem Transport von Handelsware als auch von Menschen; jeder von uns erhielt sogar eine Einzelkabine. Kapitän Bruston stellte dieses Schiff zwar nicht gesondert vor, doch es war nicht schwer herauszufinden, dass man es „die schwarze Perle“ nannte.

Ich verbrachte die meiste Zeit in tiefe Gebete versunken, abwechselnd mit körperlichen Übungen. Leana spielte viel auf ihrer Querflöte, Ixcalotl gesellte sich meist mit einer Trommel hinzu. Ergänzt wurde dieses alltägliche Konzert durch die Mannschaft, die unablässig ihre Lieder sang.

Am dritten Tag kam der Kapitän zu mir…
„Hallo Abedi. Wie lange reist Ihr eigentlich schon mit eurer Gefährtin Leana?“
„Grüße, Kapitän Bruston. Nun, das dürfte in etwa ein Jahr sein. Wieso fragt Ihr?“
Zunächst wich er mir aus. „Hm, interessant. Und euer anderer Gefährte?“
„Nun, er war kürzlich in seiner Heimat, aber davon abgesehen, kenne ich ihn auch beinahe ein Jahr.“
„Ah ja… ist da irgendwas zwischen euch beiden und der Dame?“
„Nein!“, meinte ich rasch, setzte aber noch etwas langsamer und ruhiger hinzu, nachdem sich die Brauen des Kapitäns bereits hoben: „Nein, nicht, dass ich wüsste. Weder zwischen Ixcalotl und ihr oder…mir und… ihr.“
„Na dann! Perfekt. Ich hoffe, es macht euch nichts aus, aber ich habe eine Bitte. Könntet Ihr vielleicht ein Wörtchen mit ihr reden? Ich meine, ich habe zwar einige Erfahrung, aber das ist immer so eine Sache bei alten Männern und jungen Frauen.“ Verheißungsvoll zog er zwanzig Goldstücke heraus und wollte sie mir zustecken.
„Ich weiß nicht wovon Ihr sprecht“, erwiderte ich. Eine Mischung aus der Wahrheit und einer kleinen Prise Abneigung.
„Ach, Abedi, stellt Euch doch nicht so…“
„Nein, ich weiß leider wirklich nicht, was Ihr wollt“, dabei drückte ich ihm seine Goldstücke wieder in die Hand.

Enttäuscht und ein wenig missgelaunt trottete er davon. Man musste Leanas Nymphomanie ja nicht noch befeuern.

Nach sieben Tagen erreichten wir Uchana, wo uns bereits ein Bote zusammen mit einer Kutsche erwartete.
„Seid gegrüßt, Streiter Ischkurs, die edlen Sieger des Fünfkampfes von Uchano. Es ist mir eine Freude, euch willkommen zu heißen. An Bord dieser Kutsche werdet ihr eine bequeme Reise zum Turnier haben, wo euch die erlesensten Speisen und Getränke erwarten, ehe es übermorgen losgeht und ihr beweisen könnt, dass es nur ein wahres Championteam gibt. Bitte, steigt ein.“

Wir taten, wie uns geheißen. Ein zufriedenes Lächeln glitt mir über das Gesicht, als er uns mit „Streiter Ischkurs“ ansprach; endlich einmal ein gebührender Empfang. Für einen Moment dachte ich zwar, dass Leana in diesem Moment die Augen gerollt hatte, aber das konnte nicht sein. Schließlich waren wir beide stolze Träger dieses Namens!

„Wer war eigentlich dieser Davin, der letztes Jahr mit euch angetreten ist“, erfragte Ixcalotl.

„Er war ein guter Mann, der sich beim Kampf nicht gedrückt hat. Aber auch ein Säufer und ein Spieler. Wahrscheinlich wärt ihr sehr gute Freunde geworden“, meinte ich mit einem Augenzwinkern. Der Zöllner griff ebenfalls gerne zur Flasche und schien darauf auch noch stolz zu sein. „Bei dem Fünfkampf hat er uns gut vertreten, als es in einer Disziplin darum ging, die Würfel spielen zu lassen. Wahrscheinlich hat er wie alle anderen getrickst, aber er konnte es scheinbar am besten. Nach unserem Sieg war mit Leana und mir weiter nach Kalimar gereist, um unsere Belohnung in Empfang zu nehmen. Vorher hatten wir drei uns nie gesehen, doch wir sprachen die Tage viel miteinander. Als Freunde kamen wir in Kalimar an und erfuhren von einer Bestie, welche unter den Tierherden wütete und womöglich bald eine Gefahr für die Menschen darstellen würde. Wir stellten und besiegten sie…doch kurz vor ihrem Tod zerfetzte das Monster Davin. Eine Schande, wenige Sekunden später war das Vieh tot.“ Die alte Wut und Trauer keimte wieder auf und ich verstummte.

Am nächsten Tag erreichten wir Uchano. Kaum, dass wir ausgestiegen waren, ertönte lauter Jubel und hunderte Menschen erwarteten uns. Das altbekannte Bild erwartete uns: dutzende bunte Zelte standen herum und überall liefen Teilnehmer oder Zuschauer aus allen mir bekannten und unbekannten Ländern herum. Doch diesmal war es anders, als noch vor einem Jahr: man kannte uns! Ein Begrüßungskomitee stand bereit und jeder schüttelte fest unsere Hände; die Damen riefen laut unsere Namen, einige von ihnen merkwürdigerweise sogar Leanas! Irgendwo erschallten Fanfaren und jeder wusste: die Champions waren zurück!

Man führte uns in ein besonders großes Zelt, kein Vergleich zum Kabuff, was wir vormals besetzt hatten. Sogar Knappen stellten sie uns zur Seite, jedem zwei. Meine beiden schienen besonders gut aussehend und wären sie nicht so jung gewesen, hätte sich Leana zweifelsohne bereits vergessen. Uns wurde versichert, dass wir unbegrenzte Vorräte während unserer Zeit hier hatten und es uns an nichts fehlen sollte. Trotz der frühen Morgenstunde nutzte Ixcalotl dieses Angebot direkt aus und wies seine Knappen an, ihm Schnaps zu bringen, am besten gleich mehrere Flaschen. Spätestens jetzt wusste ich wieder, was wir uns mit dem Huatlani eingehandelt hatten. Ich hoffte nur, dass er uns bei den Disziplinen keine Schande machen würde.

Nachdem wir unsere Sachen abgelegt und sich der Trubel um uns gelegt hatte, ließen wir uns von einem Knappen namens Malwin über den Zeltplatz führen, um etwas über die diesjährigen Herausforderer zu erfahren. Ixcalotl klammerte sich dabei eisern an seine Flasche.

So erfuhren wir, dass es ursprünglich vier Gruppen gegeben hatte, die sich den Titel von uns holen wollten, doch die „Bezwinger des großen Bären“ waren wegen Bestechungsversuchen bereits disqualifiziert worden. Im Vergleich zum letzten Jahr verwunderte uns das bereits ein wenig, da schien Bestechung noch normaler Teil des Fünfkampfes gewesen zu sein. Ein erstes, gutes Zeichen.

Verblieben waren noch die „Wilden Jungs“, drei Waeländer, die außer ihren Muskelbergen nichts ihr eigen nennen konnten. Daneben die „Ritter von Alba“, die es sich in ihrem Zelt gut gehen ließen, bereits gerötet vom Wein und von einigen Damen spezieller Profession umgeben. Die letzte Truppe fiel jedoch aus dem Konzept. Diese drei, deren Herkunft unbekannt war, nannten sich „Gottesjäger“ oder „Gottes Jäger“, so ganz bekamen wir das nicht heraus. Sie trugen lange Gewänder, die nicht viel von ihnen erkennen ließen, außer, dass sie nicht gerade die Experten für körperliche Ertüchtigung waren. Es erinnerte mehr an „Priester“, doch göttliche oder allgemein magische Unterstützung war während des Turniers verboten, wie uns Malwin versicherte. Ich meinte ein leichtes, gleichgültiges Achselzucken bei Ixcalotl zu bemerken, doch ich wurde nicht schlau daraus, was er damit meinen könnte…

Dann informierte uns Malwin, dass es einige Regeländerungen gab, sowie eine Erneuerung der Disziplinen. Aus den ersten vier Wettkämpfen konnte man je nach Platzierung bis zu 3 Punkte holen, bei der Königsdisziplin der Rätsellösung pro Rätsel ganze fünf. Diese letzte war auch die einzige, die beibehalten wurde. Davor kamen nun Hein Hindernislauf, ein Testkampf, Gewichte stemmen sowie ein Steinweitwurf. Als Belohnung gab es diesmal fünfhundert Goldstücke für jeden sowie eine Urkunde, die unseren Sieg festhielt. Zum Abschluss des Tages legten wir unsere Turnierfarben fest. Wir hielten uns dabei an das Banner, welches zwei goldene, gekreuzte Dolche auf blauem Grund zeigte und ich ordnete zusätzlich an, dass man ein schwarzes Band am rechten Arm befestigte. Mit diesem Trauerflor sollte an Davin erinnert werden.

Am nächsten Tag ging es dann los und als erstes erwartete uns der Hindernislauf über zwei Kilometer. Vier Barrieren blockierten den Weg und wir stellten uns nun die Frage, ob es wichtiger war, diese überwinden zu können, oder die Strecke dazwischen schnell zu durchlaufen. Nach einigem hin und her erschien uns letzteres am sinnvollsten, sodass wir Ixcalotl auswählten. Er war der bessere Langstreckenläufer, wenngleich er nicht sonderlich gut durchs Gelände laufen konnte.

Das erste Hindernis stellte ein Fass dar, welche alle direkt mit einem Lachen übersprangen. Alle bis auf Ixcalotl. Der blieb mit dem Fuß hängen und landete im Staub. Ein denkbar schlechter Start für Ischkurs Streiter, doch er lief weiter, verbissen den anderen an den Fersen haftend. Die nächste Barriere war eine kleine mit Matsch beschmierte Wand, an der zunächst jeder abrutschte. Doch schließlich kämpften sich alle hinüber, sogar Ixcalotl. Allerdings rollte er sich auf der anderen Seite nicht elegant ab, sondern landete der Länge nach im Dreck. Es waren etliche, wertvolle Sekunden, ehe er sich erhob und weiterrannte. Vielleicht konnte er uns wenigstens einen Punkt holen. Doch die verbliebenen Hindernisse wurden schwieriger und der Huatlani hatte keine Chance, sie auch nur ansatzweise so schnell zu überwinden, wie die anderen. Mit einigem Abstand lief er als letzter ein und bescherte uns Champions eine Auftaktniederlage.

Enttäuscht lief ich selbst zu der Strecke und begann mit vollem Tempo auf das erste Fass zu zueilen. Doch irgendwie muss da ein Brett abgestanden haben, denn ich blieb hängen und krachte mitten in die ehemaligen Weinbehälter hinein, dass sie zerbarsten und ich mich im reinsten Trümmerhaufen wiederfand. Irritiert stand ich auf und klopfte mir den Staub vom Körper. Leider hatte kaum einer mehr zugesehen, immerhin war dies der Beweis, dass hier etwas nicht stimmen konnte!
In der Folge ging ich zu Ixcalotl: „Du kannst eigentlich nicht viel dafür, dass du verloren hast. Diese Hindernisse sind ja schon halb kaputt und da schaut überall was raus. Ein anständiger Läufer ohne Glück hat da Pech gehabt.“

Doch dann stand der Testkampf an, welcher als eigenes, kleines Turnier durchgeführt wurde. Was allerdings unser Missfallen erregte war, dass man lediglich ein Kurzschwert in die Hand gedrückt bekam und nicht einmal einen Schild benutzen durfte. Lediglich Leana war so ein kleines Kaliber gewöhnt, Ixcalotl und ich betrachteten diese besseren Messer mit höchster Skepsis. Der Huatlani fragte gar nach, wann denn das Fleisch komme, was er damit zu schneiden habe.

Unsere ersten Gegner waren die „Wilden Jungs“ und trotz ihres klobigen Äußeren schienen sie mit diesen Brotmessern kämpfen zu können. Wahrscheinlich hatten sie es sogar eigens für den Wettkampf gelernt. Aber wir wären nicht die Streiter Ischkurs, wenn wir uns dahingehend einschüchtern ließen und kaum war das Signal erklungen, stürmten wir mit einem einzigen Ischkur-Ruf auf den Lippen auf sie zu.

Leana begann ihren altbekannten Tanz, während Ixcalotl und ich zunächst unsere Probleme hatten, die Vorteile der Kurzschwerter auszuloten. Zumindest hatte ich ab und an mal welche in der Hand gehabt, aber der Huatlani versuchte einfach seinen Gegner als Stück Brot zu sehen und hieb danach, als wolle er sich eine Scheibe mitnehmen.

