Blasse Hochzeit

Etwas mehr als zwanzig Tage verbrachten wir noch in Crossing – oder in der Umgebung. Ich nutzte diese Zeit, um mich wieder etwas in die Natur zurückzuziehen und Erholung von dem brutalen Massaker an der Schule der Alten Meister zu finden. Selbst Maglos begleitete mich nicht auf jeder dieser Erkundungsreisen durch die nahegelegenen Wälder, die ich immer wieder erschreckend hohl vorfinden musste. Sie waren sehr klein und in weiten Teilen gerodet worden, als der Mensch sich dieses Land urbar gemacht hatte, und boten nahezu nur noch jenen Wesen Platz, die dem neuen Herrscher dieser Welt gleichgültig waren oder die er jagen konnte.
Doch zumindest eine Stelle fand ich vor, welche mein Gemüt besänftigte. Es war eine vergleichsweise unpraktische Stelle zwischen vier eng stehenden Bäumen, an deren Füßen sich dichtes Moos getummelt hatte, zwischen dem nur wenige Pilze hervorschossen. Dabei plätscherte ein wirklich kleiner Bach dahin, in dessen klarem Wasser jedoch einige schöne Steine lagen. Ob Nicola sie mitnehmen würde, wenn er den Weg hierherfände? Der Gedanke, den alten Magier durch das Unterholz wanken zu sehen, ließ mich schmunzeln. Ich würde hier alles so lassen, wie ich es gefunden hatte – und nur die Erinnerung mitnehmen, als einen kleinen Ruhepunkt, zu dem ich mich zurückbesinnen konnte.
Als ich den Ort verließ und wusste, dass wir bald aufbrechen würden, um nach Corrinis zu reisen, war ich nicht ganz ohne Wehmut und so warf ich einen verträumten Blick zurück auf diese winzige Stelle, um verwundert festzustellen, dass sich einige Eichhörnchen auf den Ästen des knorrigsten der vier Bäume zusammengefunden hatten. Sie blickten mich an, ebenso wie das kleine, junge Reh, das soeben ins Bild trat. Wir blickten einander an, tauschten Blicke aus dunklen Augen, ehe die Tiere davonhuschten und ihren Alltag aufnahmen. Ich wandte mich nun auch ab und kehrte zurück nach Crossing mit einem Gefühl leichter, wohliger Wärme in meinem Inneren.

Wir waren schnell aufbruchsbereit, holten die Pferde aus dem Stall und schwangen uns in die Sättel. Dabei fiel mein Blick zu Miyakos Rucksack hin, an dem sie nun einen Buckler befestigt hatte. Der kleine Schild war mit einem üblen Dorn versehen, der diese Waffe ebenso gut für den Angriff wie für die Verteidigung ausstattete. Aber, dass Miyako überhaupt mit etwas neben ihrem Langschwert kämpfte war ein Novum und interessiert fragte ich: „Ein Schild?“
„Bei den Bedrohungen, die immer wieder auf uns zurollen… ja.“
„Der ist ganz schön klein“, warf Nicola ein. „Na, gespart?“
Ricardo und ich lachten auf, während Miyako kaum mehr als ein Schnauben für den Witz des Magiers übrig hatte. Neben ihrem Buckler fiel außerdem noch die neue Rüstung auf. Sie war Teil von Ruelstan Blutbads Beuteschatz gewesen und wirkte durchaus, als könne sie aus den östlichen Teilen Midgards kommen. Die Frage nach einem früheren Besitzer stellte man wohl lieber nicht, die Methoden des Schlächters hatten wir kennengelernt. So mochte es nun immerhin wohl anklingen, dass die einst gestohlenen Artefakte in unseren Händen hoffentlich besseren Zwecken dienen konnten.

Unser Weg führte uns südlich auf der gut ausgebauten Königsstraße Richtung Glenachtor. Für die Reise nach Corrinis brauchten wir keine Unbilden fürchten, da wir die gut ausgebauten Wege nicht verlassen und in Gasthäusern nächtigen würden.
Nachdem wir Glenachtor, das kaum mehr als ein größeres Dorf war, durchquert hatten, ritten wir in westliche Richtung bis nach Adhelstan, das wieder deutlich größer war. Auch hier verbrachten wir eine Nacht, ehe wir durch den Wald von Ogresse nach Tidford am großen Fluss Tuarisc reisten. Diese Stadt war zwar klein, allerdings durch die Nachbarschaft zu Erainn und die Lage an einer großen Handelsstraße bunt gemischt und voller Kaufleute. Nicht, dass ich dem viel hätte abgewinnen können, und so war ich auch über unsere rasche Abreise wenig unglücklich.

Insgesamt waren so sieben Tage vergangen, bis wir an der Mündung des Tuarisc angekommen waren, wo eine Fähre abging – zur Stadtinsel von Corrinis. Die Stadt konnten wir bereits sehen: wehrhaft bedeckte sie einen guten Teil des vor uns liegenden Eilands, die Siedlung ging bereits über die Stadtmauern hinaus und wahrscheinlich würde irgendwann die Zeit kommen, da die Wehranlagen erweitert werden sollten. Weiter und immer weiter, bis das Land knapp wurde. Eine Welt im Kleinen, die einen Ausblick auf eine Zukunft ohne Wälder bot?
Ich schüttelte mich unter einem unangenehmen Schauer am Steg, während wir auf den großen Kahn warteten, der auch unsere Pferde mit an Bord nehmen könnte. Die anderen bemerkten es kaum und ich hätte es wohl auch nicht verständlich machen können.

Nach zwei Stunden kam dann der Fährmann mit seinem Boot an den Steg und wir gingen mitsamt unseren Reittieren an Deck. Gemächlich setzten wir über und erreichten die geschäftigen Hafen, der vor allerlei Händler aus ganz Vesternesse überquoll. Insbesondere die Beziehungen zwischen Erainn und Alba schienen hier einen Höhepunkt zu finden. Mit Kenntnissen in der Handelssprache und des Erainnischen kamen wir hier gut zu Rande, darüber hinaus beherrschte Miyako auch noch das raue, grobe Albisch – was angesichts ihrer exotischen Erscheinung gleich mehrere Bürger irritieren sollte, als wir nach einem Stall fragten.

Verständlicherweise fanden wir einen Platz für die Pferde außerhalb der Mauern. Ein Züchter besaß neben seiner eigenen Koppel auch hinreichend Raum für fremde Tiere und wir zahlten ihm drei Tage im Voraus das Geld für Verpflegung und Miete. Nun galt es, Caileass ausfindig zu machen!
„Weiß jemand, wo dieser Freund von euch wohnt?“, fragte Ricardo.
Miyako und ich schüttelten den Kopf.
„Er war eine Zeit lang als Söldner unterwegs und hat in verschiedenen Städten gearbeitet. Warum auch nicht hier, in seiner Heimatstadt?“, schlug ich vor nachzufragen.
„Also dann zur Wache“, meinte Miyako und wir gingen zum Stadttor, wo sich einige Wachen tummelten. Auf Caileass angesprochen überlegten sie etwas hin und her, bis sich schließlich einer entsinnen konnte, dass unser Freund neben dem „Schwarzen Hirsch“ wohne. Den Weg zu dieser Schenke konnte man uns dann freilich sehr genau erklären.

So standen wir schließlich, es war wohl ungefähr Mittag, vor der Tür, die zu Caileass‘ Haus gehören musste. Wir waren allesamt voller Vorfreude – Miyako und ich, weil wir endlich unseren alten Freund wiedersehen würden, Nicola und Ricardo, weil eine Feier in Aussicht stand. Insbesondere der Küstenstaatler hatte bereits den ganzen Weg seit Crossing hierher davon gesprochen, wie schick er sich machen wollte. Nicola hatte mich indes daran erinnert, dass ein Geschenk für solche Gelegenheiten angebracht war – woraufhin ich ihm erklärt hatte, dass ich bereits einen Vorschlag hatte: wir könnten in Corrinis eine schöne Lyra erstehen. Caileass war auch als Musiker begabt und würde sich sicherlich über ein neues Instrument freuen.
Also klopfte ich an, es dauerte etwas und dann wurde die Tür geöffnet.

