Im Herz der Finsternis

Miyako und ich sahen uns mit einem Rätsel konfrontiert. Der Kreis ließ sich nicht von jeder Stelle aus betreten, es war als würde man gegen eine Wand aus konzentrierter Luft laufen. Lediglich aus der Richtung des hinführenden Ganges und auf der direkt gegenüberliegenden Seite war es möglich einzutreten. Ich versuchte zunächst mein Glück alleine – und prompt erschienen auf jedem Meter in diesem Kreis weiße Lichtsäulen. Nur auf der Falltür in der Mitte war sie gelb eingefärbt.
Ich trat in die erste weiße Säule vor mir und musste feststellen, dass dadurch ein Zauber ausgelöst wurde. Aus zwei der Dämonenfratzen, scheinbar willkürlich unter den über uns dräuenden ausgewählt, schossen grünliche Flammen und hüllten den Bereich unter sich in tödliche Hitze. So trat ich dann auf das nächste Feld und an zwei anderen Stellen wurde grüner Nebel freigesetzt – ein Todeshauch, der jedoch auf diesem Flecken verharrte.
Zwei Felder weiter und ich stand zwischen den bedrohlich aufragenden, übermenschlich großen Statuen der Dunklen Meister. Zwischendurch hatte ich noch weiteres Dämonenfeuer und auch eisigkalten Nebel an anderen Stellen des Kreises hervorgerufen. Auffallend war jedoch, dass sich die Fratzen über dem Kernbereich des Rings nicht dazu herabließen, düstere Magie auszuspucken und tatsächlich stellte ich fest, dass ich auch bei weiteren Schritten im Innenkreis keine Gefahr zu fürchten brauchte. Außerdem ließ die verheerende Hexerei, nachdem sie ausgelöst wurde, nach einigen Schritten wieder nach. So konnte ich durch es Miyako häufiges Hin und Herlaufen ermöglichen, einen freien Pfad in die Mitte des Kreises zu nehmen.

Doch nun standen wir hier und die gelbe Säule über der Falltür ließ sich nicht einmal berühren, geschweige denn, dass wir zu dem Ausgang gekommen wären. Ratlos standen wir herum und wanden uns also den Statuen zu. Miyako fand dabei schnell heraus, dass wir sie drehen konnten und wenn sie einander anblickten, so begannen ihre Augen zu leuchten. Nun richteten wir Statue für Statue aufeinander aus, soweit dies möglich war, denn die gelbe Lichtsäule schien den Kontakt zu durchbrechen. Doch egal, wie wir die Blicke kombinierten oder überkreuzten, es tat sich Nichts. Interessant war zwar, dass sich auf den Fresken, denen die Seemeister ursprünglich zugewandt gewesen waren, Augen öffneten, sobald wir die Statuen wegdrehten. Doch auch damit konnten wir Nichts anfangen. Wir probierten also und probierten, zerbrachen uns den Kopf und zermarterten unser Hirn…

Der Sand, Ilfarin. Hörst du den Sand rieseln? Korn, für Korn, für Korn. Die Zeit vergeht, dein Körper wird welk, deine Augen werden matt und dein Geist schwach. Spürst du den Hunger, wie er mit jedem verronnenen Korn größer wird? Du bist hier gefangen, Ilfarin. Hier, in dieser dunklen, steinernen Gruft. Dunkle Hexenmeister haben dich hergelockt. Und du bist zu dumm. Zu Dumm. Du löst das Rätsel nicht. Du wirst es nie lösen. Laufe nur im Kreis, wie eine Ratte in einem Experiment. Drehe, drücke, ziehe und fluche so viel du willst. Du wirst es nicht lösen. Ilfarin. Du bist nicht schlau genug.

Das Klicken, Ilfarin. Hörst du nicht das Klicken und Klacken der Zahnräder, Meisterwerke feingliedriger Mechanik. Eine Uhr, die unablässig voranschreitet im nie endenden Rhythmus des Lebens. Ja, das Leben. Erinnerst du dich noch, wie es schmeckt, Ilfarin? Der warme Wind auf der Haut, das Rascheln in den Blättern. Der Geruch des Grases, während du dahinpirschst und im Gleichgewicht der Natur etwas zu Essen suchst. Du hast Hunger, nicht wahr? Suchst nach etwas, um deine Pein zu stillen. Doch sorge dich nicht, lieber, kleiner Ilfarin. Das Essen ist nicht dein Problem. Dein wirkliches Problem ist dieses Gefängnis hier unten. Undurchdringliche, steinerne Mauern. Dämonische Zauber. Hier gibt es keinen Weg nach draußen.

Der Tod! Elf, hörst du ihn? Spürst du ihn schon?! Seine langsamen Fesseln, die sich an dich heranschleichen, dabei zucken. Sie sind kalt;, es ist wie starres Eisen, das sich um dich legen und nie wieder loslassen wird. Es wird keine Erlösung sein. Du wirst ewig hier sein. Mit dem starren Blick gerichtet auf Stein, fern jedem Gedanken an Luft und Leben. Ilfarin, du bist jetzt hier und du kommst nicht mehr weg. Hier, in einem Verlies, das von Dämonenknechten geschaffen wurde – in einer Zeit, die nicht die deine ist. Hier wirst du sterben und doch nicht vergehen und alles, was du jemals wolltest, wird sich in Luft auflösen. Im Wissen, Nichts erreicht zu haben, wirst du hier unten einen sinnlosen Tod sterben. Doch vorher – ja, vorher – da küsst dich der WAHNSINN! Ilfarin! Hörst du das Dröhnen? Fühlst du das Pochen in deinem Schädel? Ja? Es ist nicht da! Du verlierst den Verstand, Elf! Nichts wird dich mehr halten. Stürze hinab in die Düsternis des Verstands, gönne deinem Geist einen schnellen Tod während dein Körper langsam verrotten wird, gehalten von eisernen Ketten. Lass deinen Geist los, der klägliche Rest deines Verstands ist die Mühe nicht wert! Lass dich in süße Träume sinken, ein Schlummer des Vergessens…denn vergessen musst du – oder willst du das Leid verinnerlichen?

 

Ich will doch nur nach Hause.

Gerade als ich vergessen hatte, wo ich war, geschah etwas. Stundenlang hatten wir alles ausprobiert und jetzt… blickten die Seemeisterstatuen allesamt auf einen Punkt. Und während alle anderen weißen Lichtsäulen verblassten, blieb diese hier bestehen. Hastig huschten Miyako und ich hindurch und standen plötzlich auf der Falltür unter der gelben Lichtsäule. Umständlich öffneten wir sie und erblickten eine Treppe, die uns endlich weiter und hoffentlich bald aus weg von diesem fürchterlichen Ort brachte.
Zunächst erreichten wir einen unscheinbaren, drei Meter durchmessenden Raum. So karg, wie wir es kannten, also wählten wir den Gang, der weiter hinab führte. Er war recht steil und der glatte Boden sorgte dafür, dass es nicht gerade einfach war, ein Wegrutschen zu verhindern.

Plötzlich – ein Schaben hinter uns. Dann ein unheilvoller Knall, als hinter uns etwas zu Boden stürzte. Mit aufgerissenen Augen blickte ich zu Miyako hinüber, dann begannen wir beide binnen eines Wimpernschlags loszurennen. Aus den Augenwinkeln konnte ich noch den unheilvollen Ankömmling erkennen: eine Steinkugel, die beinah einen Durchmesser besaß, wie ich groß war und mit zunehmender Geschwindigkeit den Gang entlang schoss, der gerade breit genug war, das sie hindurchpasste.
Ich rannte, was meine Beine hergaben, doch die reine Geschwindigkeit war nicht einmal das Problem: der Boden drohte mir bei jedem darüber hinwegfliegenden Schritt zu entgleiten. Gerade die ersten Schritte, die Kugel war noch nicht allzu schnell, hatte mich die Überraschung noch gänzlich gepackt und anstatt auf meine Füße achtete ich auf den herannahenden zentnerschweren Stein – und stürzte zu Boden.
Prompt rollte ich mehrere Meter als elfische Kugel den Gang hinab, Miyako – ebenfalls gestürzt – knapp hinter mir. Fluchend richteten wir uns wieder auf und hechteten weiter. Und für jeden Schritt, der mich über den steilen Boden trug, wurde ich schneller. Bald nahm ich die ohnehin düster ausgeleuchtete Umgebung nur noch schemenhaft wahr. Würde uns eine weitere Falle auf dem Weg erwarten, es wäre das Ende.
Da blieb mein Fuß an dem anderen hängen, ich kam kurz aus dem Gleichgewicht… aber ein schon akrobatisch zu nennender Hechtsprung, nach dem ich abfederte und sogleich wieder losschoss brachte mich erneut ins Gleichgewicht. Doch Miyako hinter mir stürzte erneut. Sie fluchte auf KanThaiTun, sprang sogleich wieder auf und war wieder dicht hinter mir. Und hinter ihr: die Steinkugel.

Das unheilvolle Geräusch des heranschießenden Steins machte es noch schwerer sich auf den Untergrund zu konzentrieren und mittlerweile hatte ich einige Geschwindigkeit aufgenommen… da sah ich das Ende des Tunnels! Eine Wand?!
Entsetzt stolperte ich erneut, diesmal nicht in der Lage, mich zu fangen. Ich überschlug mich, knallte mit dem Rücken auf dem Stein auf und es trieb mir sämtliche Luft aus den Lungen, während meine Wirbelsäule aufkreischte. Doch: vor der Wand ging es nach links ab, in einen weiteren Raum. Ich rappelte mich auf, sah Miyako mitsamt Steinkugel heranpreschen und machte einen Hechtsprung in die vermeintliche Sicherheit. Die KanThai flog mir beinah gleichzeitig nach und brachte sich ebenso in Sicherheit.
Noch am Boden liegend blickten wir zum Gang zurück und sahen, wie die Steinkugel auf die Wand am Ende zuraste – und sich in Luft auflöste.