Gerade hatte ich ein weiteres Mal zu langsam geschlagen, da stolperte mein Kontrahent und ich brauchte nur noch das Kurzschwert nach oben reißen, um seinen linken Arm aufzuschlitzen. Dann setzte ich direkt nach und rammte ihm die Klinge tief in die Schultern. Der Waeländer schrie laut auf und stürzte zu Boden, keinerlei Interesse mehr daran, den Kampf fortzusetzen.

Dann traf auch Ixcalotl und was ihm durch seine mangelndes Können fehlte, machte er mit purer Körperkraft wett und hackte dem Mann beinahe das Bein durch, sodass er jaulend aus dem Kampf ausschied und sich kriechend zu den Heilern verzog.

Zu dritt stürzten wir uns nun auf den letzten Waeländer. Leana hatte ihm zwar bereits zwei Wunden beigebracht, doch diese waren weit davon entfernt, verheerenden Schaden angerichtet zu haben. Nun war der Mann eingekreist und auch wenn unsere Angriffe nicht gerade von Raffinesse geprägt waren, so machte es doch die Masse aus, dass er nicht mehr ausweichen konnte. Es war schließlich ein Stich meinerseits von der Seite zwischen den Rippen hindurch, der ihn niederrang.

Dann gingen auch wir zu den Heilern und ließen die Wunden versorgen, die wir davon getragen hatten. Dabei bemerkten wir, dass der andere Kampf ebenfalls zu Ende gegangen war. Die Gottesjäger hatten gegen Albas Ritter verloren, von denen allerdings einer nicht mehr antreten konnte. Somit verblieb uns für den Entscheidungskampf eine Überzahlsituation. Siegessicher begannen wir eine Stunde den Tanz.

Doch die beiden waren nicht weniger überzeugt von sich und mit einem süffisanten Lächeln entgingen sie lässig unseren ersten Attacken. Doch Ixcalotl und ich konzentrierten uns rasch auf einen und trennten ihn von dem anderen. Unsere Muskelkraft sollte hier den raschen Sieg bringen, während Leana mit der deutlich überlegenen Waffenkenntnis (es klingt so seltsam!) den Gegner langsam entkräften sollte.

Und während der Huatlani windmühlenhafte Bewegungen durchführte und dem selbsternannten Ritter somit Bewegungsraum nahm, gelangen mir tatsächlich zwei Treffer kurz nacheinander, die den Albai zurückdrängten. Doch die Schnitte waren kaum mehr als Fleischwunden gewesen, unbeirrt griff er weiter an. Da ertönten plötzlich ein lautes Splittern und das Gelächter des anderen Ritters. Ich warf einen kurzen Blick über die Schulter und erblickte Leana, welche fassungslos auf den Griff ihres Kurzschwerts blickte. Die Klinge selbst lag in mehreren Teilen am Boden. Scheinbar war sie bei einer Parade zersprungen. Ehe der Albai auf die nun wehrlose Schamanin einschlug, rief der Ringrichter bereits: „Leana ist ausgeschieden! Nun heißt es zwei gegen zwei!“

Den kurzen Moment der Ablenkung nutzte der zweite Ritter und stach blitzschnell zu. Tief bohrte sich die Klinge in meine Seite und ich knurrte wütend auf. Doch dann hieb ich mit dem Knauf meiner Waffe gegen die gestreckte Armbeuge des Albais, dass er schreiend seine Waffe fallen ließ. Ich zögerte keinen Moment und stach ihm dicht unter dem Herzen in die Brust. Zuckend ging er nieder und die Heiler stürzten heran; ohne rasche Versorgung wäre er wohl gestorben.

Nun ging es an den letzten der albischen Ritter, die Überzahl war wiederhergestellt. Ixcalotl hatte den letzten abgelenkt und mittels seiner wuchtigen Hiebe schon zu der einen und anderen Ausweichbewegung gezwungen. Gerade drehte der Ritter sich wieder weg, da stach ich schon bereit und setzte einen Hieb an. Im letzten Moment ließ der Mann sich jedoch fallen, sodass es lediglich ein oberflächlicher Schnitt am Arm wurde. Doch zum Dank trat der Albai mir das Bein weg und ich geriet ins Straucheln. Diesen Moment wollte unserer Herausforderer nutzen, um aufzustehen, da ließ ich mich absichtlich fallen. Den Schwung mitnehmend schlug ich dem Mann mit dem Knauf vor die Stirn, dass er wieder niedersackte. Sofort setzte ich mit der bloßen Faust nach und hämmerte seinen Kopf in die Erde, dass das Genick gefährlich knackte.

Grinsend erhob ich mich und wieder kamen die Heiler und wuchteten den letzten Ritter Albas vorsichtig auf eine Trage. Bei dieser Versorgung brauchte man sich keine Sorge um diese Recken zu machen. Wir hatten die zweite Disziplin gewonnen!

Ein Arzt kümmerte sich um uns und dann waren wir fertig für den ersten Tag. Der Beginn war eine Katastrophe gewesen, doch nun waren wir wieder dabei. Es hieß für den zweiten Tag wieder alles zu geben, um den Titel zu verteidigen!

Nach einer ruhigen Nacht, selbst Ixcalotl hatte die Finger vom Alkohol gelassen, traten wir zur nächsten Disziplin an: Gewichte stemmen. Von der reinen Muskelmasse her schien der Huatlani überlegen, sodass wir ihm diese Aufgabe überließen – in der Hoffnung, dass die Gewichte nicht so fehlerhaft waren wie die Hindernisse!

Zuerst sollte ein kleiner Fels gestemmt werden, was keinen Beteiligten vor eine größere Herausforderung stellte. Darauf folgte ein Brocken von der Größe meines Oberkörpers. Das Ding anzuheben war ersichtlich anstrengend, doch mit der richtigen Technik gelang dem kräftigen Zöllner auch dies. Die Wilden Jungs zogen nach, doch dem Vertreter der Ritter Albas knickten die Knie weg und beinahe begrub er sich selbst unter dem Stein. Überraschend war, dass der schmächtige Gottesjäger ebenfalls mithalten konnte. Schmachvoll schieden so die Albai aus dieser Disziplin aus ohne Punkte gemacht zu haben.

Im Anschluss wies der Schiedsrichter des Fünfkampfes mit seiner Hand auf einige Baumstämme, die herumlagen. Irritiert wurde er angestarrt, doch seine Gestik ließ keinen Zweifel: das war die nächste Herausforderung!

Wilder Junge und Gottesjäger traten heran und gaben alles, was sie hatten. Letzterem entrang gar ein Schmerzensschrei und in gebückter Haltung machte er sich auf den Weg zu den Ärzten. Dann kam Ixcalotl, der sich theatralisch in die Hände spuckte, tief in die Knie ging und den Stamm festumklammerte. Er begann zu drücken, doch sein Gesicht schwoll förmlich an und prustend ließ er zunächst ab. Aber er gab nicht auf! Erneut packte er an und hob.
Unter dem Staunen aller Beteiligten hob sich der Baum Stückchen für Stückchen, bis der Huatlani ihn umfassen und gänzlich emporhalten konnte. Dann warf er ihn vor sich, brüllte laut auf und trommelte sich wie wild auf die Brust. Der wilde Junge verzog sich bei diesem Anblick klammheimlich und so war der Sieger dieser Disziplin klar: die Streiter Ischkurs!

Nun ging es zum Steinweitwurf, wobei es vor allem Glückssache war, einen ordentlich werfbaren Stein zugewiesen zu bekommen. Einen solchen bekam offensichtlich Leana, welche mit sechzehn Metern für den ersten Durchlauf einen Rekord aufstellte, den keiner der nachfolgenden übertraf. Ixcaltol schien zweifelsohne noch geschwächt, er schaffte nur neun Meter. Mit meinen elf blieb ich ebenfalls hinter der Frau der Gruppe zurück, was sie zu einigen hämischen Kommentaren veranlasste.

Doch wir brauchten uns keinerlei Gedanken zu machen; die Ritter Albas warfen zusammengenommen kaum weiter als die Moravin, die Wilden Jungs blieben ebenfalls zurück und tatsächlich waren es die Gottesjäger, die es in unseren Bereich schafften, sodass ein Stechen ausgerufen wurde.

Diesmal war es Leana, die am schlechtesten warf und wir schenkten ihr ein müdes Lächeln verknüpft mit nicht minder schadenfrohen Kommentaren über ihre Arroganz. Die Neckereien konnten wir uns leisten, denn den Gottesjägern schien kein Wurf so recht gelingen zu wollen und wir gewannen somit das dritte Mal in Folge!

Damit endeten die körperlichen Herausforderungen und wir kamen zur Königsdisziplin, dem Rätsellösen. Nahezu alles war hier offen und unser bisheriger Erfolg konnte uns immer noch genommen werden. Allerdings schieden die Wilden Jungs aus, die selbst bei für sie optimalem Verlauf keine Chance mehr auf den Titel hatten.

Aber auch diese Disziplin wurde leicht abgeändert und begann zunächst mit drei Rätseln, die jeweils einzeln zu lösen waren, gefolgt von einem, wo die gesamte Gruppe beteiligt war und dem letzten, wo es uns überlassen war, zu wählen, wie viele sich beteiligten.
Leana begann mit einem Zahlenrätsel:

5,6,7,8,4 ist 0
1,1,1,1,1 ist 0
8,8,6,5,2 ist 5
6,2,2,5,7 ist …

Sie grübelte und auch wir waren am Überlegen, doch selbst die Erfahrung zahlreicher Rätsel half mir hier nicht weiter. Ich hatte keine Ahnung, worauf diese Zahlen abzielten, welche Reihenfolge oder Code dahintersteckte. Ixcalotl dagegen schien tatsächlich ein Licht aufzugehen – aber er war nicht dran. Leana fuhr sich immer wieder durch die Haare, während die Zeit unaufhaltsam verrann. Schließlich riet sie…doch es war leider falsch.

So ging die Reihe an den Huatlani mit einem kurzen Rätsel: „Welcher Schuh hat keine Sohle?“

Die Kürze hinterließ zunächst einen Moment der Irritation. Dann zogen sich die Brauen Ixcalotls zusammen und er begann konzentriert nachzudenken. Ich stand ahnungslos herum und konnte mir beim besten Willen nichts vorstellen. Irgendwann landete ich bei Sprichwörtern, doch das war ganz weit weg vom Ergebnis. Leana dagegen schien irgendwie die Hand zu jucken, immerhin zog sie ständig ihre Handschuhe an und aus… da fiel der Groschen langsam und gemächlich. Doch nicht bei Ixcalotl! Die beiden hätten tauschen sollen! Die Zeit verrann und auch dieses Rätsel wurde nicht gelöst. Wir wurden nervös, doch als wir nachfragten, ergab sich, dass auch unsere Konkurrenten gescheitert waren. Nun hing es an mir, endlich zu punkten, um einen Vorsprung aufzubauen.

„Wer es macht, will es nicht.
Wer es trägt, behält es nicht.
Wer es kauft, der braucht es nicht.
Wer es hat, weiß es nicht.“

Zwar nicht mindereinfach, so war ich doch froh, dass dieses Rätsel mehr den uns bekannten ähnelte. Zunächst dachte ich an abstrakte Dinge, wie die Freiheit. Doch solche Dinge wurden nicht gemacht… langsam näherte ich mich der Tatsache an, dass es ein Gegenstand war. Ein plötzlicher (und gänzlich eigener) Gedankenblitz führte mich dann zu Dingen, die man für andere kaufte. Und schließlich kam die entscheidende Idee: „Ein Sarg!“ Damit punkteten die Streiter Ischkurs!

Es folgte direkt das Gruppenrätsel: „Loch an Loch, doch es hält doch.“
Es dauerte nicht lange, da tippte ich an mein Kettenhemd und Ixcalotl vollendete: „Eine Kette!“

Damit waren nur noch die Gottesjäger nah genug an uns dran und da sie sich entschieden, zu dritt an das letzte Rätsel zu gehen, taten wir das auch. Was folgte, war ein Salat aus Namen, Bedingungen und eine sehr merkwürdige Familie…

„Von den fünf Geschwistern Julia, Johanna, Joachim, John und Johnas lügen zwei immer, der Rest sagt immer die Wahrheit. Aus den folgenden Aussagen erfahrt ihr, wer diese Lügner sind…“
Julia sagt: „Johannes lügt nur, wenn John die Wahrheit sagt.“
Johannes sagt: „Wenn Joachim die Wahrheit sagt, dann ist Julia oder John ein Lügner.“
Joachim sagt: „Jonas lügt – und Julia oder Johannes auch.“
John sagt: „Wenn Johannes die Wahrheit sagt, dann auch Julia…oder Joachim.“
Jonas sagt: „Unter den Personen Julia, Joachim und John befindet sich mindestens ein Lügner.“

Es kam eine Zeit der großen Stille, nachdem wir angemessene Zeit herausgehandelt hatten. Jeder ging seinen eigenen Überlegungen nach. Schließlich kam ich darauf, dass Julia keine Lügnerin sein konnte. Verworrene Gedankengänge waren dem vorausgegangen und ich kann sie nicht mehr rekonstruieren… doch ein bedächtiges Nicken des Schiedsrichters symbolisierte, dass es richtig war. Nun schlüsselten wir nacheinander die Aussagen auf und kamen darauf, dass es sich bei Johannes und Jonas um notorische Lügner handelte. Das wurde bestätigt und damit…hatten wir gewonnen!