Ein Mann stand vor uns, das Gesicht voller Narben, das schwarze Haar von ersten, grauen Haaren durchzogen und ungewaschen. Die Augen lagen tief in den Höhlen und wirkten leer, während sich Falten um sie herum eingegraben hatten, als wäre er nicht jung sondern bereits alt und gebeugt. Selbst die Schultern waren eingefallen, das kämpferische Kreuz vernachlässigt und die gesamte Haltung kündete von einer Müdigkeit, die tiefer lag als unzureichender Schlaf.

„Caileass?“, fragte ich und meine Stimme schoss im Schock nach oben.
Der Mann blickte mich einen Moment an, dann sah er zu Miyako. Ich dachte schon, er würde die Tür wieder schließen, da sagte er: „Ilfarin? Miyako? Was macht ihr denn hier?“
„Wir sind hier… wegen der Hochzeit?“, hakte ich nach, nun deutlich verunsichert. Unruhig blickte ich zu Miyako hinüber, die ebenso verwirrt war.
„Oh, die Hochzeit“, stammelte der fremde Freund vor uns. „Kommt herein.“

„Höflicher Empfang“, brummte Nicola, als er als letzter das Haus betrat und die Tür hinter sich schloss.
Die Wohnung von Caileass war recht beengt, aber ohne Zweifel gut von ihm eingerichtet. An der Wand hingen seine Waffen, dabei unter anderem der von ihm bevorzugte Rapier. Auf einem bestehenden Tisch in einer gemütlichen Sitzecke lag die alte Lyra des Albais. Es gab wohl noch zwei Seitenräume, in denen Bett und rudimentäre Bademöglichkeiten vorhanden waren. Seltsamerweise erblickte ich auf den ersten Blick aber keinerlei Spuren eines zweiten Bewohners.

Caileass setzte sich auf einen Stuhl und wir gesellten uns zu ihm, warteten, dass er etwas sagte. Doch der Mann blickte nur stumm in eine Ecke und schien unsere Anwesenheit binnen einer Minute bereits vergessen zu haben.
„Caileass? Was ist mit der Hochzeit?“, fragte ich besorgt nach.
„Oh? Die Hochzeit. Sie war bereits vor einem Jahr.“
„Was?“, schoss es mir aus dem Mund und erschüttert blickte ich meinen alten Freund an. Miyako war ebenso fassungslos, während sich Nicola erhob und dabei sagte: „Dann können eir können jetzt gehen, oder?“
Ich ignorierte den wohl lustig gedachten Einwurf und hakte nach: „Wie, vor einem Jahr? Caileass, erzähl, was wann geschehen ist!“
Der Mann holte tief Luft, dann setzte er an: „Ich hatte euch das letzte Mal geschrieben, nachdem ich auf die Hjalta-Inseln gekommen bin… also dort gestrandet war. Sobald ich mich erholt hatte, bin ich bereits wieder nach Corrinis gereist. Auf dem Weg, in Deorstead, habe ich meine Liebe kennen gelernt… oh, Calena…“
„Sie ist mit nach Corrinis?“
„Ja. Wir haben geheiratet, mein Brief hat euch scheinbar nicht erreicht… zu spät erreicht…“
„Und jetzt? Was ist geschehen?“, drängte ich ihn weiter.
„Sie ist tot! Seit einem Monat!“, sagte Caileass, bäumte sich dabei kurz auf, nur um wieder in seine Kraftlosigkeit zurückzufallen.
Schockiert schwieg ich. Das… das war nicht die helle Farbe, in der ich die Hochzeit gemalt hatte. Sie war stattdessen bereits verblasst.
„Also keine Feier?“, fragte Ricardo. „Ich wollte doch so gerne…“
„Wie wäre es, wenn Nicola und du schon mal gehen und Miyako und ich mit unserem Freund sprechen?“, unterbrach in den Küstenstaatler – zugegebenermaßen brüskiert von ihrem forschen Auftreten. Sicher, sie kannten Caileass nicht. Und jeder verarbeitet eine Überraschung anders, aber das…
„Gut, wir gehen nebenan in den ‚Schwarzen Hirsch‘. Feiern“, erklärte Nicola und die beiden verließen uns endlich.
„Also, Caileass – was ist geschehen?“
„Calena ist erkrankt. Sie wurde schwach, die Heiler konnten Nichts unternehmen. Einen Monat lang wurde es schlimmer und dann… war es vorbei. Sie war tot“, erklärte unser Freund ermattet und kraftlos.
Unfähig, Worte zu finden, legte ich ihm eine Hand auf die Schulter. Plötzliche Krankheiten konnten so ablaufen und wir waren zu spät, etwas ändern zu können. Kurz überlegte ich, ob wir etwas hätten anders machen können, doch bereits bei unserer Rückkehr nach Crossing musste alles zu spät gewesen sein. Und selbst wenn wir da gewesen wären… nicht gegen alles ließ sich ankämpfen. Die Natur gab und sie nahm und das nicht immer auf eine Weise, die uns Lebenden gerecht erschien.
„Vielleicht“, versuchte ich es dann. „Gehen wir nach nebenan? Trinken auf das, was war, und hoffen auf das, was kommt?“
Schwach nickte Caileass und erhob sich wankend – womöglich würde es nicht das erste Bier werden, das er heute getrunken hatte. Es war wohl nicht klug, nun auf Alkohol zu vertrauen, doch ich selbst war im Moment so schwer getroffen, dass mir ein klarer Gedanke schwerfiel. Selbst Miyakos übliche Sicherheit war durch den radikalen Umschwung von höchster Vorfreude in tiefste Trauer übel getroffen worden.

Wie die Schlafwandler zogen wir nach nebenan und ich legte dem Wirt gleich die Goldmünzen für die erste Runde sowie einen guten Aufschlag auf den Tresen. Dann setzten wir uns zu Nicola an den Tisch, der gerade alleine war.
„Ricardo?“, fragte ich kurz.
„Ins Badehaus. Und dann wollte er noch einkaufen oder dergleichen“, brummte der Magier.
Dann war dem wohl so – der Wirt brachte uns vier neue Humpen mit dunklem und süffigem Starkbier. Wir erhoben sie und schlugen aneinander an.
„Auf Calena und die Liebe“, versuchte ich matt und spürte es sauer im Mund werden. Hastig nahm ich einen großen Zug, ehe ich mich wieder an Caileass wandte. „Am besten ist es wohl, wenn wir sogleich alle schlechten Nachrichten vorbringen: Olo ist tot.“
„Oh… der kleine Halbling…“, erwiderte der Albai bereits wieder abwesend.
„In der Mallachtéara“, erklärte Miyako.
„Auf der Verfluchten Ebene von Banditen hingeschlachtet“, ergänzte ich. „Auf Olo.“
Wir nahmen allesamt einen weiteren, tiefen Schluck. Selbst Miyako trank mit.
„Groam kanntest du ja gar nicht“, sagte die KanThai gar nicht.
„Gestorben in den tiefen Verliesen unter Oktrea“, konstatierte ich.
„Auf Groam!“, murrte Miyako dann und wir stießen wieder an.
„Auf Leif – den tollkühnen Waelinger!“, setzte ich hinzu.
„Auf Feanor“, kam es von Nicola hintendrein.
„Auf Amabella und alle Unschuldigen, die in den Abgrund gerissen werden“, sprach ich bei der nächsten Runde aus.

So tranken wir – Caileass berichtete knapp, dass er derzeit als Gehilfe beim Reiseausstatter Elstane arbeitete und verblieb dann still, während wir entweder mit ihm schwiegen oder von unseren Reisen erzählten und dabei versuchten neben den Kummer auch die schönen Seiten aufzustellen. Es schienen mir, insbesondere in jüngerer Zeit, so wenige geworden zu sein, dass ich immer weiter und weiter grub, um das Lichte und Gute zu finden. So fiel gar nicht auf, welchen Berg an Dreck ich bereits aufgeworfen hatte…
Schließlich setzte sich der Wirt, scheinbar von Langeweile gequält, zu uns und erzählte von sich. Es war ja noch nicht einmal Abend und so waren wir nahezu die einzigen Gäste im „Schwarzen Hirsch“. Dass sich der Wirt da selbst einlud, schien hier selbstverständlich, auch wenn ich mich darüber zunächst ärgerte. Doch zumindest konnte man über dem belanglosen Geschwätz des Mannes über seine weit verstreuten Verwandten in der Stadt vergessen, warum man eigentlich hier war.