„Das war jetzt keine Illusion…oder?“, fragte Miyako.
Ich zuckte mit den Schultern und hoffte einfach um meines wild schlagenden Herzens Willen, dass diese rasante Flucht nicht umsonst gewesen war. Aber wir hatten es geschafft und es hieß: weitermachen. Bis wir hier unten doch starben oder einen Ausweg fanden. Es musste einen Ausweg geben.
Der Raum, den wir in unserer hektischen Flucht betreten hatten, wirkte seltsam und unwirklich. Boden, Wände und die Decke waren von Schlieren überzogen, die im Licht verzerrte Farben widerwarfen, ähnlich einem glänzenden Käfer. Das Schillern machte mich nervös und wir beschlossen schnell, weiterzugehen.

Nun standen wir in einem weiteren, sehr seltsamen Raum. Dieser war vollständig mit rotem oder eher fleischfarbenem Putz eingekleidet, der schon bröcklig war. Der Staub schien sich förmlich an unseren Stiefeln fest zu klammern. Gerade einmal drei Meter breit schien dieser Raum, bis an sein Ende waren es sechs. Dort befand sich eine torlose Öffnung in einen Gang von der üblichen Beschaffenheit – dieser glücklicherweise ohne Neigung. Allerdings war um die Pforte dorthin eine mäandernde Kette aus Totenschädeln angebracht.
Der bröcklige Putz am Boden machte mich neugierig und mit der stumpfen Seite meines erbeuteten Pilums versuchte ich etwas von der Wand abzukratzen. Meine Waffe versank aber plötzlich im Putz und nach einem kurzen Flackern offenbarte sich: das hier war wieder eine Illusion gewesen! Der Raum war in Wirklichkeit nach rechts einen Meter breiter – und als ich dasselbe auf der anderen Seite probierte, stellte ich fest: dort auch. Miyako schien ebenso wenig begeistert darüber wie ich, wie hier mit Illusionen um sich geworfen wurde, aber immerhin hatten wir diese hier rechtzeitig entdeckt. Wir drückten uns also an der richtigen und echten Wand entlang, um dem „vorgesehenen“ Weg in der Mitte auszuweichen. Dabei entdeckten wir, dass sich dort tatsächlich ein feines Netz aus Fäden befand, das so dicht von rotem Staub behangen war, dass man es kaum ausmachen konnte. Wir probierten nicht aus, welche drakonische Falle dies ausgelöst hätte, und verließen diesen fleischfarbenen Raum… durch eine Pforte, um deren Rand Totenköpfe angebracht waren. Ein zynischer Geist wäre hier besser aufgehoben als ich.

Der Gang führte uns zunächst einige Meter gerade aus, dessen Boden Miyako stets behutsam absuchte, um zu verhindern, dass wir weitere Fallen auslösten. Dann gab es eine Biegung nach rechts, die uns in einen großen Raum brachte, den wir mit der Fackel nicht gänzlich erhellen konnten. Abgesehen von seiner schieren Größe, wirkte dieser Ort jedoch wenig beeindruckend. Erst an seinem Ende entdeckten wir Gitterstäbe, die einen kleinen Bereich absperrten, in dem eine Treppe nach unten führte. Es gab eine Pforte in diesem „Käfig“, die jedoch durch ein Schloss gesichert wurde.
Gerade als Miyako sich dieses ansehen wollte, hörten wir wieder ein unheilvolles Schaben einer sich öffnenden Wand. Eine Steinkugel konnte es diesmal nicht sein, aber… Schritte. Oder viel eher Donnerschläge, die echoend widergeworfen wurden. Etwas kam näher, etwas Großes.

Hektisch blickten wir uns an. Viel Zeit blieb nicht, das Schloss war nicht schnell zu knacken und die Gitter nicht zu überwinden. Also machten wir unsere Waffen bereit und erwarten was da kommen würde.
An den Rand unseres Lichtscheins trat mit langsamen aber polternden Schritten ein Wesen, von dem ich nur gehört, aber es noch nie gesehen hatte: es war eine beinah doppelt so große Gestalt wie ich, die aus massivem Stein war und sich doch bewegte. Der grob menschenähnliche Aufbau wurde mit einem zweigesichtigen Kopf gekrönt, das eine von einem Mann, das andere von einem unbeschreibbaren, dunklen Dämon. Ein magisches Kunstwesen, ein Golem – und offensichtlich der Wächter dieses Ortes.

„Ich laufe links vorbei, du rechts. Versuchen wir einfach, so schnell wie möglich an dem Biest vorbeizurennen. Vielleicht hat es hinten eine Schwachstelle… ansonsten rennen wir“, schlug ich vor und Miyako ging wortlos auf den Vorschlag ein, indem sie nach rechts schwenkte. Ich spurtete sogleich nach links und hielt mich an der Wand. Der Golem würde einen Ausfallschritt machen können; einen einzigen. Und einen von uns beiden könnte er dann erwischen. Wie um das zu unterstreichen hob das Monster drohend eine steinerne Faust, die ein normaler Verstand als Rammbock bezeichnen würde.
Als wir beide auf der gleichen Höhe waren wie der sich langsam bewegende Golem, entschied sich das Wesen für mich. Die Faust kam mit einer plötzlichen, ungeahnten Geschwindigkeit herangeschossen – ein einzelner Finger bereits so dick wie mein Arm.

Mit aller Kraft, die ich meinen Sprunggelenken zumuten konnte, warf ich mich nach vorne und spürte währenddessen beinah, wie mich der Druck des Schlags weiter trieb. Doch die Faust verfehlte mich und traf krachend auf die Wand – es gab einen Knall, den man in dieser gesamten unterirdischen Hölle hören musste. Steinsplitter des Raumes flogen durch die Gegend, ein Netz aus Rissen zog sich nahezu meterweit über den Fels und wenn hier unten nicht alles magisch wäre, so würde ich doch fürchten, dass es einstürzte. Der Treffer hätte meine Knochen in Staub verwandelt.

Hastig rappelte ich mich auf und stolperte weiter, auf Miyako zu, die bereits am Ende des Raumes wartete.
„Dieser Golem hat ein Schlüsselloch im rechten Schulterblatt.“
„Verdammt. Dieser seltsame Schlüssel, den wir in unserer Welt gefunden hatten, er würde bestimmt entweder in das Ungetüm oder in das Gitterschloss passen“, fluchte ich. Doch es half Nichts, wir hatten ja nicht einmal unsere grundsätzliche Ausrüstung.
„Immerhin verfolgt uns der Golem nicht“, stellte Miyako fest. Ich sah zu dem Ungetüm: es stand in der Tat vor der Gittertür und hatte sich in unsere Richtung gewandt – ohne jede Regung. Es war wohl als Wächter dessen geschaffen worden, was auch immer hinter dem Käfig lag. Und nachdem es diese Position eingenommen hatte, war für uns definitiv kein Weiterkommen mehr möglich.
„Ist es jetzt… vorbei?“, fragte ich resigniert.
„Gib nicht so schnell auf“, erwiderte Miyako etwas ermattet angesichts meiner Wehmütigkeit. „Wir suchen jetzt erst einmal, wo der Golem herkam. Dann den Rest dieses unterirdischen Komplexes. Es muss einen Weg nach draußen geben.“
Darauf vertraute ich längst nicht mehr, aber immerhin gab es damit etwas zu tun und so folgte ich dem Vorschlag der KanThai.

Der Raum, der bis vor kurzem den Golem beheimatet hatte, lag in der Biegung des Ganges. Eine verschobene Wand offenbarte gerade genug Platz, dass sich das Ungetüm dort hatte kniend aufhalten können. Und hier fand sich… Nichts. Kein Gegenstand, kein Geheimversteck – nur blanker, fugenloser Stein. Miyako blieb angesichts dieses ernüchternden „Funds“ noch ruhig, auch wenn ich nicht mehr verstehen konnte warum. Wir waren schlicht nicht ausreichend ausgestattet, um hier weiter zu kommen. Es gab nicht immer eine Lösung – es wäre absurd, es einem jeden Eindringling einfach zu machen.

Doch wir machten weiter und begannen nun mit der mühseligen Suche auf unserem bisherigen Weg. Zoll für Zoll des Steins an Boden, Wänden und Decke tasteten wir ab während unsere Fackel bedrohlich weit herunterbrannte. Im Gang blieben wir jedoch fundlos, ebenso im fleischfarbenen Raum mit der unausgelösten Falle, die wir vorerst so beließen. Auch die regenbogenfarbenen Schlieren verbargen kein Geheimnis vor uns. Dann war da nur noch der abfallende Gang, der vormals eine Steinkugel für uns bereitgehalten hatte. Vielleicht befand sich ja dort, wo sie herkam, etwas! Der Gedanke allein machte mir Mut – seltsam wie ein solch nichtiger Funke; oder eher der Hauch eines fernen Scheins eines Funkens von Hoffnung in solchen Situationen ausreichen konnte. Vorher suchten wir jedoch noch genau die Stelle ab, an der die Kugel verschwunden war. Ich machte einen Schritt auf die dort liegende Wand zu… und alles verschwamm vor meinen Augen.