Da spielte es auch keine Rolle mehr, dass es die Gottesjäger ebenfalls schafften und lediglich ein Punkt Abstand unseren Sieg ausmachte! Prompt wurden wir in ein riesiges Zelt geführt und auf das Siegerpodest gestellt. Dann trat der neue Ausrichter des Fünfkampfes an uns heran. Karuso war ein Mann Ende vierzig, der sich gut gehalten hatte und wahrscheinlich die eine oder andere Disziplin bewältigen könnte. In geschmackvoll gewählte, aber nicht überladene, Kleidung gehüllt, trat er heran und überreichte uns einen großen Pokal, auf den vor unseren Augen unsere Namen sowie der Gruppenname „Ischkurs Streiter“ eingraviert wurde. Jubel brandete auf, als wir ihn nacheinander emporhielten und Lobeshymnen wurden angestimmt. Dann folgten wir Karuso in sein Haus in Uchano, welches durchaus vermittelte, dass der Mann reich war, allerdings weder protzig noch kitschig war. Bei sehr gutem Essen mit seiner Familie, erfuhren wir, dass der bisherige Ausrichter auf Grund von Manipulationen und Bestechungen verhaftet worden war. Er, Karuso, habe nun dafür gesorgt, diese zu beenden und den Fünfkampf anspruchsvoller zu machen, auf dass er ein besserer Wettkampf und größeres Fest werde. An Lob für seine Organisation ließen wir es nicht mangeln, immerhin gab es keine Makel außer der Tatsache, dass die Hindernisse beim Hürdenlauf offensichtlich kaputt waren. Doch auch das konnten wir verzeihen, hatten wir ja dennoch gewonnen.

Den Pokal überließen wir in den sicheren Händen Karusos, um ihm im nächsten Jahr einen Zwilling zu schenken. Dann gingen wir in unser großes Zelt und zogen uns um, denn für den Abend war eine große Feier angesetzt mit einer uns nicht unbekannten Bardengruppe… den Narrenkönigen!

Wir aßen noch einmal äußerst vorzüglich in unserem Lager, wobei Ixcalotl Unmengen an fettigem Fleisch verschlang und etwas von „Grundlagen“ mampfte. Dann machten wir uns auf den Weg in das riesige Zelt in der Mitte des Platzes. Hunderte von Leuten liefen herum, tranken, feierten und erzählten sich Geschichten über die Helden des Fünfkampfes sowie die schmachvollen Verlierer. Die Narrenkönige waren am Ende des Zelts platziert und vor ihnen wütete eine beachtliche Zahl an Menschen, Tanzstile aus allen möglichen Ländern waren zu sehen und die immer schneller werdenden Klänge der Barden heizten weiter ein.
Ixcalotl griff zunächst nach einem Glas Schnaps. Dann nach einem zweiten. Beim dritten war er es dann schon leid und nahm einfach das ganze Tablett, damit es endlich „voran ging“. Kopfschüttelnd überlegte ich, was ich tun sollte, da stand plötzlich Leana vor mir und forderte mich zu einem Tanz auf. Gegen so etwas Harmloses hatte ich natürlich nichts einzuwenden!

Es bereitete mir einigen Spaß zwischen all den Menschen zu stehen und zu feiern, den Sieg zu genießen und sich um nichts Gedanken machen zu müssen. Da wechselte die Bardengruppe! Für die Narrenkönige, welche mit großem Applaus verabschiedet wurden, kam „Feuerschwanz“! Diese spielten noch wilder auf und sangen von exzessivem Alkoholgenuss, was ich an dieser Stelle ausnahmsweise tolerierte. Anderes wäre mir auch nicht möglich gewesen, denn Ischkur würde wohl kaum seinen Segen geben, wenn ich hier ein Massaker anrichten würde. Stattdessen ließ ich mich in der Masse treiben, Leana dicht an mich gepresst, was so manch einer als erotisch empfinden mag (für uns in Urruti selbstverständlich nicht). Schließlich versuchte ich einen Trick aus meiner Jugendzeit und wollte sie emporwerfen, was mir auch im zweiten Anlauf gelang. Ein Raunen und Staunen der Umgebenden war mir sicher, sofern sie nicht mein erstes Scheitern gesehen hatten.

Dann hatte ich vorerst genug und zog mich von der Tanzfläche zurück. Leana schnappte sich selbstverständlich den nächsten, um weiter zu tanzen. Ich begann, einigen der Umstehenden, die Geschichten der Streiter Ischkurs zu erzählen, versehen mit einigen Anekdoten und Witzen. Doch mein Humor schien bei den Trunkenbolden nicht anzukommen…

Plötzlich verstummte Feuerschwanz und auch die feiernden Menschen wurden ruhig. Alle Augen richteten sich auf einen Punkt, wo ich nicht erkennen konnte, was wartete. Dann teilte sich die Masse und Ixcalotl schritt mit einem merkwürdigen Mann im Gefolge auf mich zu. Er war recht klein, hatte gelbliche Haut und schmale Augen, kaum mehr als Schlitze. Seine schwarzen Haare fielen ihm beidseitig auf die Schulter, welche mitsamt seinem restlichen Körper in eine kostbar erscheinende, gelbe Robe gehüllt war. Sie wirkte ein wenig wie ein Tuch, welches mehrfach um den Körper geschlungen war.

Wir winkten noch Leana herbei und verließen das Zelt, um mit dem Mann zu sprechen, während die Barden wieder spielte und die Feier weiterging.
„Abedi, Leana – das hier ist LiBong“, stellte Ixcalotl den Fremden vor. Dem Huatlani merkte man erstaunlicherweise das Tablett Schnaps kaum an!
„Grüße, Sieger des Fünfkampfes. Ich habe bereits viel von den Streitern Ischkurs gehört und glaube, dass ihr die richtigen für einen Auftrag seid.“
Wir nickten und baten den Mann fortzufahren. Mein erster Eindruck war von Skepsis geprägt, zudem er uns gerade aus einer schönen Feier herausgeholt hatte.
„Nun, es gibt eine Statue, welche ins TsaiChen-Tal transportiert werden muss. Es ist bereits alles vorbereitet: sie wird morgen auf ein Schiff in Uchana verladen, versteckt unter anderen Statuen. Ihr müsst lediglich mitreisen bis KiAnTsai, von wo aus ihr mit einer Kutsche in ein Kloster reisen könnt. Eine Aufgabe, die für euch sicherlich keine Herausforderung ist. Als Anzahlung erhält jeder von euch dreihundert Goldstücke, alles Weitere könnt ihr im Kloster aushandeln.“
„Wir bräuchten durchaus auch Garantien, dass wir Gold erhalten, wenn wir das Ziel erreichen. Für dreihundert alleine, könnte die Reise zu langwierig werden“, setzte ich an.
„Habt ihr zurzeit denn andere Aufträge zur Verfügung?“ , erwiderte LiBong mit einem kleinen Grinsen.
„Habt ihr zurzeit denn andere Abenteurer zur Verfügung?“, konterte Leana.
„Nun gut…wenn ihr die Statue sicher abliefert, erhält jeder von euch siebenhundert Goldstücke. Außerdem werden die uns zur Verfügung stehenden Lehrmeister nicht ganz so viel Bezahlung verlangen.“
Zufrieden nickte ich, hatte allerdings noch eine Frage: „Warum die Geheimhaltung?“
„Es… könnte die Schwarzen Adepten verärgern, was ihr tut. Offiziell werdet ihr deshalb Statuen für die Bauern transportieren, als Art geistige Erbauung.“
Das war natürlich ein ganz schönes Pfund. Zwar hatte keiner von uns bisher KanThaiPan betreten, doch Gerüchte über die Schwarzen Adepten waren in ganz Midgard bekannt. Man sagt, dass sie ihre Seele an Dämonen verkauft haben, um unsterblich zu werden und Menschenopfer darbringen, um Monstren zu erschaffen, die in ihrer Armee kämpfen. Doch genau das schien mir auch ein Grund den Auftrag anzunehmen: diese Männer waren zweifelsohne dem Bösen verfallen und es würde Ischkur gefallen, sie zu bekämpfen – sei es auch nur durch eine Statue.

Wir schlugen ein und nahmen den Auftrag an. Die Belohnung war gut, die Sache ebenso und KanThaiPan ein spannendes Land, um das sich allerhand Mythen rankten. LiBong war sehr zufrieden und verabschiedete sich, während wir erneut ins Zelt feiern gingen. Es dauerte nicht lange, da bekam Leana plötzlich rote Haare und warf sich an eine sehr gut aussehende Frau, die dem nicht abgeneigt schien. Irgendwann verschwanden die zwei und auch mir schien es Zeit, schlafen zu gehen. Ixcalotl kam irgendwann nach, irgendwann zwischen dem zweiten und dritten Tablett Schnaps war es dann auch ihm zu viel geworden.

Am nächsten Morgen reisten wir nach Uchana ab, wo uns LiBong am Hafen erwartete. Auf ein großes Schiff wurden soeben einige Kisten geladen, darunter eine spezielle, in der sich die eine Statue befand. Ihre Maserung unterschied sich leicht von den anderen, wie der KanThai uns erklärte, wodurch wir sie identifizieren konnten. Uneingeweihten würde das mit Sicherheit nicht auffallen. Dann verabschiedete er sich endgültig von uns und wünschte uns viel Erfolg. Wir betraten das Schiff und begannen, uns die Zeit zu vertreiben. Leana spielte zusammen mit Ixcalotl die folgenden vierzehn Tage immer wieder Musik, die eine Flöte, der andere Trommel. Ich versuchte dagegen die Matrosen aufzuheitern, indem ich ihnen Witze erzählte. Dem derben Gemüt der Seefahrer schienen sie jedoch nicht zu entsprechen und sie ließen mich einfach stehen, wann immer ich einen richtig guten Spruch ansetzte. Niemand verstand meinen Humor!

Die Zeit verging rasch und ereignisarm, sodass wir nach vierzehn Tagen um das wilde Rawindra herum, durch den Golf von Kanpur den Sairapama herauf in das Schattenmeer bis nach KiAnTsai gereist waren. Das für uns vollkommen fremde Land verblüffte mit einer fremdartigen Architektur und unzähligen Menschen, die in bunter Kleidung durch die Straßen liefen, allesamt nicht sonderlich groß aber ebenso schmaläugig wie LiBong.

Kaum hatten wir die Kisten mit den Statuen, jene eine versteckt unter den anderen, auf den uns erwartenden Karren geladen, da trat ein Hafenbeamter an uns heran. Er forderte uns auf (glücklicherweise sprach er Vallinga), unsere Händlerpapiere zu zeigen. Selbstsicher überreichten wir die uns, von LiBong, ausgehändigten. Der Mann las sie sich sorgfältig durch.
„Ja… nun, es gibt noch eine Sache…“
„Stimmt etwas nicht?“, fragten wir besorgt.
„Hm, soweit alles richtig aber…“, vielsagend rieb er den Daumen am Mittel- und Zeigefinger.

Leana setzte sofort alles ein, was sie hatte. Die eine Hand lag rasch auf der Schulter des Zöllners, die andere strich wie zufällig den Pelz entlang über die Hüfte, während sie einige, warme Dinge ins Ohr des Mannes säuselte. Dieser nickte eifrig und informierte uns, dass alles in Ordnung war.

So schwangen wir uns auf den Karren und machten uns auf den Weg.
„Was hast du ihm eigentlich erzählt, Leana?“, fragte ich nach. Die vielsagende Antwort war ein helles Lachen.

Rasch hatten wir die Stadt verlassen und bewegten uns auf den einigermaßen breiten Straßen des TsaiChen-Tals. Zur Sicherheit ging ich vor, um nach Schlaglöchern Ausschau zu halten während die Schamanin die Zügel der beiden Esel führte. Hintendrein lief Ixcalotl, damit wir von allen Seiten gesichert waren. Da wir nichts riskieren wollten, musste es beim Schritttempo bleiben, sodass es noch sieben Tage zum Kloster waren.

Die Umgebung war vergleichsweise ungewöhnlich. Hie und da führte die Straße durch einen Wald. In einem solchen entdeckte Leana ein gut geschütztes Nachtlager, als der erste Tag vergangen war. So vergingen die folgenden Tage ebenfalls, während es allmählich hügeliger wurde, sodass wir öfter einen Blick auf die das TsaiChen-Tal umgebenden Gebirge erhaschen konnten. Ihre schneebedeckten Gipfel ragten teilweise bis in die Wolken hinein und umrahmten die malerische Landschaft, die vor uns lag. Von einigen Flüssen durchzogene Hügel, wo ab und an eines der Gebäude im hiesigen Stil emporragte und ein Lebenszeichen abseits der dicht bevölkerten Stadt waren. Wo es eben genug war, erstreckten sich oft große Reisfelder, wo die Menschen knietief im Wasser wateten, um zu arbeiten.