Dies war sicherlich nicht die Stunde der Fanfaren mit ihren hellen Klängen. Wenn überhaupt blecherne Töne erschallen sollten, dann am folgenden Tag tief in einem eigentlich zerbrochenen Gefäß.
Dies war der Moment der albischen Pfeifer, welche ihren Instrumenten traurige Melodien entlocken konnten, bis hin zu grausamen. Eine Nähe, die schockieren mochte, da man sich in der Traurigkeit süßer Melancholie hingab, um zu vergessen, wie schlimm es gewesen war. Alles wurde verklärt – bis die heftigen, schockierenden Klänge erschollen, bis die Grausamkeit zurück in dieses Lied gerufen wurde. Melancholie war eine Droge, um Traurigkeit einzudämmen, sodass sie nicht zu einem reißenden Fluss werden konnte. Denn wer wusste schon, wo dieser hinführte? Wer wollte es wissen? Dies zu fordern, hieße, sich am Ende des Weges etwas entgegenzustellen. Einige suchten so etwas, um schließlich selbst aufzugeben, doch tief dem melancholischen Gedanken angehaftet, dass der Weg zurück versperrt und jedes Streben daher sinnlos war.
So verbleibt die Frage, ob der Weg zur Grausamkeit hin oder gar ihr entgegen lohnenswert sein kann – oder ob man lieber rastet und trauert.

Schließlich ging die Tür auf und ein glatzköpfiger Mann betrat das Gasthaus. Er schien frisch aus dem Badehaus zu kommen und steuerte zielstrebig auf uns zu. Bevor sich der Eingang zur Schenke wieder schloss, erkannte ich draußen, dass es bereits dunkel geworden war. Wie lange waren wir denn schon… war das Ricardo?
Der Mann hatte unseren Tisch erreicht und das schelmische Grinsen des Küstenstaatlers war einzigartig genug, um ihn wieder zu erkennen – obwohl er sich sämtliche Haare vom Kopf hatte rasieren lassen. Nun prangte anstelle des Brauns das helle Graue sonnenunberührter Haut.
Beim Wirt bestellte er sich etwas Wasser und für Miyako ein Glas Wein, ehe er sich zur KanThai setzte und ihr prompt einen Arm um die Schultern legte. Etwas teilnahmslos ließ sie ihn gewähren, während Nicola schnaubte.
„Na, eine schöne, neue Frisur habe ich, was?“, säuselte Ricardo.
„Hm, oh ja, deine Haare sind weg“, brachte Miyako betrunken hervor.
„Ja, das habe ich extra gemacht: etwas Neues, etwas Aufregendes“, erklärte er mit leuchtenden Augen und fixierte die Frau neben sich… in ihrer Gesamtheit.

Nicola prustete in seinen Bierkrug, während ich mit trägen Augen kaum wirklich erkannte, was um uns herum geschah. Miyako wirkte ebenso teilnahmslos, nur, dass ihr ungeteilte Aufmerksamkeit gewidmet wurde.
Dann war jedoch der Wirt wieder bei uns und brummte etwas davon, dass es hier keine Zimmer gäbe. Begriffsstutzig sah ich ihn an und es war mein Glück, dass Nicola seine Sinne noch so weit beieinander trug, dass er mich und die anderen aus dem „Schwarzen Hirsch“ herausbekam. Ich konnte mich später nicht einmal mehr erinnern, ob Caileass zu diesem Zeitpunkt noch bei uns gewesen war.

„Die Bärenkralle ist hier gleich um die Ecke“, meinte der ältere Magier, der sich wohl schon etwas genauer umgesehen hatte – oder jemanden fragte, so genau waren meine Erinnerungen zu diesem Zeitpunkt nicht mehr. Nicola fuhr dann fort: „Ein mittelständisches Gasthaus, das sollte das richtige für uns sein.“
„Das Alt-Corrinis liegt die Straße hinunter!“, erwiderte Ricardo. „Das beste Gasthaus der Stadt, wohl das richtige für uns!“
„Ich würde gerne ins Alt-Corrinis“, faselte Miyako undeutlich.
„Na, das ist doch gut. Nicola, Ilfarin ihr geht in die Bärenkralle, Miyako und ich ins Alt-Corrinis. Wir nehmen ein Doppelzimmer!“
„Ich will aber ein Einzelzimmer!“, kam es von der KanThai, die halb wankte, halb in Ricardos Umarmung hing, die für meine Begriffe einem Schraubstock nicht unähnlich war.
„Na dann, das lässt sich einrichten. Wird dann nur etwas eng für uns beide“, erwiderte Ricardo grinsend.
„Nein“, kam es dann von Miyako, wieder mit etwas kräftigerer Stimme. „Ich gehe in die Bärenkralle.“
„Ach, macht doch was ihr wollt!“, murrte der Küstenstaatler. „Ich gehe… wo anders hin!“

Und so wankten und stolperten wir drei zur Bärenkralle, wo wir auch prompt einige Zimmer nehmen konnten… und Ricardo ging entschlossen in die Nacht von Corrinis davon.

Am nächsten Morgen ging ich mit schwerem Kopf hinunter in den Gastraum, um mein Frühstück einzunehmen. Ricardo war bereits da, früh wach, wie immer. Ich konnte nicht sagen, ob er sich hier später ein Zimmer genommen oder sich an… anderen Orten eine Übernachtung organisiert hatte. Ich fragte auch nicht weiter nach und wir bekamen beide ein ausgewogenes Frühstück gebracht. Da der Küstenstaatler sein Verhalten vom Vorabend nicht erklärte, das ich im Nachhinein durchaus als anmaßend empfand, schien es mir, dass ein solches Vorgehen unter Menschen… normal war? Was war schon gewöhnlich.
Nicola kam kurz nach mir, am längsten brauchte Miyako, welche noch weitaus weniger Erfahrungen mit Alkohol gehabt hatte, als ich. Lustlos stocherte sie in ihrem Essen.
„Ich glaube, ich könnte heute nochmal ins Badehaus gehen“, verkündete Ricardo nachdem wir alle mehr oder minder unser Essen stumm zu uns genommen hatten.
„Das könnte ich auch vertragen“, stimmte Miyako leise zu.
„Ah, zusammen ins Badehaus!“, feixte der Küstenstaatler. „Wusste ich doch, dass wir…“
„Getrennt nach Geschlechtern, will ich meinen“, unterband sie die Traumtänzereien.

Ricardo nuschelte etwas vor sich hin, brach dann aber mit der KanThai auf.
„Ich werde nochmal nach Caileass sehen“, verkündete ich und Nicola nickte nur. Ich glaube sein Plan bestand darin, sich erst einmal ein zweites Frühstück zu bestellen. Ob er das in die Tat umsetzte blieb mir jedoch verborgen, denn ich machte mich auf den Weg. Zum Haus meines Freundes war es nicht weit, ich klopfte an die Tür… doch Niemand öffnete. Ich versuchte es selbst, stellte aber fest, dass sie verschlossen war. Verdutzt kehrte ich zur Bärenkralle zurück, wo sich Nicola immer noch im Gastraum aufhielt. Der Tisch vor ihm war leer, vielleicht hatte er auch nur etwas Löcher in die Luft gestarrt.
„Caileass war nicht zuhause“, erklärte ich auf seinen fragenden Blick hin.
„Nun, Ilfarin, Menschen arbeiten. Er wird bei diesem Reiseausstatter sein“, offenbarte mir Nicola grinsend.
Ich kratzte mich etwas verlegen am Kopf und wollte gerade wieder gehen, da kam Miyako wieder. Sie wirkte nun wieder deutlich frischer und der übliche, nahezu versteinerte Gesichtsausdruck kehrte wieder zurück. Wenngleich man einen Künstler erst finden musste, der es vermocht hätte, Stein so meisterhaft zu formen.

„Ich wollte gerade zu Caileass gehen, er wird wohl bei Elstane dem Ausstatter sein“, erklärte ich ihr.
„Dann komme ich mit dir“, erwiderte sie und wir gingen wieder zur Tür – wo uns Ricardo entgegen kam. Grüßend ging er an uns vorbei, wobei ich ein breites Grinsen in seinem Gesicht bemerkte. Miyako rollte nur mit den Augen.
„Warum hat er eigentlich länger gebraucht? Er hat ja nicht mal mehr Haare“, fragte ich verdutzt meine Begleiterin.
„Das Badehaus bietet besondere Dienste an“, sagte Miyako. Ich verstand nicht ganz, was das heißen sollte.