Nur eine Sekunde später hatte ich wieder klare Sicht und befand mich in einem Gang des Gefängnisglobus! Verwundert blickte ich mich um, dann materialisierte sich Miyako direkt neben mir. Erleichtert blickte sie mich an: „Wir haben’s geschafft, wir sind frei!“
„Ja…“, ächzte ich. Ich sollte mich eigentlich freuen, doch kamen sogleich wieder die alten Probleme in meine Gedanken zurück: der Globus war unbeschädigt, also befanden wir uns immer noch mehr als neunhundert Jahre in der Vergangenheit. Und wir hatten unsere Sachen nicht gefunden. Das einzige, was uns diese ganzen Fallen da „unten“ gebracht hatten, war, dass wir beinah gestorben waren. Es fühlte sich alles in allem nicht gerade einladend an, das als Errungenschaft zu titulieren. Meinen Missmut sah man mir wohl an, Miyako schüttelte aber nur den Kopf und begann los zu gehen – die Richtung war klar: zurück in den „Keller“, wo hoffentlich Ricardo, Leif und Groam auf uns warteten.

Der Weg erwies sich dabei als erstaunlich frei, wenn man bedachte, dass wir inmitten des letzten Rückzugsortes der Seemeister waren und hier wohl ungefähr zweihundert Soldaten herumliefen. Von den drei Dunklen Meistern, die wir gesehen hatten, ganz zu schweigen. Über die Zugbrücke gelangten wir in den Wohnglobus und über die Küche wieder in den Keller hinab.
Wo wir tatsächlich drei Gestalten sitzen sahen! Sie schienen nicht viel Harm erfahren zu haben, während wir uns durch die tödlichsten Fallen gekämpft hatten, die ich jemals gesehen hatte, was auch Ricardo sogleich betonte: „Wie seht ihr denn aus? Wir hatten es hier eigentlich recht gemütlich!“

Es braucht wohl nicht vieler Worte, um zu beschreiben, wie gerne ich den Küstenstaatler in die übrig gebliebene Falle im fleischfarbenen Raum geworfen hätte. Doch ich hielt an mich, während Miyako knapp schilderte, was uns alles beinah umgebracht hätte. Dann erklärte uns Leif, dass er zusammen mit Ricardo einige Erkundungen unternommen hätte. Dabei hatten sie festgestellt, wie man die Zugbrücken hochfahren konnte und, dass es in dem „Beschwörerglobus“ Nichts für uns Interessantes gab – damit meinten sie die Steinkugel, in der wir den Seemeistern gegenübergestanden hatten. Zu allerletzt hatten die beiden mit einem Dämon im Gefängnisglobus gesprochen, der ihnen das genaue Datum genannt hatte…
Zwischendurch waren die beiden auf vier Soldaten gestoßen, die sie aber überwältigen konnten. Seitdem trug Ricardo auch eine Kettenrüstung wie die Offiziere der Valianer; sein neuestes Beutestück.

Nun stand jedoch die Frage im Raum, was wir tun sollten. An den Weg, den Miyako und ich betreten hatten, war nicht im Traum zu denken. Nach oben hieße, durch die Wohnräume zu marschieren. Dutzende und mehr Soldaten, die uns dann gegenüberständen würden kurzen Prozess mit uns machen. Also gab es wohl nur einen Weg…
„Nach unten. Pandrabal berichtete schließlich von einem unterseeischen Zugang hierher. Vielleicht können wir dadurch fliehen“, schloss Leif.
„Dann sind wir aber immer noch in dieser Zeit hier gefangen“, stellte ich fest.
„Kommt Zeit, kommt Rat. Es wird nicht besser, wenn wir hier im Herzen der Finsternis warten“, kommentierte Ricardo und hatte damit auch Recht.

So machten wir uns auf den Weg nach unten. Zunächst „sprangen“ wir also wieder in die Küche und verließen über den Gang diesen großen Wohnglobus. Durch den Gefängnisglobus ging es dann schließlich auf den Grund dieser gewaltigen Höhle. Es war seltsam, dass wir immer noch auf keine weiteren Soldaten gestoßen waren. Mussten sie nicht mittlerweile alarmiert sein? Fünf Stück hatten wir tot bei Pandrabal zurückgelassen, zwei noch einmal vor dem Alchemielabor erledigt und Ricardo hatte mit Leif vier weitere erschlagen. Und der Waelinger ergänzte: „Ich habe vorhin einen Soldaten von der Brücke hinunter getreten. Seine Leiche dürfte hier irgendwo liegen, auch mit einem Pilum, Ilfarin.“
„Ich habe doch schon einen“, meinte ich verwundert.
„Und falls der zerstört wird?“
„Guter Einwand.“

Also suchten wir rasch nach dem unglücklichen Valianer – der sich als zerschmetterter Haufen Knochen entpuppte. Glücklicherweise mussten wir ihn nicht genauer untersuchen, auch wenn Leif ernsthaft daran zu denken schien, noch die zwei Goldmünzen zu suchen, die der Mann bestimmt bei sich getragen hatte. Ich nahm den zweiten Pilum auf und dann machten wir uns auf den Weg – einfach gerade aus, in der Hoffnung, irgendwo einen Hinweis auf diesen zweiten Ausgang zu finden.

Das Licht der magischen Feuerkugeln erhellte den Boden nicht mehr gänzlich, doch es war zu erkennen, dass er in eine Richtung anstieg und als wir diesen Weg wählten, stellten wir fest, dass wir eine Art Talsenke verließen – in dieser ruhten die drei gewaltigen Steinkugeln der Seemeister. Dieser Weg hinauf war der einzig offensichtliche Ausgang, wenn man die Holzkonstruktion außer Acht ließ, die zu dem Ausgang an der Spitze der Höhle führte. Das war unerwartet, ich hatte eigentlich mit einem versteckten, schmalen Durchgang gerechnet und nicht mit einem hundert Meter breiten Aufstieg. Und mit weniger Menschen: auf der Anhöhe vor uns konnten wir dutzende Gestalten ausmachen sowie die Spitzen einiger Steinstelen, deren Nutzen wir auf die Ferne jedoch nicht erkannten. Ricardo und Leif gingen etwas näher heran, aber wagten es glücklicherweise nicht zu sehr. Als sie zurückkamen, berichteten sie von mindestens fünfzig Soldaten und einem rätselhaften Steinkreis mit sechs Obelisken.
„Das wird etwas mit Beschwörung zu tun haben, aber ich kann beim besten Willen nicht sagen, was“, schloss Leif den Bericht ab.
„Unbemerkt kommen wir da wohl nicht vorbei, oder?“, fragte ich.
Der Waelinger schüttelte nur den Kopf: „Bei der Masse nicht.“
„Dann müssen wir zurück“, schloss Miyako. „Vielleicht gelingt uns durch die Wohnräume eine unbemerkte Flucht.“

Mangels weiterer Alternativen blieb eine Diskussion aus und wir kehrten um. Wieder hinab in die Talsenke dieser riesigen Höhle und hinauf in den Gefängnisglobus – wo wir nach einem Stockwerk bereits Schritte und ein Gespräch auf Maralinga hörten.
Hastig drückten wir uns in die dunkelsten Ecken, die wir finden konnten, da ging Ricardo entschlossen nach oben. Er schien auf die Soldaten zu treffen, denn die Schritte erstarben. Nur leise hörten wir das Gespräch, das zudem immer noch nicht für uns verständlich war. Entgeistert blickten die anderen zur Treppe, wo der Küstenstaatler soeben nach oben, direkt auf die Gefahr hinzu verschwunden war. Ich glaubte tatsächlich, dass Ricardo einen guten Einfall hatte – und hoffte inständig, dass er keinen Fehler machte. Bis wir bei ihm waren, könnte er bereits überwältigt worden sein.
Dann wieder Schritte… und sechs Soldaten kamen entschlossen die Treppe heruntergelaufen und würdigten die dunklen Schatten des Ganges in diesem Stockwerk keines Blickes. Einige Sekunden vergingen noch, dann atmete ich erleichtert auf, die anderen ebenso. Hastig stiegen wir die Treppe nach oben, wo uns Ricardo bereits erwartete.
„Die sind auf dem Weg zu diesem seltsamen Steinkreis. Ich habe angeordnet, dass sie sich beeilen sollen während ich weitere Männer suchen würde. Diese Sache mit dem Hauptmann darstellen scheint mir gut zu gelingen“, erklärte er verschmitzt.

Mit unserem großen Schauspieler voran marschierten wir weiter, die altbekannte Strecke über die Zugbrücken in den Wohnglobus. An der immer noch verschlossenen Tür zum Alchemielabor ging es vorbei und am Ende des Ganges in jenen Raum, der sowohl die Treppe beherbergte, als auch das Modell des Multiversums, welches für magisch Unverständige kaum zu durchblicken war. Und vor diesem Gegenstand stand tatsächlich einer der Soldaten und drehte geistesabwesend an den mysteriösen Formen, die auf verqueren Bahnen entlanglitten und fremde Welten darstellen sollten. Ich warf Miyako einen kurzen Blick zu, die bereits leicht in die Hocke gegangen war und sich nun langsam ihrem Opfer näherte. Die anderen beobachteten neugierig, was die KanThai vorhatte – schließlich hatten sie die Assassine noch nicht in Aktion gesehen. Sie setzte behutsam Schritt für Schritt auf, brachte sich näher an den Ahnungslosen. Dabei hielt sie ihr Kurzschwert bereit… und ganz schön tief. Auf alles schien sie in diesem Moment zu achten, nur nicht auf die Klinge. Sie war nur noch einen Meter von ihrem Opfer entfernt, da schabte die Klinge kurz über den Stein und der Mann drehte sich überrascht um.
Ein kurzer Schrei des Erschreckens ließ er von sich, dann rammte ihm Miyako bereits die Klinge in die Seite, was ein guter aber kein tödlicher Treffer war. Ricardo eilte der Assassine zur Hilfe, während ich überhaupt erst Kampfstellung beziehen musste – ich hatte fest damit gerechnet, dass Miyako das schaffen würde.