Es war die fünfte Nacht, während Leanas Wache, als ein lautes Wolfsjaulen mich aus dem Schlaf riss. Sofort sprang ich auf und rief Ischkur an, mir im kommenden Kampf zur Seite zu stehen. Meine Haut färbte sich unmittelbar golden ein und beruhigt griff ich nach meiner Axt. So geschützt, würden mich die Wölfe kaum verletzen können.

Doch als ich aus dem Zelt trat, erwarteten mich zwei komplett schwarz gekleidete Männer mit kurzen, leicht gebogenen Schwertern. Ihnen fehlte eine Parierstange, doch bei ihrer Angriffsgeschwindigkeit verlegten sie sich scheinbar ohnehin darauf, gänzlich auszuweichen. Was auch immer ihr Begehren war, sie griffen mich an – damit war alles klar.

Ixcalotls Haut schimmerte ebenfalls golden und auch er hatte es mit zwei dieser vermummten Krieger zu tun, von dem er einem just, als ich hinübersah, mit einem gewaltigen Treffer in die Seite unter lautem Knirschen die Rippen brach. Von Leana machte ich keine Spur aus, allerdings gab es auch noch Bogenschützen, vielleicht kümmerte sie sich um diese.

Die Angriffe meiner Gegner erfolgten überraschend schnell. Zunächst riss ich mein Schild empor, um in Deckung zu gehen, dann ging ich selbst in die Offensive. Ein ausladender Schwinger sollte mir Raum verschaffen, doch plötzlich zuckte das Bein eines Banditen nach oben und er trat mir die Axt aus der Hand! Doch so verdutzt wie ich schaute, blickte wohl auch er drein, denn der Griff flog wieder an meinen Gürtel, ganz die getreue Seele. Rasch konnte ich sie so wieder zücken und wieder zuschlagen. Unbeirrt setzte ich einen weiteren Schwinger an und wie zu erwarten war, versuchte der Kampfkünstler von eben erneut seinen Trick. Doch das hatte ich abgewartet, riss die Axt aus der Reichweite und schmetterte das Schild von unten gegen den Fuß. Der Bandit strauchelte und ließ seine Waffe fallen. Währenddessen blockte ich den Angriff seines Kameraden weg, wirbelte einmal um meine Achse und schmetterte meine Axt mit voller Wucht in den gerade wieder aufgerichteten Angreifer. Von der linken Schläfe bis zur rechten Wange riss der Schädel auf und sein Inhalt verteilte sich am Boden.

Plötzlich hörte ich es Zischen und es war mir, als hätte jemand einen glühenden Schürhaken in mein linkes Ohr gerammt und gezogen. Einer der umherirrenden Pfeile musste zur Ausnahme sein Ziel getroffen haben. Als ich zu den Bogenschützen sah, erblickte ich einen Wolf mit rot-braunem Pelz, der sich auf sie stürzte und wie tollwütig herumsprang. Ob Leana Hilfe geholt hatte?

Ixcalotl hatte sich währenddessen aus der Bedrängnis freigekämpft und wirbelte sein Schlachtbeil zweihändig gegriffen durch die Luft. Gerade als ich hinsah, wehrte er einen Angriff mit dem Griff seiner Waffe ab, dass es diese nach oben schleuderte. Dem verdutzten Bandit gab er eine Kopfnuss, dass es ihn nach hinten trieb, dann schmetterte er das riesige Axtblatt sauber durchs rechte Schlüsselbein seines Gegners, bis es unter den zerschmetterten Rippen hervorkam. Der Arm sackte in die eine, der Körper in die andere Richtung und grausam lachend wandte sich der Priester des Todes an seinen anderen Gegner.

Mein verbliebener Gegner tänzelte um mich herum, es war eine Mischung aus Taktik, aber auch aus Angst, selbst anzugreifen. Ein wenig Hirnmasse seines Mitstreiters hing auf seiner Schulter, was seine Moral nicht sonderlich verbessern dürfte. Doch schließlich hatte der Mann sich an die Zeltwand getänzelt, ich täuschte rechts an, dann links und dann schmetterte ich ihm einfach meinen Schild ins Gesicht, dass er nach hinten umkippte. Der nachfolgende Schlag färbte mein Zelt rot, als es seinen Hals zerriss.

Ixcalotl hatte es mit einem nicht minder karnickelhaften Gegner zu tun, der verzweifelt versuchte, den Angriffen zu entgehen. Wütend stapfte der Huatlani hinter ihm her, gleich einer Windmühle mit Axt. Doch plötzlich ließ sich sein Gegner fallen, entging so dem Schlag und setzte einen Stich an der Wade des Zöllners an. Doch die golden schimmernde Haut verhinderte Schlimmeres. Dafür hatte sich sein Gegner in eine schlechte Position gebracht und Ixcalotl verpasste ihm einen Schlag glatt vor die Brust. Der Bandit verhinderte seine Spaltung dadurch, dass er meinem Freund an den Waffengriff packte und ich sich wegrollte. Einige Rippen mussten gebrochen sein, doch der Huatlani hatte seine verloren. Doch da stand ich schon hinter dem vermummten Angreifer und hieb ihm die Axt gerade ins Genick, sodass er ohne einen Mucks zu machen, tot zu Boden ging.

Nun konnten wir nachsehen, was die Bogenschützen taten, immerhin hatte bisher nur ein Pfeil getroffen, der zwar mein Ohr, aber Ixcalotl versicherte mir rasch, dass er das nach dem Kampf beheben könne. Uns offenbarte sich eine Bande, deren Pfeile nur eine Gefahr für uns darstellten, wenn sie auf die Bäume in einigen Metern Entfernung zielen würden. Als wir gerade schauten, zog einer so ungünstig an seiner Waffe, dass sie gegen seinen Arm schnellte und er laut aufschrie. Ein anderer versuchte vor dem rotbraunen Wolf zu weichen und schien über eine Wurzel zu stolpern. Im nächsten Moment erklang sein Schreien gefolgt vom Geräusch zerreißenden Fleisches. Schließlich schienen die Kämpfer es laut, zogen ebenfalls die kurzen, leicht gebogenen Schwerter und stürmten auf uns zu. Ixcalotl und ich zuckten mit den Schultern, sandten beide jeweils ein kurzes Gebet an die Götter, dann ging es weiter.

Dem ersten Angreifer stürmte ich entgegen, doch mit einem solchen Angriff schien er nicht gerechnet zu haben. Ich ließ mich aus dem Lauf heraus fallen, schlidderte über den erdigen Boden und hämmerte dem Mann die Axt zentral in den Körper. Magen und Gedärme wurden zerfetzt und unter lautem Knirschen brach das Rückgrat in der Mitte durch. Oberkörper und Beine schnappten einander entgegen wie eine Schere, ehe sie übereinander geschleudert wurden und an zwei verschiedenen Stellen zum Liegen kamen.

Ixcalotl schien von mir inspiriert zu sein und versuchte dasselbe, doch sein Gegner wich aus und der Huatlani blieb ungünstig an einer Wurzel hängen. Er fluchte kurz, humpelte ein wenig, doch seinen Kampftrieb hielt das nicht auf. Die Axt hoch emporgereckt stürmte er wieder auf seinen Gegner zu, doch der passte genau den richtigen Moment ab und drehte sich zur Seite. Dann schlug wiederum er zu. Einen Moment lang schien die Zeit still zu stehen, ehe sie elend langsam weiterlief. Die Klinge näherte sich dem Huatlani. Es war der perfekte Abstand und die angespannten Muskeln verrieten durch die Kleidung hinweg, dass dieser Schlag den Kopf würde vom Körper trennen können. Doch der Priester zog seinen Oberkörper nach hinten weg, während seine Beine stehen blieben. Um dabei nicht das Körpergewicht zu verlieren, musste er jedoch seinen linken Arm hochreißen – genau in die Bahn des Schwerts. Wie Butter ging die Klinge durch das Armgelenk und tritt beinahe den Unterarm ab. Ächzend schrie der Huatlani auf und ging doch zu Boden. Doch ich war schon zur Stelle und warf den Banditen einfach um, das Schild zuerst. Unter mir eingeklemmt warf er mir Schimpfworte entgegen, doch ich hämmerte ihm schnell den Knauf meiner Axt ins Gesicht, ehe ich den Dolch zog und durch sein linkes Auge in den Schädel stach.

Doch die anderen Angreifer waren heran und einer versuchte die Situation auszunutzen und mir in den Rücken zu stechen. Im letzten Moment rollte ich mich zur Seite, wobei ich den Dolch vor mir herzog, die Klinge nach unten gerichtet. Der Angriff des Banditen traf den leblosen Körpers seines Kameraden, dann zerschlitzte ich mit der kurzen Waffe seine Kehle, sodass er neben dem anderen zu Boden ging.

Ich wechselte wieder zur Axt, deren Griff pflichtbewusst an meinen Gürtel gewandert war, als ich sie hatte fallenlassen. Ixcalotl war wieder auf den Beinen und kämpfte mit seiner riesigen Axt in einer Hand, etwas, was ich nur mit Ischkurs Unterstützung schaffen würde. Wie ein verletzter Bär brüllte er und verteilte mehrere Streiftreffer. Ein Vollkontakt mit dieser Waffe würde wohl den direkten Tod bringen. Ich eilte herbei und griff einen der beiden von der anderen Seite an, sodass es ihn genau in die Hände meines Freundes trieb. Der nutzte die Chance direkt und trennte seinem Feind die Wade ab. Mein Treffer ins Genick vollendete es und bescherte dem Mann wenigstens ein schnelles Ende.

Da sprang der andere Bandit heran und versuchte aus der Luft heraus einen Treffer gegen Ixcalotls Schädel zu landen. Doch der wirbelte geistesgegenwärtig zur Seite und hielt dem Angreifer sein Axtblatt entgegen. Es hakte sich in den Gedärmen über dem Becken ein und wurde dem Huatlani aus der Hand gerissen, als der Gegner weitersegelte. Doch welche Drogen auch immer dieser Mann genommen haben musste, er erhob sich und schleuderte die Axt von sich. Seine Eingeweide hingen heraus, doch entschlossen lief er auf uns zu, da übernahm ich es, ihn endgültig zu überzeugen, dass es Zeit war zu sterben, und schlug ihm den Kopf ab. Plötzlich jaulte zwischen den Büschen ein Wolf auf und der rotbraune Pelz ging zu Boden. Dann näherten sich die restlichen beiden Angreifer.

Dem ersten trat ich vors linke Knie, als er auf Ixcalotl zuhielt, dass er der Länge nach auf den Boden fiel. Mit meinem Schild hämmerte ich in den Nacken, dass das Genick zerbarst und in vielen kleinen Stückchen aus der Haut trat.

Dann wandten wir uns zu zweit dem längsten Bandit zu, der kurz zu überlegen schien, ob er einfach flüchten sollte. Doch vielleicht war er angesichts all der Toten ohnehin lebensmüde oder wahnsinnig geworden. Vielleicht beides. Mit einem lang gezogenen, ungewöhnlich hohem Schrei, rannte er auf uns zu. Ixcalotl blickte kurz zu mir, zuckte mit den Schultern und hieb gegen den Kopf des Angreifers. Der duckte sich ein wenig, bekam jedoch die flache Seite ab. Taumelnd stolperte er weiter – direkt in die nächste Axt. Die Schneide der Finsternis löschte für immer das Licht im Leben dieses Mannes aus.

Dann regte sich nichts mehr, die Angreifer waren alle tot. Nun stellte sich jedoch eine Frage. „Leana? Wo bist du?“
Ein klägliches „Hier“ ertönte aus den Büschen. Sofort eilte ich zu ihr. Mit göttlicher Unterstützung heilte ich einige ihrer Wunden, scheinbar hatte sie mitgekämpft. „Ich habe dich nicht gesehen! Was war das für ein Wolf? Hilfe?“

Leana grinste nur und sagte: „Nein…ich war der Wolf.“
Verdutzt sah ich sie an, doch sie log nicht. Ihr Totemgeist verlieh ihr offensichtlich die Kraft, sich in eines der Tiere zu verwandeln, die sie so verehrte.

Nachdem die Schamanin wieder auf Beinen war, konnte sie mein Ohr und Ixcalotls Arm versorgen, sodass sie am nächsten Morgen wieder geheilt waren. Dann zerrten wir die Leichen in die Büche, wo sich wilde Tiere um sie kümmern konnten. Anschließend konnten wir wieder die Nacht genießen. Am nächsten Tag waren unsere Wunden tatsächlich verheilt und wir konnten weiterreisen.