Wir machten uns also auf den Weg zu „Elstanes Expeditionen“, das sich als einfach zu finden herausstellte. Der Laden war offen und wir sahen, dass es hier alles Mögliche zu geben schien: von einfachen Rücksäcken und Seilen über Zelte bis zu einigen Waffen war vieles vertreten. Gerade war nicht viel los, sodass wir direkt zu dem Mann hinter der Ladentheke treten konnten: Caileass MacBeorn.
„Guten Morgen, Caileass“, begrüßte ich ihn freundlich.
„Morgen“, erwiderte er nahezu stumm. Sein Gesicht sah furchtbar aus und ich hatte die Vermutung, dass die geröteten Augen in der Nacht keine Ruhe gefunden hatten.
„Wie… geht es dir? War eine lange Nacht“, versuchte ich schwach das Gespräch weiterzuführen.
„Wie jede Nacht.“
„Warte… jede Nacht?“, fragte ich schockiert.
„Muss jetzt arbeiten. Treffen wir uns heute Abend bei mir“, wiegelte Caileass trist ab. Ich nickte stumm und verließ dann mit Miyako den Laden.
„Es wird schwierig werden, ihn wieder lachen zu sehen“, bemerkte die KanThai.
„Das ist wohl nun unsere Aufgabe.“
„Ja. Lass uns aber die Zeit bis heute Abend nutzen. Ich will sehen, was die Händler dieser Stadt an Waffen zu bieten haben.“

Dem schloss ich mich an – zumal ich selbst, geboren aus dem unermesslichen Schatz, den wir Ruelstan Blutbads Bande abgenommen hatten, eine ganz besondere Idee verfolgte.
Wir liefen einige Zeit durch die Gassen von Corrinis, sahen kurz in verschiedene Läden und sprachen – mal auf Albisch, mal auf Erainnisch – mit den Anwohnern. Schließlich landeten wir bei einem gut ausgebauten Gebäude, das sowohl Schmiede als auch Laden war. Wir traten ein und schon kam uns der Besitzer entgegen: ein Mann, der seine Waffen zweifelsohne selbst herstellen konnte. Er überragte mich um einen Kopf in der Länge und war beinah doppelt so breit.
„Guten Tag!“, begrüßte er uns freundlich. „Ich bin Heimdan, der Schmied.“
„Guten Tag“, begann Miyako. „Ich suche eine Waffe, wie sie für meine Heimat üblich ist. Ein Langschwert, beidseitig geschliffen. Gut ausbalanciert, schmale Parierstange. Leicht.“
„Ah“, machte Heimdan und lief hinter seine Theke. Er kramte etwas in den Kisten, die dort zweifelsohne herumstanden und holte schließlich einen länglichen Koffer heraus. Behutsam legte er ihn auf den Ladentisch und öffnete die Verschlüsse. Langsam hob er den Deckel an und offenbarte so den Blick auf ein Langschwert, wie Miyako es beschrieben und dereinst – als wir uns im Dörfchen Crail getroffen hatten – auch besessen hatte. Wenn ich mich recht entsann war es damals bei einigen Kämpfen rund um die Türme der Zauberer zerbrochen.
Doch nun lag ein dem sehr ähnliches Schwert vor uns und die Augen der KanThai glänzten. Sie nahm die Waffe in die Hand; behutsam, aber durchaus nicht andächtig. Es war ein Werkzeug, kein Heiligtum, so schien es mir.
Sie machte einen Schritt nach hinten und zog die Waffe ein-, zweimal langsam durch die Luft. Es schien, als habe das Schwert nur darauf gewartet, eine Trägerin zu finden und es klang beinah wie Gesang, als das Eisen die Luft zerteilte. Heimdan lächelte, als er die Begeisterung seiner Kundin sah. Die sah ihn nun an und fragte entschlossen: „Wie viel?“
„Tausendsiebenhundert Goldstücke.“
„Tausendfünfhundert?“
„Ah… hach, ich sehe doch, welche Freude Ihr daran habt und das will ich Euch nicht verübeln. Nehmt es für tausendfünfhundert, schöne Frau aus der Ferne“, gab Heimdan sanft nach. Dann wandte er sich an mich: „Wie kann ich Euch helfen?“
„Ich suche einen gnomischen Schmied. Einen Meister seines Fachs“, erklärte ich. Kurz danach hoffte ich, dass Heimdan verstand und mir die Frage nicht übel nahm.
„Ich denke, ich weiß, was Ihr sucht. Elfen und Gnome, ja, ja, ihr habt eure eigenen Wege in gewissen Bereichen der Schmiedekunst. Sucht Artur Cuinn auf, er war kürzlich hier gewesen. Mittlerweile sollte er wieder in Tidford sein. Sagt ihm, Heimdan schickt Euch.“
„Vielen Dank!“, erwiderte ich, erfreut, dass Heimdan direkt gewusst hatte, was ich meinte – und mir geholfen hatte. Ich überlegte einen Moment, ob ich ihm dafür ein materielles Dankeschön dalassen sollte, kam aber zu dem Schluss, dass so etwas schäbig wirken musste.

So verabschiedeten wir uns, beide äußerst zufrieden, von Heimdan dem Schmied und gingen hinaus auf die Straßen von Corrinis.

Zunächst etwas planlos gingen wir einfach an den verschiedensten Läden entlang, bis wir einen der größeren Marktplätze der Stadt erreichten. Hier tummelten sich die erainnisch-albische Mischbevölkerung sowie viele der Gäste aus entfernteren Ländern. Wir gingen an den Ständen entlang, die von einfachem Gebäck bis zu „auserlesenen“ Stoffen alles Mögliche anboten, da hörten wir einen Ausruf: „Expedition! Tapfere Männer und Frauen gesucht! Expedition nach Lamaran in den tiefen Dschungel! Wir brauchen Abenteurer!“
Miyako und ich sahen uns nur kurz an und schüttelten den Kopf.
„Ich glaube wir haben Wichtigeres zu tun“, setzte ich an. „Vor allem, als irgendwelche Männer auf ihrem Raubzug zu begleiten.“
„Zumal ich bezweifle, dass für eine wirklich derart große Expedition die Abenteurer auf der Straße gesucht werden. Wer weiß, was geschehen wird, sobald sie an Bord eines Schiffes sind…“, setzte Miyako hinzu.

So ließen wir den Mann weiter schreien und verließen den Marktplatz, um zum Mittagessen wieder in der Bärenkralle einzukehren. Dort fanden wir auch Nicola und Ricardo vor, setzten uns dazu, und wurden bereits vom älteren Magier gefragt: „Habt ihr das von dieser Expedition gehört?“
„Viel halten wir nicht von dieser Idee“, kommentierte Miyako.
„Ach, ich habe mal aus Langeweile nachgeschaut, was die eigentlich so planen. Aber leider sind alle Plätze schon vergeben, also gibt es ohnehin keine Expedition für uns und mir wurde auch Nichts weiter gesagt“, erklärte Nicola.

Also aßen wir gemeinsam, Maglos bekam einige Knochen mit Fleischresten, die er freudig abzukauen begann. Schließlich waren wir fertig und begannen mehr oder minder still zu warten: Miyako und ich, bis der Abend kommen würde und wir noch einmal mit Caileass sprechen konnten, Nicola und Ricardo… naja, bis irgendetwas geschah.
Und dieser Moment schien nun gekommen zu sein: ein Mann kam durch die Tür herein. Er trug schlichte, aber hochwertige Kleidung, was es schwer machte einzuschätzen, wie hoch sein Stand wirklich war. Hektisch blickte der Ankömmling sich uns, dann lief er zu unserem Tisch, als er uns einen kurzen Moment gemustert hatte.
„Ich brauche eure Hilfe!“, sagte er ohne Umschweife – aber in einem leisen, verschwörerischen Tonfall.
„Bei was… wer seid Ihr überhaupt?“, fragte Miyako ungehalten.
„Ich, äh, ich setze mich mal zu euch. Tut einfach so, als wäre alles in Ordnung“, sagte der Man, nahm sich einen Stuhl und schon war er Teil unserer Runde. Nur, dass ihn acht Augen ansahen und dringlich eine Erklärung einforderten.
„Mein Name ist Feylan Alcared. Ich bin der Hilfsvogt der Stadt.“
„Wie hoch ist das in der Rangfolge?“, fragte Nicola.
„Soweit ich es gehört habe… der dritte. Oder vierte? Nein, warte – der fünfte hinter dem Baron. So etwas“, überlegte Ricardo, der ja bereits etwas mehr in den verschiedensten Etablissements der Stadt unterwegs gewesen war und das verschiedenste gehört hatte.
Feylan ignorierte das jedoch vollständig: „Also, seid ihr dabei?“
„Bei was überhaupt? Erklärt Euch endlich“, brummte Nicola.
„Ah… nicht hier. Trefft mich heute Abend, in einem Gasthaus außerhalb der Mauern: ‚Zur Königlichen Hoheit‘.“
„Wir haben eigentlich etwas zu tun“, entgegnete ich und war auch nicht bereit, wegen dem abstrusen Auftretens eines „Hilfsvogts“ einen Freund im Stich zu lassen.
„Hm, lass Ricardo und mich das übernehmen“, erklärte Nicola.
„Dann bis heute Abend“, murmelte der Hilfsvogt und verließ uns so schnell, wie er gekommen war.