Doch dann sprang ich von hinten heran und stieß zunächst von links oben zu. Kurz tauchte die Spitze meines Pilums in die rechte Schulter des Valianers ein, der sich gerade noch den Angriffen meiner Begleiter erwehrt hatte. Dann riss ich die Waffe direkt wieder frei, ließ so Platz für den Ausfall Miyakos – die verfehlte, ebenso wie Ricardo. Also schoss ich wieder hervor, gerade als der Mann seinerseits angreifen wollte, und bohrte die eiserne Spitze in seinen Halsansatz. Blut hustend stürzte der Mann zu Boden.
Den Leichnam schleiften wir in eine Ecke, aber eigentlich spielte es kaum mehr eine Rolle, wie mir schien. Dann nahmen wir die Treppe nach oben, weiter in den Wohnraum hinein. Wir sahen uns nur kurz um, schließlich wollten nur überprüfen, ob hier Wachen waren, die wir hätten alarmieren können. Dann fiel unser Blick auf eine bekannte Tür… nur, dass diesmal kein Eselskopf auf sie gezeichnet worden war. Dahinter musste das Zimmer liegen, was Rhadamanthus selbst als Heimstatt dienen mochte. War es klug dort hinein zu gehen? Ricardo war bereits an der Tür und stellte fest, dass sie unverschlossen war. Er horchte noch einen Moment, wir zuckten mit den Schultern – und der Küstenstaatler öffnete den Raum.

Es war im Großen und Ganzen der bekannte Raum, der spartanisch eingerichtet war, von einigen Vorhängen und Teppichen abgesehen. Die Feuerschale in dieser Zeit war lediglich mit etwas Holz besetzt, kein Hinweis auf die Ursache der seltsam-schmierigen Asche unserer Zeit. Ich suchte einen Moment lang den Raum ab… doch wenn überhaupt, dann schlief der Seemeister hier nur. Angesichts des „Kellers“ wunderte es mich auch kaum, dass die wichtigen Dinge nicht hier gelagert wurden.
Wir verließen das Zimmer wieder und nahmen die Treppe nach oben – in die zweithöchste Ebene, angefüllt mit Wohnräumen in denen möglicherweise dutzende Soldaten sein konnten.

Kaum, dass wir die letzten Stufen genommen hatten, kamen uns aus einer Tür gleich vier Soldaten entgegengeströmt. Sie hielten sich glücklicherweise nicht mit einem Alarm auf, sondern attackierten uns direkt mit ihren Kurzschwertern.
Schnell hatten wir die Waffen gezückt und stellten uns ihnen entgegen, während sich Leif etwas im Hintergrund hielt.

Diese Soldaten der Seemeister schienen weniger Erfahrung zu besitzen als wir und ihnen ging scheinbar auch unsere Leidenschaft ab (zu überleben) – doch wir vier waren allesamt in einem miserablen Zustand. Ich fühlte mich geistig von der Steinkugel überrollt und hatte das Gefühl, auch wenn der Golem mich nicht getroffen hatte, dass meine Knochen noch immer von der Erschütterung vibrierten. Meine Bewegungen waren schlaff und ich versuchte, mich mit so wenig Aufwand wie möglich zu bewegen. Meinen Freunden erging es ähnlich, selbst Groam wirkte längst nicht mehr so kampfeswütig wie sonst.
Es war ein übles Hauen und Stechen, bis Miyako den ersten Boden gutmachte, indem sie ihrem Gegner das Standbein mit einem geschickten Tritt wegzog. Dem fallenden Körper hielt sie das Kurzschwert so entgegen, dass er sich selbst aufspießte. Der Valianer vor mir blickte entsetzt zu der Leiche und vernachlässigte prompt seine Verteidigung. Unbarmherzig stieß ich mit letzter, verbliebener Kraft zu und die Spitze des Pilums bohrte sich knapp unter seinem Sonnengeflecht in den Körper. Schmerzwellen schienen durch den ganzen Körper des Mannes zu pulsieren, ehe ich den Speer erneut niederstieß und es damit beendete.
Die KanThai hatte sich indes um Ricardos Gegner gekümmert, dessen Armarterie Blut auf den Boden vergoss, während sich der Küstenstaatler seinerseits mit Groams Gegner beschäftigt hatte. Dafür, dass der „Student“ normalerweise ein Florett mit sich herumtrug, hatte er das Kurzschwert brutal und rabiat in den Hinterkopf des Toten gestoßen.

Groam grummelte irgendeine Ausrede, warum er selbst Niemanden überwältigt hatte, doch wir hielten uns nicht länger mit irgendeinem lächerlichen Wettbewerb auf. Wir gingen ein Stockwerk weiter höher, wo wir unter anderem den Raum fanden, in dem ich damals die Garste mit reiner Lebensenergie vernichtet hatte. Der Raum fand sich abgesehen von seinen untoten Bewohnern gleich vor, auch die „Spruchrolle“ an der Wand war noch vorhanden. Ansonsten war er leer – was nicht für eine angrenzende Kammer galt, in der sich etliches Material für Beschwörungen fand. Zumindest stand zu vermuten, dass diverse Kreiden, magische Talismane, okkulte Fokusse für ebendiesen Zweck genutzt werden konnten. Und es gab…

„Rohmaterial für einen Runenstab!“, japste Leif und machte beinah einen Luftsprung. „Damit kann ich einen Zauberschlüssel für die Tür des Alchemielabors herstellen!“
„Wir haben wieder Hoffnung!“, rief ich aus.
„Wie lange brauchst du dafür?“, fragte Miyako etwas rationaler.
„Zwei Stunden. Ich könnte unten im ‚Keller‘ arbeiten. Dort werden diese Soldaten sicherlich nicht so oft vorbeischauen.“

Damit war es ausgemacht: wir machten uns wieder auf den Weg nach unten. Doch kaum waren wir bei der Treppe angekommen, kamen uns zwei Soldaten entgegen. Einer von ihnen machte auf dem Absatz kehrt und eilte nach unten. Der andere schien uns tapfer aufhalten zu wollen, doch ich schlug seine Waffe mit dem Schild aus dem Weg und brachte ihn mit einem Angriff meines Pilums zu Fall: die eiserne Spitze bohrte sich tief in den Oberschenkel, ehe sie bei seinem Sturz freikam.
Miyako sprang über den Gefallenen hinweg und nur wenige Sekunden später hörten wir von unten den Schrei eines Mannes. Bis die KanThai wieder die Stufen zu uns hochgestiegen war, hatten wir dem Valianer vor mir am Boden den gar ausgemacht.
„Da kommen noch drei von unten“, alarmierte uns Miyako. Schwert atmend nahm ich Position ein und versuchte angestrengt den Schild hochzuhalten.

Doch es waren nur zwei Valianer, die die Stufen zu uns hinaufkamen – der Dritte musste geflohen sein, um Verstärkung zu holen. Das hieß, dass wir uns so schnell wie möglich im „Keller“ verstecken sollten.
Es folgte ein kurzer, aber heftiger Schlagabtausch, bei dem wir uns alle eine blutige Nase holten, bis Groam und ich die beiden endgültig überwanden. Schwer atmend schleppten wir uns die Stufen hinab, bis wir wieder auf der Ebene von Küche, Alchemielabor und Zugbrücke waren. Doch man erwartete uns bereits: vor uns blockierten fünf Soldaten den Weg von der Treppe weiter. Ricardo und Miyako übernahmen es, die ersten Angriffe abzuwehren.
An einen Ausfall war nicht zu denken; zu klein war der Raum mit diesem seltsamen Modell des Multiversums. Außerdem war Leif so vor den Angriffen geschützt – und derzeit war er der einzige, der uns hier herausbringen konnte.

Es wurde also ein Kampf auf engem Raum, mit leichtem Höhenvorteil für uns. Allerdings war das Kämpfen auf einer Treppe nicht unbedingt leicht. Bereits nach den ersten Angriffen kam Ricardo kurz ins Wanken, als er gegen die nächsthöhere Stufe stieß. Rasch kam ich ihm zur Hilfe, indem ich die Länge meines Pilums ausnutzte und dem angreifenden Valianer einen unerwarteten Stoß verpasste.

Die Überraschung war perfekt: das Eisen traf den Mann in der durch den Schlag schutzlos gewordenen Achsel. Blut schoss hervor, als das Gewebe zerrissen wurde, während der Mann schreiend zurücksank… nur um gleich vom nächsten Angreifer ersetzt zu werden. Miyako erwehrte sich indes auf wundersame Weise zweier schneller Attacken, ohne dabei auch nur einen Zoll zu weichen. Wie ein Berg parierte sie die Schwertstreiche und schlug dann selbst zurück. Mit ungewöhnlicher Grobheit hieb sie dem Mann zunächst mit der flachen Seite der Klinge gegen die Waffenhand. Zitternd wurde diese zur Seite gefegt, während das Kurzschwert Miyakos selbst emporgelenkt wurde. Sie ging mit dem Impuls und die Klinge bohrte sich von unten in den Kiefer des Valianers. Seine Augen verdrehten sich und er kippte nach hinten weg.

Danach wurden die Soldaten vorsichtiger. Statt großer Schwünge, versuchten sie kleine Stiche und zogen sich schnell wieder aus unserer Reichweite zurück. Würde ihnen dabei einer von uns auch nur einen Moment folgen, wäre er sofort umringt. Auch wenn wir ihnen an Können überlegen waren, sollten sich drei Soldaten gleichzeitig gegen einen von uns wenden, würde es ein übles Ende nehmen.