Gegen Nachmittag kam uns plötzlich ein Reiter entgegen. Er trug eine prächtig ausgearbeitete Rüstung, die ich in dieser Form noch nie gesehen hatte. Sie schien aus noch mehr Teilen zu bestehen, als jene Vollrüstungen, die die Vesternesser gerne trugen, und wirkte auf den ersten Blick nicht, als wäre sie aus Eisen gemacht. Doch sie wirkte auf ihre eigene Art bedrohlich und erweckte nicht unbedingt das Verlangen, ihren Träger herausfordern. Der rief mit barscher Stimme auf Vallinga:

„Mein Name ist Taki Fung, tretet zur Seite für meinen Herrn und Meister.“

Dann kamen auch schon sechs Männer um die Ecke gebogen, die eine Sänfte trugen, in welcher ein alter Mann in aufwendiger Seidenrobe saß. Ein langer, dünner Schnurbart fiel ihm auf die Brust und er würdigte uns nicht eines Blickes. Die Träger waren unglaublich hässlich, teilweise wirkten sie mehr wie Schweine von ihren Gesichtszügen. Ihre Gestalten waren zudem seltsam gedrungen. Es machte alles keinen guten Eindruck auf uns und wir wichen zunächst aus.
Es folgten noch vier Soldaten, welche eine ähnliche Rüstung trugen wie Taki Fung, allerdings mit einer goldenen Sonne auf der Brust. Sie umkreisten einen Käfigwagen, in dem ein alter Mann hockte, fürchterlich mit seinen Fingern an die Zehen gekettet. Er war abgemagert und wirkte krank, dennoch glich er von seinen Gesichtszügen her dem Mann aus der Sänfte.

Wie er mich sah, rief er plötzlich auf Hurritisch: „Hilfe! Befreit mich! Ich biete euch zehntausend Goldstücke! Bitte, ich…“, doch dann schlug einer der Krieger mit einem Stock zu und der Alte sackte bewusstlos zusammen.

Ich rief nun: „Wer ist das?“ Niemand antwortete. Ich wiederholte meine Frage, ging schließlich dem Gefolge hinterher, da schoben sich zwei der Krieger in mein Blickfeld, von denen ich später erfuhr, dass sie Samurai genannt wurden.
„Das geht euch nichts an. Geht eurer Wege.“
„Sagt mir nur, wer das ist! Und was habt ihr mit ihm vor?“
„Das geht dich nichts an. Der Mann wird als Sklave verkauft und Schluss.“

Dann wanden sie sich ab und die Kolonne zog ihrer Wege. Verbittert wandte ich mich den anderen zu. Leana fragte nach, ob sie diese Gruppe verfolgen sollte, doch ich winkte ab. Es hatte keinen Sinn zu dritt gegen eine solche Übermacht vorzugehen, von der wir zum Großteil nicht wussten, wie stark sie sein konnten. Vielleicht war der alte Mann sogar ein Hexenmeister. Außerdem waren die zehntausend Gold höchstwahrscheinlich eine Lüge, wenngleich es auch sein konnte, dass es vielleicht einen guten Grund für die Gefangennahme gab. Letzteres bezweifelte ich allerdings stark.

Wir gingen also weiter unseres Weges, und erblickten nach einer weiteren Meile das Kloster. Es schmiegte sich an den Berg und war nur über enge Serpentinen zu erreichen. Umgeben war es von einer Mauer mit hoch aufragenden Türmen, sowie einem dicken Tor. Es machte einen extrem wehrhaften Eindruck, was wohl auch damit zusammenhing, dass es vielleicht jederzeit einen Angriff der Adepten fürchten musste.

Wir fuhren bis vors Tor, was Niemanden zu stören schien, allerdings auch keine anderweitige Resonanz fand. Nach einem Klopfen am Tor öffnete sich jedoch ein schmaler Schlitz auf Augenhöhe; „Wer seid Ihr?“, fragte jemand auf recht gutem Vallinga, sie hatten es wohl das eine oder andere Mal mit Fremden zu tun.

„Wir sind von LiBong geschickt worden. Bei uns sind die Statuen für die Bauern!“
Es folgte ein lang gezogenes „Ja“, dann öffnete sich bereits das Tor und wir konnten hinein.

Im Inneren des Klosters liefen einige Mönche herum, deren Kutten denen LiBongs ähnelten, allerdings durch und durch orange waren und schlichter wirkten. Zudem trugen viele von ihnen eine Glatze. Nachdem wir die Kiste mit jener einen Statue hervorgeholt hatten, winkte uns einer der jungen Mönche zu sich und führte uns durch die Gänge des Klosters. Hier wirkte alles sehr friedlich, doch der gesamte Aufbau verriet, dass man hier durchaus auch eine Belagerung abwehren könnte. Schmale, verschlungene Gänge und für das aufmerksame Auge offenbarten sich sogar einige Schießscharten, über die man einer angreifenden Horde Einhalt gebieten konnte. Natürlich vorausgesetzt, es waren bessere Schützen als die Banditen, die uns angegriffen hatten.

Schließlich betraten wir einen Raum mit Sitzkissen und einem niedrigen Tisch, an dem ein alter Mann mit langem, grauschwarzem und sehr dünnen Schnurrbart saß. Er war wie die Mönche in eine schlichte, orangene Robe gehüllt, doch ihn umgab eine natürliche Aura, wenngleich er noch kein allzu hohes Alter erreicht hatte. Mit einer Geste bat er uns Platz zu nehmen. Wir überreichten die Kiste und folgten der Aufforderung.

„Seid gegrüßt, mein Name ist Li Wang. Ich bin der Abt des Klosters der Stählernen Orchidee. Ehe wir zu eurer Aufgabe kommen, würde ich vorschlagen, wir essen und trinken gemeinsam.“
Das Angebot nahmen wir gerne an. Es stellte sich heraus, dass es „Sake“ gab (eine Art Wein), was meine Gefährten annahmen, aber auch Tee, welchen ich mir geben ließ. Kaum hatte ich davon getrunken, breitete sich tiefste Entspannung in mir aus. Meine Muskeln wurden von wohliger Wärme durchflutet, alle Sorgen und Gedanken wichen aus meinem Kopf und in meinem Mund entfaltete sich der köstliche Geschmack der himmlischen Kräuter des TsaiChen-Tals.
„Euer Tee ist wunderbar, Meister Li Wang“, konnte ich dazu nur sagen und prompt sicherte der Mann mir zu, etwas für mich einzupacken. Hoch erfreut nahm ich dieses Angebot an und anschließend speisten wir alle gemeinsam.

Erst dann packte Li Wang die Statue aus der Kiste und betrachtete sie zärtlich. Dann zerbrach er sie in der Mitte, was uns die Augen aufreißen ließ. Doch aus dem zerstörten Ton zog der Abt eine Nachricht und alles machte Sinn. Während er sie las, zogen sich seine Augenbrauen immer weiter zusammen und schließlich legte er die Nachricht auf den Tisch. Ich erhaschte einen kurzen Blick, doch diese seltsamen Schriftzeichen sagten mir gar nichts. Man merkte Li an, dass er ungehalten war, wenngleich er in seiner Art weit von einem der Wutanfälle Asars entfernt war.

„Das ist alles weit schlimmer, als ich gedacht habe. Meine Freunde, ich befürchte, dass ich noch einen Auftrag für euch habe. Und es wird nicht leicht.“
Wir forderten ihn auf weiter zu reden und er berichtete uns, was er soeben erfahren hatte.

„Die Schwarzen Adepten haben zwei Alchemisten in ihrem Gefolge, die nicht allzu weit entfernt von hier in einem finsteren Turm Experimente betreiben. LiBong schreibt mir, dass sie mittlerweile erfolgreich bei der Herstellung eines ‚Feuerpulvers‘ sind, mit dem sie zentnerschwere Eisenkugeln verschießen können. Dann bieten uns selbst die dicken Mauern des Klosters keinen Schutz mehr von den Dämonen der Schwarzen Adepten. Sie müssen ausgeschaltet werden und die bisherigen Vorräte vernichtet werden, am besten auf einen Schlag. Es wird äußerst schwierig, denn die gesamte Anlage ist gut bewacht und das Oberkommando hat ein Dämonenfürst; genauer gesagt ein BalRok.“

„Das ist schrecklich. Wir werden euch gerne zur Seite stehen, doch was sollen wir drei gegen diese Armee ausrichten?“

Li überlegte kurz, dann antwortete er: „Wir haben seit längeren einen Plan, den wir mit euch umsetzen können. Die Alchemisten lassen Sklaven in den Minen unter ihrem Turm arbeiten, wo sie das nötige Material abbauen. Euch könnten wir dort einschleusen und einige Dinge für euch dort hinterlegen. Zudem würden wir euch mit Tätowierungen ausstatten, von denen eine euch heilen, die andere unsichtbar machen kann. Als Belohnung haben wir einige Artefakte für euch, etwas Gold sowie eine Tätowierung. Seid ihr dabei?“

Wir überlegten noch kurz, fragten ein, zwei kleinere Sachen nach, dann schlugen wir ein. Wir gaben unsere Rüstungen, jeweils eine Waffe und einen Heiltrank ab, dann verstauten wir den Rest in einer kleinen Kammer. Nahezu nackt folgten wir einem der Mönche zum Hafen in einer nahen Bucht, wo uns bereits ein gewisser Avami mit einem kleinen Schiff erwartete. Der Mann war eingeweiht und so bestand kein Problem. Er würde uns zu einem nahen Sklavenumschlagplatz bringen, wo wir an die Adepten verkauft werden sollten.

Der erste Tag verging ereignislos, wir konnten uns frei bewegen und mussten keine Fesseln tragen, schließlich wusste Avami ja Bescheid. Doch am zweiten Tag rief einer seiner Helfer laut: „Boote der Adepten!“
Schnell legte uns der Kapitän Fesseln an und setzte uns in eine Ecke. Keine Sekunde später fuhr einer der kleinen Segler neben uns und vier Soldaten sprangen herüber. Selbstgefällig liefen sie über Deck und würdigten Avami nicht eines Blickes. Einen Moment lang dachten wir, sie würden gleich wieder verschwinden, da entdeckten sie uns, insbesondere Leana. Gier und Lust flackerte in ihren Augen, als sie die momentan leicht bekleidete Schamanin entdeckten und begannen sie an Armen und Beinen anzufassen.
Ich bäumte mich in meinen Fesseln auf und schrie laut: „Lasst sie in Ruhe!“

Die Männer ließen tatsächlich von ihr ab, doch der erste zückte bereits eine Peitsche, der andere schlug mir mit einem Knüppel in den Magen, dass ich zu Boden ging. Es folgten mehrere Tritte abwechselnd mit Peitschenhieben, die meinen ungeschützten Rücken in Fetzen legten. Dann schritt Avami ein und rief: „Hey! Ihr ruiniert meine Ware. Verschwindet oder ersetzt ihn mir!“
Zum Glück gaben sich die vier mit der bisherigen Misshandlung zufrieden und gingen wieder an ihr Boot, um weiter zu fahren.

Leana und Ixcalotl kümmerten sich um meine Wunden, sobald sie verschwunden waren und wir reisten weiter bis wir am Abend den Sklavenhandelsposten erreichten. Es war eine Stätte der Menschenverachtung, wir wurden getrieben wie Vieh und zur Schau gestellt. Die Händler der Adepten packten uns hemmungslos an, betrachteten die Muskeln und schätzten ab, wie brauchbar wir waren. Für Ixcalotl und mich war es kein Problem, eingekauft zu werden – bei Leana warteten wir jedoch quälend lange, bis auch sie genommen wurde, als die Alternative Greise und Kranke waren.

Damit verabschiedeten wir uns von Avami, der uns mit einem stummen Kopfnicken wohl viel Erfolg wünschte. Für uns ging es nun an Bord eines etwas größeren Schiffes, wo wir mit zwanzig anderen in einer beengten Kajüte schlafen mussten. Es wurde gerade so viel zu Essen hereingeworfen, dass wir nicht bis zum Turm verhungert waren, doch der Magen knurrte ständig und die unbequeme Haltung führte rasch zu etlichen Schmerzen.

Ich war froh, nur einen Tag danach rauszukommen, doch als ich sah, was uns nun erwartete, kam mir der Schiffbauch im Nachhinein wie das Himmelreich vor. Ein kleiner Karren mit einem Käfig darauf wurde mit uns vollgestopft. Es war nicht einmal Platz zum Hinsetzen, selbst wenn man dieses Kunststück schaffte, würde man wohl nie wieder nach oben kommen. Ratternd setzte sich der Wagen in Bewegung. In den folgenden Tagen wurde uns Essen und Wasser einfach durch die Gitterstäbe zugeworfen und es kam in der Folge zu unablässigen Rangeleien, bei denen manche einfach bewusstlos in sich zusammensackten, soweit sie nicht von den anderen aufrecht erhalten wurden.

Bald konnte ich nicht mehr sagen, wie viele Tage wir so unterwegs waren. Der Gestank steigerte sich ins Unermessliche, weil sich alle im Käfig erleichtern mussten, die Schmerzen wurden höllisch und ich hatte irgendwann das Gefühl, ich würde mich nie wieder bewegen können. Hunger und Durst taten ihr Übriges dazu, denn wir beteiligten uns nicht an den Schlägereien, um die Nahrung. Ich konnte es nicht übers Herz bringen, jemanden für mein eigenes Wohl zu opfern.