„Merkwürdig, dass er ausgerechnet uns angesprochen hat“, befand Miyako, nachdem die Tür hinter Feylan Alcared zugefallen war.
„Nun, exotisch sehen wir ja durchaus aus“, erwiderte Ricardo nachdenklich.
„Aber ein Hilfsvogt sollte doch entsprechende Handlanger haben.“
„Wenn das mit seinem doch eher geringen Rang stimmt… nun ja, dann fragt der Rangletzte die Erstbesten“, befand ich. „Was weder für ihn noch für uns spricht.“
„Mir gefällt die Sache nicht“, brachte es Nicola auf den Punkt. „Ich meine, wir können uns die Sache anhören, aber falls die ganze Angelegenheit politisch wird, sollten wir uns herausziehen.“
Dazu konnten wir nur zustimmend nicken – noch.

Dann wurde es auch bald Abend und Miyako brach zusammen mit mir zu Caileass auf, während es unsere Freunde aus den Küstenstaaten übernahmen zur „Königlichen Hoheit“ zu gehen. Auch wir überlegten, was der Hilfsvogt von uns wollen konnte – verwarfen jedoch sämtliche Gedankengänge, als das Klopfen an Caileass‘ Haustür unbeantwortet blieb.
Verdutzt versuchte ich die Tür zu öffnen… und sie war unverschlossen. Noch ratloser trat ich ein, Miyako und Maglos dicht hinter mir. Die Wohnung unseres Freundes war unverändert. Es gab keine Zeichen einer plötzlichen Abreise und auch keine, dass er sich hier noch irgendwo versteckt hielt. Hatte er uns im Alkoholwahn vergessen oder wich er uns aus?
Maglos schnupperte indes an einem Wams, das achtlos auf einen Sessel geworfen worden war. Daraufhin machte er kehrt und lief zurück auf die Straße. Miyako blickte mich fragend an und ich konnte nur mit den Achseln zucken. Ein Spürhund war er freilich nicht, aber womöglich hat ein verschütteter Instinkt seinen Weg an die Oberfläche gefunden. So folgten wir dem langhaarigen Hochlandcollie durch das Gedränge der abendlichen Gassen von Corrinis… bis wir vor einer weiteren Kneipe standen. Diese besaß kein Schild über der Tür, aber dafür war die Tür selbst eine ausreichende Ikone: es war eine sich um einen Punkt herum drehende Pforte, durch die gleichzeitig Menschen gingen und kamen. Vorsichtig trat ich zusammen mit Maglos in einen der unterteilten Bereiche dieser Pforte und schritt in den Gastraum. Miyako blieb bei mir und gemeinsam ließen wir den Blick über die Gäste schweifen, die sich hier versammelt hatten.

Dann sahen wir ihn: an der Bar, in verlotterter Kleidung, tiefen Augenringen und einen großen Krug vor sich, der sich scheinbar gerade geleert hatte. Zumindest nuschelte er zur Frau hinter dem Tresen: „Gib mir noch’n Bier.“
Missmutig blickte sie ihn an und schüttelte nur mit dem Kopf.
„Komm schon… ich vermisse sie so sehr…“
„Ich vermisse meine Schwester auch“, knurrte die Frau, dann waren auch Miyako und ich schon heran. Wir sahen den betrunkenen Caileass zu uns hinaufschielen. Dann wandte er seinen Blick wieder ab.
„Caileass?! Wir haben uns Sorgen gemacht“, fuhr ich ihn nicht gerade sanft an.
„Hm, was?“, kam es undeutlich zwischen alkoholbenetzten Lippen hervor.
„Wir wollten uns treffen. Reden.“
„Hab’s vergessen. Gebt mir nen Schluck Bier aus.“
Ich blickte Miyako an und sie nickte. Im selben Moment packte ich Caileass‘ linken Arm, Miyako den rechten und wir zerrten den Albai aus der Kneipe. Er wehrte sich kaum, wahrscheinlich konnte er das nicht mal mehr, und sobald wir draußen waren entdeckte ich einen Wassertrog für Pferde in den wir prompt das Gesicht unseres auserkorenen Schützlings tunkten. Inwiefern das für ihn nützlich oder für uns genugtuend war, mochte streitbar sein, doch zumindest schien uns Caileass hinterher wieder sehen zu können.
„Wir gehen jetzt nach Hause“, raunte ich ihm zu.

Miyako und ich brachten ihn daraufhin tatsächlich in seine Wohnung, wo ich ihn noch einmal anfuhr: „Caileass! Wir werden morgen miteinander reden – und solltest du auch nur einen Tropfen Alkohol zu dir genommen haben, werde ich diesen aus dir hinausprügeln.“ Mein plötzlicher Ausbruch irritierte dabei mich selbst ein wenig, da wir am Vorabend noch selbst vorgeschlagen hatten, in eine Schenke zu gehen. Dieser vereinzelte Griff war aus kurzweiliger Schwäche geboren, sagte ich mir, und nicht Teil eines größeren Problems wie bei Caileass. Wenngleich die Schwäche selbst wiederum… mir schwirrte der Kopf von meiner eigenen Doppelmoral.
„Is‘ ja gut“, brummte er und schlief sofort an, als wir ihn in sein Bett gelegt hatten.

Vor allem auf psychische Weise angestrengt wandte ich mich ab und auch Miyako konnte kaum mehr kommentieren, als schwer auszuatmen. Dies würde noch eine anstrengende Angelegenheit werden. Vielleicht konnte man Caileass helfen, auch wenn wir uns selbst nicht so recht zu helfen wussten. Das einzige Mittel, um sämtliche Symptome zu bekämpfen, war ein großer Schritt nach vorne.
Es klopfte an der Tür und wir öffneten verdutzt: vor uns standen Ricardo und Nicola.
„Da seid ihr ja“, brummte der alte Magier. „Wir warten schon die ganze Zeit in der „Königlichen Hoheit“ auf euch.“
„Wann hatten wir erwähnt, dass wir nachkommen?“, gab ich zurück.
Miyako überging den Zwischenkommentar und fragte: „Was genau hat dieser Hilfsvogt vorgeschlagen?“
„Er sprach von einem bevorstehenden Putschversuch“, meinte Nicola knapp. „Kommt am besten mit, er wartet noch in einem Nebenzimmer. Dann könnt ihr ihn auch gleich selbst Nachfragen stellen“, schlug Nicola vor und so machten wir vier uns auf den Weg.