Plötzlich schoss einer hervor als würde eine Gottesanbeterin zuschlagen. Der nach unten gerichtete Stich fuhr über Ricardos Parade hinweg und drang schräg in den Magen des Küstenstaatlers ein. Ein merkwürdig gurgelnder Schrei entwich dem Mann, ehe er zu Boden stürzte. Entsetzt blickte ich auf Ricardo vor mir – der noch lebte und nun versuchte, sich über die Stufen hinweg in Sicherheit zu ziehen. Indes drängte sich Groam an mir vorbei. Wuchtig wehrte er den nächsten Angriff des Valianers ab, der Ricardo ein Ende hätte bereiten sollen. Das Blut auf der Treppe brachte den sonst so sicheren Stand des Zwergs jedoch ins Wanken und er erlitt binnen weniger Sekunden mehrere Stichwunden. Sein Kettenhemd verhinderte das Schlimmste, doch ewig würde er nicht standhalten!

Aber sein Gegner wurde unvorsichtig. Der Sieg über Ricardo und die passive Haltung des Zwergs wog ihn in Sicherheit, während der geringe Schaden an Groams Rüstung ihn gleichzeitig in Rage trieb. Schlag um Schlag wurde wuchtiger, kostete immer mehr Balance… und durch eine Lücke schoss mein Pilum aus der zweiten Reihe. Eisen bohrte sich zielgerade durch die Rippen in die Lunge. Das Gesicht des Mannes schien in sich zusammenzufallen während er nach Luft schnappte, die sein Körper nicht mehr halten konnte und er kippte weg. Es folgte kein Moment der Ruhe – brüllend stürzte sich Groam auf den dahinterstehenden Valianer. Dieser hatte noch kaum verarbeitet, dass der Kampf ihn erreicht hatte und wurde von dem stürmischen Angriff umgeworfen. Sein Kopf prallte auf dem harten Steinboden auf; Blut spritzte. Der Zwerg ließ nicht locker und hämmerte seine behandschuhte Faust mitten ins Gesicht des Valianers. Knochen knackten, Blut spritzte – der Mann war tot.
Der letzte Soldat der Seemeister schien der Panik nah, machte einen Schritt zurück, doch wirkte unentschlossen, ob er fliehen sollte. Miyakos finaler Angriff beendete seine Gedankengänge als ihr Kurzschwert sein Herz durchstach.

Es blieb keine Zeit, um die Wunden zu versorgen. Wir mussten in die vermeintliche Sicherheit des „Kellers“ jenseits der Küche. Da Ricardo nicht auf eigenen Beinen stehen konnte, stützte ihn Groam, und wir machten uns so schnell es ging auf den Weg. Das Glück war uns hold und ersparte uns einen weiteren Kampf. Hastig versetzten wir uns über die magische Säule in die Tiefe. Dann endete unser letzter Kraftausbruch und erschöpft sanken wir zu Boden. Unsere Rüstungen waren abgenutzt und zerrissen, die Waffen bereits schartig und jeder hatte mindestens drei Stichwunden aus denen noch Blut sickerte. Leif war dabei nur unwesentlich besser weggekommen als wir, doch er machte sich sogleich an die Arbeit mit dem Runenstab. Sobald der Zauberschlüssel fertig war, würden wir hier endlich fliehen können.
Ich nutzte die Zeit hier unten, um zunächst neue Kräfte zu sammeln. Eine Meditation brachte mir Ruhe und neue Kraft, auch wenn ich bereits spürte, dass dieser Raubbau an mir zehrte. Als ich wieder die Augen öffnete, hatte mein Körper wieder Energie, doch mein Geist sehnte sich nach Schlaf. Aber den würde ich hier nicht bekommen können.

Zunächst gab es jedoch Wunden zu versorgen. Eine erste provisorische Versorgung hatte Ricardo stabilisiert, doch er konnte noch nicht stehen. Also kniete ich mich neben den Küstenstaatler und legte meine Hände auf seine Wunden auf. Mehrere Minuten lang ließ ich meinen Geist in dem zerstörten Körper wandern und führte Gewebe zusammen, wo es zerrissen worden war… das Ergebnis war selbst für mich erstaunlich. Ricardos Blick klärte sich und er sprang auf, als wäre Nichts passiert. „Danke“, sagte er etwas ungläubig. „Gute Arbeit.“
Doch die war noch nicht beendet. Als nächstes war Miyako dran und ich war wieder einmal erstaunt, wie gut ihr Körper diese Heilung aufzunehmen schien. Auch sie wirkte nun wieder einsatzbereit. Da Groam wieder etwas reserviert dieser Magie gegenüber war, heilte ich mich selbst als Nächstes. Doch mein schläfriger Verstand schweifte beständig ab, sodass sich meine Wunden nur widerwillig schlossen. Ächzend ließ ich von dem Versuch ab und versuchte mich etwas zu entspannen, bevor wir wieder „hinauf“ gingen.

Aber eine lange Pause war uns nicht vergönnt. Die Lichtsäule flackerte und kurz nacheinander traten drei Männer hindurch, die in unsere Richtung blickten und dabei auf Maralinga herumbrüllten. Sie zogen ihre Kurzschwerter und fächerten sich auf.
Ricardo, Groam und Miyako bildeten ebenso schnell die erste Verteidigungslinie. Ich hüpfte ebenfalls wieder auf die Beine und machte mich bereit, unseren Küstenstaatler mit meinem Speer aus zweiter Reihe zu unterstützen. Es galt aber vor allem, Leif vor einer Unterbrechung seiner kostbaren Arbeit zu beschützen.

Es mochte wie Ironie erscheinen, dass ich unsere Lebenskräfte gestärkt hatte; nur, damit wir jetzt wieder Tod bringen konnten. Eine simple Ungerechtigkeit, die mir zunächst keinen tieferen Sinn zu haben schien. An dieser Stelle war es eine Fertigkeit, die ich hatte – aus einem Spektrum, das ihnen verwehrt blieb. Doch steckte nicht dahinter dieser Grund, den ich suchte? Wer Unheiliges trieb, den verstieß die Natur. So lag es nah, den frenetischen Wahnsinn eines Kreuzzugs aufzunehmen und diesen Kampf als eine Schlacht für das Leben gegen das entgrenzte Chaos zu sehen. Doch, so sehr ich mir eine Ideologie wünschte, der ich mich restlos anheim fallen lassen konnte – diese Männer hier waren keine Seemeister. Sie waren Soldaten, die Befehle ausführten. Ein nicht besonders rühmliches Leben, eigentlich sogar ein verwerfliches. Doch auf der anderen Seite? Konnten sie den Befehlen eines Seemeisters widerstehen? Es würde sie das Leben kosten. So waren sie aufgerieben, zwischen ihnen und uns. Eine andere Möglichkeit außer dem Kampf bestand hier nicht – auch für uns nicht. So musste dies das sein, was mir einen „Grund“ verschaffte für diesen Kampf, den wir hier fochten: Ausweglosigkeit.
Miyako und Groam schlugen jeweils einen nieder, Ricardo und ich den letzten. Dann dauerte es nicht mehr lange und Leif reckte triumphierend den Runenstab empor: „Ich bin fertig! Lasst es uns versuchen!“

Es ging durch die Lichtsäule nach oben, durch Küche und Speiseraum in den Flur… wo uns wieder vier Soldaten erwarteten. Sie blickten uns an, wir sahen zurück. Es lag einen kurzen Moment die Frage im Raum, ob es nicht doch… vielleicht? Nicht in dieser Zeit.
Wir gingen aufeinander los wie tollwütige Hunde. Leif blieb hinten, den Runenstab wie ein Neugeborenes umklammernd.  Das Ziel kurz vor Augen, schienen wir vier Kämpfenden von einer neuen Wildheit beseelt – die einen Dämpfer erhielt, als Miyako nur um ein paar Zentimeter einem Streich gen Gesicht entging. Bei dieser Ausweichbewegung hatte sie sich jedoch übernommen und war aus dem Gleichgewicht gekommen: der Soldat schlug direkt wieder zu und fügte ihr eine Wunde gegen die Rippen zu.

Aber jetzt ließen wir uns nicht mehr aufhalten. Dieser Angriff auf Miyako, schien uns im Gegensatz noch weiter anzutreiben. Binnen eines Augenblicks fuhr mein Pilum in die Eingeweide eines Valianers, durchschnitt Miyako den Kehlkopf ihres Gegners und schmetterte Groam dem Soldaten vor ihm das Schwert in den Schädel.
Sogleich umkreisten wir wie ein Wolfsrudel den letzten Soldaten. Und entweder war dieser von einer üblen Hexerei besessen oder würde von den Seemeistern hingerichtet werden: er gab nicht auf. Aber es musste ein verzweifeltes Aufbäumen bleiben; Miyako setzte den letzten Schlag, der den Lebensfaden zerschnitt.

So war es nun Zeit: Leif Isleifsson trat hervor und besah sich die Tür zum Alchemielabor.
„Das ist unglaublich mächtige Magie. Ich werde mein Bestes geben… aber erwartet bitte nicht zu viel“, meinte er nun, sichtlich nervös geworden.
„Bitte, Leif, versuche es. Keiner von uns wird dich verurteilen“, versuchte ich ihn zu beruhigen. Doch die Spannung war nicht zu nehmen, ging es doch schließlich darum, ob wir wieder in unsere Welt würden zurückkehren können.

Der Waelinger schluckte einmal schwer, dann machte er sich ans Werk. Und nach der ganzen Arbeit, all des hoffnungsvollen Bangens, des erwartungsvollen Wartens, schien es so unwirklich, wie Leif den Runenstab zerbrach und das längere Stück gegen das Holz der Tür hielt.
Es gab ein kurzes, düsteres Flackern und der Runenstab zerfiel in den Händen des Runenschneiders zu Staub, während er zurücktaumelte und sich an den Kopf griff.
„Ah…verdammt“, ächzte er.