Plötzlich hörten wir eines Mittags ein massenhaftes Surren. Plötzlich schlugen um uns herum Pfeile ein, die uns bewachenden Soldaten begannen wild zu schreien und in Gefechtsposition zu gehen. Doch bereits bevor sie die Schilde erhoben hatten, war die Hälfte von ihnen tot. Dann bebte die Erde und dutzende Reiter kamen unter lautem Gebrüll auf uns zu und fegten um den Käfigwagen herum wie eine Sturmflut, die alles mit sich reißt. Den Soldaten der Adepten stand die panische Angst ins Gesicht geschrieben, ehe jenes von den Krummschwertern der Reiter zerfetzt wurde.

Der gesamte Überfall dauerte lediglich einige Momente, dann war er auch schon vorbei. Ein wild aussehender Mann mit ungezähmten Haar und langem Bart trat an den Käfig und schlug ihn einfach mit seiner Axt auf. Einladend winkte er uns zu und wir nutzten die Chance, herauszukommen. Zwar war ich froh, mich nun endlich einmal bewegen zu können nach all der Zeit (später fand ich heraus, dass es etwa zehn Tage gewesen sein mussten), doch unser Plan war somit gescheitert!

Nach zwei Stunden erreichten wir den Unterschlupf der Barbaren, wo uns Kleidung, warmes Essen und Wasser erwartete. Es war ein wunderbares Gefühl, doch unsere Sorge blieb. Trotz all der Strapazen hatten wir unser Ziel noch immer fest vor Augen. Somit warteten wir nervös auf den Anführer unserer Befreier, welcher sich uns näherte. Er hatte nicht viel mit dem einfachen KanThai oder gar den Mönchen gemein. Zwar glich er ihnen hinsichtlich der Augen, doch er war recht groß und sehr muskulös. Die große Axt, die über seinem Rücken hing, unterstrich diese Wahrnehmung. Gekleidet war er in die Pelze von Tieren, denen ich noch niemals begegnet war und um den Hals lag eine Kette aus Fangzähnen, die teilweise so lang wie meine Hand waren.

„Grüße. Ich bin Tanuk und meine Männer haben euch befreit“, sprach er uns schließlich an. „Ihr könnt nun gehen, wo ihr wollt.“
„Danke für die Rettung Tanuk! Aber wir wollten an den Turm verkauft werden! Unser Auftrag ist es, ihn zu infiltrieren und die Alchemisten zu töten, die dort ein mächtiges Feuerpulver herstellen“, erklärte Leana unsere Situation.
„Oh“, machte der Barbarenanführer. Einen Moment überlegte er und meinte dann: „Wir können euch verkaufen, doch dann seid ihr auf euch gestellt. Können euch erst helfen, wenn Plan geklappt und Alchemisten tot. Ihr dann müsst Zeichen geben.“
Die Schamanin grinste nur schelmisch: „Das Zeichen werdet ihr sehen, das verspreche ich euch!“

Darauf schlugen wir mit Tanuk ein und am nächsten Tag wurden wir tatsächlich von einigen Barbaren zum Turm gebracht.

Hoch ragte das finstere Gebäude auf, welches teilweise mit dem Felsen verwachsen zu sein schien und womöglich nicht nur nach oben, sondern auch nach unten ausgebaut war. Der Vorhof war mit einem riesigen Eisengitter versperrt, welches noch durch einige kleine Türme ergänzt wurde. Dort hockten zwei rothäutige Wesen mit schwarzen Augen und drei Hörnern auf dem Kopf, deren Spitze in alle möglichen Richtungen davonwiesen. Die Arme umschlossen eine Hellebarde, doch der lange Schwanz endete in einem Stachel und konnte wohl ebenfalls als Waffe dienen. Die Beine ähnelten denen eines Ziegenbocks, endeten jedoch in Krallen. Diese bestialischen Wesen mussten leibhaftige Dämonen sein!

Einige der normalen Wachen nahmen uns ohne großes Prozedere in Kauf, da die Barbaren nicht sonderlich viel verlangten, wenngleich genug um keinen Verdacht zu verlangen. Sofort wurden wir auf den Turm zu getrieben. Erst dachten wir, es würde in ihn hineingehen, doch wir liefen an ihm vorbei, bis wir die Höhle erkannten und in die Tiefe der Mine gescheucht wurden. Wir erhaschten lediglich noch einen Blick zur Hütte im Zentrum des Geländes, wo zweifelsohne Sachen gelagert wurden. Da würden wir hinmüssen, sobald wir das vereinbarte Zeichen vernahmen.

Doch für uns hieß es zunächst nicht aufzufallen und die Arbeit zu verrichten. Aber es dauerte nicht lange, bis wir wussten, wovor uns Li Wang gewarnt hatte. War die Hinreise bereits menschenverachtend gewesen, so hatten die Schwarzen Adepten hier eine Hölle auf Erden geschaffen. Man ließ uns kaum Zeit, zu schlafen, es gab keine Pausen und die Versorgung war erbärmlich. Im Gegenzug schufteten wir, als wären wir wahnsinnig geworden, bauten die Kohle ab, die die Alchemisten brauchten und schleppten Steine für… ich verstand irgendwann nicht mehr, wofür ich was tat. Doch ich fragte auch nicht nach. Wer es wagte während der Arbeit den Mund aufzumachen, wurde niedergeschlagen. Wer Widerworte gab, wurde öffentlich ausgepeitscht. Und wer zu fliehen versuchte, macht Bekanntschaft mit den Dämonen. Mit einem Sprung landeten sie zielsicher auf den Flüchtenden und schleuderten sie zu Boden. Zielsicher beendete sie mit einem Stich ins Genick jede Gegenwehr und fraßen sie schließlich auf.

Die Tage vergingen zäh und schließlich begannen wir zu zweifeln. Diese Situation ließ es nicht anders zu, dass wir beinahe den Glauben verloren und uns nur noch fragten, wie wir überleben sollten. Doch nach sechs Tagen kam das Signal – ein Erdbeben erschütterte nachts unsere Umgebung und rief Panik hervor. In der entstehenden Unruhe gelang es uns ohne Probleme aus den Unterkünften zu fliehen und wir fanden uns auf dem großen Platz wieder. Die Dämonen hatten scheinbar ihre Position verlassen und wir erblickten ein einsam daliegendes Lagerhaus. Unsere Unsichtbarkeitstätowierung wollten wir uns für die Erkundung des Turms aufheben, also musste es jetzt einfach schnell gehen: wir rannten über den Platz, rissen die Tür der kleinen Hütte auf und erspähten direkt unsere Sachen. Aber kaum hatten wir die Waffen ergriffen, ertönte von draußen eine schnarrende Stimme: „Gebt auf!“

Dann traten schon zwei Kämpfer mit langen, schmalen und leicht gebogenen Schwertern in die Hütte, die Körper mit einer Kettenrüstung geschützt. Durch ein Fenster konnten wir draußen zwei Männer in einer Kutte erkennen, die zweifelsohne Magier waren und sich bereits vorbereiteten, einzugreifen. Es blieb keine Zeit, zum Überlegen, so griffen Ixcalotl und ich direkt an.

Doch mein Gegner schlug mir unvermittelt mit der flachen Seite seiner Klinge gegen die Hand, sodass ich meinen Angriff abbrach und zunächst in die Verteidigung überging. Ich verfluchte innerlich, dass es die Mönche nicht geschafft hatten, meinen Schild hineinzuschmuggeln.

Die Angriffe der beiden KanThai waren fließend und gingen stetig ineinander über. Es war schwer zu erkennen, wann genau der Schlag erfolgte, denn die Klingen waren wie Wasser, welches von einem Moment auf den anderen plötzlich zu einer Welle emporstieg, um Verheerung zu bringen. Meine eigene Kampfesweise kam mir angesichts dessen unglaublich roh vor, doch nicht weniger effektiv, zudem ich die mächtige Axt der Finsternis führte. Aber auch deren tödliche Schärfe half mir nichts, wenn ich keinen Treffer landete!
Plötzlich verzogen die beiden Krieger das Gesicht und ihre Bewegungen erlahmten – Leanas erfreutes Lachen ertönte hinter uns. Nahezu nur noch halb so schnell wie vorher, waren Angriffe der KanThai leichter zu erahnen und das Blatt wendete sich langsam, denn nun war es möglich, die beinahe tänzerischen Ausführungen der Soldaten zu verfolgen und die Lücken auszuloten.

Schließlich erblickte ich eine, als mein Gegner soeben sein Schwert zweihändig packte, um einen mächtigen Schlag zu landen. Schneller als er reagieren konnte, stieß ich nun vor und schlitzte seinen linken Oberarm auf, dass man auf den Knochen blicken konnte. Das Gliedmaß erschlaffte direkt und der Mann brach mit einem Schrei den Angriff ab.

Dann bekam ich Ixcalotls gewaltigen Angriff mit. Zuerst blockte er einen der Angriffe mit Leichtigkeit weg, dann rammte er dem KanThai das Ende seines Axtstiels ins Gesicht, dass der irritiert den Überblick verlor und in einer fließenden Bewegung zog er dann das Schlachtbeil nach unten und rammte es rechts in die Seite, um es unbarmherzig bis auf die andere Seite durchzuziehen. Ungläubig starrte der Mann den Huatlani an, ehe sein sauber abgetrennter Oberkörper von den zusammenbrechenden Beinen stürzte.

Noch einmal spürten wir Leanas Zauberkraft, als sie uns beide nacheinander kurz berührte und sich unsere Haut innerhalb weniger Sekunden veränderte; verhärtete… verholzte. Ein seltsames Gefühl, doch ich wusste um den enormen Schutz, den dieser Zauber uns verschaffte und war ihr sehr denkbar, denn noch immer trugen wir kaum mehr als unseren Lendenschurz.

Und es zahlte sich direkt aus: trotz seiner Langsamkeit täuschte mein Gegner einen Angriff an, trat mir dann aber plötzlich vors Knie, dass ich leicht einknickte, um nun mit seiner scharfen Klinge wie ein Arzt durch mein Fleisch zu schneiden – ohne Leana wäre ich wohl fast direkt zu Boden gegangen! Doch meine Rache ließ nicht lange auf sich warten, ich schlug das Schwert zur Seite und fegte ihn mit einem wuchtigen Treffer in den Brustkorb zur Seite, bei dem man die Knochen nur so um die Wette splittern hörte.
In dem Moment erspähten wir draußen zwei weitere Krieger, der herbeigestürmt waren, jedoch vor der Hütte verharrten. Scheinbar auf Geheiß der Magier warteten sie ab, bis wir herauskamen. Gerade wollten wir uns für diesen Ausfall vorbereiten, da stand mein soeben erledigter Gegner wieder auf! Mit einem Stöhnen, was jenseits allem war, was Menschen von sich gaben, erhob er sich ungelenk und ignorierte, dass sein Herz und die Lunge nur noch Fetzen waren. Rasch sprang ich auf ihn zu und trennte ihm in einer schwungvollen Bewegung den Kopf von den Schultern. Einen Moment lang schien es, als würde den Körper selbst das nicht aufhalten – doch dann sackte er zu Boden.

Zunächst schienen die KanThai abwarten zu wollen, sodass wir uns einen Moment der Besinnung gönnten. Ich betete zu Ischkur für seine Unterstützung bei der folgenden Unternehmung, Ixcalotl und Leana zogen ihre Rüstung an. Dann blickte uns der Huatlani entschlossen an: „Ich werde den verfluchten Dämonenbeschwörern jetzt mal die Hölle heiß machen.“

Dann stellte sich Ixcalotl in die Tür, brüllte laut etwas und ein grelles Flackern erhellte die Nacht. Aus jedem seiner Finger schoss ein dicker Lichtblitz durch die Luft und traf die überraschten Magier glatt vor die Brust. Es warf sie um mehrere Meter zurück, wenngleich sie auch im nächsten Moment wieder standen, ihre Roben qualmten mächtig nach den Einschlägen.
Schon drängten sich die beiden Krieger in die Hütte und wollten uns attackieren. Dem ersten konnte ich jedoch direkt von der Seite einen Schlag gegen das Knie verpassen, sodass er in Ixcalotls Angriff stolperte und seine Innereien auf dem Boden verteilte.

Der andere Krieger war gänzlich überrascht, wie schnell sein Kamerad soeben gestorben war. Aber ich ließ ihm keine Zeit, sich zu besinnen, sondern trieb ihn mit einem wuchtigen Hieb vor mir, den er schwächlich mit seinem Schwert ablenken wollte. Die Klinge erzitterte unter dem Hieb und war eindeutig nicht für einen solchen Einsatz gedacht. Der Mann wich zurück und stolperte prompt über den Darm seines Gefährten. Schreiend ging er nieder, gefolgt von meiner Axt, die sich tief in seine Brust wühlte.
Da stand hinter mir der von Ixcalotl Getötete wieder auf! Laut fluchte der Huatlani und hieb dann direkt zu. In merkwürdigen Zuckungen, die kein normaler Mensch durchführen würde oder könnte, wich diese von der reinsten Finstermagie angetriebene Kreatur zunächst aus. Doch die Reichweite des Schlachtbeils war enorm und der nächste Schlag krachte schräg von unten in den Schädel, dass er förmlich explodierte.