Das Gasthaus „Zur Königlichen Hoheit“ befand sich an einem größeren Platz außerhalb der Stadtmauern rund um Corrinis. Es schien sich hier eine recht große Bandbreite aus der corrinischen Stadtbevölkerung zu treffen. Vorrangig schien es jedoch das Ziel des Hilfsvogt Feylan Alcareds gewesen zu sein, aus der unmittelbaren Nähe der Burg zu entkommen – ein Nebenzimmer, wie in der „Hoheit“ vereinfachte die Dinge da erheblich. Und wirkte verdächtig.
Der Mann erwartete uns bereits ungeduldig und trommelte mit den Fingern auf der Tischplatte herum. Als wir eintraten fragte er sofort: „Und, wie habt ihr euch entschieden?“
„Wir hätten gerne noch einmal die ausführliche Variante“, forderte Miyako, während wir uns setzten. Der Hilfsvogt seufzte schwer und setzte an: „Es geht um Vorgänge höchster Brisanz! Was wir jetzt besprechen, darf nicht nach außen dringen.“
„Deswegen sprecht ihr mit den erstbesten Dahergelaufenen?“, hakte ich ein.
„Es braucht eine gewisse Distanz. Das Risiko muss ich eben eingehen. Wenn ich jetzt ausreden dürfte: es geht der Verdacht um, dass der Kanzler unseres ehrenwerten Barons, ein Mann namens Gran Dorwellan, die schwarzen Künste studiert.“
„Es geht der Verdacht um?“, wiederholte Nicola.
„Ich weiß es aus vertraulicher Quelle. Eine gute Quelle.“
„Wer… ach, vergesst diese Frage. Wie kommt man zu solchen Anschuldigungen?“
Feylan fuhr fort: „In seinen Gemächern werden Gegenstände vermutet, die das beweisen werden. Es handelt sich um ein Buch, das dem Studium der schwarzen Künste dient, sowie eine Statuette in der Form eines Stierdämons. Diese ist das Zeichen des Dämonenpakts!“
Auch wenn der Hilfsvogt wie ein Junge klang, der gerade über irgendwelche Gruselgeschichten gestolpert war, wallte Unruhe in mir auf. Sollte in seiner Geschichte auch nur der kleinste Kern von Wahrheit stecken, so musste dem nachgegangen werden: ganz unabhängig von der politischen Position des Hexenmeisters.
„Und eure Quelle hat diese Gegenstände gesehen?“, fragte Nicola nach.
„Sie hat mir glaubwürdig versichert, dass sie in den Gemächern des Kanzlers seien!“
„Warum konnte diese Quelle nicht selbst die Gegenstände bergen?“
„Darin ist mein Kontakt kein… Spezialist.“
„Aber wir?“
„Deswegen frage ich doch euch! Ihr könnt doch sicher solche Dinge?“
„Sagen wir, wir haben gewisse Fähigkeiten“, warf Miyako ein. „Aber was genau wollt Ihr eigentlich?“
„Morgen Abend wird es mit Einbruch der Dunkelheit ein Zeitfenster geben, in dem die Wachen auf der Mauer zum Kai hin… unaufmerksam sind. Dann könnt ihr in die Burg eindringen und über das Dach in die Wohnräume kommen. Vom obersten Stock habe ich bereits eine Karte für euch gezeichnet, damit ihr das Zimmer des Kanzlers findet. Dort müsst ihr einbrechen und diese beiden verdächtigen Gegenstände finden! Überbringt sie mir so schnell wie möglich, ich werde ab Mitternacht hier sein, dann können wir den Putsch des Kanzlers verhindern!“
„Den Putsch?“
„Ja! Mit seiner schwarzen Magie will er den Baron stürzen! Deswegen muss auch alles so schnell gehen. Wir können nicht offiziell vorgehen, dann würde er alles verschwinden lassen.“
„Ihr wisst ganz schön viel, dafür, dass Ihr nur einen Kontakt habt“, gab Nicola zu Bedenken.
„Einen guten, einen verlässlichen. Ich wurde noch nie enttäuscht.“
„Welche Absicherungen haben wir, wenn wir erwischt werden?“
„Ich kann euch ein Abzeichen der Stadtwache geben, das wird euch zumindest innerhalb der Burg glaubhaft ausweisen können.“
„Aber nicht direkt in den Wohnräumen, wenn wir beim Schnüffeln erwischt werden“, murrte ich.
„Deswegen schicke ich ja auch euch – Fachleute.“
„Lasst uns einen kurzen Moment alleine, damit wir uns besprechen können“, bat Nicola und Feylan verließ einen Moment lang über eine unauffällige Seitentür das Gasthaus.

„Das gefällt mir ganz und gar nicht“, fasste Nicola zusammen. „Wie kann er diese ganzen Dinge so genau wissen? Es ist ja, als hätte man ihm den Ablaufplan eines Dramas in die Hand gegeben – wunderschön zusammengedichtet. Doch die eigentliche Frage ist dann ja die: was hat er davon, wenn wir erwischt werden?“
„Du glaubst, er stellt uns eine Falle?“, fragte Miyako.
„Vielleicht nicht uns direkt, schließlich scheint er uns nicht bereits gekannt zu haben. Wir sollen einfach nur einbrechen, etwas stehlen und damit macht der Hilfsvogt dann… nun ja, das ist die Frage.“
„Macht es denn überhaupt Sinn, wenn wir die Dinge stehlen? Wenn sie nicht mehr beim Kanzler sind, dann befreit es ihn doch vielmehr von der Schuld, oder nicht?“, fragte Ricardo.
„Hm, mithilfe dieser Stierstatuette, die als Paktsiegel dient, könnte man ihn überführen“, überlegte Nicola. „Falls Feylan das vorhat. Falls es die Statuette überhaupt gibt.“
„Aber falls es sie gibt, dann müssen wir sie aus dem Weg räumen“, schaltete ich mich wieder ein. „Es stimmt mich auch nicht froh, aber die Gefahr, einen Schwarzmagier frei herumlaufen zu lassen, ist gewaltig. Der Hilfsvogt scheint jetzt eine Antwort zu wollen: also sagen wir ihm, das wir diese Gegenstände besorgen. Dann sind sie erst einmal aus dem Weg.“
„Und bis morgen Abend nutzen wir die Zeit, um uns in der Stadt umzuhören“, ergänzte Miyako. „Falls der Hilfsvogt und der Kanzler irgendeine gemeinsame Vorgeschichte haben, dann können wir die Finger immer noch davon lassen.“

So entschlossen wir uns, trotz erheblicher Zweifel und schlimmster Befürchtungen, das Angebot anzunehmen. Wir klopften von innen gegen die Tür und Feylan trat wieder aus der dunklen Seitengasse herein.
„Und?“
„Wir machen es.“
„Ausgezeichnet!“, rief der Mann aus, ehe er die Stimme rasch wieder senkte. „Dann nehmt dieses Abzeichen und die Karte vom Obersten Wohngeschoss in der Burg. Denkt daran, geht bei Einbruch der Dunkelheit vom Kai zur Mauer – dann übers Dach. Dieser Weg ist frei. Ich sehe euch dann um Mitternacht wieder hier!“

Damit verließ er uns und auch wir verließen wenig später das Gebäude. Miyako und Nicola verabschiedeten sich dann bereits, um die Nacht für erste Nachforschungen zu nutzen, wohingegen Ricardo und ich uns dafür entschieden, die Zimmer in der „Bärenkralle“ – der Küstenstaatler hatte sich mittlerweile auch eines genommen – aufzusuchen.
Es wurde eine ruhige Nacht, zumindest nach außen hin. In mir wallten jedoch verschiedenste Befürchtungen hin und her. Wie sollte ich mit Caileass reden, wie konnte man jemandem, der so etwas durchmachen musste, wieder auf die Beine helfen? Und als würde das mein Herz nicht bereits zerreißen, war da diese seltsame Angelegenheit in dieser Menschenstadt. Intrigen und Politik waren die eine Sache, aber schwarze Magie? Was stimmte, was war gelogen, wem sollten wir vier Fremde in dieser Stadt wirklich vertrauen können, der etwas von diesen Dingen verstand?

Am nächsten Morgen erwachte ich nicht minder aufgewühlt und ging zum Frühstück, bei dem ich nur Ricardo vorfand, der bereits aufgegessen hatte. Der Küstenstaatler war in der Tat stets der Erste auf den Beinen. Ich setzte mich zu ihm und kaute etwas Brot und Käse während Maglos vom Wirt wieder ein paar Reste des vorigen Abendessens „serviert“ bekam.
„Ich werde zu Caileass gehen, um einige Dinge mit ihm zu klären.“
„Ich komme mit… zumindest bis zur Haustür. Nebenan war doch dieser ‚Schwarze Hirsch‘. Da kann ich sicherlich ein paar Informationen zu diesem Hilfsvogt, seinem Kanzler und dem Baron einholen“, plante Ricardo und ich nickte zustimmend.
Zu zweit und mit Maglos machten wir uns dann auf den Weg durch die noch recht leeren Straßen von Corrinis. Es war nicht weit und bald klopfte ich an die Tür meines alten Freundes. Er öffnete nicht, doch das Schloss war offen, sodass ich eintreten konnte. Das Schnarchen bestätigte mir, dass sich Caileass seit dem letzten Abend nicht wegbewegt hatte und ich nickte Ricardo zu, der sich nun in das Gasthaus nebenan begab.