Unsere Blicke verharrten auf der Tür. Erwartungsvoll. Augen, die sich so sehr an eine Hoffnung klammerten, dass sie ihren Besitzern den Schein von Bewegung vortäuschten. Eine Spur frühen Wahns, in der verzweifelten Annahme, es würde eine Veränderung eintreten.
Sie tat es nicht. Das dunkle Holz der Tür verharrte; knarrte nicht einmal.
„Die Magie der Seemeister… es muss einer von denen persönlich den Bann gesprochen haben“, keuchte Leif, noch immer sichtlich verwirrt. Seine Augen brauchten etwas, bis sie die gleiche Richtung wiederfanden. Und ohne Ricardo als Stütze wäre er womöglich sogar gestürzt.

Miyako war die erste, die sich wieder fing: „Dann müssen wir also wieder nach oben. Dort weitermachen, wo wir vorhin aufgehört hatten. Es muss einen Ausweg geben.“
Ricardo und Leif, sobald letzterer sich gesammelt hatte, waren sofort bereit. Groam grunzte nur und ich atmete einmal tief durch. Den Schleier meiner inneren Erschöpfung verdrängend, folgte ich meinen Freunden wieder nach oben.

Wir gingen durch bekannte Räume, an verdrehten Leichen vorbei, die wir auf unserem Weg durch diesen Globus hinterlassen hatten. Eine Treppe, zwei. Dann verharrten wir kurz. Wir waren so weit oben, wie wir noch nicht in dieser Zeit gegangen waren… und irgendetwas war anders? Der Schwung der Stufen der nächsten Treppe?
„Führte dieser Weg nicht ursprünglich an der Außenseite vorbei?“, stellte Groam fest.
„Nun, wir sind hier im ‚ursprünglich‘, wenn man es genau nimmt. Aber du hast recht, damals… oder eben in Zukunft… sind wir doch auf einer hölzernen Treppe an der Außenseite entlang gegangen – ehe wir auf die Garste trafen.“

Das war recht merkwürdig, doch konnte sich keiner von uns einen Reim darauf machen. Es mochte eine Erklärung geben, die in einer späteren Zerstörung und vielleicht eines noch späteren Wiederaufbaus lagen. Immerhin sprachen wir von etwas mehr als 900 Jahren zwischen dem hier und unserer eigenen Zeit.
Als wir die Stufen dann erklommen hatten, kamen wir in einen altvertrauten Raum, in dem ein Hexagramm auf dem Boden prangte. Es wirkte frischer und unverbrauchter, als bei unserem erstmaligen Besuch. Doch glücklicherweise störten wir hier Niemanden bei irgendeiner Tätigkeit. Also wählten wir die erstbeste Tür rechts von uns und sahen in die kleine Kammer, die sich dahinter befand.

Es trat ein Moment der Stille ein. Wir erblickten einen Waffengurt mit einem Florett daran, einen Stielhammer, einen Speer mit silberner Spitze und so weiter. Vier Rucksäcke lagen hier herum… es waren unsere gestohlenen Sachen!
Fassungslos nahmen wir unser Eigentum wieder an uns. Ich hatte bereits damit abgeschlossen, nicht geglaubt, irgendetwas davon wieder zu sehen. Es war schön, sich wieder gut bewaffnet zu fühlen, insbesondere wenn ich an die Heiltränke dachte, dich ich nun wieder bei mir hatte.
„So dann… lasst es uns mit der Springwurz versuchen!“, verkündete Miyako und reckte ein dünnes, knorriges Hölzchen in die Luft.
„Wo hast du ein solches Artefakt eigentlich her?“, fragte Ricardo verwundert nach.
„Es gab da dereinst ein paar Zauberer, die unserer Hilfe bedurft hatten“, kürzte ich ab. „Das ist die Belohnung.“

Doch wir warteten nun nicht mehr lange, sondern hasteten die Stufen hinunter, bis wir wieder einmal im Gang vor dem Alchemielabor standen. Und vor uns drei Soldaten!
Plötzlich sprang Groam wie eine gestaltgewordene Lawine hervor und brüllte laut: „Baruk khazad! Khazad aimenu!“ Der Kopf seines Stielhammers traf einen Schädel seitlich, sodass er halb vom Rumpf gerissen wurde. Sogleich stieß der Zwerg das stumpfe Ende seines Griffs in den Magen eines anderen Valianers, was diesen keuchend zurücktrieb. Noch während er taumelte, stürmte ich heran und bohrte aus vollem Lauf heraus die silberne Spitze meines Stoßspeeres in seine Flanke. Rippen knirschten unter dem Aufprall und als ich meine Waffe frei riss, war der Mann bereits tot. Groam hatte dem dritten Soldaten währenddessen die Kniescheiben zertrümmert und ließ die gewaltige Waffe nun todesverheißend niedergehen. Blut und Knochensplitter befleckten den Boden.

Ohne länger zu warten ging der Zwerg zur Zugbrücke und fuhr sie mittels des einfach zu bedienenden Mechanismus hoch, was uns genug Zeit verschaffen sollte. Miyako zückte nun die Springwurz und machte sich daran, magische Unterstützung einzusetzen. So merkte man auch, dass die Assassine mittlerweile genug von diesem Ort hatte, wenn sie ihre eigenen Prinzipien über Bord warf.

Die KanThai legte das knorrige Holz an, sprach ein kaum zu erfassendes Schlüsselwort aus. Ein Flackern und Zucken; der Schatten in den Furchen der Tür schien sich zu bewegen. Dann ein Ruck, Miyako wurde ihre Springwurz beinah aus der Hand gerissen. Das Artefakt wirkte seltsam mitgenommen, wenn auch noch nicht zerstört. Langsam atmete Miyako aus, dann reichte sie mir die Springwurz, nannte das seltsame Schlüsselwort, das ich nicht einmal aufschreiben könnte.
So hielt ich nun das Artefakt an die Tür, sprach selbst jene seltsamen Laute aus. Es funktionierte ähnlich wie mit der Wünschelrute, nur war ihre Wirkungsweise doch so gänzlich verschieden. Ein richtiger Thaumaturg hätte nun wohl die verschiedenen Spielarten der eingewobenen Zaubersprüche erklären können – doch ich hoffte nur.

Es war förmlich zu spüren, wie die Magie aus der Springwurz gegen die Tür wallte. Doch binnen eines Augenblicks prallte mir geballte Macht entgegen und angsterfüllt riss ich das knorrige Holzstück in meinen Händen weg. Nur um einen Moment später den Hauch des Verderbens zu spüren, der das Artefakt beinah zerstört hätte. Es war aber nicht nur die Gegenwehr des Bannspruchs, es war auch die Magie in der Springwurz selbst, die ihre chaotische Natur bewies. In einen Gegenstand eingeschlossen zu sein, schien keinen Gefallen zu finden. Sie drängte nach außen – was die Springwurz zerstören würde. Jeder Einsatz brachte den Gegenstand in Gefahr.
„Ricardo, versuche du es vielleicht einmal“, wandte ich mich an den Küstenstaatler. Er besaß ebenfalls einige Kenntnisse in der Zauberei – und Leif wirkte im Moment froh, diesmal nicht die Bürde tragen zu müssen. Von Groam ganz zu schweigen, der dieses seltsame Stöckchen musterte, als hätten wir den Verstand verloren, damit zaubern zu wollen.

Ricardo nahm also nun selbst das Artefakt an sich, versuchte sich an einer heroischen Pose, um der Situation die Spannung zu nehmen. Laut und kräftig rief er das Schlüsselwort und berührte mit der Spitze der Springwurz das Holz der Tür.
Ein Flackern und Zischen. Licht flutete durch die Rillen des Holzes, verdrängte die unnatürlich tiefen Schatten darin… die Tür schwang auf.

Wir jubelten, schrien laut auf vor Freude! Ricardo hielt die Springwurz hoch, als hätte er gerade ein Schwert aus einem Stein gezogen. Es war getan, die Tür geöffnet. Der Weg in unsere Zeit musste nun frei sein.
Dann: eine unheilvolle Stille. Unsere Blicke huschten zur Tür am Ende des Ganges. Die Zugbrücke war noch oben, doch das stellte kein Hindernis für jenen dar, der sich uns näherte. Er flog, nur indem er die Arme leicht zur Seite reckte, die Handflächen nach oben. Umgeben war er von scheinbar Nichts, doch er trug eine Aura der Furcht mit sich. Ein Gesicht war in den Tiefen der Kapuze nicht auszumachen, dennoch spürte ich seinen brennenden Blick auf mir. Es war ein urgewaltiger Zorn, der die Luft bereits knistern ließ, ehe die wahre Magie enthüllt wurde. Es war schlicht die reine, chaotische Macht, die sich uns näherte. Eine Kostprobe der schrecklichen Hexerei in Form von Angst und Furcht ehe wahres Grauen entfesselt wurde.

Ich stürzte in das Alchemielabor, meine Freunde dicht hinter mir. Alles war, wie wir es verlassen hatten: ziemlich verwüstet von Leifs Feuerkugel. Ohne Zeit zu verschwenden eilte ich mit großen Schritten dem verhüllten Gegenstand zu und riss das Tuch herunter. Ein Spiegel war da vor uns. Der Spiegel. Für Zögern war kein Platz und ich packte an das eisigkalte Glas, das ich noch durch den Handschuh deutlich spüren konnte.