Mein Gegner erhob sich ebenfalls, blieb allerdings mit dem Fuß im rumliegenden Darm hängen, sodass ich ihn mit einem direkten Schlag gegen die Wirbelsäule, jegliche Körperkontrolle nehmen konnte. Es krachte laut, als die Knochen zersplitterten, und die Kreatur regte sich nicht mehr.

Nun blickten wir nach draußen, wo jedoch nichts von den Magiern zu sehen war. Da sie wahrscheinlich nicht noch nachträglich zu Asche zerfallen waren, mussten wir sie so schnell wie möglich finden – ein Alarm würde womöglich unsere Aufgabe unmöglich machen, denn nach allem was wir die letzten Tage gesehen hatten, war hier eine halbe Garnison stationiert.

Als wir rausgegangen waren, erblickten wir die Magier, doch sie hatten Verstärkung geholt. Zwei merkwürdig verzerrt wirkende Gestalten näherten sich uns. Die eine war klein und das einst menschliche Gesicht war wieselhaft verändert, ich meinte sogar Ansätze von Schnurrhaaren auszumachen. Die andere Gestalt dagegen war extrem massig, beinahe doppelt so groß und so breit, wie ihr Gefährte und besaß eine Schweinsnase sowie zwei Hauer die aus seinem Maul ragten. Das mussten die so genannten OrcaMurai sein, von denen uns Avami erzählt hatte – einst waren sie Menschen, doch in einem finsteren Ritual hatten die Schwarzen Adepten ihre Seelen herausgerissen, um sie zu willenlosen und gefügigen Soldaten zu machen. Dieses Gerücht, was man bereits als Außenstehender vielleicht gehört hatte, wurde damit auf grauenhafte Art Realität.

Ixcalotl stellte sich direkt dem Dickwanst entgegen, während ich zunächst den kleinen übernahm. Angesichts seiner Waffe und meiner Geschicklichkeit erschien uns diese Aufteilung instinktiv als die Beste. Als Antwort schmetterte der Schweinsbestie direkt seine Keule, die wohl ein kurz vorher noch verwurzelter Baum gewesen war, einmal vor sich her. Dem ersten Angriff entging der Huatlani, doch der nächste verpasste ihm eine volle Breitseite, dass es ihn mehrere Meter nach hinten warf, wo er erst quälende Sekunden später wieder aufstand, in denen ich schon dachte, es hätte ihn erledigt.

Doch dann musste ich mich um meinen Gegner kümmern, der um mich herumsprang, um mir einen Stich mit seinem Dolch in den Rücken zu verpassen. Allerdings waren die leichten Treffer, die er setzte, einfach zu schwach, um meine Rindenhaut zu durchstoßen. Doch er schaffte es recht lange, meinen Angriffen auszuweichen, einfach dadurch, dass er so schnell war. Schon wünschte ich mir erneut Leanas Zauber, da stolperte der Wieselmensch über meinen Fuß und ich nutzte den Moment direkt und schmetterte die Axt zwischen einen Brustwirbeln durch, zerfetzte Lunge, Herz und schließlich das Sonnengeflecht. Ein gewaltiger Ruck ging durch meinen Arm und ich spürte wie sich die Macht meiner Axt in diesem Hieb entfaltete, es war beinahe als würden sich die Innereien kurz zusammenziehen, nachdem sie zerschmettert worden waren, um dann mit doppelter Kraft in alle Richtungen davon geschleudert.

Dann kam ich Ixcalotl zur Hilfe, der es mittlerweile besser schaffte, die Angriffe des OrcaMurai abzuschätzen und meist ihrer verheerenden Wirkung entging. Nun, da wir zu zweit waren, gelang es uns, den Spieß umzudrehen und in die Offensive zu gehen. Rasch landeten die ersten Treffer, die das Monster nur mit einem Grunzen quittierte. Wir hatten das Gefühl, lediglich durch Fett zu schneiden, ohne den Innereien der Kreatur nahe zu kommen. Doch dann entwickelten wir instinktiv eine Taktik; ich blieb unvermittelt stehen und brüllte dem OrcaMurai „Ischkur“ ins Gesicht. Ein grausiges Lachen erscholl und das Monster hieb in gerader Linie seinen Baumstamm herab, so wie ich es gehofft hatte. Im allerletzten Moment rollte ich mich zur Seite, da sprang Ixcalotl auf die Keule, tat noch zwei Schritte darauf auf die Kreatur zu, dass er beinahe auf ihr stand und hämmerte ihr mit einem gewaltigen Schrei das Schlachtbeil zwischen die Augen, dass er bis auf den Brustkorb vordrang. Der OrcaMurai kippte nach hinten um, der Huatlani ließ seine Axt stecken und rollte sich nach vorne ab.

Da näherten sich nun die Magier fest entschlossen, es nun zu beenden. Doch dagegen hatte Ixcalotl etwas, erhob sich und feuerte erneut zehn Blitze ab – diesmal nur auf einen der beiden! Einigen schaffte es der Kuttenträger, tatsächlich zu entweichen, doch zwei trafen ihn dann, rissen ihn empor und die letzten sechs trafen nun mit voller Wucht ihr Ziel. Es gab einen ohrenbetäubenden Knall und einen grellen Lichtblitz, dann zerriss es den Magier mitten in der Luft und ein Regen aus verkohlten Fleischstücken und Asche ging nieder.

Entsetzt blickte der andere Zauberer auf seinen Kameraden, machte auf dem Absatz kehrt und rannte zum Turm. Doch ehe er irgendwelchen Alarm schlagen konnte, warf ich mit voller Kraft meiner Axt, welche sich zweimal in der Luft drehte, ehe sie mit einem gehörigen Schmatzen glatt in den Hinterkopf eindrang und auch das Leben dieses Dämonengünstlings beendete. Gehorsam flog mir der Griff der Waffe wieder zu.

Nun zog ich mir auch schnell meine Lederrüstung an, ehe wir uns in aller Eile versorgten. Zwar waren die Zauberer scheinbar dumm genug gewesen, nicht gleich den BalRok zu benachrichtigen, doch vielleicht war das auch nur eine Falle, oder eine Frage der Zeit. So nutzten wir schließlich unsere Rune und wurden unmittelbar eins mit der Nacht. Lediglich ein gelegentliches Atmen ließ mich sicher sein, dass die anderen noch bei mir waren, als wir uns dem Turm näherten.

Der hatte wohl etwa fünf oder sechs Stockwerke nach oben hin, doch es war schwer zu sagen, wie weit es nach unten ging und was für ein Alchemielabor oder das Pulverlager mehr Sinn machen würde. Zu unserem Glück stand das Tor offen und ein Großteil der Wachen schien damit beschäftigt, Ordnung unter den Sklaven zu schaffen, nachdem sie durch das Erdbeben aufgescheucht wurden. Wir beschlossen, zunächst nach unten zu gehen, wo wir eine ganze Masse an Fässern entdeckten, doch als wir nachschauten, was sich in einigen befand, so war dies lediglich die gewöhnliche Kohle, die wir die letzten Tage aus dem Berg geholt hatten.

Wir gingen eines tiefer, wo einige Fässer herumstanden, scheinbar wahllos angeordnet. Es waren etwa dreißig und sie beinhalteten tatsächlich etwas von dem Feuerpulver, wie wir erkannten, doch diese Zahl würde nicht ausreichen, um den gesamten Turm zu sprengen. Doch wir hatten Hoffnung, dass noch ein Stockwerk tiefer, viel mehr stehen würden.

Wir wurden enttäuscht. Das dritte Kellergeschoss war absolut leer und wohl lediglich für die Zukunft als Lager gedacht. Es wurde keine Zeit verschwendet und wir gingen direkt nach oben und schlichen in den ersten Stock. Hier liefen einige Soldaten herum, aber auch Sklaven, die auf Tischen an den großen Kohleklumpen arbeiteten. Scheinbar war es ihre Aufgabe, sie zu verfeinern und sie arbeiteten im Akkord. Ihre ganze Haut war geschwärzt und sie schienen dem Tode nahe, so wie sie ständig husteten.

Ein Stockwerk darüber entdeckten wir den Herkunftsort der Fässer. Nicht sonderlich spektakulär, wenngleich notwendig für die Arbeit der Alchemisten. In der dritten Etage fanden wir die Schlafräume der Wachen, einige liefen sogar herum, doch die allgemeine Geräuschkulisse durch die unten arbeitenden Fasshersteller war zu lärmend, um das leise Auftreten unserer Sohlen zu vernehmen.

Dann betraten wir das vierte Stockwerk, welches Raum für zwei einnahm, dadurch, dass keine Decke eingezogen worden war. So blieb Raum für eine gewaltige Bibliothek sowie ein großes Labor, in dem alle möglichen und unmöglichen Gerätschaften herumstanden, hie und da noch einige Flüssigkeiten zogen, andere still köchelten und etliche Papiere mit Notizen herumlagen. Leana versuchte schnell, etwas zu finden, wo die Formel für das Feuerpulver aufgezeichnet war, doch scheinbar war diese nicht hier. Währenddessen machten Ixcalotl und ich aus, dass hier ebenfalls einige Fässer herumstanden, doch auch diese Menge würde für eine Sprengung des gesamten Turmes nicht reichen. Da entdeckten wir, dass auch hier eine Seite „offen“, genauer genommen an den Berg angelehnt war. Vier Türen führten in ihn hinein und nacheinander lugten wir vorsichtig. Hinter dreien verbargen sich jeweils dreißig bis vierzig Fässer dieses höllischen Pulvers! Damit würden wir diesen Ort wahrscheinlich direkt zu Ischkur sprengen, wo er persönlich die Dämonenanbeter in Stücke riss.

Die letzte Tür, so vermuteten wir, war wohl die Pforte zum Schlafgemacht der Alchemisten. Ich versuchte sie leise zu öffnen, damit wir das Überraschungsmoment auf unserer Seite hatten. Tatsächlich gelang mir das, obwohl ich nie sonderlich gut darin gewesen war, leise zu sein. Aber nicht nur das, ich bemerkte obendrein einen Fallenmechanismus, der mit einem Fass verbunden war. Sofort schloss ich die Tür, natürlich ebenfalls ohne Laut und berichtete meinen unsichtbaren Freunden, was ich gesehen hatte. Die Alchemisten mussten wahnsinnig fanatisch sein, wenn sie eher bereit waren, zu sterben und das Geheimnis des Feuerpulvers mitzunehmen, als zu riskieren, dass man sie meuchelte und die Formeln stahl.

Bevor wir nun zur Tat schritten, wollten wir noch nachsehen, was sich im obersten Stockwerk verbarg, zu dem eine lange Treppe führte. Vorsichtig lugten wir durch die Tür, um sie genauso schnell zu schließen. Es war nur ein kurzer Blick, doch er offenbarte Schatten und Flamme – ein Wesen, das nicht aus dieser Welt war und sowohl dämonische Grausamkeit als auch die elementare Macht des Feuers miteinander verband.

Damit steigerte sich unser Bestreben, diesen Turm zu sprengen, ins Unermessliche und Leana entwarf einen Plan, wie sie mittels einer Spur aus dem schwarzen Pulver zu den verschiedenen Lagern eine Kettenreaktion auslösen könnte, die hier alles in Schutt und Asche legte.

Entsprechend ihren Anweisungen räumten Ixcalotl und ich mehrere Fässer herum und schließlich streute sie das teuflische Zeug aus. Ein einigermaßen bizarrer Anblick, schwebendes, sich scheinbar selbst verteilendes Feuerpulver zu sehen oder noch extremer: das fliegende Fass des Ixcalotls.

Abschließend bot der Huatlani an, alles zu zünden, indem er eine kleine Kerzenflamme aus seinem Finger hervorzauberte. Das Angebot nahmen wir an, wünschte ihm alles Gute und gingen bereits hinunter. Unten angekommen begann ich stumm, aber heftig zu Ischkur beten, dass alles klappte und Ixcalotl es lebend zu uns herunterschaffte.
Nach einer Weile hörten wir leise neben uns: „Da ist was schief gelaufen. Das Feuer ist ausgegangen.“

Ich wäre beinahe erschrocken und an einem plötzlichen Einatmer Leanas konnte man ermessen, dass es ihr ähnlich ging. Nun gingen wir drei Streiter Ischkurs erneut nach oben und stellten wieder alles um und Leana legte eine neue Spur. Diesmal gab es beinahe eine Reihe Fass an Fass, also würde es auf jeden Fall knallen. Die Frage war nur, ob wir es rausschaffen würden. Da flackerte ein kleines Flämmchen auf und senkte sich auf das Pulver.