Ich selbst schloss die Tür hinter mir und trat in das Schlafzimmer.
„Was?“, knurrte Caileass ungehalten, als ich an das Bett trat.
„Du wirst aufstehen müssen“, sagte ich beinah im Befehlston. Allerdings schien das kurzweilige Wirkung zu entfalten, denn der ehemalige Söldner schälte sich aus seinen Laken und wankte hinüber in den Nebenraum, der wohl ein Bad sein sollte. Zumindest gab es hier etwas Wasser, mit dem er sich das Gesicht wusch, ehe wir uns zusammen in sein Wohnzimmer setzten.
„Und jetzt?“, brummte er.
„Willst du etwas Frühstücken?“
„Ich habe keinen Appetit.“
„Dann…“, ich atmete tief durch. „Dann kommen wir zum Punkt. Du betrinkst dich seit Wochen, seitdem deine Frau gestorben ist.“
Caileass blickte mich nur aus trüben Augen an, aber er widersprach auch nicht.
„Es gibt Trauer. Ja, du hast es verdient, zu trauern, du musst deinem Kummer einen Weg geben. Aber glaubst du, dass du den Weg nach vorne, zurück ins Leben am Boden eines Bierkrugs findest?“
„Was weißt du von solchen Dingen? Mein ein und alles ist dahin. Ohne Calena, was bin ich da noch?“
„Du bist Caileass MacBeorn. Du hast noch Freunde, denen das etwas bedeutet – auch wenn du gerade versuchst, auch das vollständig aufzulösen. Du willst nicht mehr sein, nicht mehr leiden, nicht mehr trauern müssen, indem du trinkst und trinkst und trinkst, bis dich eines seligen Abends endlich der Schlag trifft und dein Körper versagt. Du hast deine Trauer in eine Waffe verwandelt. Du denkst, du kannst damit jeden auf Abstand halten, damit du dich zu guter Letzt selbst aufspießen kannst – wenn du erst alleine bist, wenn Niemand mehr da ist, der deinen Tod beweinen könnte. Aber Caileass, damit wirst du scheitern. Wir betrauern dich. Deine Freunde betrauern dich, die Angehörigen deiner Frau, die wohl auch deine Hilfe brauchen können. Wir alle trauern – hier und jetzt. Denn du tötest dich, bevor das Gift dein Herz aussetzen lässt. Du hast deine Traue zu einer Waffe gemacht und schlägst nun wild um dich, so wild, dass du nicht mehr klar siehst. Der Alkohol hilft dir, diesen Pfad zu beschreiten, aber du bist ihn angegangen. Ich bitte dich“, und ich versuchte nun sanfter zu werden. „Komm zurück. Diese Welt wird ihren Caileass MacBeorn noch eine Weile brauchen. Den Lyra-Spieler, den Abenteurer.“

Caileass blickte mich an und ich vermeinte zum ersten Mal, seit wir in Corrinis angekommen waren, wirklich etwas von der tiefen Traurigkeit in seinen Augen zu sehen – nicht die vorgeschobene Resignation, den Zorn über die Ungerechtigkeit und eine angetäuschte Gleichgültigkeit gegenüber dem Leben. Dies war die echte Trauer. Ein erster Schritt auf dem langen Weg.
„Ich komme morgen wieder, dann können wir wieder sprechen. Aber keinen Alkohol mehr. Er nimmt dir die Orientierung.“
„Ja“, ächzte Caileass mit schwerer Stimme. „Bis morgen.“

Ich stand mit unerwartet schweren Beinen und trägem Gefühl und verließ das Haus meines Freundes. Ja, ich glaube, ein erster Schritt war nun getan.
Nebenan im „Schwarzen Hirsch“ sah ich nicht nur Ricardo, sondern auch Miyako und Nicola. So fanden wir vier uns wieder gemeinsam an einem Tisch zusammen und bei einer Kanne Tee erzählten die drei, was sie herausgefunden hatten.
„Ich habe gestern Abend unter Miyakos Führung gestern einige interessante Entdeckungen gemacht. Da waren ein Grünsteifen, ein undichtes Dach… und oh, diese eine Wand, wo sich gerade ein Bettler erleichtern…“, den Rest verschluckte er, als Miyako missbilligend mit der Zunge schnalzte. Ich wusste ohnehin nicht ganz, worauf er eigentlich hinauswollte. Glücklicherweise nahm Ricardo kommentarlos den Gesprächsfaden auf: „Es gibt hier in Corrinis zwei große Bevölkerungsgruppen, die das Stadtleben prägen: Albai und Erainner. Die wenigen Chryseier und wer hier sonst noch so handelt, fallen im Vergleich zu ihnen kaum ins Gewicht.“
„Und die Frage, die sich uns da aufdrängte, war zweifelsohne: wie kommen sie miteinander aus?“, führte Miyako weiter aus.
„Das Ergebnis ist“, übernahm wieder Ricardo. „Offensichtlich sehr gut. Die Führungsschicht ist zwar albisch geprägt, darunter auch der Baron, ein gewisser Bogardin MacAelfin, aber es gibt keine groß angelegten Streitigkeiten.“
„Es gibt lediglich Gerüchte von einer Untergrundorganisation, der Irenfist, die die Erainner aus der Stadt vertreiben will. Damit war sie bisher offensichtlich nicht erfolgreich“, ergänzte die KanThai wiederum.
„Hat sich der Hilfsvogt in diesen Bereichen irgendwo positioniert?“, fragte ich nach.
„Er scheint ein unbeschriebenes Blatt zu sein. Macht seine Aufgaben, aber auf der Straße konnte Niemand etwas über ihn sagen, das besonders gewesen wäre.“
Etwas enttäuscht blickte ich die anderen an, doch auch Ricardo und Nicola zuckten mit den Achseln.
„Dann“, schloss ich. „Räumen wir erst einmal diese schwarzmagischen Artefakte aus dem Weg und sehen dann weiter.“
„Was wohl Feylan vorhat, wenn er sie erst einmal hat?“, brummte Nicola.
„Vielleicht übergeben wir sie besser nicht. Wir sorgen dafür, dass der Kanzler gegebenenfalls überführt werden kann, dann werden diese Dinge zerstört.“
„Es sei denn, sie existieren nicht einmal“, gab er zu Bedenken. „Auch wenn ich noch nicht ganz verstehe, was der Hilfsvogt davon haben könnte, wenn wir uns eine Falle stellt.“
„Aufstieg durch Erfolg?“
„Naja, von vorvorletzter Stelle oder wo auch immer er ist, wird er wegen ein paar ‚Dieben‘ nicht an die Spitze katapultiert. Sich deswegen diesen Aufwand zu machen, womöglich sogar aufzufliegen… Ich versteh es einfach nicht.“
Ich schüttelte den Kopf, wobei ich bemerkte, dass meine Haare mittlerweile doch recht lang geworden waren. Naja, ein Detail, um das ich mich eigentlich kaum zu kümmern brauchte. „Mir gefällt diese Sache auch nicht, Nicola. Aber hoffen wir, dass wir das Richtige tun und diese schwarze Magie außer Reichweite irgendwelcher Narren bringen können.“
Mit schiefem Grinsen nickte Nicola. Ähnlich hängende Schultern zeigte auch Ricardo. Miyako war mir wie so oft ein Rätsel, aber sie schien durchaus auch darauf zu brennen, ihre Fähigkeiten als Schattenwandlerin wieder einmal zur Entfaltung zu bringen.
„Ich würde sagen, Ilfarin, du kommst mit mir ins Wohnhaus. Mit den Elfenstiefeln bist du beinah so unhörbar wie ein wirklich geübter Dieb. Ricardo und Nicola, ihr könnt auf dem Wehrgang bleiben und gegebenenfalls auf angemessene Weise reagieren, sollte etwas Unerwartetes geschehen“, schlug die KanThai vor. Ich nickte dazu nur, die anderen taten es mir gleich.