Alles wurde dunkel, ehe wieder Licht in meine Welt fiel, aber seltsam durch einen Strudel geschickt, als würden die Strahlen sich drehen und immer wieder verzerrt werden. Übelkeit stieg auf, die ich verzweifelt niederkämpfte.
Dann wurde mein Blick wieder klarer und ich blickte auf eine glasige Oberfläche. Mir blickte ein Mann entgegen, ungefähr so groß wie ich. Helles Haar hing unter seinem Helm hervor, spitze Ohren zeichneten ihn als Elfen aus. Ein gehetzter Blick lag in seinen braunen Augen, während er die linke Hand an den Spiegel hielt. Dann verschwand er, ebenso wie die anderen Gestalten hinter ihm, aus dem Bild. Es war nur noch eine Kapuzengestalt in der Tür zu erkennen, von der plötzlich tiefe Dunkelheit ausging und wie sich windende Tentakel durch den Raum in dieser glasigen Oberfläche schoss. Dann ermattete der Spiegel und färbte sich unkenntlich dunkel ein.

Erst jetzt konnte ich den Blick lösen und sah meine Freunde und mich, allesamt noch am Boden liegen, als hätte uns ein Riese niedergehauen. Und dann schweiften meine Augen weiter; sahen Staub und zerstörte Möbel. Es war dunkel hier.
Wir waren zurück.

Nachdem wir eine Fackel entzündet hatten und feststellen mussten, dass Ricardo noch immer die Rüstung eines Hauptmanns dieser nun so lange vergangenen Zeit trug, war klar: es war keine Illusion gewesen. Es mochte einen fernen Trost für unseren Verstand darstellen, wenngleich ich mich erschlagen fühlte von dem Gedanken, dass wir durch die Zeit gereist waren. Wie konnte das möglich sein? Bisher war ich schon erschüttert von dem Gedanken gewesen, diese Welt zu beschützen, in der wir leben. Doch nun… musste man die Vergangenheit beschützen? Jeden einzelnen Schmetterling vor dem Schlag eines boshafteren Reisenden in Sicherheit bringen, wenn nicht unser aller Leben aufs Spiel gesetzt werden sollte?
Das Chaos drängte weitaus stärker nach Midgard, als ich es mir jemals in meinen kühnsten Alpträumen hätte ausmalen können. Düstere Geheimnisse lagen hier unten, lange genug vor der Welt versteckt. Doch es waren welche aufgebrochen, dieses Wissen zu ergründen und ich konnte mir kaum vorstellen, dass dies in der Absicht war, es sogleich wieder zu versiegeln.

„Wir müssen die Gesandten finden“, sprach ich es aus, nachdem wir allesamt zunächst einige Momente für uns gebraucht hatten. Eine verrückte Verwirrung schien uns einen Moment gepackt zu halten. Die Frage, ob wir es wirklich geschafft hatten, ob wir in unserer Zeit waren. Oder niemals weg? War es nicht absurd, diesen bizarren Erinnerungen in meinem Kopf Glauben zu schenken, wenn sie solch wahnsinnige Dinge beherbergten?
Die anderen nickten und wir erhoben uns von dem staubigen Boden und gingen auf den Gang hinaus. Ein Blick huschte hinüber in das, was früher Speisesaal und daran anschließend Küche gewesen war.
„Was sagtet ihr, habt ihr da unten gefunden?“, setzte Leif an.
„Fallen, Leif. Etliche, äußerst tödliche Fallen und einen Golem. Zuletzt war da eine verschlossene Tür und ein seltsames Schlüsselloch in der Kunstkreatur. Ich habe hier zwar diesen Schlüssel mit einem seltsamen Bart… aber für Nichts in dieser Welt will ich da noch einmal hinunter“, versuchte ich es möglichst so schwarz zu malen, dass dem abenteuerlustigen, jungen Mann ebenfalls die Lust verging. Und obzwar er noch etwas länger den Tagträumen über die möglichen Schätze in der Tiefe nachdachte, verzichtete er darauf, den Schlüssel für sich zu verlangen und in diese noch unterirdischere Welt hinabzusteigen.

Also lenkten wir unsere Schritte zum allerersten Mal in unserer Zeit durch die große Flügeltür am Ende dieses Ganges hinaus – dorthin, wo auch die Spuren entlang führten. So fanden wir uns zum ersten Mal seit einer gefühlt so langen Zeit der erdrückenden Dunkelheit dieser gewaltigen Kaverne unter der Erde ausgesetzt. Die schwebenden Sonnen waren lange verloschen und hatten hier so die Finsternis offenbart, die bis dahin nur in den Herzen der Erbauer gehaust hatte. Doch die hölzernen Gerüste und Zugbrücken waren da, wenn sie auch die Last der Jahrhunderte offenbarten. Außerdem waren auch sie von einer nicht geringen Staublast befallen. So konnte ich die leichten Spuren ausmachen, die zu dem Gefängnisglobus hinüberführten. Ich machte meine Begleiter darauf aufmerksam und zielstrebig machten wir uns dorthin auf den Weg.
Doch sobald die ersten Lichtstrahlen unserer Fackel auf die gewaltige Steinkugel fielen, war klar, dass hier etwas Gewaltiges geschehen sein musste. Der Globus wirkte teilweise wie in Stücke gerissen. Von oben sahen wir, dass einzelne Stockwerke nur noch in Bruchstücken vorhanden waren, es gab kaum miteinander verbundene Felsstücke im Inneren. Stattdessen nur noch einige, wenige Holzbalken, die wie das Skelett eines schon lange toten Tieres aussahen; auch bereits morsch und verwelkt. Keine der Treppen, die sich unter uns abzeichneten, war noch vollständig. Von einem problemlosen Abstieg konnte nicht im Ansatz die Rede sein.

„Hier sind diese Gesandten abgestiegen? Tüchtiger, als man es von den Pfaffen annehmen könnte“, grummelte Groam.
„Ilfarin, führen irgendwelche Spuren zurück? Haben es sich diese Gelehrten vielleicht anders überlegt?“, fragte Miyako.
Ich schüttelte den Kopf. „Auch wenn es mich wundert: nein, habe ich nicht. Allerdings sollten wir auch bedenken, dass diese drei hierhergekommen sind, weil sie davon wussten. Niemand stolpert aus reiner Neugier hier rein und herum.“
„Da ist etwas an diesen Gesandten, dass mich allmählich frösteln lässt“, murmelte Ricardo. Ich nickte dem Küstenstaatler zu. Dann fiel mir noch etwas anderes ein.
„Waren dort unten nicht auch einige Dämonen eingesperrt?“
„Durchaus“, meinte Leif und schluckte schwer. „Hoffen wir, dass die Grauen Meister gründlich gewesen waren.“

Wir überlegten uns nun im Hinblick auf einzelne „Inseln“ aus Fels, die von den Stockwerken übrig geblieben waren, sowie Balken und Treppenresten, wie wir dort hinab kämen. Pläne wurden geschmiedet und gleich wieder verworfen, bis Miyako schließlich meinte: „Wir können doch durch den ‚Beschwörerglobus‘. Die Gesandten wollten doch mit Sicherheit einfach unten auf den Grund dieser Höhle. So sparen wir uns hoffentlich diesen Abstieg.“
„Eine vortreffliche Idee!“, lobte Ricardo und wir stimmten mit ein. Also machten wir uns zurück auf den Weg hinüber in den anderen Globus. Dort, wo wir drei Seemeistern zugleich gegenübergestanden hatten. Ein mulmiges Gefühl beschlich mich… doch es würde hier unten keinen Ort geben, an dem wir nicht Gefahr liefen auf Wesen aus einer anderen Zeit; einer anderen Welt sogar, zu treffen.

Die Türen ließen sich leichter öffnen, als ich es erwartet hatte und wir traten in die Behausung der Seemeister ein. Zwar war hier deutlich weniger zerstört worden, doch die nahezu repräsentativ zu nennende Pracht war kaum noch zu erkennen. Einige verrottende Stofffetzen ließen Ahnungen zu, ebenso wie zerschmettertes oder von selbst zusammengefallenes Mobiliar. Diesmal hatte auch ich Zeit, mich etwas umzusehen und festzustellen, dass fast der gesamte Globus von einem großen Raum eingenommen wurde.
Es führte ein Weg nach unten, aber es gab auch noch eine Tür, welche in einen hinteren Bereich führte. Dort, wo laut Leif und Ricardo einmal ein Beschwörungskreis aufzufinden war. Doch nun war die Pforte dorthin versiegelt. Insgesamt acht quergelegte, metallene Barren riegelten die Tür ab. Es handelte sich um ein helles, im Fackellicht glänzendes Material, in das etliche Runen und andere Zeichen hineingeritzt worden waren.
„Soll Niemand hinein oder Nichts heraus?“, fragte ich mich laut im Angesicht dieser gewaltigen Sicherheitsvorkehrung. Im Prinzip war meine Frage obsolet, denn es bestand mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ohnehin keine Möglichkeit für uns, diese Riegel zu entfernen. Leif jedoch antwortete mir nachdenklich: „Ich denke, da soll Nichts hinaus.“
„Schließlich sind die Barren auch auf dieser Seite der Tür“, ergänzte Miyako.