Es zischte und in gleißendem Licht entflammte die Spur zum ersten Fass. Ohne eine Sekunde zu zögern, nahmen wir drei die Beine in die Hand und stürzten mehr als dass wir rannten die Treppen herunter. Rasch hörten wir hinter uns den ersten Knall, dann einen weiteren…die Kettenreaktion lief an und das Verderben würde kommen. Nun hieß es, zu überleben.

Keuchend nahm ich stets mindestens zwei Stufen auf einmal, übersprang teilweise ganze Passagen und wusste durch ein Schnaufen hinter mir, dass Leana mir beinahe auf den Fuß folgte. Noch waren wir unsichtbar und ich hoffte, dass sie mir nicht plötzlich in die Hacken trat. Aber der Fokus lag einfach nur auf den Stufen, die mir nun so endlos vorkamen, wo wir sie doch bereits dreimal abgegangen waren. Jeden Moment könnte ein Soldat im Weg stehen, oder ein Sklave, womöglich sogar ein Dämon. Schließlich betete ich laut beim Rennen und rief Ischkur an, er möge seine schützende Hand über uns halten.

Da erblickte ich das Ende der Treppe! Mit einem gewaltigen Satz sprang ich auf den Boden, rollte mich ab und spurtete raus. Ein Schrei verbunden mit dem Geräusch eines aufprallenden Körpers signalisierte mir, dass Leana es ebenfalls mit mir herausgeschafft hatte. Doch da hörte ich plötzlich ein lautes Brüllen Ixcalotls und erneut das Geräusch eines aufschlagenden Leibes. Diesmal jedoch weit entfernt, noch im Turm.

Dann zerriss eine gewaltige Explosion die Nacht und sprengte die Wände des Turms im vierten Stock in alle Richtungen davon. Eine weitere folgte unmittelbar, etwas tiefer und setzte die nächsten Bereiche in Brand. Das oberste Stockwerk kippte nun ohne Halt zur Seite und stürzte der Erde entgegen, ich glaubte, den grausigen Todesschrei des BalRoks zu hören, welcher mir das Herz gefror. Noch eine Explosion, diesmal so heftig, dass sie den gesamten Turm vom Berg wegdrückte. Gewaltige Risse zogen sich durch die Mauern, bis diese gänzlich zerfielen und uns in Teilen um die Ohren flogen.

Aber es hörte nicht auf! Das Feuer hatte die Raffinerie erreicht und eine weitere Detonation durchzuckte den Turm – die Kettenreaktion würde sich bis in die Untergeschosse ausbreiten. Und Ixcalotl? Mittendrin.

Ich fiel auf die Knie und schrie laut zu Ischkur, er möge uns unseren Gefährten zurückgeben. Da gleißte mir helles Feuer entgegen, ich spürte die Hitze auf meiner Haut und mein leichter Bartansatz der letzten Tage wurde versengt. Steinbrocken gingen um Leana und mich herum nieder, da glaubte ich etwas zu sehen… ja!

Immer wieder im Fluge sichtbar aufflackernd sprang uns Ixcalotl entgegen, getragen von seiner eigenen Kraft und dem Druck der Explosion im seinen Rücken.

Gekonnt rollte er sich neben uns ab und spätestens nun waren wir alle sichtbar. Sofort spurteten wir los, denn die Gefahr war noch nicht vorbei. Der Turm hatte sich nun endgültig geneigt und ging langsam in einer gewaltigen Staubwolke zu Boden. Außerdem zerrissen weitere Detonationen den Untergrund und es fühlte sich an, wie ein weiteres Erdbeben.
Unserer Flucht schlossen sich alle Sklaven an, die das Glück gehabt hatten, in den Minen oder im Schlaflager gewesen zu sein. Aber auch einige der Aufseher waren dabei, wenngleich selbst diese herzlosen Bastarde momentan besseres zu tun hatten, als sich um etwas anderes als sich selbst zu kümmern.

Doch wir wurden bereits alle erwartet. Auf den Hügeln standen dutzende Reiter, die nach einem lauten Befehl Tanuks ausschwärmten und zielsicher durch die Horden der Flüchtlinge manövrierten, um jedem überlebenden Soldaten der Schwarzen Adepten mit dem Krummsäbel aufzuschlitzen.

Wir drei hörten erst auf zu rennen, als wir einen nahen Hügel erklommen hatten. Einige Sklaven rannten weiter, andere wandten sich den Barbaren zu, um von ihnen Hilfe zu erbitten. Die Streiter Ischkurs blickten auf ihr Werk der Zerstörung zurück. In Stücke zersprengt, die man nun kaum noch einem Turm zuordnen würde, lag das Gebäude der Länge nach über das ehemalige Gelände der Alchemisten verteilt. Riesige Rauchschwaden stiegen in den Himmel und inmitten all der Trümmer loderten noch etliche Flammen.
Wer auch immer im Turm gewesen war, musste nun unweigerlich tot sein. Der Gedanke an die unschuldigen Menschen, die durch unsere Tat das Leben verloren hatten, schmerzte. Kollateralschäden würden manche sagen und auch ich wusste, dass es ohne Verluste nicht gelingen konnte – doch diese Erinnerung würde ich immer in mir tragen.

Dann trat Tanuk an uns heran und gratulierte zu unserem Erfolg. „Unglaublich, was ihr geschafft habt.“ Und in dem Moment realisierten wir, dass es vorbei war und wir wieder einmal überlebt hatten. Wir brachen trotz aller Umstände in laute Jubelschreie aus und fielen uns gegenseitig um den Hals, ignorierend, dass wir allesamt kohleverdreckt bis obenhin waren.

Wir zogen mit Tanuks Horde ab und sobald wir das Lager der Barbaren erreicht hatten, trennten wir uns in Freundschaft von dem Mann. Man überließ uns jeweils ein Pferd und einen ihrer Kundschafter sowie Proviant. Zehn Tage lang reisten wir gemeinsam auf geheimen Wegen durch das TsaiChen-Tal, von denen womöglich nicht einmal die Mönche etwas wussten. Irgendwann zwischendurch löste Ixcalotl aus irgendeinem Grund die andere Tätowierung aus, die ich fast vollkommen vergessen hatte. Er grinste und machte ein zischendes Geräusch. Im nächsten Moment schlug er sich die Hand vor den Kopf und ärgerte sich über die Verschwendung, bis wir endlich das Kloster der Stählernen Orchidee erreichten.

Wir verabschiedeten den Barbaren und er nahm die Pferde wieder mit, dann betraten wir das Kloster, wo uns die Mönche ungewöhnlich ausgelassen begrüßten. Sie führten uns zu Abt Li Wang, der mit belegter Stimme sagte:
„Meine Freunde… ihr habt geschafft, was ich nicht mehr für möglich hielt. Durch euer Eingreifen habt ihr den Adepten nicht nur eine enorme Zahl Männer und mächtige Dämonen genommen. Nein, ihr habt es geschafft, ihnen eine Waffe zu entreißen, die eines Tages unser aller Untergang gewesen wäre. Mit des Teufels Pulver hätten sie ohne Zweifel jeglichen Widerstand im TsaiChen-Tal brechen können. Meine Freunde, ich danke euch!“

Dann übergab er uns jene Geschenke, die er uns versprochen hatte: ein verzauberter Rucksack, ein magischer Ring und ein Amulett. Außerdem würden wir die kommenden Monate im Kloster verbringen sowie mit den Mönchen bei ihren Meistern lernen dürfen; die Heiltätowierung nicht zu vergessen. Doch dann sagte Li Wang jenen Satz, der mein Leben tatsächlich verändern sollte:

„Meine Freunde… ich habe noch ein Angebot für euch. In KanThaiPan wird eine Form der Kampfkunst gelehrt, welche jenseits von dem liegt, was sich der einfache menschliche Verstand vorstellen kann. Ohne eine Waffe in die Hand zu nehmen, entfesselt sie die absolute Kraft des Körpers und geht für die großen Meister sogar darüber hinaus. Wir nennen es ‚KiDo‘ und mein Angebot an euch ist, nicht nur drei Monate hier zu verbringen, sondern drei Jahre, um diese Form des Kampfes zu erlernen. Wisset, dass dies kein leichtfertig gemachtes Angebot ist. Selten haben Menschen von außerhalb KanThaiPans das Privileg erhalten, KiDo zu lernen und es ist ein beschwerlicher und entbehrungsreicher Weg, bis man die innere Stärke erlangt hat, die Grundlage für diese Kampfkunst ist. Wie ist eure Wahl?“

Leana lehnte direkt dankend ab. Drei Jahre zwischen Mönchen, das würde sie wohl kaum überleben. Auch Ixcalotl lehnte ab, ihn zog es unruhig hinaus in die Welt.

Doch ich…überlegte. Ich dachte an das letzte Jahr zurück, was ich alles erreicht und wen ich kennen gelernt, was für Herausforderungen ich be- und welche Scheiße ich durchstanden hatte. Mein Glaube in Ischkur war gefestigter denn je und ich besaß noch immer die innere Flamme, die mich antrieb, die „Welt zu verbessern“ und den Menschen zu helfen. Doch hier gab es für mich eine einmalige Gelegenheit, tief in eine fremde Kultur einzutauchen, das, was ich schon seit meinen ersten Tagen bei den heiligen Kriegern Ischkurs angestrebt hatte. Zudem lockte es mich, neue Kräfte zu entdecken, die ich bisher nicht kannte und herauszufinden, was ein Mann anrichten konnte, der lediglich seine Fäuste benutzte. Eine kleine Nuance war zudem der Tee, den sie hier im Kloster hatten.

So erhob ich mich und mit getragener Stimme verkündete ich: „Abt Li Wang, mit großer Freude nehme ich euer Angebot an und werde im Kloster der Stählernen Orchidee verbleiben, um die Kunst des KiDo zu erlernen mit allem, was es dazu braucht und was dazugehört.“
Verwundert sahen mich meine Gefährten an, Leana wirkte sogar ein wenig entsetzt. Aber vielleicht interpretierte ich auch zu viel in ihren Blick hinein.
Li Wang indes lächelte und machte eine leichte Verbeugung in meine Richtung, welche ich instinktiv erwiderte, wenn auch etwas tiefer.

Somit überließ ich meinen Gefährten die Aufteilung der Artefakte, die wir erhalten hatten, immerhin endete mein Abenteurerleben vorerst hier. Anschließend tranken wir gemeinsam mit den Mönchen noch Tee und so manch einer auch etwas Sake und sprachen über das Erlebte und die Zukunft. Einige Zeit würden meine Freunde noch hierbleiben, doch früher oder später endete ihre Lernzeit und es ging wieder hinaus in die Welt – während ich hier bleiben würde, weit weg von ihnen.

Zum Abschluss des Abends wollte ich Leana feierlich das Banner der Streiter Ischkurs überreichen: die gekreuzten, goldenen Dolche auf blauem Grund.

„Nein, Abedi. Du weißt, dass ich für diese Dinge keine Verwendung habe. Behalte es für dich…als Erinnerung.“

Ich lächelte und drückte das Banner wieder an mich. Nach mehr als einem Jahr würde ich bald zum ersten Mal seit längerem von der Schamanin getrennt sein. Es war ein seltsames Gefühl, was sich bei diesem Gedanken in mir ausbreitete, unerklärlich und rätselhaft. Und einen Moment kamen mir tatsächlich Zweifel, ob es richtig war, im Kloster zu bleiben. Doch letzten Endes war es das, was ich tief in mir wollte. Aber umso mehr freute ich mich auch auf die kommenden Monate, in denen meine Gefährten noch nahe bei mir waren.

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5 thoughts on “Die Rückkehr zum Fünfkampf und des Teufels Pulver

  1. Abedi
    Abedi

    So Leute! Mit dem Eintrag verabschiedet Abedi ja erstmal und es war irgendwie etwas Besonderes, ihn zu schreiben, unter anderem auch, weil ich heute ganz schön intensiv daran gearbeitet habe. Einmal einen Dank an die LoL-Musikempfehlung von Simon, ich glaube die habe ich beim Schreiben zehn-zwanzigmal durchgehört 😀
    Ansonsten gilt wie immer, dass ich Sachen “leicht” abändere, wie sie mir subjektiv besser gefallen. Das merkt man wohl zum Schluss hin am ehesten 😉
    Und für die Statisik: der Eintrag ist mit angekratzten 27 Seiten bei mir im Dokument der bisher längste und mit ihm haben wir die 70.000 Wörter überschritten 😀

    Ach ja, fast vergessen: es macht einfach Bock, Midgard zu spielen! Super Gruppe! 🙂

  2. MasterMogk
    MasterMogk

    Toller Tagebucheintrag 🙂 gefällt mir gut und du kannst dir die Freiheiten als Autor ruhig nehmen es so zu schreiben wie es dir in den Sinn kommt 🙂

    PS: Eine kleine Anmerkung noch: er bat euch 50.000 Goldstücke an für die Befreieung 😉 (die ihr sogar bekommen hättet :D)

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