Die Nacht kam – und vier Gestalten machten sich im Dunkeln auf den Weg zum Kai. Ein Hund blieb zurück, machte es sich im Schankraum bequem und erhielt nach einer großzügigen Spende wieder einmal die besten Reste.
Der Mond schien nur schwächlich zwischen den Wolken hervor, was wiederum gutes Licht auf die Absichten der frisch gebackenen Diebesbande warf. Die sich jedoch angesichts einer hohen Burgmauer mit einem simplen, aber doch nicht leichtem, Problem konfrontiert sah.
„Haben wir einen Enterhaken für das Seil?“, fragte Miyako. „Dann könnte ich es mit einem Wurf befestigen.“
„Hm, bei Elstane hätten wir natürlich so etwas erstehen können“, murmelte Ricardo.
Doch während wir noch unsicher überlegten, machte Nicola ein paar Gesten und die Spitze eines Seils wanderte einer Schlange gleich empor und legte einen festen Würgegriff um eine Zinne. Der Magier war fertig mit seinem kleinen Zauberspruch, prüfte das Seil und nickte. „Sollte uns tragen.“
Dann war es also doch ein leichtes Problem gewesen – und wir stiegen, nahezu alle miteinander geübte Kletterer, empor.

Der Wehrgang war leergefegt, keine Fackel war zu sehen, die uns hätte verraten können. Feylan Alcared schien zumindest in diesem Teil die Wahrheit gesagt zu haben: die Wachen blieben von unserem Einstiegspunkt fern.
„Viel Erfolg“, flüsterte Ricardo und dann stiegen Miyako und ich bereits vom Wehrgang auf das Dach des Wohngebäudes ab. Das war tatsächlich recht einfach und ebenso unkompliziert schafften wir es zur Luke, die ins Innere des Gebäudes führte. Geräuschlos hob Miyako sie an, ich schlupfte hinein und sie folgte mir.

So waren wir nun also ohne einen Mucks mitten im Herzen der corrinischen Aristokratie – beunruhigend einfach.
Wir standen inmitten eines Lagerraums, der mit so ziemlich allem vollgestellt war, das man sich vorstellen konnte: von alten Möbeln bis zu abhängenden Räucherwürsten. Miyako zögerte nicht lange und ging direkt zur einzigen Tür, die laut unserer kleinen Karte dieses Stockwerks in den Flur führen sollte. Sie schob sie etwas auf, um einen Blick hinauszuwerfen. Dann nickte sie mir zu und glitt heraus – ich blieb ihr natürlich dicht auf den Fersen.

Tatsächlich standen wir in einem Korridor, der zu zahlreichen Räumen, dem Balkon und einer Treppe führte. Doch wir hatten nicht vor, uns hier länger umzusehen. Ein schneller Blick und die KanThai huschte weiter zu einer Tür rechts von uns, am Ende des Ganges. Sie horchte einen Moment lang, probierte dann das Schloss zu öffnen… die Tür war unverschlossen! Stirnrunzelnd öffnete sie und huschte unhörbar wie bisher hinein und wieder blieb ich dicht hinter ihr.
Dies musste also das Zimmer des Kanzlers Gran Dorwellan sein: direkt vor uns stand ein großer Schreibtisch, auf dem vor allem etliche Schriften, Verträge und Briefe lagen, die zu überfliegen wir keine Zeit hatten. Hinter dem Tisch an der Wand waren einige Bücherregale, die verschiedenste Werke in bunten Einbänden enthielten. Auf den ersten Blick entdeckten meine an die Dunkelheit gewohnten Augen keinen durch und durch schwarzen Einband, aber die von uns gesuchten Artefakte würden wohl ohnehin kaum offen herumstehen. Linkerhand gab es wohl so etwas wie einen gemütlicheren Sitzbereich, rechterhand stand ein großes Bett und darin… lag ein etwas älterer, großer Mann mit schwarzen Haaren und einem signifikanten, dürren ja quasi verdorrten, rechten Arm. Diese womöglich durch einen Fluch hervorgerufene Verstümmelung war ein Markenzeichen des Kanzlers Gran Dorwellan, wie Ricardo herausgefunden hat.
Ich hielt den Atem an, hoffte, dass er nicht aufstehen würde. Dann sah ich, dass er das nie mehr tun würde: seine Kehle war aufgeschlitzt worden.
Miyako fluchte auf KanThaiTun, dann zischte sie: „Raus hier.“ Ich konnte ihr nur zustimmen und wir machten auf dem Absatz kehrt und verließen das Zimmer.

Just in diesem Moment hörten wir Rufe und einen Tumult von oben. Zahlreiche Fußtritte, wahrscheinlich auf dem Wehrgang. Mitten im Chaos hörten wir noch, wie Ricardo irgendetwas rief, wahrscheinlich mit den frisch aufgetauchten Wachen diskutierte.
„Balkon?“, fragte ich, Miyako lief schon an mir vorbei und stieß die Tür auf. Ich blieb bei ihr und gemeinsam blickten wir in den Innenhof der Burg, wo bereits Leben aufkam: mit einem Schlag schien die gesamte Besatzung erwacht.
Meine Begleiterin machte das Seil an einem Teil des Geländers fest und wir glitten daran hinab in den Burghof. Kurz konnte ich einen Blick hinauf auf den Wehrgang werfen, der von schattenhaften Gestalten beinah überquoll. Im Licht schwankender Fackeln erkannte man gerade so inmitten des Tumults Nicola und Ricardo, die gerade gefasst und abgeführt wurden. Was auch immer es mit dem Siegel der „Stadtwache“ auf sich gehabt hatte – auch das war wohl ein Betrug gewesen.
Dann waren die Wächter des Barons auch bei uns. Miyako und ich sahen ein gutes Dutzend von ihnen aus allen Ecken heraneilen und wir liefen mit allem, was unsere Beine hergaben zum noch offenen Tor, das gleichzeitig aus der Stadt herausführte. Hinaus auf die Insel, weg von der Siedlung, vielleicht in das kleine Restwäldchen, das es hier noch gab. Dann konnten wir uns neu sammeln…

Ich wurde umgerissen. Gleich zwei Albai, jeweils in ein langes Kettenhemd gehüllt, drückten mich zu Boden und ich wisperte: „Ich ergebe mich“ – nicht, dass es jetzt noch einen Unterschied machte. Mein Blick folgte noch Miyako, die weiter kam als ich und gerade über einen Mann hinwegsprang, der sich ihr in den Weg geworfen hatte. Er packte sie am Knöchel, doch sie riss sich frei. Einen Schritt weiter noch, so viel war es doch nicht mehr bis zum Tor… sie hatte jedoch nicht einmal die Gelegenheit, das Gleichgewicht wieder zu finden und wurde von zwei Albai an den Armen gepackt.

Eine Falle. Eine verdammte Falle. Und nun würden wir Sündenböcke werden.

Man schleifte uns vier allesamt in einen Turm der Burg, in dessen tieferen Stockwerken das Gefängnis lag. Doch vorerst erwartete uns ein karger Raum mit vier schweigsamen Wächtern sowie einem gestrengen Mann mit kurzen Haaren.
„Wachhauptmann Sengard“, knurrte er. „Was wolltet ihr in der Burg?“
„Wie habt ihr uns so plötzlich gefasst? Vor einer halben Stunde noch war die Mauer zum Kai hin völlig verwaist“, entgegnete ich.
„Wir haben eine sichere Hand gegen Verbrecher.“
„Dann sprecht mal lieber mit denjenigen, die vor einem Moment noch Schicht gehabt haben sollten – und wundert euch. Und dann fragt sie nach Feylan Alcared und seht, wie sie reagieren.“
„Was zum…?! Bringt diese vier erst einmal in den Kerker. Wir sprechen morgen mit ihnen, wenn ihre Zungen lockerer sind.“

Vielleicht war eine Saat der Verwunderung gesät? Mit meinen Worten konnte Sengard zweifelsohne Nichts anfangen – außer womöglich zu hinterfragen, ob gerade alles so offensichtlich gewesen war, wie es schien: vier Einbrecher, nein, sogar Mörder in der Nacht und die Wachen hatten sie gefasst. Welche Geschichte würde der Wachhauptmann von diesem Abend erzählen: das Augenscheinliche oder das, wofür er tiefer graben musste?

Für uns ging es nun jedoch in den Kerker. Eine einzige, zehn auf zehn Meter große Zelle. Man nahm uns alles, was wir am Leibe trugen ab, bis wir nur noch die einfachste Kleidung hatten. Dann wurden eiserne Fußfesseln an unsere Knöchel angebracht und sorgfältig abgeschlossen.
Das war es dann. Die Wachen gingen und verriegelten selbstverständlich auch die Zellentür. So blieben wir vier zurück: Verdächtige des Kanzlermords.

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