Wir überließen es unserer Phantasie, sich die Gräuel auszudenken, die dahinter verborgen lagen. Anstatt uns hier einer wahnsinnserregenden Wahrheit auszusetzen, gingen wir also weiter. Ricardo und Leif wiesen uns den Weg zu einer Falltür, die hinaus auf eine Wendeltreppe führte. Wieder umgeben von der dichten Schwärze dieser riesigen Höhlenwelt nahmen wir einige Stufen nach unten. Dabei bemerkten wir, dass auch diesem Element des Seemeisterbauwerks schweren Schaden zugefügt worden war. Immer wieder waren steinerne Brocken abgebrochen und die letzten Meter der Treppe fehlten gänzlich, lagen unterhalb auf der Erde in Stücke verteilt.
Mit einem Seil war der Abstieg leicht zu schaffen… doch als Miyako eine Fackel hinabwarf, um den Boden besser zu erleuchten, konnten wir schemenhafte Gestalten ausmachen. Ein halbes Dutzend oder mehr, das nun am Rande des Lichtpegels herumhuschte. Es dauerte einen Moment, bis sich meine Augen an die Lichtverhältnisse angepasst hatten, dann erkannte ich mehr. Fahle Haut, krallenhafte Hände bei den einen; hundeartige Züge und Bewegungen bei den anderen.
„Garste und Ghule“, sagte ich. „Niedere untote Kreaturen.“ Während ich sprach wanderte meine Hand bereits zu dem Lebenskraut, das ich bereits einmal genutzt hatte.
„Ich werde hinuntergehen und sie zunächst vertreiben. Dann könnt ihr schnell nachkommen und wir vernichten diese unheilige Brut“, schlug ich vor und die anderen nickten. So ergriff ich als erster das Seil und kletterte hinab. Kurz bevor ich den Boden erreichte, erblickte ich jedoch ein weiteres Wesen.

Es sah aus wie eine wandelnde, menschliche Leiche. Die fahle Haut straffte sich über den Körper und war im Gesicht bereits so weit zurückgegangen, dass gewaltige Fangzähne offenlagen. Die Augenhöhlen waren leer, ohne jegliche Bewegungen und doch ruckte der Kopf, als würde das Wesen sich umsehen wollen. Die Hände waren zu übergroßen Krallen verformt und kurz unterhalb der Handgelenke begann jeweils ein großer Hautflügel, der den gesamten Körper entlang bis zu den Knöcheln verlief. Es war, als besäße diese Kreatur zwei dreieckige Flügel.
Als das Wesen an den Rand des Lichtpegels trat, hörte ich von oben Ricardos Entsetzensschrei. Ein Nachtmahr.

Das Seil entglitt meinem Griff und gerade so konnte ich mich abrollen – wobei ich direkt über die Fackel hinwegging. Das Licht flackerte für einen kurzen Moment und das war für die Untoten lange genug ihren ureigenen Hass davor abzuschütteln und loszustürmen. Die Krallen eines Ghuls drangen auf mich ein, schabten über meine Rüstung hinweg. Der zweite, kräftigere Hieb drang bis aufs Fleisch vor und ich spürte wie das Leichengift des Untoten meine Haut benetzte. Die zu befürchtende Taubheit blieb aber aus und ich entwand mich der Attacken zweier Garste, die von der Seite heransprangen wie wilde Wölfe. Meine Hand griff gerade nach dem Lebenskraut, da hörte ich ein tiefes Säuseln hinter mir. Ich konnte gerade noch einen Blick zurückwerfen und sah in die leeren Augenhöhlen eines Totenschädels. Fangzähne schienen ergriffen zu grinsen, dann wurde es dunkel – die ledernen Flügel des Nachtmahrs umfassten mich.

Es war, als stünde ich ein weiteres Mal auf der Feuerebene in Arthlinn. Hitze brandete von überall auf mich ein, schoss zwischen der schützenden Rüstung hindurch und nagte an meiner Haut. Doch dann begann erst die wahre Pein. Die Säure des Nachtmahrs ergoss sich aus seinen Flügeln und brandete über mich hinweg. Jeder Zoll meines Körpers wurde getroffen, in Panik schloss ich die Augen, spürte jedoch gleich wie meine Lider anfingen zu branden. Wie Flammen schoss das Gift in meine Nase, in die Ohren in den vor Schrecken geweiteten Mund. Bei lebendigem Leib spürte ich, wie mir die Säure zuerst die Haut herunterfraß und sich dann immer weiter ihren Weg bahnte. Unkontrollierbar zuckte mein Körper unter den Schmerzen, die von allen Seiten heranbrandeten wie eine Sturmflut. Ich musste in Flammen stehen, während ich gleichzeitig blind war. Mit der Kraft eines Kindes versuchte ich schwächlich um mich zu schlagen. Ich konnte nicht einmal sagen, ob ich etwas traf, denn der Schmerz betäubte jede Empfindung. Ich vermochte nicht einmal zu beurteilen, ob mein Körper noch Befehle empfing. Binnen eines Augenblicks war ich in ein schreckliches Delirium getreten…

Tropfen. Feuer. Licht?

Ich schlug zu Boden, als die Umarmung des Nachtmahrs endete. Dieser selbst schrie auf und es war ein Geräusch, das wie schabende Nägel über eine Tafel ging. Der Untote stand in Flammen! Was? Wie?
Doch es blieb keinen Moment zu überlegen. Meine linke Hand hielt noch immer das Lebenskraut umkrallt – während der Handschuh versengt wirkte, meine Haut darunter Blasen geworfen hatte, sofern sie noch vorhanden war; so hatte ich doch dieses wichtige Mittel geschützt.

Grünliches Licht schlug in einer gewaltigen Welle um mich herum aus und brandete den Untoten entgegen, die sich auf das freigegebene Fressen stürzen wollten. Zwei Ghule wurden in Asche verwandelt, vier Garste zerfetzt. Der Nachtmahr indes rannte in Flammen stehend in die Finsternis.
Dann war Miyako bei mir und riss mich auf die Beine. Vor Schmerzen schrie ich auf und erwartete, sogleich wieder zu stürzen. Doch das betäubende Delirium der Säure wich und ich spürte meinen Körper wieder.

Hastig, von purer Angst beseelt und bekräftigt, stürzte ich zum Seil und kletterte so schnell ich konnte wieder nach oben auf die Wendeltreppe. Dort stand an der Kante Leif, einen leeren Schlauch in der Hand… der Geruch von Öl hing in der Luft und ich erkannte, was mich gerettet hatte.
Dankbar umarmte ich den grinsenden Waelinger, ließ jedoch sogleich wieder los, als sich mein zerschundener Körper wieder bemerkbar machte.  Keuchend sackte ich zu Boden. Von einigen Stufen weiter oben kam der schwache Ruf Ricardos: „Ist der Nachtmahr weg?“
Ich konnte seine Furcht vor dem Wesen mehr als zu gut verstehen. Wenige Sekunden länger in seinem Inneren und von mir wäre kaum mehr als ein paar Fetzen der Rüstung und Knochen übrig geblieben. Ich blickte an dem abgewrackten Leder hinab und auf meine nässende Haut, die überall, wo sie Kontakt hatte, aufgequollen und verätzt war. Einen Moment lang kochte meine Eitelkeit auf und die Sorge, ob ich mich von diesem Angriff würde gänzlich erholen können. Doch derartige Gedanken hielten mich nicht lange und ich begann, so gut es ging, mich zu verbinden. Die einzige wirklich sinnvolle Variante wäre die Verwandlung in eine Mumie gewesen, doch dafür reichten meine Binden nicht aus. So lieb es bei einem ansatzweisen Versuch, den ich selbst belächeln musste.

Dann war ich bereit und konnte mit meinen bereits ungeduldig wartenden Gefährten wieder nach unten klettern. Es erwarteten uns diesmal keine Untoten mehr, auch wenn der Nachtmahr mit Sicherheit in der Nähe war. Leifs Angriff hatte ihn geschwächt und vertrieben, doch der boshafte Hunger des Biests war noch ungestillt.
Zunächst bewegten wir uns zum Fuße des Gefängnisglobus. Es war eine seltsame Wanderung durch diese in ihrer Dunkelheit endlos wirkende Höhle. Einzig allein der Boden unter unseren Füßen schien wirklich – doch er veränderte sich kaum, sodass es schien, als würde man keinen Fortschritt machen. So erschien selbst die kurze Strecke, die wir jetzt zurücklegten, wie eine kleine Ewigkeit. Glücklicherweise wurden wir vorerst nicht von weiteren Untoten belauert. Wer wusste, wie viele dieser Kreaturen hier untern herumliefen…

Als wir den riesigen Steinglobus erreichten, konnten wir feststellen, dass er von unten her ebenso zerstört war wie von oben. Auch hier hatten sich die Gesandten also abseilen müssen und tatsächlich entdeckte ich einige Spuren am Boden, die erkennen ließen, dass hier vor kurzem einige Menschen unterwegs gewesen waren. Die Spuren wiesen grob in die Richtung aus der wir kamen und wir nahmen ihre Verfolgung auf. Es ging am „Beschwörerglobus“ vorbei und aus dem „Tal“ hinaus auf die Anhöhe, die dereinst von Leif und Ricardo ausgekundschaftet worden war.
Dann sahen wir sie selbst: sechs Obelisken, die am Rande eines Felsrings standen. Dieser war einen Meter tief in den Boden eingelassen worden und an seiner Innenwand war auf der gesamten Länge eine Schlange eingraviert worden, die sich selbst in den Schwanz biss. Der Boden dieses Kreises war mit Marmorplatten ausgelegt, die im Licht das weiß fahler Knochen spiegelten. Im Zentrum dieses seltsamen Rings befand sich eine vier Meter hohe Pyramide aus Vulkanglas, das mit seiner matten Schwärze einen drastischen Gegensatz dazu darstellte. Das obere Ende war flach… und etwas entfernt lag auf den Marmorplatten eine dunkle Glaskugel, welche mit Silberfäden überzogen waren.

Die Spuren am Boden führten zu diesem seltsamen Ring hin – aber nicht weg. Was auch immer wir hier vor uns hatten… die Gesandten hatten es benutzt.

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